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Neue jüdische Presse · 1918-10-25 · Heft 41 (25.10.1918) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 41 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Lisi stießeinen kleinen Schrei aus; cs war mehr als Ueberraschung, was aus diesem Schrei herausklang. Bärele hatte ihr das Geldpäckchen in die Hand gedrückt; mit er- . staunten Blicken sah das holde Mädchen bald auf den reckenhaft starken Geber, der dicht vor ihr stand, bald wieder auf ihre eigene Hand, in welcher der soeben gebrachte Zins lag. -,Sie geben mir das Geld wieder zurück. . . Herr Spitz?" rief sie. „Fehlt vielleicht etwas daraus?" „Geh, geh", meinte Bärele mit einer Axt Grimm, .„was wird daran fehlen? Aber die Nächte fehlen daran, die du nicht geschlafen hast..." Wer hätte nun in Bä.rele diesen feinen Witz, wie er jetzt ungesucht und ungeschminkt aus seinem Munde kam, vermutet? So kann man sich, jahrelang in Leuten irren, .die man dann in wenigen Sekunden für ihr ganzes Leben. erkennt. Auch Lisi mochte von der Wahrheit dieser Behauptung in diesem 'Augenblicke tief betroffen sein; sie sah ,Herrn Spitz" mit einem eigentümlichen Blicke an . . . wahrscheinlich klang ihr die zarte Anspielung auf ihre schlaflosen Nächte so märchenhaft, daß sie zu träumen-glaubte. „Erst stellen Sie sich so. . . gegen mich", rief sie, „daß ich meine. Sie wollen mich hirlb umbringen, und jetzt geben Sie mir mein Geld zurück Herr Spitz? Warum geben Sie mir es zurück?" „Ich sag' dir's ja, Lisi", meinte Bärele, in dem eine skklrke Verlegenheit über die bis dahin mühsam errungen» Grobheit die Oberhand zu gewinnen anfing, „ich säg' dir ja, warum? Verstehst du mich nichts?" „Ich versteh' Sie schon-. . . Herr Spitz", sagte das Mädchen leise, die Augen, die sich durch ihr feuchtes Glanzen verraten hätten, zu Boden gesenkt- „Ich versteh' Sie schon ... Sie wollen sich nur nicht stellen, wie ein guter Mensch Sie sind . . . und ich weist das schon lange ., . . Herr? Spitz . . . und nun sehe ich, dast ich pnch nicht getäuscht habe . . ." „Wer? ich? fragte Bärele, das in feiner ganzen Gutmütigkeit strahlende -Antlitz zu einem verlegenen Lächeln zwingend. ' ... ■ Da hob Lisi den Kopf, auf, und nun konnte Bärele in ihr feines, von einer durchsichtigen Röte überhauchtes Antlitz, in ihre glänzenden Augen sehen, vielleicht länger, als für beide gut war. Alle Schüchternheit, aber auch alles bärenhafte Ungetüm war von ihm -in diesem Momente gewichen. „Dürfen Sie mir. aber auch das Geld zurückgeben, Herr Spitz?" sagte das Mädchen nach, einer Weile. „Warum reicht?" fragte Bärele auffahrend. „Ich meine nur", sagte Lisi fast unhöjrbar ... „weil es so viel Geld ist. . und dann, weil Sie nicht Ihr eigener Herr find." „Ich nicht mein eigener Herr?" lachte Bärele laut auf. Laß die Nähterin darob, wieder in jähen Schreck versetzt -wurde. „Wer denn soll mein Herr sein? Und dann, du Narrele", fügte er gleich darauf mit einer Art prahlenden Stolzes hinzu, „du meinst, ich schenk' dir so viel, wenn ich dir dein mühsam zusammengespartes und zusammengearbeitetes Geld wieder zurückgebe? Narrele, ich schenk' dir eigentlich gar nichts. So viel gewinne ich meinem Vater im Franzefust in zwei Abenden ab, wenn es nur ein bissele - gut geht ... du armes Narrele . . ." „Und so viel Geld können Sie ihm abgewinnen . . . Herr Spitz?" fragte Lisi ganz erschrocken. „Du.Narrele, manchmal sogar noch mehr", gab Bärele .mit zufriedenem Schmunzeln zur Antwort. „Gott!" drang es als tiefer Seufzer aus der Brust des Mädchens. - „Was ist dir, Lisi?" fragte Bärele. T-ie Nähterin schien nicht sogleich die gehörigen Worte zu finden; auf ihrem holden Antlitz war sichtbar ein Kampf zu lesen, der unentschieden in . diesem Augenblicke in ihr - wogen mochte. Endlich rief sie in einem Tone, der fast freudig klang; denn auch in ihren 'Mienen spiegelte er sich ab: ' ' „Sie schenken mir also . . . Ihr Spielgeld, Herr Spitz? das, was Sie Ihrem Vater abgewinnen werden?" „Ja, du-Narrele", meinte Bärele lachend. „So kann ich's nicht nehmen", rief Lisi laut und liest das Geldpäckchen zu den Füßen Bäreles fallen- - ,Mas fällt dir ein?" schrie der verblüffte Bärele. „Weil es Spielgeld ist", rief das Mädchen rasch und richtete sich in ihrer ganzen Schönheit und Größe auf. Die Augen leuchteten mit einer Art Wildheit, die Lippen waren trotzig aufgeworfen, das ganze Wesen Lisis mußte dem härtesten Gemüte in diesem Augenblicke unwillkürlich Ehrfurcht einflößen, so entschieden und bedeutend stellte es sich dar. ,LL-eil es Spielgeld ist", rief sie leidenschaftlich, „und ich mich zu versündigen glaube, wenn ich es annepmen möchte. Ich soll ein Geld zurücknehmen, das Sie Ihrem Vater abgewinnen können? 