Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir standen und stehen noch heute jenem großen, ueltumw ätzenden Geschehen, das wir Krieg nannten, außer der Fassung gebracht, halb verständnislos gegenüber. Ungeheuer ist die Wucht, mit der die Kette von tiefgreifenden aufwühlenden Ereignissen, von Krisen und Prozessen über «ns hereinbrach, so elementar, daß wir-sie nicht zu fassen nnd in ihrem tiefe» Sinn zu erkennen vermochten. Denn die Maßstäbe, mit denen wir vordem an die Wertung und Ueberprüfung politischer und geistiger Vor- , "nge und Enttvicklungen gingen, ließen uns in dem Weltv::bel des Krieges völlig im Stich; sie zerbrachen. Und bann, alS die tosende Flut von Ereignissen über uns niederging, hemmungslos, weil unhemmbar, — wer konnte sich unter uns rühmen in das Wesen all des Großartigen, das sich vor uns vollzog, tief geschmrt, seinen ganzen Sinn erfaßt zu haben. Wer dürste sich rühmen, Gegenwart aus der Vergangenheit heraus verstanden zu haben und Zukunst aus der Gegenwart heraus zu verstehen? Tie unheimliche Schnelligkeit der Vorgänge, das alle Objektivität bannende Tempo der Entwicklung wendeten unseren Blick gänzlich von der Vergangenheit, — uns chien, als sei ein Riß in unserem ganzen Denken mit dem geginn des Krieges aufgeklasft; — und wir lebten bloß in der schäumenden Gegenwart. Ws die Epoche des Abrbbens begann oder zu beginnen schien, wandte sich unser Blick in die Zukunft, wenngleich die Gegenwart noch sesthielt. Wir hatten es aber anfgegeben, aus der Vergangenheit heraus werten und prüfen zu wollen. * Das jüdische Volk hat diese Entwicklung wie alle anderen Völker miterlebt, vielleicht noch tieser und intensiver. Mes, was sich in der inneren und der äußeren Belt vollzog, es war dazu angetan, unsere früheren Anschauungen über die innerpolitischen wie außenpolitischen Aussichten für das jüdische Volk von Grund auf zu ändern, und zwar so jäh, daß sich auch unsere Maßstäbe sich als Reste jener Zeit, zwischen der und uns sich das Geschehen des Krieges türmte, erwiesen und versagten. ' Auch unser. Auge wurde in zwingender Notwendigkeit in die Zukunstsrichtung gelenkt. War es denn nicht zu natürlich, daß wir die Vergangenheit nicht zur Wertung mit dem Neuen heranzogen und damit die Bedeutung und den historischen Sinn dessen, was um uns geschah, ganz zu erkennen imstande waren? Die revolutionierenden'Ereignisse in unserer gesamten Stellung als Volk, als Einheit, sie restlos zu ersasscn, wirb uns heute unmöglich, da alles, im Werden begriffen und das Nächste, das Nmre unseren Blick ganz gefangen hält. Und doch muß auch heüte, ja, in erhöhtem Maße heute, da eine neue Zukunft dem jüdischen Volk am Horizont heraufbämmert, eine Zukunft, die festere Umrisse gewinnt und unseren Träumen zu entsprechen scheint, eine tiefere, kritischere Betrachtung dieses Resultats des Krieges bet unZ Platz 'greifen. An den neuen Aufbau in Palästina zu gehen, heißt auch alte Vorstellungen revidieren und neue dafür einsetzen, erkennen, was war und geschehen ist, um zu erkennen, auf welche, Weise es werden soll. Ins Politische übersetzt: aus den Vorgängen des Krieges über die taltung der europäischen Mächte gegenüber dem jüdischen olke sich völlig klar zu werden und nach der gewonnenen Erkenntnis bas eigene Verhalten zu richten. Objektivität ist hierzu vonnöten und deshalb