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Neue jüdische Presse · 1918-10-25 · Heft 41 (25.10.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 41 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nach außen bot der Jugendtag ein machtvolles Zeugnis von der 'Ausbreitung und der Erstarkung des national-jüdischen Gedankens innerhalb der jüdischen Jugend Teutschlands. Die, Beteiligung war sehr groß;, aus allen Städten Teutschlands waren Gruppen jugendlicher Teilnehmer gekommen. Auch hatte man durchaus den Eindruck, daß diese gesamte Jugend den zionistischen Gedanken als die zentrale Idee ihres Lebens betrachte und zu jeden«, Opfer bereit ist, das sie von ihr fordert. Nichts war an. der Tagung imposanter, als die Stärke und Aufrichtigkeit dieser Begeisterung firr das zionistische Ideal, dieses Willens eines jeden, sein Leben und Wirken ganz in den Dienst des jüdischen Volkes in seiner Zufkunft zu stellen. Dieser Wille war auch dasjenige Moment, das all die verschiedenen Richtungen und Gruppen innerhalb der national-jüdischen Jugendbewegung in Deutschland, die auf dem Jugendtag vertreten war, einigt und verbindet. Darüber hinaus hatte es jedoch den Anschein, daß noch außerordentlich weitgehende Differenzen der Stimmung, der Anschauung und der Willeusrichtung zwischen den verschiedenen Strömungen bestehen. Ja, mehr als dies: hat man das Recht, auf Grund des Jugendtages sich ein Bild von der inneren Derfassurlg der national-jüdischen Bewegung in Deutschland zu machen, so muß man sich leider gestehen, djaß dieses Bild, das der inneren Verworrenheit und Unklarheit ist. Tie national-jüdische Jugend hat noch nicht die «klar Zielsicherheit ihres Strebens gefunden. Noch befindet sie sich im Stadium des Tastens und Suchens und ist umlauert' von all den Gefahren, die eine ihres Zieles »och. nicht bewußte und ihrer inneren Richtung noch nicht sichere Jugend bedrohen. Es ist «an sich nur natürlich und beinahe unvermeidlich, daß diese Unsicherheit und Unklarheit noch 'besteht. Ist doch das Charakteristikum der national-jüdischen Jugendbewegung dies, daß sie eine pü'ckkehrende Jugend umfaßt; eine Jugend, die schon ihr Judentum ganz verloren hatte und nun erst durch die Kraft des Willens den Anschluß an das' Judentum finden will. Die anormale und tragische Lage des jüdischen Volkes erschwert naturgemäß den Prozeß einer solchen Rückkehr ungemein, da alle natürlichen Bedingungen für die Verknüpfung des einzelnen Juden mit dem Judentum in der Diaspora fehlen, und so muß sie ganz von sich heraus, geleitet nur durch die Kraft des . Willens und die Leitung der Erkenntnis, diesen schwierigen Weg gehen und ganz aus sich heraus das richtige Ziel finden. Wenn man das erkennt, wird man nicht, wie es manche der Gegner des jüdischen Nationalismus vielleicht tun >verden, schadenfroh auf die Verwirrung, die* der Jugenbtag manifestiert hat, Hinweisen und sie als Ergebnis der national-jüdischen Bewegung schlechthin hinstellen dürfen. Das hindert aber nicht alle diejenigen, die es wirklich gut mit der national-jüdischen Jugend in Deutschland meinen, sie mit allem Nachdruck und Ernst auf die große Gefahren hinzuweisen, die sie bedrohen. Diese Gefahren münden alle! in eine zentrale Gefahr: daß die Jugend die Anormalität und Tragik ihrer Situation nicht klär erkennt, sich daher nicht die Mühe macht, sie wirllich zu überwinden und sich fo, wie sie jetzt ist, zu bejahen versucht. Ein erheblicher Teil der national-jüdischen Jugend lebt gegenwärtig in dieser Stimmung, und die prinzipiellste Debatte des Jugendtages betraf eigentlich diese Frage. Es wurden von manchen Wortführern der national-jüdischen Jugend und gerade von jenen ihres jüngsten Teiles Meinungen und Ansichten geäußert, die, wenn realisiert, so etwas wie den radikalsten jüdische» Nihilismus dckrstelleu würben. Es wurde in einem Don jugendlichen Mutes, der aber im Grunde ein solcher jugendlicher 'Anmaßung war, gesagt, daß die national-jüdische Jugend Deutschlands sich nicht darum zu' bemühen brauche, wieder Anschluß an die jüdische Kultur ünd an die jüdische Tradition zu finden und so wie sie sei, den Anspruch erhebe, die neue jüdische Zukunst und Kultur mitschaffen zu wollen. Es wurde von manchen fast sämtlichen Werten und Traditionen der jüdischen: Vergangenheit und Kultur der