Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 38 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamiUenblatt. Nr. 38. Sehlfergasse 29. . Schfifergasse 29. Modernes Theater Vorführung, stete neuer und hervorragender Filme.. den, noch sucht und tastet sie, und gerade diese Leidenschaftlichkeit ihres Millens, die Stärke ihres. Schncns nach wahrem^ ganzem, echtem Jüdentum bringt die GefqhD des Jrregehcns, die Gefahr der Selbsttäuschung-' die ihre innere Entwicklung bedroht. Allzuleicht lassen sich Bewegungen und Menschen in dieser Situation dazu verführen, falsche Ideale zu akzeptieren, sich von Scheinmerten verführen zu lassen, sich mit Surrogaten zu bognitzen, Worte und Phrasen als Ersatz für ein wahres, positives, gehaltvolles Judentum zu nehmen. ' .Doppelt groß ist diese Gefahr bei einer Jugend bon der Wesensart der jüdischen in Deutschland. Sie ist größtenteils eine intellektuelle Jugend, sehr begabt zur Dialektik, zur leichten logischen Bewältigung von Problemen, sehr disponiert, durch Formeln und blendende Schlagwörte sich gefangen nehmen zu lassen. Viele Erschciilungen innerhalb des inneren Lüsens des deutschen Zionismus, vor allem gerade innerhalb der zionistischen Jugend in Deutschland in den letzten Jahren.zeugen davon, wie groß, diese Gefahren sind und wie leicht auch die Besten ihnen erliegen. Bor diesen Gefahren sich zu schützen, ist eine der wichtigsten Aufgaben, vielleicht die zentrale innere Aufgabe der. nationaljüdischen Jugendbewegung, ivird auch eine der wichtigsten Aufgaben des Jugendtages sein, dkur zu leicht wird er, der eine große Zahl begeisterter, leidenschaftlich wollender junger nationaler Juden versammelt sehen wird, zu einer Verführung zum Rausch an der Phrase, zur Degeisteruirg am Wort, zur Exaltation >an einemhohlen Pathos werden. Erliegt er dieser Verführdann wird er, mag er nach außen noch, so eindrucksvoll verlaufen, in der momentanen Wirkung auf seine Teilnehmer noch so suggestiv sein, doch letzten Endes innerlich unaufrichtig und dmnit unfruchtbar, ja schädlich sein. Nur wenn er davor bewahrt bleiben wird, wenn sich die Stärke des Willens zum Judentum mit einem Willen zur unbedingten inneren Aufrichtigkeit und Wahrheit paaren wird, wird er - fruchtbar sein, kann er und wird er ein Ereignis von innerer Bedeutung und wahrhaft' erhebender Kraft werden. Ml die Fragen, denen die Verhandlungen des Jugcndtagcs gelten sollen, verlangen eine solche unbedingte Ehrlichkeit, ein strenges Sichbewahren vor Phrasen und Worten, vor bequemer Formulierung und blinder Begeisterung. Wir wünschen dem Jugenotag, daß er die Kraft haben möge, sich vor allen diesen Gefahren zu bewahren, daß die auf chm versammelte Jugend stark genug sein möge, die Schwere und den Ernst chrcr inneren Lage tapfer und wahr zu erkennen, sich, nicht durch Worte und Surrogate eine leichte Lösung ihrer Probleme zu konstruieren, sondern ebenso aufrichtig zu sein wie sie begeistert ist, ebenso kritisch wie sie glaubenswillig ist und ihren starken inbrünstigen Willen zum Judentum wirklich und wahrhaft einen Willen zum Judentum, zum wahren, reinen, unverfälschten Judentum sein zu lassen. Nur -dann wird der Jngendtag die großen Hoffnungen, die so viele auf ihn setzen, erfüllen und ein Ereignis von üleibendcr Bedeutung für die innere Entwicklung der nationaljüdischen Jugcndbewegung in Deutschland und damit des nationalen Judentums überhaupt werden. Zur Frage -er jüdische» Rückwanderer «ach Pole«. Unter obigen, Titel brachten wir in der vorigen Nummer Flusfichrungen, die uns von der Warschauer Presseabteilung zngegangen waren. Die „Jüd. Rundschau" bemerkt hierzu folgendes: „Es ist nicht gesagt, was init den Gesuchen geschieht, bei denen die polnische Rückwanderungskommission es nicht