auch — so schwer es auch fallen mag — Blickwendung nach der Vergangenheit; sind doch Wandlungen und Revolutionierungen nur aus dein Früheren und Gewesenen heraus zu verstehen, von dem zu ihnen die vielen engen Fäden des Zusammenhangs hinüberleiten. * . Es gilt zunächst also bas' Verhältnis der europäischen Völker im Geschehe» dieses Krieges zum jüdischen Volksganzen ins Auge zu fassen. Dieses Verhältnis stand nick steht durcharls im Banne des radikalen Umwandlungs- Prozesses, den die große kriegerische Revolution für die Welt bedeutet. Die Umwertung von Begriffsbildung, die Umformung ganzer Anschauungskomplexe hatte auch für bas jüdische Volk, wie wir oben sagten, in seiner inneren wie seiner äußeren Welt grundlegende Aenderungen vollzogen. In der äußeren Welt: wirklich, in ungeahnt schneller Weise hat bas Verhältnis der Völker zur jüdischen Gesamtheit fein Antlitz verändert; in einer Art und in Ausmaßen, wie wir sie leim bloßen Gedanken vor dem Kriege in das Reich'der Unmöglichkeiten verwiesen hätten. ' Ein sichtbarstes Zeichen jenes großartigen Wechsels, ein Meilenstein auf dem Wege jener Entwicklung ist die britische Deklaration vom 2. November 1017, deren Jahrestag wir eben begingen. Sie bedeutet zunächst: die britische Macht verkündet der staunend aufhorchenden Welt, dem jüdischen Volk bei der Verwirklichung , seiner nationalen Ideale zur Seite treten zu wollen. Sie hat damit die jüdische Renaissance-Idee nun auch für die Ungläubigsten aus dem Gebiet des Utvpiehaften herausgehoben. Palästina, um das unser Volk seit zweitausend Jahren rang, wirb ihm von einer europäischen Großmacht versprochen! Dem jüdischen Volk wird somit die Anerkennung seiner nationalen Existenz zuteil. Aber weiter: für jene europäische Macht bedeirtet die Kundgebung dieses Entschlusses zugleich den endgültigen Bruch mit der Vergangenheit ihres Verhältnisses zum Judentum; sie stellt den letzten Mt eines fortschreitenden, man darf sagen, naturnotwendigen Prozesses dar. Es ist dies eines der vielen Symptome für das Ende einer langen Epoche und der. Beginn einer neuen in der Geschichte der Stellung Englands zum jüdischen Voll. Jener Schritt, er war Produkt von historischen Erkenntnissen und Erwägungen, der Schlußpunkt einer geschichtlichen Entwicklung. ■ Eine historische Forderung allein für England? > Das ganze Europa hat, in der Umgestaltring begriffen, jene Wandlung durchgemacht, die sein Verhältnis zur jüdischen Gesamtheit auf eine neue Grundlage stellt, stellen Miß. England hat im Namen nnd Angesicht von Europa gesprochen; es hatte nur zuerst von allen europäischen Völkern die ganze Tendenz und den Sinn der historischen Gegenwartscntwicklung erkannt und sich zu jenem Schritt entschlossen. Das übrige Europa aber, — es ist gefolgt, die einen Völler willig, die anderen zögernd; es hat jedenfalls in seinem Verhältnis zur jüdischen Gesamtheit — wir betonen: zur jüdischen Gesamtheit — einen neuen Weg eingeschlagen. Denn der Krieg, der an die Wurzel alles Geschehens uich Gewordenen griff und über die Morschheiten und inneren Unwahrheiten in den Staaten ein unabwendbares Menetekel aussprach, hat. auch den letzten, doch weitaus mächtigsten Anstoß zur Revidierung der alten Anschauungen über das Wesen des jüdischen Volles gegeben; den letzten, und am Ende jener langwierigen Entwicklung, deren Beginn