Kampf erllärt. Man darf diese Erscheinung nicht zu tragisch nehmen. Viel jugendlicher Ueberschwang ist darin und Uebermut und unberechtigte Kühnheit; aber immerhin kann nicht verkannt werden, daß die Erziehung der zionistischen Jugend in solchen Gedagkengängen und Stimmungen außerordentlich gefährlich Ist und ihr,, auch bei ihrem besten Willen und Opfermut für die zionistische Idee, jeden wirllich fruchtbaren Wert'fisr die'jüdische Zukunft.nehmen müßte. Eine jüdische Jugend, die nicht jüdisch werden will, durch die Aneignung und Erwerbung wahrhafter jüdischer Inhalte, wird wertlos bleiben müssen für die Zukunft des jüdischen Volkes. Dies kann der zionistischen Jugend nicht ernst genug gesagt werden, und sie Muß davor gewarnt werden, die Begeisterung der Phrase und den jugendlichen Ueberschwang für etwas zu erachten, was all ihre Leere an jüdischen Werten, all ihre Traditionslosigkeit und Zerrissenheit, etwa überwinden könnte. Ihr Wille und ihre Begeisterung werden nur dann von Wert sein, wenn sie sie dazu führen werden, in sachlicher ünd ehrlicher Arbeit jedes Einzelnen wieder den Anschluß an die jüdische Geschichte, an die jüdische Tradition und die jüdische Kultur zu gewinnen. Die Begeisterung, in der die zionistische Jugend in Deutschland lebt, hat in ihr sehr viel Kühnheit, sehr viel hohen Rausch, sehr viel Lust 'an den tönenden Worten und den lauten Phrasen, sehr viel Uebescheidenheit und Unsachlichkeit großgezogen, die ihr menschlich wie jüdisch ge», fährlich sind. In all.dieseis Hinsichten tut eine innere Selbstbesinnung und Umkehr der zionistischen Jugend not. Sie mutz verstehen, daß das ihr in ihrer Lage nichts notwendiger ist als das Lernen, als das Erwerben jüdischer Werte, alsdie Hochhaltuntz und Pfiege der jüdischen Tradition, kurzum'als das Streben, mit allen Mitteln und allen Kräften wieder jüdisch zu werden. Nur auf diese Weise wird der starke aufrichtige Wille zum Judentum, der in ihr lebt, .wirllich fruchtbar und schöpferisch werden; nur «auf diesem Wege .wird die national-jüdische Jugend in Deutschland zu einem positiven und schöpferischen Faktor in dem Aufbau der neuen jüdischen Zukunft werden. Der Jugendtag hat gezeigt, daß die Grundlage und Voraussetzung für eine fruchtbare Entwicklung der nationaljüdischen Jugend in Deutschland gegeben ist, daß ihre Liebe zum Judentum stark und elementar ist und sie den Idealismus besitzt, Opfer für. das Judentum zu bringen und ihr Dasein in den Dienst der jüdischen Zukunst zu stellen; Was ihr fehlt, ist die llare Erkenntnis der Mittel , und Wege, die notwendig sind, um diesen Willen gehaltvoll und. fruchtbar zu machen. Diese Lage, in der sich die national-jüdische Jugendbewegung in Deutschland heute befindet, hat der Jugendtag durch die offene und llare Aussprache, die er gebracht hat, in unzweideutiger Weise manifestiert. Dies ist seine Bedeutung und darin behält er seinen großen Wert. Wir hoffendaß die national-jüdische Jugend diese Erkenntnis, die der Jugendtag gegeben hat, beigreifen und mit der ihr innewohnenden Begeisterung und Willensstärke bereit sein wird, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen und den Weg zu beschreiten, der sie allein zw einer wirllich jüdischen Jugend und einer wirklich jüdischen Jugendbewegung machen wird. Dann, aber auch nur dann darf das jüdische Volk noch Großes und Segensreiches vün ihr erwarten. Vom Jüdische« Natioualfonds. Tie im September abgeliefcrten I. N. F.-Spenden ergaben Fr. 211,275. — Die Landeskonferenz der Vertrauensmänner des Jüd. Nationalfonds in Manchester beschloß, jeden Juden aufzufordern; sich stinen Einkünften gemäß eine monatliche Steuer zugunsten des Jüd. Nationalsonds aufzuerlegen. Ferner wurde bestimmt, Lstr. 1200 für die Nachlah noch in diesem Jahre aufzubringen, wovon Lstr. 200 sofort vpn den Delegierten gespendet wurden, während im Jahre 1919 mindestens 5000 Lstr. für die Nachlah aufgebracht werden sollen. Außerdem sollen während der. nächsten 19 Monate Lstr. 1000 für den Pionierbeitrag gesammelt werden, zu welchem Zweck das Zentralkomitee der Poale-Zion Englands eine bejpndere Aktion mit speziellen Sammelmethoden unternimmt- Die jüdische Gemeinde Straßburg beschloß auf Antrag von Prof. D reh fuß. vpn jedem Gemeindemitglied einen Zuschlag zu den Kultussteuern in der Höhe von drei