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Neue jüdische Presse · 1918-11-22 · Heft 45 (22.11.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 45 (22.11.1918)
Date
1918-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aahr,a»s. Freitag, de« 18. Li8lev L62S (22. November 1S18» Nr. 4L. Die Revolution. Das Menschenmorden ist zu Ende. Doch der Schlußakt der Tragödie ist durch ein gewaltiges Geschehen gekrönt worden, das den Besiegten zum Sieger macht. Nach Viereinhalbjährigem Ringen und Wundern der Tapferkeit und des Opfermutes hat das tapfere deutsche Heer vor der Uebermacht der Feinde? die Waffen strecken müssen, aber zur gleichen Zeit, da seine Heerführer den Gegner um Frieden ersuchten, vollbrachte das deutsche Volk den größten Sieg, es errang sich seine innere Freiheit. ‘ Eine in der Weltgeschichte .einzigartige Revolution vollzog sich innerhalb weniger Tage. Sonst hat sich stets gegen Revolutionen mit aller Kraft der Widerstand der ' Klassen aufgebäumt, denen die Macht genommen werden sollte und jeder Schritt vorwärts .kostete schwere Kämpfe, die deneigenen Dolkskörper zersieischten. Nichts von dem diesmal. Unter dem furchtbaren Druck der Verantwortung für das nationale Unglück des deutschen Volkes, das der Ausgang des Krieges bedeutet, übergaben die herrschenden Gewalten ohne jedes Widerstreben dem Volke die Herrschaft, die ihm gebührt, i Denn das deutsche Volk ist ein mündiges Volk, das. sein eigenes Schicksal frei bestimmen kann. Ein Volk, das viereinhalb Jahre ohne zu murren, die schwersten Entbehrungen erduldete, weil die Pflicht es heischte, und das dann nach einer solch langen Zeit der Enthaltung dje Herrschaft an sich nimmt und dennoch nicht nach dem Sprengen / der Fesseln in Leidenschaft ausbricht, im Gegenteil: das Wort von der „Heiligkeit des Menschenlebens" spricht, — wahrlich ein solches Volk ist mündig. Mer auch die Forderungen des revolutionären deutschen Volkes zeigen Mündigkeit. Es will eine soziale Republik, will also ein Staatswesen,, in dem das Machtprinzip ausgeschaltet und, die Gerechtigkeit zur Grundlage des gesamten Bolksausbaues gemacht wird. - Mit diesem Programm verwirllicht das deutsche Volk ein Stück unseres Judentums. Wie das deutsche Volk vor dreißig "Jahren mit der Einführung der Sonntagsruhe die Jahrtausende alte jüdische Sabbatidee im Prinzip annahm, so erstrebt es jetzt mit seiner Forderung einer sozialen Republik ein Staatsibeal, wie es die'Bibel dem jüdischen Volk, zur Pflicht macht. . - Der jüdische Prophet wünscht eine Zeit herbei'und wünscht für diese Zeit, in der es „keine Krämergesinnung mehr im Hause des Herrn gibt", indem in das Verhältnis des Menschen zu seinem Gotte nicht mehr störend ein Rechenexempel tritt. Mles Machtstreben atmet Krämergeist, es will den eigenen Wert, den eigenen Besitz ohike ' Rücksicht auf die Ansprüche des Nächsten, auf das Wohl, der Gesamtheit vermehren. Der Geist des Judentums aber spricht den lebhaftesten Protest gegen ein so geartetes Denken. Wahrhafte Gleichberechtigung des Volkes in seinen staatsbürgerlichen Rechten und wahrhafte soziale Gerechtigkeit in seinem wirtschaftlichen Aufbau sind deshalb grundlegende Forderungen des Judentums. Nur der eine Gedanke durchzieht die gesamte jüdische Rechtspflege, aufs gewissenhafteste die allergeringste Verletzung des Rechtes dadurch unmöglich zu machen, daß alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen werden, die es verhindern können, daß ein Unrecht geschehe. Das Volk hatte die Art seiner Regierung zu bestimmen; ihm war es überlassen, ob es die republikanische oder monarchische Regierungsform