zurück in den Jahrhunderten liegt, steht abschließend der Krieg. Europa vollzieht eben seine Abkehr von innerlich unwahren oder unwahr gewordenen Systemen, und jene englische Tellaration trägt ein Todesurteil in sich, ein Todesurteil über die Stellung der europäischen Völker zu uns Juden, mochten sie unfern einzelnen Vollsteilen Gleichberechtigung erteilen oder nicht. Ter Geist der Gerechtigkeit ist über die Trümmerhaufen des alten Europa aufgestiegen. Was ist die.englische Tellaration nnd was sind alle die Kundgebungen der übrigen Mächte anders als eine Manifestation des europäischen Willens zur Gerechtigkeit, zur Geächtigkeit auch den Juden gegenüber. Freilich, dies bedeutet gleichzeitig das Eingeständnis einer schuld. Europa hatte uns stets falsch verstanden, weil es sich nie die Mühe gab, uns verstehen zu wollen. Man hat uns verhöhnt und verschrieen, man hat unsere geistigen Werte herabgesetzt und entwürdigen wollen. Man hat uns körperlich und seelisch gemartert. Tenn man leugnete unser Menschenrecht, bas Recht auf Sein und Leben und Freiheit, — es war dies das zweite, viel größere Unrecht an uns. "Ms dann die Zeit heranbrach, da menschlicher gedacht wurde, da beging man das dritte eben so große Unrecht, unser Inneres, unsere jüdische Seele von uns um den Preis selbstverständlicher Menschenrechte abzufordern: Man wollte uns gegenüber nicht wahr sein; und Europa hat seinem ganzen Verhältnis zum Judentum den Stempel, einer einzigem großen Unwahrheit aufgedrückt. * Das jüdische Voll, ein standhaftes und halsstarriges Volk, hat alle diese Perioden seiner Galutexistenz in seiner Gesamtheit überstanden. 'Es waren dies Provisorien, Turchgangsstraßen, es war eben nur das Galut. Wer sich gegen diese Erkenntnis sträubte, dem hat sie der Krieg in den Kopf gehämmert unter den Juden wie unter den Völkern. Tie englische Deklaration und alle die Erllärungen der anderen Mächte sind ein schlagender Beweis für den Sieg jenes Gedankens, jener Ueberzeugung. Das jüdische Volk hat — man darf es wohl in diesem Moment aussprechen — sich durchgesetzt: sein Galut geht dem Ende entgegen. Was dem Judenvolk nie auch nur einen Augenblick jemals zweifelhaft war: seine Unsterblichkeit, bas dringt den Völkern jetzt — naturgemäß in anderer und schwächerer Form — zum Bewußtsein. Tie Kundgebungen der Böller sind, wie gesagt, symptomatisch zu werben, sie deuten auf die geistige Umstellung hin, die sich innerhalb der Nationen inbezug auf ihr Verhältnis zum jüdischen Volk vollzieht. Wir wagen es auf die Gefahr hin, als voreilig gesellten zu werben, in großen Umrissen die wahcscheimlrchen Folgen dieser Entwicklungen zu zeichnen. Die Jude», heit — sei sie nun in ihrem.Heiinatlande, sei sie in de» ^.rasparoländern — wird dann wirklich gleichgestellt mit den anderen sein; die rohen Unterdrückungen, wie wir sie noch immer erleben, werden schwinden; aber auch: jenem Boykott, der sich gegen die jüdische Kultur und de» jüdischen Geist wendet, werden die Wurzeln abgegrabe» werden, und jene Gleichberechtigung, die wohl materiell eine solche zu nennen ist, die aber, was das Geistige und» Kulturelle anbetrifft, nicht existiert, wirb einer wirkliche» Gleichstellung nnd Gleichachtung Platz machen. Wird doch Palästina, wie wir gläubig hoffen, in dem jüdischen Volk!, den Quell seiner schöpferischen Urtümlichkeit