Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 39 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Blick von Millionen und Millionen Menschen ist voll' atemloser Span-. iturtg auf die Entscheidung des Züngleins ge>- richtet, denn je. nach der Seite, wohin es. sich neigt, heißt diese Entscheidung: weiter menschenmordendes Kriegsgemetzel oder der Segen des Friedens. Es sind schicksalsschwere Tage. Gott, der Herr des Weltalls, hält die Wage in der Hand. Wenn' es sein Wille ist, dann beeinflussen die Ereignisse die Pharaos, die Machthaber der Jetztzeit, so, daß sie ihren Sinn verhärten; — wenn es sein Wille ist, lechen sie der Friedenssehnsucht der Völker willig chr Ohr. Gerade die letzten Tage haben es der Menschheit in ihrer Gesamtheit zum Bewußtsein gebracht, wie wenig der Mensch Herr der nächsten Stunde ist. Wie will er da den tieferen Sinn des gegenwärtigen Geschehens erfassen, der günstigsten Falles erst nach Jahrzehnten dem menschlichen Auge sichtbar wird? Eine Entscheidung zwar dürfte bereits gefallen sein, und zwar eine Entscheidung, die für die zukünftige Gestaltung des Geschickes des jüdischen Volkes von ausschlaggebender Bedeutung ist. Palästina ist im Besitze Englands, und da es das Bindeglied zwischen Aegypten und Indien darstellt, so wird aller Wahrscheinlichkeit nach England alles daran setzen, es nicht wieder aus der Hand, zu geben.. England hat in den vier Jahren des Krieges verschiedentlich durch seine höchstes! Regierungs- Vertreter die Palästina-Bestrebungen des jüoischen Volkes als berechtigt anerkannt und ihnen seine Unterstützung zugesagt. Das geschah freilich, .als cs Palästina haben wollte, aber noch nicht hatte. Es wird nun die Frage sein, ob es heute noch, mit demselben Eifer das gewähren wird, was es versprach. Wenn nur Juden in Palästina wohnen würden! Doch die Juden stellen nur einen Bruchteil der Bevölkerung dar, und' cs sind besonders die christlichen Araber, die die Ansprüche der Juden, als störend für ihre Interessen empfinden. Deshalb müssen die Inden Palästinas gerade, um ihre. nationalen Forderungen zielbewußt zu verfolgen, ein friedliches, freundschaftlich-nachbarliches Verhältnis zu der Bevölkerung erstreben, die gleich ihnen Aspirationen auf den Boden dieses Landes hat, ' ’ . Das jüdische Volk denkt zu gerecht, um chauvinistisch zu sein. Nicht umsonst sind aus seiner Mitte stets Kämpfer erständen, daß Gerechtigkeit in der Welt werde. Ein jüdisches Palästina wird' ein Land der Gerechtigkeit sein, und weil es ein Land - der Gerechtigkeit sein wird, ..wird es nichtdurch nationale Kämpfe aufgewühlt werden, sondern wird der Frieden in ihm wohnen. Dessen sind wir gewiß. - Das Palästina, der Zukunft wird ein jüdisches Palästina sein, — oder es wird trotz England' bedeutungslos sein. Jahrtausende hindurch,, seit der Vertreibung des jüdischen Volkes von seinem Boden, war Palästina eine Einöde, — und es begann erst dann wieder, zu dem sprichwörtlichen Lande der Milch und des Honigs, aller Segnungen eines gesegneten Bodens, sich zu entwickeln, als der Fleiß jüdischer Hände wieder den Boden ' bearbeitete. .Erst wenige .Jahrzehnte ist dies her, und cs war nur der Anfang vorn Anfang, — und schon lag es wie eine 'Ahnung von zukünftiger Pracht auf Palästinas Gefilden. Da kam der Krieg mit seiner Zerstörung. Doch was vor dem Kriege nur Sache Gezählter war, es ist heute durch den Krieg Sache des ganzen jüdischen Volkes auf dem Erdenrunde geworden. Jeder, der heute mit Bewußtsein Jude ist, hat Interesse für Palästina. Nur in Palästina lassen sich die Bedingungen schaffen, unter denen die Tradition des jüoischen Volkes zur vollen Entfaltung kommt. Uebcrall