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Neue jüdische Presse · 1918-11-01 · Heft 42 (1.11.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 42 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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'Nachdem in oer vorigen Woche in völlig unerwarteter Weise der assintila- - torische Vorstand der Warschauer jüdischen Ge- , meinde unter dem Druck der polnischen Behörden die Aushebung der Wahlen versüot hatte, berichteten neue Meldungen von der Verbreitung zahlreicher Pogromaufrufe in den, Warschauer Straßen und Exzessen gegen die Juden,' die am 14. Oktober anläßlich patriotischer Demonstrationen erfolgten. All diese Tatsachen hängen mit einander zusammen und sind unzweideutige Beweise dafür, daß die polnische. Oeffentlichkeit und vor allem die gegenwärtige polnische Regierung auch währen) der großen gegenwärtigen Zeitgeschehnisse des Tages in der jüdischen.Frage nichts gelenkt und nichts vergessen hat, und auf ihrem alten Standpunkte verharrt. Die erzwungene Aufhebung der jüdischen Wählest entsprang der Absicht der Polen, die Bildung einer legitimen. Repräsentanz der Juden Kn verhindern, die in der Lage wäre, in der gegenwärtigen weltpolitischen Situation die Rechts und Forderungen der polnischen Juden zu proklamieren. Die Pogromagitation und die Exzesse verfolgen ganz denselben Zweck, nur mit brutaleren und niederträchtigeren Mitteln: die Juden sollen eingeschüchtert und "daran verhindert werden, ihre berechtigten Ansprüche angesichts der bevorstehenden Liquidation des Krieges zu proklamieren. Man braucht kaum ein Wort zur Charakteristik dieser Haltung der Polen zu verlieren? Wsäre nicht der Mischen Oessentlichkeit bereits seit Jahren und besonders auch aus den Jahren während des Krieges ' die Gesinnung der Polen in der Judenfrage bekannt, und wüßte man nicht, daß nichts so unglaublich und unerhört ist, was man in dieser Hinsicht von den Polen nicht erwarten könnte, so müßte man erstaunt sein über die Verbohrtheit und Verblendung., der polnischen Politiker, der polnischen Regierung und der polnischen Presse. Während die Polen in ihrer eigenen Politik von den neuen großen Ideen, die den Moment beherrschen, und die Zukunft der politischen Entwicklung der Menschheit bestimmen'sollen, die Idee 8er Völkerfreiheit und des .Selbstbestimmungsrechts der lleinen Nationen und nationalen Minoritäten, den weitgehendsten Gebrauch machen, ja, fick nicht scheuen, sie in einer Weise auszulegen, die alles gerechte Maß weit übersteigt, verharren sie in der Judensrage auf dem eigensinnigbrutalen Standpunkt, den in Europa sonst nur noch der Zarismus vertreten ^hat. Mit den niederträchtigsten Mitteln und Waffen kämpfen sie gegen jede Gleichberechtigung der polnischen Juden, gegen jegliche Anerkennung ihrer Rechte und Lebens/ interessen. Es gibt nichts, wovor sie in diesem Kampfe zurückschrecken. Die Exzesse, die am 14. Oktober anläßlich der patriotischen Demonstrationen in Warschau stattsanven, sind lehrreich getrug für die Axt des polnischen Natwnalismus. Patriotismus scheint in Polen nachgerade unmöglich zu sein ohne Ausschreitungen gegen die Juden. Es wird in diesen Jahren und besonders auch in diesen Wochen schon sehr' viel in der Welt gelogen und geheuchelt. Nichts aber ist verlogener, schamloser als die Anwendung der großen Phrasen von Freiheit und Selbstbestimmungsrecht 'durch den polnischen Nationalismus, der Hand in Hand geht mit der brutalsten Unterdrückung der jWschen Minorität Polens. Man muß angesichts dieser Sachlage mit großen Sorgen den kommenden Ereignissen entgegensehen. Die Verwaltung in Polen geht in immer steigendem Maße von den Deutschen an die Polen über: in demselben Maße wird auch der Spielraum, der den Polen zur Unterdrückung und Vergewaltigung der Juden gewährt ist, größer. Noch halten oeutsche