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Neue jüdische Presse · 1918-11-08 · Heft 43 (8.11.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 43 (8.11.1918)
Date
1918-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wiederum ist dem polnischen Judentum ein schweres Unrecht zugefügt worden,- wiederum: denn abermals ist die Umgestaltung der jüdischen Gemeinde auf demokratischer Grundlage in die Ferne gerückt und sind dieWahlen zur jüdischen Gemein.de auf einen ungewissen Zeitpunkt hinausgeschoben über besser vereitelt worden. Der Borstand der Warschauer jiidischen Gemeinde hat kurz vor dem bestimmten Wahltermin die gesamte polnische Judenheit mit einer kurzen Erklärung überrascht, daß die Gemeindewahlen von neuem verschoben werden müßten. Die Begründung, lahm Und bei näherein Besehen unhaltbar, wirt» aus dem jüngsten großen Wandel in der allgemeinen Lage hergeleitet. ' Man weiß, daß das Gesetz betreffend die Umgestaltung der jüdischen Gemeinde bald auf eine zweijährige Leidenszeit zurückbliöstn kann; nun ist es durch diesen Akt des assimilatorischen Gemeindevorstandes einfach beiseite gestoßen. Und die Beweggründe dieser Tat sind nicht schwer zu erraten. Die Tonangebenden in der Warschauer Gemeinde, die Assimilatoren und ihre Helfershelfer, können sich nicht mehr verhüllen, daß ihr eigenmächtiges Regiment auf einer bereits zerfallenden Grundlage beruht. Aber dennoch zogen sie nicht die sich förmlich aufdrängenden Schlüsse aus der Tatsache des unaufhaltsamen Abbröcllungsprozesses ihrer Herrschaft, sondern klammerten sich geradezu an .ihren Thron in der Gemeinde, die von jeher eines ihrer stärksten Bollwerke in Polen gewesen war, und was liegt näher als die Annahme, daß sie, die bisher alles aufgewandt haben, um sich an der Herrschaft zu erhalten, sich die „völlig veränderte Lage" zunutz machen wollten, indem sie der Demokratisierung der Gemeinde und damit dem Eindringen neuer, nationaler 'Elemente in ihre bisherig^ Domäne einen abwehrenden Damm vorzuschieben suchen? Wt Hartnäckigkeit, in der Art von Politikern, die «in zusammenbrechendes System vertreten und verkörpern, die noch immer auf günstige Wendung der Dinge hoffen und auf keinen Fall, einsehen wollen. Wir können hier nicht länger bei der Erörterung der Gründe verweilen, auf die es' überhaupt zurückzusühren ist, weshalb die Assimilatoren sich bis jetzt noch zu behaupten vermochten. Auf jeden Fall mutet das Verhalten der Gcmeindeleiter seltsam an und. wird unverständlich, wenn man die Ergebnisse der assimilatorischen Verwaltung der Gemeinde, sei es auch nur der letzten drei Jahre, summiert und die Bilanz zieht. Das Resultat ist vernichtend für die Träger, der bisherigen Gemeindepolitik nach innen wie nach außen. Die Gemeindeverwaltung hat den großen Anforderungen, die insbesondere der Krieg an sie gestellt hat, ratlos und' tatlos gegenübergestanden; und wenn sie sich endlich zu einer Aktion größeren Stils aufrafste, dann griff sie die Dinge von der falschen Seite an, und der Ausgang war dann gewöhnlich eine heillose Verwirrung. Man hat es schon oft gesagt und muß es immer wieder betonen: Die jüdische Gemeinde Warschaus hat versagt, glänzend und restlos versagt. Es ist überflüssig, des längeren und breiteren diese Feststellung durch Tatsachen - zu belegen. Allein die Mißstände, die sich innerhalb der Gemeindeverwaltung herausgebildet haben (auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, der Schule, der Armenhilfe usw.), (das träge Leben in der Gemeinde und die völlige Unzufriedenheit der jüdischen Masse, die dann immer weiter um sich griff und in kaum verhüllte Gegnerschaft auslies — sie sprechen genügend für die Haltkisigkeit des jetzigen Systems — sind Beweis genug für diese Behauptung. Und dennoch verstanden es, trotz aller Mißerfolge und Hemmungen, die Assimilatoren, unentwegt in der Gemeinde ihr Zepter und ihr Prestige nach außen aufrecht zu erhalten. Die Unzufriedenheit und Mißstimmung innerhalb der jüdischen Bevölkerung, mühsam niedergehalten, sind denn auch bei der Nachvicht von der erneuten Verschiebung der Wahlen, deren Termin man bereits für unverrückbar halten mußte, unverkennbar zutage getreten. Es hat unmittelbar nach der Verkürzung des assimilatorischen Entschlusses als Ausdruck der außerordentlichen Empörung der polnischen Juden von Protestversammlungen förmlich geregnet, und der Verlauf der Massenversammlungen hat die Haltung der jüdischen Bevölkerung gegenüber dem unvermuteten Schritt der Assimiljanten in unzweifelhafter Weise kundgetan. Die Erregung^ berechtigt und begründet wie sie war, stieg »n.d. stieg.- Und wirklich: Fast das ganze polnische Judentum, einmütig und in voller Einhelligkeit, von den Nationaljuden über die Sozialistenpärteien bis zu großen Teilen - der Agudah hoortodvxim, erhob Einspruch. - Auf , einen solchen Sturm der Entrüstung waren die assimilätorrschen Kreise nicht gefaßt; sie wurden stutzig, ja sie hielten es dann fiir notwendig, die Aufregung der jüdischen Bevölkerung zu beruhigen, auf die hochgehenden Wellen der Entrüstung das ^.cl besänftigender Erklärungen zu gießen. Was half's und hilst's? Die Gemeindcresorm ist hinansgeschoben, die Wahlen sind verlegt — man hüte sich hierin vor Täuschungen. Das haben wir von den Assimilatoren erfahren und dann hat es die polnische Regierung in einer-halbamtlichen Erklärung durchblickcn lassen: der erste Anstoß zur erneuten Wahlverschiebung ist von polnischen Regierungskreisen ausgegangen. Was bedeutet dies und was bedeutet die Verlegung der Wahlen im jetzigen Augenblick überhaupt? Nicht allein, daß die Funktionen der jüdische» Gemeinde nach innen durch Verhinderung der Wahlen und der Umgestaltung , auch weitet nicht ersüllt werden können, nein, noch weit bedeutsamer: Die Bildung einer jüdischen Repräsentanz in Polen, wie sie eben die. Gemeinde darstellen soll, wird mit allen Kräften zu erschweren gesucht; sie soll vereitelt werden! Die Pole» wollen also die Juden in möglichster politischer Ohnmacht erhalten,. um ihren nationalen Forderungen den Stachel der Einmütigkeit und das Gewicht zu nehmen. Sie verschmähen es nicht, die Wählen zur.jüdischcn Gemeinde, aus denen eine solche politische „Gefahr" sich für sie ergeben mußte, an der Durchführung zu verhindern. In dieseni Moment von historischer Wucht und Bedeutung, in denen die Grundlagen des zukünftigen Polen wohl iu ihrei>endgültigen Form gelegt werden sollen,-möchten die Polen einer großen Minorität in ihrem Land das Recht verwehren, bei der Errichtung des polnischen Staates, m i tzusprechcn, auch ihre Stimme in die Wagschäle der Beratungen zu werfen, ihren Willen kundzugeben, ihre Forderungen anzumelden. Alles für sich zn^fordern, anderen elementarstes Recht abznsprechen, ist diePolitik der pvlnischenS taatsmÄ n n er! Polnisches Nechtsgesühl, vielgerühmte