erwählte, die republikanische Form war ihm empfohlen, doch/ sollte es einmal die monarchische wählen, mußte Vorsorge getrofstn werden, daß der Herrscher sich stets bewußt bleibe, der erste Hüter des Gesetzes zu sein und alles vermeide, was ihn dazu führen könnte, sich als Vertreter der Macht zu begreistn. Der Boden des Landes sollte als Gegenstand der Spekulation ausgeschaltet sein, jede einzelne Familie im Volke sei als ewiger Besitz ein Stückchen des Bodens zu Eigen, sodaß das Land aus lauter kleinen Bauernwirtschaften bestehe. Nur so ließe sich die Bildung einer Landaristokratie verhindern, jener Teil der Bevölkerung, die sonst überall das Rückgrat der bevorrechtigten, herrschenden Klassen bildet. Das sind Grundgesetze der Bibel, die die Staatsverfassung des jüdischen Dolfts enthält. Und ein Volk wie das jüdische, denk solche Gesetze seit Jahttausenden als Prinzipien seiner Welt- und Lebensanschauung vorankeuchten, kann nur den von gleichen Zielen geleiteten Geist der deutschen Revolution begrüßen. Möge es dem deutschen Volke beschieden sein, sein Ziel zu erreichen.' F Polen- Auferstehsug. V» M ist noch in unser aller Erinnerung, welche grau^ kamen Verfolgungen die Polen sich im Jahre 1314 und 1915v in Dongreßpolerz - den Juden gegenüber zuschulden kommen ließen. Der Boykott, mit dem sie Jahre hindurch das Existenzminimum zu untergraben und zu vernichten gesucht hätten, schien ihnen damals nicht mehr wirksam und radikal genug. Sie erachteten den Moment für gekommen, um durch die niedrigsten Verdächtigungen die russischen Kosakenhorden auf die Juden zu Hetzen. Vaterlandsverrat und Spionage zu Gunsten der siegreichen deutschen Truppen wurden ihnen seitens der Polen in die Schuhe geschoben, was zu Vermögenskonfiskationen, Hinrichtungen, Verschleppungen von Geiseln und Vertreibung ganzer Judengemeinden fühtte. Was sich jedoch die, Polen jetzt in Wchtgalizien gegen die Juden erlauben, übersteigt selbst hie Pogrome von Kischinew und Odessa. Es sind keine vereinzelten. Fälle und auch keine sogenannten Hungerrevolten und Wutausbrüche des Pöbels, sondern es ist ein richtiger, von fachkundiger Hand geleiteter und wohl organisierter Vernich» tungsstldzug gegen die Juden, der vom polnischen Volke als Ganzes unter Duldung und vielfach unter der direkten Anstiftung seiner leitenden Männer geführt wird. Die Polen verstehen es eben, auch im Pogrommachen ihre ein- . stigen zaristischen Lehrer zu übettreffen. Die in Mähr. Ostrau erscheinende polnische Tages- Zeitnng „Nowy Dzienik" vom 10. November berichtet grauenhafte Einzelheiten über die in verschiedenen Städten W:stgaliziens wie Blaz owa,Grodzisko, Iw o nicz, Jaworzne, Mieleg, Moranica, Mszana- Dolna, Rozwadow, Strzyszow, Szczavow, Trzebinta,Wadowice,Zator,Kalwaryj usw. vorgekommenen Pogrome. Diele diesen Exzessen zum Opfer gefallene Juden, werden hier mit Namen genannt. ' Die Entstehungsgeschichte und der Verlauf dieser Pogrome ist fast überall derselbe. Der Anfang ist eine Massenkundgebung der Polen anläßlich der Wiedergeburt Polens, auf denen das Volk durch antisemitische Hetzreden tüchtig bearbeitet wird, bald jedoch kommt der offene Üeberfall auf die jüdische Einwohnerschaft. Dabei wird auch nur der leiseste Versuch auf jüdisch«: Seite, sich zur gemeinsamen Abwehr zusammenzuschließen, von den polnischen Behörden unmöglich gemacht. Die Stadtmiliz, Bürgergarde und Gendarmerie, benehmen sich vollständig passiv. Nur einzelne jüdische Familien, die unter der christlichen Bevölkerung verstteut wohnen, bleiben teilweise verschont; die" jüdischen Viertel dagegen werden bis auf Heu Grund zerstört und