Truppen in Polen die Ordnung und Ruhe ini Lande ausrecht. Aber auch die Aufrechterhaltung der deutschen Okkupation ist nur eine Frage der Zeit. Und mit Sorge muß man sich, heute fragen, wie das Schicksal der Juden werden soll, wenn einmal die deutsche Okkupation aufgehoben und. die Polen freie Herren in ihrem Lande sind. Nichts ist daher notwenoiger, als bei Zeiten mit allen Kräften und Mitteln für die Sicherung der Existenz und der Daseinsrechte der polnischen Fudenheit Sorge zu tragen. Diese Aufgabe fällt in erster Reche der gesamten Judenheit zu. Die Welt muß aufgeklärt werden über die Haltung der Polen in der .jüdischen Frage; die Mauern des Bertuschens, die die polnische Presse in Polen wje im Auslande um dieses ganze Kapitel seit Jahren errichtet hat, müssen durchbrochen werden. Die Welt muß erfahren, wie mit den Juden in Polen heute von Seiten dör Polen umgegangeu wird und welcher Art die Gesinnungen der Polen der jüdischen Minorität ihres Landes gegenüber sind. Mit aller Entschiedenheit muß vor der breitesten Oeffentlichkeit betont und klargestellt werden, daß die polnische Judenfrage ganz in demselben Sinne eine internationale Frage ist, .wie cs die polnische Frage und die Frage aller lleinen Nationalitäten ist. Haben die Polen .ein Recht auf Freiheit, so haben es die polnischen Juoen nichtweniger. ' Und soll der Gedanke des Selbstbestimmungsrechts der Völker in seiner Anwendung aus die Polen nicht von vornherein zu einer Lüge und Komödie werden, so muß er auf die polnische Fudenheit die gleiche Anwendung finden wie auf die Polen selbst. Die Polen mögen nicht glauben, daß ihre Haltung in der Judenfrage Erjolg.haben wird. Die Zeit der Methoden und Gesinnungen, wie sie sie in der Judensrage vertreten, ist endgültig vorbei. Sind sie selbst unfähig, Besinnung anzunehmen und den Geist der Zeit zU verstehen, so müssen und werden sie dazu gezwungen. werden. Sache der polnischen Judenheit ist es, energisch und mutig ihre Forderungen zu vertreten, sich durch keinerlei Drohungen der Polen einschüchtern zu lassen .und vor der gesamten internationalen Oessentlichkeit ihre Rechte zu proklamieren. Aufgabe des gesäurten Judentums wird es sein, sie in diesem Kampf um ihre Rechte aus das energischste zu unterstützen^ und wir zweifeln dann auch nicht, daß es gelingen wird, ihr in diesem Kampfe zum Siege zu verhelfen. - Zionismus als Bekenntnis zur Menschheit. Tie Mener Wochenschrift „Der Friede"*) beschäftigt sich in den letzten Monaten auch recht eingehend mit der zionistischen Bewegung. Unter anderen hat sich der Prager Dichter Max Brod geäußert. Seine Ausführungen erfuhren zwei Entgegnungen, auf die er nun in den letzten zwei Nummern der Zeitschrift unter dem Titel „Zionismus als Bekenntnis zur Menschheit" erwidert. Aus seinen Aeußerungen seien hier folgende Stellen wiedergegeben: „Ter Großteil aller jüdischen Geistigkeit.ist universalistisch gerichtet. Wann immer und wo immer ein bedeutender Jude hervorgetreten ist; hak er menschheitlich, ge- *) Wien I, Fleischmarkt 1. Jahresabonnement 30 M. öffnet, umfassend gefühlt, — nur ganz ausnahmsweise im Sinne des heutigen Nationalismus nationalistisch. Sonst immer im Sinne jenes Nationalismus, den ich ersehne, Universell,' sozial, kosmopolitisch, — nur gerade fo viel vom Nationalismus übernehmend, als - der Geist Körpers bedarf, um manifest zu werden. Man zeige mir ein Volk, dessen geistige Führer mit so geringen Ausnahmen und dabei unter so erschwerenden Umstünden des Gehetzt- und Berfolgtseins unchauvinistisch gedacht haben! Dieser universalistische Hang des Juden geht in sehr vielen der! Besten bis zur Selbstauflösung. Dabei will' ich nicht übersehen, daß in jüngster Zeit, namentlich unter Ostjuden, auch jene entgegengesetzten, schon in meinem ersten Essai erwähnten Säkularisationstendenzen ausgetreten sind, die den jüdischen