Prozent seines Jahresbeitrags einzuziehen. Das Geld darf .nur zum Ausbau des heiliges Landes verwendet p>erden, und der Jüd. Nationalfonds ivird den ihm gebührenden 'Anteil erhalten. — In einer kleineren jüdischen Gemeinde Deutschlands wurde der Antrag angenommen^ alljährlich für jedes Gemeindemitglied eine» bestimmten Betrag an den Jüd. Njationalfond abzuführen. In einer Reihe von Ländern wird gegenwärtig eine intensive Propaganda für die Friedensschecks'.des FU'd. Nationalfonds unternommen. Es ist zu hoffen, daß in dem jetzigen historischen Moment weit über den Rahmen der Zionistischen Organisation hinaus zahl« reiche Juden bereit sein werden, züm Friedensschlutz eine ansehnliche Spende zu geloben, damit große Kapitalien für den Erwerb ausgedehnter Ländereien in Palästina als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Balles verfügbar sind. » \ - Aus alter Welt. Oesterretch-ll»s«r». Wie«. Eine Rede Dr. StraucherS. Im Abgeordnetenhanse hielt Dr. Straucher eine großzügige Rede, in der er ausführte: „In diesem historischen Moment, in dem das Schicksal der Welt entschieden wird, fordern wir die Anerkennung als einziges unteilbares Ganzes, fordern wir die Aufrichtung einer nationalen Heimstätte, eines freien jüdischen Gemeindewesens in Palästina — der ewigen Heimat des jüdischen Volkes. In der Ueberzeugung, daß alle freien Böller unser« Forderung als gerecht und sittlich anerkennen, erwarten wir ihre, tatkräftigste Unterstützung, damit das jüdische Voll in den Stand gesetzt wird, sein.--Schicksal künsti^Ay selbst bestimmen zu können. i Für die Juden in Oesterreich fordern wir die Metz» liche Anerkennung der jüdischen Nationalität und Gewährleistung des freien Bekenntnisses zu ihr, die Sicherstellung ihres Rechtes auf Erziehung ihrer Jugend im jüdischen Geiste, Zusammenfassung aller österreichischen Juden in einen verfassungsrechtlich zu konstituierenden Reichsverband buch Schaffung einer nationalen Kammer mit dem Recht der nationalen und kulturellen Selbstverwaltung und der Vertretung der Juden gegenüber dem Staat und seinen Völkern. Wir verlangen ungeschmälerten und unverbürgten Anteil an allen Rechten, die Oesterreich seinen Böllern und Bürgern eingeräumt und gewährt." Wie«. Das jüdische Volk und der Friede. Rabb. Dr. Thon, Staatsbahnrat S tri^ker» Adolf Böhm, Adolf Stand, Singer und die, Abgeordneten Reizes und Straucher sprachen vor mehr als 5000 Menschen über das Thema „Das jüdische Volk und der Friede." .Die Versammlung faßte einmütig eine Resolution, die eine nationale Heimstätte in Palästina und nationale Recht«! in allen Ländern, wo Juden leben, fordert. Wie«. Audienze» beim Kaiser. - Ritter Dp. v. Löwen st ein, ein Pole jüdischer Konfession, hatte als Abgeordneter beim Kaiser Audienz.' Natürlich äußerte dieser jüdische Vertreter sich bezüglich der Judenfrage im Sinne der Polen und nicht, im jüdischen Interesse. Die Juden Galiziens.müßten Leid und Freud mit den andersgläubigen Bewohnern teilen, und ihr Verhältnis zu diesen könnte pur von der gegenseitigen Verständigung abhängig «gemacht werden- Hierfür sei kein Gesetz, sondern nur das praktische Leben maßgebend. Anders sprach sich Abg. Reizes aus, der gleichfalls vom Kaiser empfangen wurde. Er verlangte die offizielle Anerkennung der Juden als Nation unter den Rationen Oesterreichs. Lemberg. Verbotene Versammlungen. In ganz Galizien sind die jüdischen Versammlungen, in denen das Selbstbestimmungsrecht der Völler auch für die Juden gefordert werden sollte, von den Landesbehörden verboten worden. . ° Schweiz. Zürich. Die Grippe. Das „Jsr. Wochenbl." schreibt über die in der Schweiz grassierende Grippe: „Vom Kriege blieben wir verschont, dafÄ feiert diese Seuche, die auch eine Folge des hämischen Feindes der Menschheit, des Krieges, ist, wüste Orgien! gerade unter denen, die sonst ihr Leben dem Kugelregen hätten aussetzen müssen. Auch dem hartnäckigsten Kriegsx freunde muß das zu denken Men und alle Menschen für die Friedensidee werben." In den letzten Tagen starben in Zürich an der Grippe nicht weniger als acht Juden: Samuel Hirsch (31 Jahr), Willy Brandenburger, Adrian Ullmann (19 Jahr), Aron Gochberg, Maurice A. Goldstein (28 Jahr), Abiturient Max Salti, Beer Leiser (26 . Jahr) und Sand aus Rumänien.

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