wieder öfne» und der Welt zeugen von der großen, unversiegbaren Kraft des jüdischen Volles, Kultur: nationale und menschheitlich» Werke an Geistigem u nd Sittlichem zu schaffen. Zwischen dem Judenvolk und Europa vollzieht sich heute die politische Aussöhnung; und wir werde» den Mächten, die uns bei dem Wiederaufbau in Palästina helfen, steten Dank wissen. Geistig aber werden wir unS mit Europa erst in Palästina auseinandersetzen können; und es wird diese Auseinandersetzung fruchtbar sein für uns, ungleich fruchtbarer jedoch für Europa. Ebenso wiq bas Judentum Europa kein Gefühl der Feindschaft nachtragen wird, ebenso wird es der Kultur Europas gerecht zu werden wissen. Europa aber, so hoffen wir, wird von de» Inden das nehmen, was ihm am meisten fehlt, was eS in diesen Krieg getrieben und was ihm allein neueWega öffnen kann: den sittlichen Pathos, das ewig gültige Ethos des Judentums. Bewegungen in »er Orthodoxie. Es mehren sich die Zeichen, daß immer weitere Kreis« der Orthodoxie einzusehen beginnen, wie notwendig d« geschlossene Einheit der Orthodoxie im Interesse der energischsten Palästinapolitik und der aktiven Beteiligung a» den -anderen großen jüdischen Gesamtheitssragen geworben ist. t So hat in Wien eine Versammlung von Orthodoxe» sich in einer Resolution für die Heimstätte in Palästina und für die Vertretung der jüdischen Nation auf der Friedenskonferenz ausgesprochen. Mrs der Versammlung war Dr. E h a j e s, der neue Oberrabbiner von Wien, für den Anschluß der Orthodoxie an die zionistische Bewegung eingetreten, da dann von selbst ein religiöses Element in die Bewegung komme und die Orthodoxie Einfluß auf die Schule in Palästina gewinnen werde. Mich der greis« Wiener Rabbiner Dr. Krammer und zwei Ostrabbinee hielten im gleichen Sinne eindrucKvolle Reden. Und nach Schluß der Redaktion für die vorige Runt» mer unserer Zeitung erhielten wir aus Berlin folgend« Depesche: „Eine tiefe, weittr'agende Bewegung ist unter der Agudajugend Deutschlands entstände» nnd hat Anschluß aus zahlreichen Großstädten gesunden. Ihre Hauptforderungen sind: 1. Ueberwinbung aller inneren Gegensatz« innerhalb der Thorajudenheit. 2. Vertretung aller nationalen Forderunge» gemeinsam mit der Zionistischen Organisati o n. 3. Betonung des Palästinaprogramms. 4. Hcrvortreten aus der bisherigen Passivität. 5. Umfassendste Propaganda. 6. Willensmanifestation vor der jüdischen Öffentlichkeit." Von dem gleichen Gedanken ist ein Artikel in der „Jüd. Presse" getragen. Harry Levy schreibt hier: „Ein f-.ster Wille und starker Schwung kann aus dieser» Chaos unserm Judentum eine Zukunft zimmern. Ml die viele» Verstimmungen und Verärgerungen muß die Macht der Stunde verwischen. Die wichtigste Forderung dafür ist Zusammenstehen aller jiut verfügbaren Kräfte unter völliger Zurückstellung alles Trennenden. Alle Gegensätze zwischen Zionisten und Nichtziomsten, zwischen Gemeinde»,thodoxte und Separatismus müssen, wie sie bald völlig gegenstandslos sein werden, schon jetzt bisauf den letzten Schimmer schwinden. ' Wir haben nicht Zeit und Kraft zu inneren Zwistigkeiten. Wir brauchen bis zur letzten Faser jede Kraft. Wir können eine starke Stellung uns erringen, wen» wir alle, die unser Ziel bejahen, zu uns zählen. Es muß sofort eine gemeinsame Basis der Arbeit gefunden werden. Bor allem Agudo und Misrachi