Rationalismus „normalisieren" wollen. Aber ist es nicht gerade beweisend, daß es zu einem solchen Protest kommen mußte! Abgesehen davon ist tief ans dem Grunde „jiddischistischer" Reden von Gesundheit usw. doch auch, sozusagen malgre lui dasselbe jüdische MenschheitsgefühL zu spüren. ..." „ . . . Rosch Haschana, ein Talmud-Traktat, bringt; „Derjenige, der die ihm zugesügte Kränkung vergibt, dem vergibt Gott auch die Sünde" — und in den Klageliedern des Jeremias heißt es: „Gut ist's dem Manne zu tragen das Joch in seiner Jugend. Er biete dem, der ihn schlägt, die Wange." Ill, 30. — Es ist ein welthistorischer Betrug unermeßlichen Umfangs, der (nicht zuletzt unter Mitwirkung der christlichen Theologie) am Judentum verübt worden ist, indem man es immer als die Vorstufe, Vorhalle zum Christentum darznstellen bemüht war und zu diesem Zwecke, um seine sittliche Inferiorität nachzuweisen, seine schönsten Lehrsätze wegeskamotiert und als originalchristlich vorgeführt hat. Leider ist es gerade die unbelehrt» jüdische Jugend, die diesem Betrug' am willigsten zum Opfer fällt. Ohne zu beschönigen, muß man zugeben: das das jüdische Volk wie alle Völker eine barbarische Urgeschichte von Kriegen und Eroberungen*) gehabt hat. Die Bibel enthält viele grausame häßliche Episoden. 'Aber nicht diese Urzeit hat der jüdischen Tradition und Geistigkeit ihren Stempel gegeben (genau so wenig wie die sittliche Verworfenheit der heutigen Kapitalsjuden tiefere Spuren im Geistesleben des Volkes zurücklassen wird, — nur unsere Scham und Empörung gegen diese Abtrünnigen bleibt!). Sondern formgebend für die Bildung jüdischer Religiosität waren die Propheten und ihre Zeit, sodann die ehr. würdige lange Reihe unserer Lehrer, der sanfte Hillel, der feurige Meir, der tiefe Akiba, die Meister des Talmud, Rabbinen. . . . ' ■ Im Talmudtraktat Sabbath wird die Frage, aufgestellt, ob man Waffen am Sabbath tragen dürfe. Sie wird mit der Begründung verneint, daß Waffen dem Manne zur Unzier gereichen . . . Ich bitte um eine Parallele aus anderen Literaturen derselben Zeit. Ein Talmudlehrer kam in eine Stadt und fragte nach ihren Wächtern. Man brachte ihm die Bewaffneten. „Diese sind nicht die Wächter", sagte er, „sondern die Zerstörer! der Stadt. Nach den Lehrern der Jugend habe ich gefragt" . . .. Parallele!? R. Akiba hatte die Vorschrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" als den großen Grundsatz des ganzen Gesetzbuches bezeichnet; Ben Asai aber erllärte: „Dies ist das Buch der Geschichte des Menschen" (1. Buch Moses, V, I) enthalte den noch größeren Grundsatz. „Des Menschen", das bedeute „aller Menschen" in ihrer Einheit und' in ihrer Gleichheit, denn alle sind, wie es in demselben Verse weiter heißt, „im Ebenbilde Gottes" geschaffen. (Sifra Kedoschim, zitiert bei Lazarus.) In der Schrift Wajikra rabba heißt es:.„Unter der, Menschen sind gute und schlechte. Gott aber spricht: sie alle sollen zu einem Bunde verknüpft werden, damit die einen die anderen sühnen, entsündigen. Und wenn ihr also tuet — spricht Gott — wenn ihr zu einem Bunde werdet, in derselben Stunde steige ich empor, werde ich erhöht." »Die Rechtschaffenen aller Völker haben Anteil an der zukünfttgen Welt", sagt die Tosephta Sanhedrin, und dieser Satz, unzähligemal wiederholt in der ganzen rabbinischen Literatur, hat sogar zu einer zeitgenössischen jüdischen Gegenschrift gegen Dante geführt, der bekannt-' lich nach katholischem Dogma selbst die tugendhaftestem Heiden Mato, Sokrates und andere) wenn auch schweren Herzens in die Hölle versitzen mußte. . . „Mögen alle Erdbewohner zur Erkenntnis der Gottesherrlichkeit gelangen und freudig seine Herrschaft annehmen", heißt es im täglichen Gebet (Olenn) des ftommen Juden.. *) Das läßt sich nicht so ohne weiertes behaupten. D. Redaktion.

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