'Das nämliche Geld,- um das ich nicht geschlafen habe, für das ich mich abgemüht und geweint habe, bis es beisammen war? Wenn Sie mir meinen Zins geschenkt und dabei gesagt hätten: Lisi, ich weiß, er kommt dir und deiner Mutter schwer an.. . . Gott weiß! ich hätte mich bedankt i . . weil Sie mir ihn zurückgegeben ' hätten. Aber teuer erworben Geld lasse ich mir nicht so zurückgeben . . . von einem Spieler nicht, der im Franzefust an einem Abend gewinnt, was mich so viel gekostet hat." Roch ehe Bärele Zeit gewann, eine Entgegnung auf diese merkwürdigen Reden zu finden, war das Mädchen zur Stube hinaus-, Bärele stand mit offenem Munde da und starrte die Türe an, durch die sie hinausgegangen war. Sie! Wer war das, die es gewagt mit. ihm in solchen Weise zu reden? Hanneles des „frommen-' Weibes Tochter, die für die Leute nähte? Oder tqar es eine königliche! Prinzessin, die ihn mit einem Besuche beehrt und nun im höchsten Zorn, höchst'ungnädig von ihm fortgegangen war? Bärele hätte nicht Bescheid -geben können, wenn jemand in diesem Augenblicke diese Frage an ihn gerichtet hätte. Es ist fast zu vermuten daß er sich für die „Prinzessin" entschieden hätte ... in so gebietender Weise war die arme Nähterin ihm erschienen. Dann bückte er sich und hob das am Boden liegende Geldpäckchen auf. Das erinnerte ihn, daß es doch Hanneles Tochter, die Tochter eines „frvmmen Weibes" gewesen war. So traf ihn seine-Mutter Hindel, die bald darauf mit zorngerötetem Gesicht hereintrat., / „Was hast du mit Lisi vorgehabt?" schrie sie ihn heftig an. „Hast ihr gewiß vorgehalten, warum sie den Zins um zwanzig Minuten zu spät gebracht hat? Bärele, um Gottes willen, was bist du doch für ein Mensch geworden! Dazu bist dn,Hindels Sohn, daß du Witwen und Waisen so drückst? Gott! wenn du jetzt schon so bist, was kann aus dir noch werden? Die Welt wird dich ja gar nicht ertragen , können. Sag, was hast du mit ihr vorgehabt? Sie hatte ja ganz verweinte Augen!" „Ich weiß nicht, Mutter", meinte Bärele dumpf. „Du weißt nicht?" schrie Hindel erbost. „Du hast dem armen Mädchen gewiß Vorwürfe gemacht, und darauf ist sie mit Tränen -sortgegangen. Das sag' ich dir aber, wenn du das Geld nicht noch heute zurückträgst und ihr sagst, daß wir es ihr schenken, so bin ich nicht deine Mutter. Hörst du? und noch heute Mußt du es'ihr zurücktragen,- und selbst, und müßt sie um Verzeihung bitten." Bärele starrte die Mutter an, wie er vorhin die Nähterin angestarrt-hat- Bon beiden Vorwürfe in einer Und derselben Stunde! Es gehörte seine ganze „bärenhafte Natur" dazu, um so etwas zu ertragen. Als die Mutter lange schon geendet, nickte er mit hem Kopfe und sprach halblaut: „Ja, Mutter, ich werd' ihr's zurückbringen." Bäreles Gemüt blieb den ganzen Tag hindurch ein Spielzeug der widerstreitendsten Empfindungen und Gedanken. Ms sich sein Kopf von der Wucht der Schläge, die in so kurzer Zeit auf ihn niedergefallen waren, erholl hätte, und wieder einige Klarheitin ihm aUfdämmerte, schieden sich diese Empfindungen und Gedanken in. zwei hart aneinander grenzende Lager. In dem einen wohnte Freude und Entzücken, ein namenloses' Gefühl, daß es Lisi gewesen, die mit ihm gezankt, in dem 'anderen wohnte Groll und Erbitterung, daß die Tochter eines „frommen" Weibes, eine Nähterin, die fürdie -Leute arbeitete, es gewagt hatte, ihm, Reb Aschers und Hindels Sohn, so entgegen zu treten. / Scala - Lichtspiele Schäfergasse 29. Schäfergasae 29. Modernes Theater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme. ,Die