für zweifelhaft hält, daß. die fraglichen Rückwanderer vor bau Kriege in Polen nicht ansässig waren. Nach unserer FMtellung obliegt nämlich die erste Prüfung der polnischen Rückwanderungskommission, die das Recht hat, Gesuche ohne weiteres abzuüchnen, wenn ihr die Voraussetzungen zur Gb- «ckhmigung nicht gegeben erscheinen. Sie kann also Juden, die z. D. ihre ffÄpieve verloren oder nicht bei sich haben, ohne weiteres mit der Begründung zurückweisen, daß sie in Polen nicht ansässig gewesen seien, — und wir behaupten' diese Knrxis in 'reichlich«» Mjasta geübt wird. Die Rückwand««:, die Hals über. Kopf von den russischen Sfe. Hörden evakuiert worden waren ooer in hastiger Eim ihren Wohnort verlassen hatten, sind sehr häufig ihrer Ausweispapiere verlustig Hagaugen, ganz abgesehen davon, Last die russischen Behörden überhaupt die Paßangelegenheiten in sehr nachlässiger Weise handelten, jo Last für Schikanen die jetzt die polnische Kommission macht, Tür und Top -offen' steht. Werden auch alle derartigen Fälle von den zuständigen Stellen geprüft, und hvexjind jtrte; zuständigen Stellest? Tatsache ist fern«: und geht auch aus der amtlichen Berichtigung hervor, Last, die ganze Handhabung der Rück-. Wandererzulassung rn den Händen polnischer Behörden liegt. Man^ braucht nicht in Warschau zu sitzen, utn zu wissen, was das in alle.» Fällen heißt, in denen es sich um Juden handelt. Wenn sich eine Forderung <ms den obwaltenden Verhältnissen ergibt, so ist es die, Last die deutsche Verwaltung inMlen durch Entsendung jüdischerVertranensmä'nner dafür sorgt, Last dem skandalösen Mißbrauch, den die. Polen mit dem ihnen verlieheneck Rechte der Entscheidung in Rückwanderungsangelegenheitchr treiben, Einhalt g«an wird. Die Tatsache, daß in Rowno Tausende jüdischer Rückwanderer auf die Einlassung nach .Polen unter Verhältnissen warten müssen, die die jüdische Gemeinde Kiew zur Entsendung eines Vertrauensmannes zwerV Untersuchung der schreienden Mißstände und Milderung der unter den Rückwanderern .entstandenen Not veranlagen, bleibt bestehen. Nach den Nieldungen, die uns zugehenhat die Rücksprache, die dieser Delegierte mit den deutschen und polnischen Behörden in Warschau gehabt hat, au diesen Zustänlwn leider nur wenig ändern können. Insbesondere aber wird, die Tatsache der Hinderung der jüdischen Rückwanderung nach Litauen und Kurland durch Berstgungen deutscher Stellen von der Notiz der Warschauer Presseabteilung nicht berührt.'" Zur Erklärung des Srotzvezirs Talaat Pasch« i« der Palästiuafrage. Tie „Allg. Jnd-.Kolonisations-Organisation" schreibt uns: „Tie die Bildung eines jüdischen Zentrums in Palästina betreffende Erklärung, welche der türkische Großpezir anläßlich -seiner Verhandlungen mit den Vertretern jüdischer Organisationen einem der Delegierten gegeben hat, hätte sicherlich sämlliche Gruppen der Jndenheit befriedigt, wenn sich nicht eine durch die türkischen Peckhültnisse bedingte Unklarheit in den Text eingeschlichen hätte. Diese Unklarheit hat zu unrichtigen Interpretationen und zu einer Polemik zwischen den Organen der Zionistischen Organisation und der Orthodoxie in Deutschland geführt. Die Beseitigung dieses Mißverständnisses liegt ebenso im Interesse bei einträchtigen weiteren Zusammenwirkens der jüdischen Organisationen.wie .in dem des Erfolges der noch bevorstehenden Verhandlungen. Da der Gtvßvezir bereits im Januar 1918 gegenüber den Vertretern der „Mg. Jüd. Kolonisations-Organisation" und der „Deutsch-Jsr. Osman. Union" über seine Absichten sich ausgesprochen hat und auch im September Mitglieder des Präsidiums der A. I. K. O. empfing, glauben wir, über seine Intentionen richtig informiert zu sein. ' . Wenn Talaat Pascha das künftige jüdische Zentrum, als ein religiöses