Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 44 (15.11.1918)
- Date
- 1918-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zu einer durch die Zahl der Besucher und durch die Maltende gehobene Stimmung macht- und eindruckvollen Veranstaltung hatte sich die Versammlung gestaltet, die der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin eingerufen hatte, um in diesen ernsten Lagen - das unverbrüchliche Treugelöbnis der deutschen Judenheit zum deutschen Vaterlande vor ganz Deutschland abzulegen. ' Wir haben bereits in der vorigen Nummer unsrer Zeitung unsre Meinung dahin ausgesprochen, daß wir dieses öffentliche Bekenntnis für nicht angebracht halten. Denn diese Treue ist uns doch so selbstverständlich, daß der . uns beleidigt, der sie anzuzweifeln wage» würde. Es war wohl wieder einmal die Rücksicht auf den Antisemitismus, die den Zentralverein leitete? Der Antisemitismus ist das Sorgenkind des Zentralvereins, man möchte sagen, seine Ausmerzung sei ihm die Lösung der jüdischen Frage, mit seiner Bekämpfung erstrebt er die Gleichberechtigung der deutschen Judenheit. Für unsere jüdischen Sorgen jedoch hat der Antisemitismus nur eine nebensächliche Bedeutung. Zur Lieb? kann man niemanden zwingen, und wemi es Leute gibt, die uns Juden nicht mögen, dann sollen sie es eben bleiben lassen. Unsere Würde müßte es uns verbieten, uns um daS Gekläff dieser Leute zu kümmern, solange dadurch keine tatsächlichen Verletzungen unserer Rechte geschehen. Der Zentralverein könnte z. B. statitisch belegen, daß wt dem Weltkriege die Opfer an Gut und Blut seitens der Juden Deutschlands verhältnismäßig! noch größter waren «jlS bei ihren anderen Mitbürgern, — die. Antisemiten' würden sich trotzdem in ihren Beschuldigungen jüdischer Drückeberger und jüdischer Kriegswucherer nicht im geringsten stören lassen und die Nichtantisemiten wissen es auch ohne statistischen Nachweis, daß die deutsche Jnden- Oeit ihr Bestes tut und gab. ' Unsere Gleichberechtigung fordern wir als Bürger deS deutschen Staates ohne jeden Nachweis und ohne irgend »in Bekenntnis.! , Der Zentralvercin soll nur seine Juden versammeln, — aber dann geschehe es, um Klarheit über die inneren Verhältnisse der jüdischen Judenheit zu gewinnen. In dieser Hinsicht sprachen in der Versammlung des Zentralvereins Professor Dr. Franz Oppenheimer, der Vertreter des Zionismus, und Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, der Vertreter der Orthodoxen, beachtenswerte Worte. Dr. Oppenheimerführte aus,, daß der Imperialismus und der Kapitalismus den Krieg verursacht haben und daß auch die deutsche Judenheit diesen Tanz um daS goldene Kalb mitgemacht hat. Und Dr. Hildesheimer betonte, daß das sittliche Bewußtsein das jüdische Volk bisher vor dem Untergang bewahrt hat und Deutschland ewigen Bestand haben werde, wenn es in dieser Beziehung die Juden zu! Lehrmeistern nehme. Das sittliche Bewußtsein der deutschen Judenheit hatte aber in dem Zeitalter! des'Kapitalismus viel an seiner Kraft eingebüßt. Jndifferentismus, Mischehen und Taufen zeigen das Schwinden dieses sittlichen Betvußtseins, und es wieder zur lebensfrischen Wirklichkeit zu gestalten, dieser Aufgabe sei dir Sorge der Führer der deutschen Judenheit geweiht. Eine Arbeit mit solchem Ziele wird auch dem Antisemitismus mehr Wbruch tun, als alle Verteidigung gegen seine haltlosen Beschuldigungen. Eine Arbeit mit solchem Ziele ist auch die stärkste Treuebetätigung gegen das deutsche Vaterland, denn sie bringt die gewaltigen sittlichen Werte des Judentums zur Mrkung. Präsident Wilsons Brief AVer den Zionismus. ' Washingto n, 31. Aug. 1918. ' Mein lieber Rabbi Wise! Ich habe mit tiefem und aufrichtigem Interesse die wiederaufbauende Arbeit beobachtet, welche die Weizmann- Kommission in Palästina auf Veranlassung der britischen Regierung ausgeführt hat, und ich ergreife gern eine Gelegenheit, um die Genugtuung auszudrücken, die ich empfunden habe über den Fortschritt der zionistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten und in den alliierten Ländern seit -der Erklärung Mr. Balfours im Namen der britischen