sonst ' in der Welt schwindet dem jüdischen Volle das Bewußtsein seiner ererbten Tradition, und die Neugestaltung Osteuropas muß auch das bisherige Zentrum des jüdischen Volkes dem gleichen Borgang überliefern. Palästina jedoch wird ivieder eine . Stätte sein, in der sich der Geist der Tradition entfaltet. Dieser Geist der. jüdischen Tradition wird unter den Inden Palästinas siegen und mit diesem Siege auch über das Land Palästina den Sieg davoatragen. Nicht mit Heeresmacht und nicht mit materieller Krajtentfaltung, sondern mit dem Geiste Gottes schreitet er einher, Menschenliebe, Sitten-, reinheit und Gerechtigkeit sind seine Pioniere! Der amerikanische Jingoismus im Kampf gegen die Sprachen der Eiugewanderteu. ' Das Jüd. Preßbüro in Stockholm berichtet: Ter Gouverneur von Jova, Harding, hatte im Monat Mai eine Proklamation erlassen, in der der Gebrauch der nichtcnglischen Sprachen in den öffentlichen' Anstalten und selbst in den Synagogen, Kirchen und Schulen untersagt wurde. Hieraus hatte Louis Marshall, der bekannte jüdische Politiker, einen Protestbrief an Harding gerichtet. Tiefer antworteet nun in einem ausführlichen Schreiben an Marshall, das für den in der großen Republik überhand- »ehmendeil Chauvinismus höchst bezeichnend ist. In dem Schreiben wird ausgeführt, daß alle Sprachen in Amerika, mW.Ausnahme der englischen, fremde oder tote seien und daß die Wortfreiheit in diesen Sprachen von der Konstitution der Republik und des Staates Jova auch den Bürgern nicht garantiert sei. Von denjenigen, die das Bürgerrecht erwerben wollen, müsse gefordert werden, daß sie die Fähigkeit besitzen, englisch zu schreiben und zu sprechen. Terjenige, der während des Krieges auf dem Gebrauch fremder Sprachen ungeachtet der von der Regierung des Staates Jova erlassenen Ilufforderung besteht, „stelle sich uns die Seite des Feindes". Harding führt dann weiter aus: „In Ihrem Briefe sagen Sie: „Es gibt nichts, woran Männer und Frauen so hartnäckig festhalten, als an ihrer Tradition, die. Sprache ihrer Vorfahren eingeschlossen." Tiese eine Behauptung zeigt die ganze Schwäche Ihrer Argumentation. Sie verkennen die Tatsache, daß die Bereinigten Staaten eine Nation und nicht ein Asyl sind. Um eine Nation zu sein, müsse sie eine Flagge, ein Volk, eine Sprache haben. Wollte sie ein Asyl sein, würden sie jedermann erlauben können, aus fremden Ländern zu kommen und seine Traditionen und seine Sprache mitzubringen und sie in Ewigkeit zu pflegen. Tie mißbrauchte Güte der Vereinigten Staaten könnte zu einem Mittel ihres Sturzes werden. Wenn die Bereinigten Staaten eine Nation sein wollen, müssen sie eigene Traditionen und eigene- Sprache haben, und der einzige Weg zu diesem Ziel ist, darauf zu bestehen, daß die adoptierten Söhne und Töchter es lernen, die Sprache der Adoptiveltern zu gebrauchen und die Traditionen der Eltern zu ihren eigenen zu machen. Wenn der Krieg vorüber sein wird, werden wir Vereinigten Staaten vor verwickelteren Problemen als je stehen. Wir müssen ein Volk haben, das die Sprache des Landes versteht, wenn wir mit Erfolg diese Probleme lösen wollen . . . Die Erlernung einer neuen Sprache des Adoptivlandes sollte das erste Geschäft desjenigen sein, der den Schutz der neuen Regierung genießt." ■ " Ausnahmebestimmungen gegen die Juden. Tie ukrainische Regierung beginnt, die Juden wieder Ausilahnlcbestimmungen nach zaristischem Atuster zic unterwerfen. So hat, wie die ukrainisch-jüdische Zeitung „Neies Leben" berichtet, das ukrainische Kultusministerium einen speziellen Judcneid für die jüdischen Rekruten ausgearbeitet. Ter Eid beginnt mit den Worten: „Ich schwöre bei dem Gotte Israels