polnische Ritterlichkeit! Es sind, wenn es sich um die Judenfrage handelt, nur Kleinodien, die nur im Munde, nicht im Herzen der polnischen Politiker ruhen. Was cs mit all den schönen Vorsätzen und edlen Absichten der Polen gegenüber der jüdischen Mnderheit auf sich hat, ist durch die Entwicklung der letzten Zeit wieder und wieder aufgewiesen worden — und nicht zugunsten der Polen. Alle rednerische Dialektik der Polen wird darüber nicht hinweghelfen, daßin Wahrheit — wie es jüngst die Ausschreitungen gegen die Juden, man darf ruhig sagen: Pogrome erneut und unwiderleglich beweisen — die Polen noch immer alten, unverbesserlichen Sinnes geblieben sind und ganz andere Anschauungen huldigen als denen, die in ihren Erklärungen zum Ausdruck gelangten, daß sie inbezug auf die jüdische Frag« in den-» selben engen Dorstellungskreifen und Horizonten leben als zu früheren Zeiten. Mit einigen Redensarten hat das polnische Ministerium in jener schon erwähnten Erllärung zu der Gemeindewahlverschiebung die jüdische Oefsentlichkeit abzuspeisen gesucht. Angesichts der ganzen politischen Situation erachte die polnische Regierung jes im Augenblick nicht für angebracht, einer inneren jüdischen Frage viel Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Die Unhaltbarkeit dieser Motivierungen bedarf nicht längerer Erläuterung. Das polnische Ministeriuni hat damit nur einen zarten Schleier über di« wahren Beweggründe, die bei der Vereitelung der Durchführung der Wahlen bestimmend waren, zu ziehen versucht. Uns will dünken: umsonst. Die jüdische Wvlt allenthalben wird wissen, daß die Polen die Wahlverschiebung bewirkten; sie wird ferner wissen, daß die assimilatorischen Beherrscher der.Gemeinde den polnischen Wünschen gehorsamst nachkamen. Die Polen uno die Assimilatoren haben in würdigem Verein die jüdische Bevölkerung getäuscht: denn auf keinen Fall darf die Mitschuld der Assimilatoren übersehen werden. Es war allenfalls ihre Pflicht gewesen» zunächst die öffentliche jüdische Meinung zu befragen — und dann ihren Entschluß zu fassen; nicht aber über den Kopf derer, die die Gemeinde zu repräsentieren hat, hinweg, zur Tat zu schreiten. Hätte das polnisch« Ministerium' dann weiter auf feinem Standpunkt beharrt, so hätte die Gemeindeverwaltung einfach die Verantwortung ablehnen, hätte zurücktreten müssen, es wäre ein würdiger Abschluß ihrer Herrschaft gewesen.. Es .ist »anders gekommen. Und die polnische Judenheit weiß jetzt aber, wem sie die Vereitelung der Gemeindewahl-Durchführung, der^ Bildung einer Repräsentanz zu verdanken hat. Doch wir glauben: es ist hier noch nicht die . letzte Entscheidung gefallen, das letzte Wort gesprochen; wir können nicht glauben, daß die Polen, denen doch sonst politische Einsicht und berechnende Vernunft in der Politik nachgerühmt wird, »gegenüber der gesamten'Welt die ausge- / . _;--- tretenen Wege ihrer Judenpolitik weiter wnndeln wird. Oder glauben die Polen und ihre assimilatorischen Jünger — von ihrem polnischen Standpunkt aus — es ließe sich die Sympathie der Welt gewinnen oder erhalten, wenn * man die Gesetze von Recht und Gerechtigkeit, oo» Selbst» bestinrmungsrecht und Demokratie wohl für sich freudig anerkennt, nicht aber für andere zugibt? Hakinsi.; Aus aller Welt. Oesterreich-Ungar». Mafaryk über die Stell«», der Jude» im tfchecho» flevakifchea Staate. Das Jüdische Pretzbüro in Stockholm berichtet: Professor Mafaryk, der Präsident des Tschecho-slovakischen Nationalrates, informierte die Zionistische Organisation Amerikas, daß die Juden im neuen tschecho-, flovakischen Staate gleiche Rechte als Bürger bekommet würden. Mafaryk gab seiner vollen Sympathie für den Zionismus Ausdruck in der Ueberzeugung, daß er nicht chauvinistischen Charakter besitzt, sondern die Regenerativ« der Juden herbeiführen will. Wien, 4. Nov. Jüdische militärische Hilfe. Da die Bildung der Bollswehr noch nicht gelungen ist, wäre gestern die Stadt unbeschützt gewesen, wenn nicht die jüdische Nationalgarde ein Bataillon zur Ben» fügung gestellt und auch mehrmals interveniert hätte. Dep Stadtkommandant der antisemitischen Stadt Wien dankter dem Führer der jüdischen Nationalgarde als Helfer in der Not. Pole». Warschau. Judeufeindliche Bewegung. Der „Hajnt" und der „Moment" berichten über Anfälle »ans Juden, di« am Mittwoch in Mo kot o w stattgxfunden hätten. Die Zeitungen bringen den amtlichen Bericht des 16. Milizkommissariats sowie ausführliche eigene Berichte. Aus einer Schlägerei zwischen jüdischen und christliche» Trägern, die bei dem Grojecer Kleinbahnhof tätig seien» sei mit der Zeit ein größerer Exzeß geworden. Ungefähr 2ÖC0 Menschen hätten sich an den Ausschreitungen gegen die Juden der dortigen Gegend beteiligt. Eins Mische Kaffeewirtschaft sei zerstört worden, die Wirtsleutis npd die Gäste habe man geschlagen und beraubt. Jüdische Läden und Wohnungen habe man nach Trägern durchsucht und dabei Verwüstungen angerichtet. Auch jei es zu Messerstechereien gekommen. In der Nacht zum Donnerstag habe die jüdische Bevölkerung Mokotows iu einer großen Angst gelebt; Türen und Fenster der jüdischen Wohnungen seien verbarrikadiert gewesen, weil gedroht worden war, daß man an allen Juden Rache nehmen werde. Am Donnerstag habe sich mit Einbruch der Dunkelheit kein Jude metzr> auf der Straße zu zeigen gewagt. Das „Jüdische Wort" tejlt mft, daß im Ministerium des Innern eine Sitzung flattaefunden habe, die sich mit den Judenexzessen auf dem Kerc'eliplatz beschäftigt habe. Es sei auf die Notwendigkeit hingewiesen» worden, in Zukunft derartige Ausschreitungen zu vev» hindern. Dieselbe Zeitung meldet, daß einige Assimllatoren sich an die Regierung gewandt hätten mit der Bitte, weittzrq Anfälle auf Juden zu verhindern. Zionistische Nachrichten. Basel. DerichweizerischeBundesvräsident empfing eine Abordnung des Schweizerischen Zionistenverbandes — Dr. Brunschwig, A Marx urzd Fürsprech Goetschel. Nach dem Empfang richtete der Präsident ein Schreibenan den Zionistenverband, in dem er seine „warme Sympathie für die zion. Bestrebungen" ausspricht und fortfährt: »Der Glaube der Juden an ihre Zukunft und an ihre Mission verdient die Unterstützung der Menschheit." Marsch«». Auf Aufforderung der polnischen Regierung sind durch Verordnung des Militärgouvernements in Lublin sämtliche zionistische Bereinigungen im österreichischen Okkupationsgebiet geschlossen worden, bis die polnische Regierung die Satzungen deck -zionistischen Bereinigungen ganz Polens bestätigt hat. Ms Grund wird angegeben, daß die Tätigkeiet des zionistischen' Vereins dem Ernst des Augenblicks nicht angepatzt sei. ' Personalien ru kleine Mitteilungen. . Berlin. Gih. Sanitätsrat Dr. Julius Ster« - wurde für den verstorbenen Kommerzienrat Heinrich Eisner,

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