Regierung über Groß-Britanniens Billigung der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk und seit seinem Versprechen, daß" die britische Regierung die-größten Anstrengungen machen werde, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei verstanden werhe, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen lind-religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in den anderen Ländern beeinträchtigen könnte. Ich denke, daß alle Amerikaner tief bewegt von der Nachricht sein werden, daß sogar in dieser Zeit der Gewalt die Weizmann-Kommission die Möglichkeit hatte, die Grundsteinlegung der hebräischen Universität in Jerusalem mit der in ihr liegenden Verheißung der geistigen Wiedergeburt vorzunehmen. Hserzlich und aufrichtig Ihr Aoodrow Wilson. Maffartzks Botschaft für die jüdisch- «atiouole Bewegung. DaS Stockholmer Jüd. Preßbüro teilt folgendes mit: Das Exekutiv-Komitre der Zion. Organisation Amerikas hatte am 19. September beschlossen, folgende Botschaft an den tschechoslovakischen Nationalrat zu richten: „Wir empfinden mit allen Amerikanern große Freude über Wilsons Erklärung, daß die Tschecho-Slovaken ihr eigenes nationales Leben aüfbauen und von den. Zentralmächten befreit sein sollen. Es wird besonders auf die zufriedenstellenden Beziehungen hingewiesen, die immer zwischen den Tschecho-Slovaken und den Inden jener Länder existierten, die nun vereinigt werden. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß der freie Staat der Tschecho- Slovaken die Rechte aller Minoritäten anerkennen wird. Wir drücken unsere Befriedigung aus, diese Erklärung an die Adresse Massayrks richten zu können, der einer der edelsten Staatsmänner der 'Alliierten ist." Professor Massayrk sandte daraus im Namen des tschecho-slovakischen Nationälrats und der ganzen Nation dem Exekutiv-Komitee folgende Antwort: „Ich danke herzlich für die Anerkennung unserer nationalen Politik. Unser zukünjtiger Staat wird als Ganzes bis zu ' seinen historischen Grenzen ausgedehnt werden, sodaß er nationale Minoritäten umfassen wird. Die Nationalitäten in Böhmen und der Slovakei wohnen so durcheinander, baß eine radikale territoriale Abgrenzung unmöglich ist. Wir können aus Tausende unseres Volkes nicht verzichten. Wir wollen die Minoritäten anderer Nationen nicht unterdrücken. Deshalb werden wir ehrenhaste Anstalten treffen, den Minoritäten gleiche Rechte im öffentlichen Leben und Schulen zu sichern, die Juden werden die gleichen Rechte wie die anderen Einwohner haben. Auch wird das Unterdrückungssystem der österreichischen Staatskirche vernichtet werden, die die Religion für politische Zwecke mißbrauchte (mißrepresenting). Ich drücke meine Sympathie dem Zionismus und der nationalen jüdischen Bewegung wegen des ihnen innewohnenden großen moralischen Wertes aus. Meine Bekanntschaft mit der jüdischen nationalen Bewegung in Europa und Amerika hat mich überzeugt, daß sie nicht chauvinistisch, sondern geistig ist, den Wiederaufbau der jüdischen Nation erstrebend."- Massaryk dankte zum Schluß fiir die freundlichen an ihn gerichteten Worte und versprach der jüdischen Bewegung sein Interesse und seine Mithilfe. Tagung Des Rheinisch-Westfälischen Rabbiuer-Berbandes. Dr. Scheftelowitz cröffnete die.Sitzung. Direktor Plato-Köln gab eine Darstellung von der Bedeutung des Kölner Jsr. Kinderheims sür die beiden Provinzen und der damit nicht in Einklang stehenden Finanzlage des Instituts. Er lecfte dar, daß das Heim nicht nur sür halbverwaiste, sondern auch für gefährdete und schwer erziehbare Kinder unentbehrlich geworden und von den öffentlichen Behörden als den besten Landesanstalten ebenbürtig anerkannt sei. Dr. Jacob-Dortmund erstattete den Jahresbericht und Dr. Samuel-Essen verbreitete sich über die Revision des preuß. Judengesetzes vom 23. Juli 1847, ausgehend von seinen im der „Allg. Ztg. d. Indent." unter dem Namen Theologus erschienenen Aufsätzen. . - In derAussprache gab Dr. R o s e n t h a l Kenntnis von schwebenden Verhandlungen im Zentral-Ausschuß des Rabbiner-Verbandes, die aus eine angemessene Beteiligung der Rabbiner an den Vorarbeiten hinzielten. Es wurde schließlich eine Resolution Jacob angenommen, die fol-> gendes fordert: 1. Das .neue Gesetz mutz die volle Konsequenz der modernen politischen Entwicklung iü dem Sinne ’ ziehen, daß die Juden in Preußen eine Religionsgemeinschaft und durchaus nichts anderes sind und ': : keine anderen Interessen und Aufgaben als religiöse haben. (Die ehrtvirrdigen Herren scheinen die neueste Zeft verschlafen zu haben. D. Red.) •2. Die amtliche Vertretung der religiösen Interessen - der Judenheit ist das Rabbinat, dem dah«: auch die äußere Repräsentation der jüdischen Religionsgemeinschaft obliegt. 