mit reinem Herzen, nicht mit einer verborgenen Meinung, sondern nach der Meinung jener, die mir den Schwur abnehinen nsw." Zionistische Nachrichte«. Wie«. In einer Unterredung, die der Prästdent der Wiener Kuttusgemeinde, Tr. Alfred Stern, dem Redakteur der „Blätter aus der jüdischen Jugendbewegung^^ gewährt hat, erklärte er, vor Jahren Gegner des Zionismus gewesen zu sein, weil er ihn für eine Utopie, „jetzt dber, wo seine Realisierung in die Rühe gerückt ist, müssen wir trachten, am Aufbau dieses Zentrums jüdischer Kultur mitzuwirken." Aus der Misrachi-Veweguug. Berlin „Die Zionistische Föderation „Misrachi" hat sich entschlossen, zur Verstärkung ihrer Arbeit innerhalb Deutschlands ein Arbeitsbür» in Berlin zu errichten. Von ihm uris soll die 'Neugründung der früheren Misrachigrnppen wieder in die Wege geleitet und die Verbindung mich mit den deutschen Gesinnungsgenossen im Felde »ach Möglichkeit hergestellt werden. A.l l e deutschen M i s r a ch i st e » werden daher gebeten, zunächst ihre Adressen an die untenstehende A d resse anzugeben, von der sie weitere Nachricht erhalten werden: Deutsches Arbeitsbiiro des Misrachi. ' I. A.: Dr. A Barth, Berlin, Albrechtstraße ttz." Amsterdam. Ans nicht-offizieller Quelle wird mitgeteilt: Das Misrachi-Zentralbureau in Nel'ohork hat wichtige Berichte erhalten über das jüdische Leben in Palästina und insbesondere über.die Tätigkeit des dortigen Misrachi. Tie angetonnnenen Briefe sind von verschiedenen bekannten Führern geschrieben, u. a. vom Leiter.der Tachtenronischule und vom Chacham-Baschi von Jaffa, Ben-Ziou Usiel, die jetzt au der Spitze der misrachistischen Bewegung in Palästina stehen. 'Aus diesen Briefen ergibt sich, daß das jüdische Leben im Heiligen Land mehr oder miiürer in die alten Bahnen zurückgekehrt ist; nur die Teuerung ist sehr groß. Die jüdische Bevölkerung ist noch immer unter dem Eindrücke der Ankunft der Engländer und richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf die kommenden Ereignisse. Die Misrachi- Organisatton bildet jetzt das Band zwischen allen orthodoxen Elementen, und es werden täglich neue Agudoth gegründet, und neue Mitglieder melden sich an. Man wartet in Palästina mit Ungeduld auf die Vertreter des amerikanischen Misrachi, die einen großen Plan cnrsarbeiten sollen zur Verbreitung des religiös-nationalen. Geistes im Lande und auch mit der von Chajim Weizmmin geleiteten Kommission Zusammenarbeiten werden. Besonders wichtig sind die Nachrichten üben ditz verschiedenen Unterrichtsanstalten in Jaffa und in den Kolonien. - Die größte von den bestehenden Schulen der Orthodoxen ist die Tachkemonischule, an deren Spitze Rabb. Joseph Seliger aus Lemberg steht. In dieser Schule gibt es außer den vier VorbereitungsUasserr noch sechs Klassen. -Es gibt jetzt auch großes Interesse für die Talmud-Thora-Schule der .Jemeniten; man will sie als Sonderarbteilung der Tachkemonischule anschließen. Die tachkemonischule konnte dadurch sortbestehen, daß Misrachisten in Jaffa von - Zeit zu Zeit große Geldsummen zur Verfügung stellten, und daß regelmäßig Unterstützungen aus Amerika kamen. Biel haben auch die Anglo-Palästina- Bank und das Provisional-Komitee geholfen. Die anderen Talmud-Thora-Schulen in Jaffa und in den Kolonien, selbst die bekannte Schaare-Zion-Schule, besinden sich in einem sehr kritischen Zustande und bitten dringend den Misrachi um sofortige Hilfe. Wahrscheinlich wird auch die Talmud-Thora-Schule „Nezach-Jsrasl" iu Petach-Tikwah, die der „Freien Vereinigung" in Deutschland angehört, von der PUsrachi-Organisation übernommen werden, falls die Organisation in Amerika genug Geldmittel dazu mlfbringen kann.