Schnorrerin", grollte es fürchterlich in ihm „Vergißt sie, wer ich bin und wer sie ist? Sie heißt mich einen Spieler! Woher hat sie nur die Keckheit genommen! Und ich bin dagestanden mit -offenem Munde und Hab' sie das alles so reden lassen! Wie kommt denn sie dazu, mich so zu heißen?" Mehrmals an diesem Tage tobte dieser Gedanke in Bäreles Gehirn; er reckte dann sein Haupt stolz empor, als könnte er sich damit größer machen als das Mädchen, die wie eine Prinzessin vor ihm gestanden war. Aber er mußte es ebenso oft sinken lassen. Bärele fühlte mehr, als er es hätte sagen können, daß Lisi Peine „Schnorrerin" sei, daß wenigstens keine Schnorrerin so mit ihm gesprochen hätte. D unkel -mar er sich .bewußt, daß iaus dein Wesen dieser armen Nähterin ein Licht hervorstrahlte, das allen Reichtum feiner Eltern weit überleuchtete. Gegen 'Abend, mit Sonnenuntergang hatte wieder die Erbitterung in ihm die Oberhand erhalten. Werdende Liebe soll überhaupt mit dem geheimnisvollen Walten der Natur inniger zusammenhängen, als man glauben möchte. Er wollte der „Schnorrerin", beweisen, wer „er" und wer „sie" sei; sagen wollte er ihr, ob sich das schicke uich. dankbar sei, den Sohn ihres Hausherrn, der sie fast umsonst in der Wfoihnung beherberge. . . (einen „Spieler" zu nennen. Das Wort müsse sie zurücknehmen und ihn um .Verzeihung bitten, sonst werde er schrecklich aufbegehren» daß sie daran denken solle all ihr Lebetag. Aber seltsam! Er zögerte von Stunde zu Stunde mit der Ausführung der fürchterlichen' Rachepläne. . . wahrscheinlich konnte er nicht die Stimmen unterdrücken, die ihn um Erbarmen Und Gnade für das Leben der Nähterin anflehten. Erst als die volle Nacht niedergesnnken war, hielt er es an der Zeit, sich auf den Weg zu machen! Lifis zurückgelassenes Geldpäckchen nahm er wohlweislich mit. . „Ich sag' dir's noch 'einmal Bärele", rief ihm HindelK zu; die wirklich während des ganzen Tages min Wort an. ihn gerichtet, „ich sag' dir's, bring mir die Sache wieder in Ordnung, sonst hast dn es mit mir zu tun. Und '-daß du sie ja ganz schön um Verzeihung bittest." Bärele kstummte etwas vor sich hin, was Hindel nicht verstand, und ging. ' , - geht er denn hin?" fragte der heute gelangweilte Ascher. - -? - „Franzefuß spielen", gab Hindel verdrießlich zur Antwort. „ „Außer dem Haus?" rief Ascher ganz erschrocken. „Ich möcht', er hätte in seinem Leben keine Starte,, angerührt", rief Hindel mit Erbitterung. ' (Fortsetzung folgt) . , Kostbare Bibelexemplare. Tie drei kostbarsten Bibeln der Welt befinden sich in dem British Museum in London, in der Bibliothsque Nationale in Paris und in dem Kloster Belem bei Lissabon. Die erstere ist ein Manuskript, das von Alcuin und seinen Schülern geschrieben und Karl dem Großen cur seinem Krönungstage im Jahre 800 überreicht wurde. In den dreißiger Jahren dieses' Jahrhunderts gehörte diese Bibel >einem Privatmanne in Basel, der sie. der französischen Regierung für Fr. 42,000. anbot.. Schließlich wurde sie für den verhältnismäßig geringen Preis von 750 Pfd- Sterling verkauft. In feiner, zierlicher Schrift geschrieben, ist die Bibel überreich an prächtigen Vignette» und Arabesken. Die Kapitelüberschriften sind überall mit Goldbuchstaben mrsgeführt. Eine 20 cm hohe Majuskel, von Silber Umgeben, hält!an einer Stelle ein Kreuz, woran eine Lauche hängt, die zur Hälfte mit „heiligem -Oel" gefüllt ist. An einer andern Stelle sind die Figuren Moses' und Arons in der Tracht des 8. Jahrhunderts dargestellt, und man vermutet, daß Moses Karl den Großen, Aron Meuin bedeute. > > _ Das Allgemeine jüdische Krankenhaus „Schaare -Zedek“ Jerusalem bittet ftlr seine I^anlien, Organisation rein europäisch. Isolierhäuser für Ansteckende. Aufnahme unterschiedslos für Alle. Höchste Anerkennung aller Behörden. * hält sich für gewissenhafte TJebernahme von Stiftungen empfohlen. - ' Betten-, Zimmer-, «Fahrzeit-, Gedenktafel- §tlftaugen. Man fordere die Bedingungen ein. Briefe zu richten nach Röderbergweg 63. , , / Geschäftsleitung: Frankfurt am Main, Postscheckkonto No. 7785 Frkft. a. M.

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