vernichtet. Der Bericht in der genannten Zeitung über den Pogrom in Trzebinta kann in dieser Hinsicht als Prototyp bezeichnet, sowie als Illustration der polnischen Feigheit und Niedertracht angesehen werden und verdient daher auch der weitesten Oeffentlichkeit wöttlich mitgeteilt zu werden. Er lautet, in deutscher Uebecse.' mg wie folgt: „Die für Sonntag, den 3. November, aus Anlaß der Prollamierung der Unabhängigkeit Polens angesagte öffentliche Kundgebung lieferte den hiesigen, unter der Führung des Kreisarztes Dr. Dobrzinski stehenden Huligans eine willkommene Gelegenheit zur Vorbereitung der Pogrombewegung. Die Juden fanden sich auf der Versammlung in Massen ein, um zur Wiedergeburt Polens ihre Loyalität und Freude zum Ausdruck zu bringen. Kaum hatte jedoch ihr Wortführer, Herr Wald, das Wort ergriffen, als auf Kommando des Dr. Dobrzinski die Rufe erschollen: „Fort mit den Juden". Herr Wald brach seine Ansprache ab, und die Juden begaben sich nach der Versammlung in die Synagoge, wo die Bildung einer jüdischen Miliz beschlossen wurde. Das konstituiette Bürgerkomitee wandte sich hierauf an die Bezirkshauptmannschaft mit der Bitte um Waffen. Dieser verwies sie an den Hauptmann Kaden, der seineyzeiw erklärte, Waffen nur dann auszufolgen, wenn an die Spitze dieser Bürgermilhj der genannte Dr. Dobrzinski gestellt wird. Erst am Mittwoch, als die Nachricht von den Pogromen in C h z r anow bekannt wurde, entschlossen sich die Juden, diese schwere Bedingung anzunehmen. Mn der Spitze dieser Bürgerwehr stand also der wegen seiner judensresserischen Tätigkeit berüchtigte Dr. Dobrzinski. Am Donnerstag morgen zehn Minuten vor Ausbruch des Pogroms war es nun seine! erste Tat, di« jüdische Selbstwehr aufzulösen. Der polnischen Bevölkerung ließ er dagegen die Wasstn. Um 9 Uhr begann die Plünderung der jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Die Menge drang auch in die Synagoge ein, schändete und entweihte die Thorarollen, die polnischen Geschäfte dagegen blieben verschont. Die städtische Miliz hütete die Pfarrei und das Haus des Dr. Dobrzinski. Wich das um neun Uhr abends aus Krakau angewmmene Militär sah gleichgültig den Plünderungen der Bauern, Arbeiter und Ersenbahner zu. Fast sämtliche Geschäfte der Juden sind ausgeplündert und verbrannt. Dem Kaufmann Mandelbaum rauhte man 10006 Kronen und wollte ihn noch erschießen. Die Legionäre verhielten sich passiv, ebenso die-städtische-polnische Sntelligenz. Nur der Direktor der Volksschule rief: ,^Sei ott, es ist eine Sünde, in dem Moment der Wiedergeburt Polens Pogrome zu veranstalten." Die Haare stehen einem zu Berge, und daS Hertz krampst sich vor Wut und Empörung zusammen beim Lest« der Pogromberichte aus den einzelnen Städten, und man fragt sich mit Recht, sind wir denn wirklich wehr- und machtlos, müssen wir denn auch dieses dünkelhafteste und anmaßendste Volk nach Belieben mit uns schälten und. walten lassen? ■ Es bedeutet aber auch eine Herausforderung der gesamten Kulturwelt und einen Fausthieb besonders in das Gesicht der Ententemächte, wenn ein Volk, das auf deren Sympathie angewiesen ist. und das für sich nicht genug fordern kann, im Moment seiner Auferstehung die Minderheiten, die in seiner Mitte zu wohnen das Unglück haben, mit Raub, Mord und Totschlag zu traktieren wagt. Bier Jahre hindurch haben die Juden Galiziens Gut und Blut daheim und im Felde dem österreichischen Vaterlands geopfert. Wer vermag all die Leiden und Schmerze» zu beschreiben, die die galizischen jüdischen Flüchtlinge in ihrem Exil auszustehen hatten und all die Verfolgungen und Brutalitäten/ denen sie! Unter der