bezeichnete, so wollte er damit keineswegs sagen, dast die türkische Regierung ausschließlich die religiösen Bestrebungen der Juden in Palästina fördern würde, ohne den nationalen entsprechende Fürsorge angedeihe» zu lassen. Dies ist ollen Delegierten durch die Darlegungen des Großpezirs hinsichtlich der Haltung, welche die Regierung in Sachen des jüdischen Schulwerkes, der hebräischen Sprache, des jüdischen Vereinswesens nsw. einzunehmen gedenkt, genügend klar geworden. Dast Talaat Pascha trotzdem in der erwähnten Erklärung nur von einem religiösen Zentrum spricht, dürfte auf zwei Gründe zurückzuführen sein. Nach der überlieferten türkischen Auffassung, die mit der Anschauung der orthodoxen und zionistischen Kreise übereinstimmt, bilden die Juden nicht nur eine religiöse, sondern auch eine nationale Gemeinschaft. Eine solche wird in der türkischen Sprache mit dem Pforte „millet" bezeichnet. In einem von den Vertretern der A. I. K. O. und der Di. >F. O- U. mn Beginne der Bevhandlungen ausgearbeiteten Entwurf, welchen der Grvßpezir genehmigt hatte, war auch ausdrücklich hervorgehoben worden, daß dem jüdischen „millet" nationale Rechte ebenfalls zustehen sollen. Bei den außerordentlichen Schwierigkeiten, welche die innere Lage der Türkei mit sich bringt und mit denen die Regierung rechnen must, fällt es ihr jedoch sehr schwer, auf das Wort „national" besondereck ' Nachdruck zu legen, weil diese Bezeichnung mit den gegen die Integrität der Türkei gerichteten.Bestrebungen der Armenier und 'Araber zu sehr verquickt wurde. Man darf nicht aus den Augen lassen, dast die türkische Regierung in Sachen des Palästinaproblems zu einer vorsichtigeren Sprache gezwungen ist als England, welches als Eroberermacht auftritt und sich aus eine liberale Oeffentlichkeit stützt. Älle Kenner der türkischen Verhältnisse werden zugeben, dast es bereits ein großer Schritt nach vorwärts und eine bedeutende Errungenschaft für die jüdische Sache ist, wenn die türkische Regierung sich nunmehr zu dem Prinzip eines jüdischen Zentrums in Palästina ans dem Wege planmähiger Kolonisation bekannt hat. Wir dürfen hoffen, dast es im Verlaufe der weiteren Verhandlungen und in dem Maße, gls die türkischen Kreise sich an die neue Palästinapolitik gewöhnen werden, der türkischen Regierung möglich sein wird, den Wünschen der verschiedenen jüdischen Gruppen auch uach der formalen Seite hin immer mehr Rechnung zn tragen. .. Aus aller Welt. « Deutschs Reichs verli«. . Eine freie jüdische Volkshochschule. E.ine freie jüdische Volkshochschule wird, von verschiedenen jüdischen Organisationen vorbereitet, zum Winter in Berlin eröffnet werden. Sie hat den Zweck, die Wissenschaft von Juden und Judentum in weite Kreise zu trag«! sowie Interesse für die großen Fragen und Bewegungen der jüdischen Vergangenheit nnd Gegenwart zu wecken. Der LeHbetrieb umfaßt nach Muster der bekannten deutschen VvWhochschulen Vortragszyklen und seminaristische Üebungen und beruht auf dem Prinzip der unbedingten ^Lehrfreiheit. Jede wissenschaftlich vorgetragene Ansicht soll zu Worte kommen können. Es hüben sich bereits bedeutende Vertreter der jüdischen Geisteswelt, Gelehrte, Rabbiner, namhafte Schriftsteller! der Ansstlt zur Verfügung gestalt. Näheres wird noch bekanntgegeben. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Der Antisemitismus iu Ungarn. Dr. Vazsonyi richt«e einen scharfen Zlngriff gegen die klerikal-antisemitische Tendenz, die sich in Ungarn breitmache und der auch die Regierung nicht fernsteye. Gegen diesen Artikel wendet sich der Bischof vou Stuhlweißenburg Tw. Prochaska in dem Organ der Vclkspartei. Dr. P., der zu den streitbarsten Kirchenfürsten Ungarns gehört, flihrte aus, dast die ungarische Gesellschüft zusammenstehen müsse, um der wirtschaftlichen Ausbeutung durch das Judentum vorzubeugen. Wenn die Gesellschaft sich Glicht auftaffen und zusammenschliesten werde, werde das Ungarland bald ein Judenland werden. Der Staatssekr«är im Ernährungsministerium Dr. Franz Nagy nahm diese unerhörten Ausführungen des Kirchenfürsten zum Anlast, um gegen die konfessionelle Intoleranz auf dem Konvent des reformierten Kirchendistrikts Stellung zu nehmen. — Jedenfalls zeigt der Vorgang das Anwachsen des Antisemitismus in Ungarn. Sch»« wieder eiue Razzia Im Tempel. Aus Budapest wird Blochs ,Wochenschrift" geschrieben: In Marmaros-Sziget haben sich am Montag aussehenerregende Vorfälle abgespielt. Während des anläßlich des Feiertages abgehaltenen Gottesdienstes wurden sämtliche hiesigen Synagogen und Bethäuser von Kordons umstellt. Es wurde eine Razzia veranstaltet, nnd mehrere Personen, die an dem Feiertag ihre Legitimationspapiere nicht bei sich hatten, wurden verhaftet. Der Prasst,ent der Kultusgemeinde begab sich zum Regierungsfunktionär. Bei seiner Rückkehr wurde ihm jedoch der Eintritt in die Synagoge verweigert. Der Oberrabbiner der Gem-einde unterbrach den Gottesdienst und ersuchte, den. Kordon zurückzuziehen, da er die Verantwortung für alle in der Synagoge Befindlichen übernehme. Der kommandierende Leutnant wies dieses Ansuchen jedoch zurück. Der Rabbiner wollte sich hierauf zum Mzegespan begeben. Während dieser Zeit umringte die Militärpolizei aber die Deputation nnd stellte sich ihr mit aufgepslanztem' Bajonett in den Weg. > Der Militärkommandant von Marmaros-Sziget FML. Baron Schilling erfuhr inzwischen von den Vorfällen, liest den Polizeikordon sofort zurückziehen und gab später dem Gemeindepräsidium uegeirüber sein Bedauern über die Vorfälle Ausdruck. Er erklärte, dast die Razzia ohne sein Wissen veranstaltet worden sei. Es wurde von seiner Seite die strengste Untersuchung eingeleitet. Die in ihren religiösen Gefühlen gekränkte jüdische Gemeinde richtete Beschwerden an die Regierung. Krakau , Die Pogrome vor Gericht. Die Verhandlung beim Divisionsgericht über die Schuldigen an den letzten Ausschreitungen gegen die Juden in Krakau stellten der städtischen Polizei «in gutes Zeug nis aus. Hauptangeklagter ist Polizeikorporal K o n s i u l. Oberst-Leutn. Mvrawski, der vom Fenster der Diilitärkommandantur aus den.Vorgängen zngeschaut hatte, sagt aus, daß sich die Polizei in höchst strafbarer Weise passiv gegen die Ruhestörer verhalten hat. Er sah, wie etwa hundert Menschen, zumeist halbwüchsige Burschen, darunter ein Soldat nnd ein Legionist, unter wüsten Beleidigungen sich plündernd auf die jüdischen Läden stürzten. Seiner Anordnung, wenigstens den Soldaten zn verhaften,'wurde von der Polizei keine Folge geleistet. Hauptmann Klein vom Militärkommando sah, wie der Pöbckl einen Tram bahnwagen überfiel und die jüdischen Läden plünderte und ftagte den Angellagten Kvnsinl, warum er all dieses schweigend mitansehe. Der Polizist zuckte mit den Achsel» und deutete an, daß der Kommissär ein Einschreiten nicht befohlen habe. Der darauf verhörte Oberkommissär Dr. Menarowitsch erllärte aber, die Polizeibeamten seien instruiert, in solchen Fällen nicht erst einen Befehl abzuwarten, sondern sofort einzugrxifen. Als er von der Sache gewahr wurde, gab!er sofort den nötigen Befehl, und zwei Polizisten - genügten schon, den ganzen Haufen aus einanderzujagen. Das Gericht verurteilte Konsiul zu fünf Monaten schweren Gefängnisses, außerdem zur Entlassung aus dem Polizeidienst und militärischen Degradierung. Weitere Gerichtsverhandlungen über Ausschreitungen in vnderen Städten Galiziens stehen bevor. g: Kaffee Rnliland g Kaisers tr aase 58 KaiserBtrasae ' Täglich erstklassige *F* Unterhaltuigsmaslk56 .- Gesangs -Einlagen.