8. Jedem Juden in Preußen muß die Zugehörigkeit zu, einem Rabbinat zur Wahrnehmung seiner religiösen Anliegen gewährleistet werden. 4. Dem Gemeinderabbiner als dem! berufenen Vertreter der .religiösen Interessen der jüdischen Gemeinde muß in der Gemeinde dasjenige Maß von Rechten eingeräumt werden, das dem Wesen seines Amtes entspricht, und allein die erfolgreiche Vertretung der religiösen Interessen verbürgt. Dazu gehört: a) daß er nach der Iftt seiner Anstellung und Besoldung durchaus unabhängig gestellt ist; b) daß er Amtscharakter erhält; o) daß er Mitglied des Gemeindevorstandes wird; ä) daß Aenderungen.im Ritus, Kultus und Unterricht nicht ohne seine Zustimmung erfolgen können. ' > Dr. David- Bochum sprach Wert das Thema ,Miegsgetraut" und Dr. Eschelbacher-Düsjeldorf über ..Ostjuden in Deutschland". Den Mschluß der Tagung bildete ein Vortrag von Dr. Jacob über die „Zehn Gebote". Er zeigte, daß gegenüber allen andersartigen Versuchen nur die jüdische Zählung der Zehngebote berechtigt sei. Innere und textliche Gründe träfen zusammen, um jeden Zweifel zu bannen. Nur die jüdische Zählung läßt das erste Wort in seiner vollen, für die ganze jüdische Gottesanfsassung maßgebenden Bedeutung hervortreten und weist dem Gebot der Elternverehrung seine passende Stellung als Abschluß der Pflichten gegen Gott und als Anfang der Pflichten gegen Nebenmenschen zu. Auch alle Versuche, einen gekürzten Wortlaut der Gebote als ursprünglich anzunehmen, werden auf Grund richtiger Verteilung der Gebote auf die zwei Tafeln als überflüssig und unbegründet zurückgowiesen. ' . - Aus alker;Wett. Breslau. Deutsches Reich. Bereinigung der jüdische« Jngeudvereine. Auf Betreiben des Vereins f. jüd. Geschichte und Literatur ist eine Vereinigung der jüd. Jugendvereine. Breslaus mit dem Zwecke jüdischer Fortbildung gegründet worden. ' ' '< Ein hebräischer Sprachkursus sür schulentwachsene Jünglinge und Mädchen soll in 40 Stunoen die Grundbegriffe der hebräischen Grammatik lehren, um leichte Stücke im Pentateuch und Gebetbuch verstehen zu können. Im zweiten Jahre sollen dann Vorlesungen über Kultus, Literatur und Prophetismus gehört werden. Auch in der jüd. Geschichte sollen Kurse veranstaltet werden. Die Zeit von der Zerstörung des 1. bis zur Zerstörung des 2. Tempels wird in Lebensbildern (Chaggai und Secharja, Esra und Nehemia ujw > behandelt. Im zweitc« Jahre folgt dann die Fortsetzung bis zum Abschluß des Talmuds. Die Kurse sollen jeden Montag und Donnerstag von 6—8 Uhr abends stattfinden, und zwar im Gemeindehause derisrael.Gemeinde. Dr. Simonsohnu«dDr. Jonas haben die Kurse übernommen. Oesterreich-Ungar». Me«. IlmstürzlerischeS aus der jüdische» G«mei»deft»ve. In der Vorstandssitzung der jüd. Gemeinde verlangte Dr. Schreiber Entlassung des Oberrabbiners Dr. Chajes wegen seiner stolzen jüdischen Aeußerungen dem Kaiser gegenüber.! Ing. Stricker entgegnete daraus: „Die Herren mögen sich gesagt sein lassen, dah Dr. Chajes heute der Erwählte des jüdischen Volkes ist, daß an Siesem wahre« Dolkslehrer und wirklich volkstümlichen Manne alle Herzen hängen. Eine Hetze gegen ihn wird keine Privatsache des Vorstandes sein. Wenn dem Manne wegen seines Wirkens für das jüdische Volk auch nur ein Haar gekrümmt wird»- dann wird das jüdische Volk von Wie« anfstehen und dem Vorstände und seinem Präsidenten die Antwort, geben, wen« es nottut, Gewalt gegen Gewalt stellen." Die Wirkung der Rede des Zionisten Stricker war ganz merkwürdig. Bon den Streitern gegen Dr. Chajes