russischen Besatzungsarmee ausgesetzt, waren, zu schildern? Endlich geht die Sonne des Friedens auf, ein Freudenstaumel ergreift die österreichischen Völker über die ihnen gewordene politische und nationale Freiheit. Ein Strahl der Hoffnung auf bessere Zeiten, auf gleiche Rechte und gleiche menschenwürdige Lebensmöglichkeiten zusammen mit den anderen Völkern des gewesenen Oesterreichs durchzuckt auch das jüdische Herz. Wer 'da kommen die Polen, setzen ihnen in der unbarmherzigsten Weise -den Fuß auf den Racke» und zeigen mit . brutaler Faust, tpas die Juden von ihnen zu erwarten haben. An dem Tage, an dem ihre nationalen und staatspolitischen Träume wieder Wirllichkeit werden sollen, in dem Moment, da ihnen die ersungene — beileibe nicht erkämpfte — staatliche Selbständigkeit zuteil! werden soll, veranstalteten sie im ganzen Lande Judenexzesse. Das Blut der tapferen jüdischen Soldaten, die auf den österreichisch-ungarischen Kriegsschauplätzen gefallen sind und mittelbar ebensalls zur „Auferstehung" Polens mit beitrugen, schreit zum Himmel um Rache und Vergeltung. Die jüdischen Söhne, Brüder und Väter haben nicht deshalb den Boden .ihres Vaterlandes mit ihrem Blut gedüngt, damit dann ihre Eltern und Geschwister, ihre Witwen -und Waisen den polnischen Horden auf Leben und Tod ausgeliefert sind. Man merkt die verdammte Absicht der blutrünstigen und unduldsamen polnischen Politik zu deutlich Die Pole« wollen eben die jüdische Bevölkerung aus dem Lande hinaustreiben und halten die jetzige, wie sie glauben, herrenlose Zeit, dafür am besten geeignet. Was jetzt i» Galizien vor sich geht, wird sich bald in Kongreßpole» wiederholen. Grauen packt einen, wenn man daran denkt» welches Los und Schicksal den Juden in Kongreßpole» bevorsteht, wenn die deutschen Besatzungstruppen von dort abziehen. / Diese Ausbrüche eines bis zur Tollwut gesteigerte» nationalen Chauvinismus dürft» nicht weiter geduldet werden. Die Judenheit der ganzen Welt, besonders die neutral^ muß sobald wie möglich mit aller Energie und mit alle» ihr zu Gebote stehenden Mitteln der Bernichtungswut der Polen gegenüber einen Damm setzen. Doch nur die energischste Tat kann helftnl Wer das polnische Volk aus unmittelbarer Anschauung kennt, weiß, daß man ihm nur durch Machtmittel Vernunft beibringen und Respekt vor dem Rechte einflößen kann: Es gllt, in erster Linie alle Hebel in Bewegung zu setzen, daß die in Oesterreich laut Wafsenstillstandsvvttrag einrückenden Ententetruppen beträchtliche Kräfte so rasch wie möglich nach Galizien, aber auch nach Kongreßpolen we» ftn, um dort die öffenlliche Ordnung auftechtzuerhalten und die jüdische Bevölkerung vor dem Schlimmsten bewahren. Die amerikanische Judenheit wäre hauptsächlich dazu berufen, indieser Hinsicht bei. Wilson zu wirken. - Aber auch die Juden der an Polen grenzenden Länder in Oesterreich, der Ukraine, Litauen usw. dürfen nicht beiseite stehen. Sie müsftn sich unbedingt sofort zusammenschlftßen, jüdische Legionen. gründen, Schutz- und Trutzbündnisft mit ällen benachbarten Polen umgebenden Völkern, sonne mit allen anderen in Polen lebenden Minoritäten, schließen, um auf diese Weift mit kräftiger Hand die polnische Meute im Zaume zu halten. Der Jude, der vier Jahre hindurch für stemde Interessen zu kämpfen und seinen Mann zu stellen wußte, wird Mut und Heldensinn genug achzubringen verstehen, wenn es gill, seine eigenen verfolgten Brüder, ja sich selbst, zu Witzen undzu rächen. Das Vorgehen der Polen» enthebt uns Jude» all«: politischen Bedenken und übertriebenen A-engMchkeit. Win

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