Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 38 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I ndi Erscheint wöchentlich am Freitag. Kerngsprris pro Zlirrieljähr: In Frankfurt a> M. Mk. 1.80.. frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2. .für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Redaktion und Grpedition: Frankfurt a. M. rr Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. J Hepausgeberr GalZ cheis. Jusrrtionsprris für die sechsgespaltene Petitzeile 40 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in «.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 16. Zshrg«»s. Freitag, den 28. MsvdrL S679 (4. Oktober 1918) * Är. 88. Worte fitr Den Alltag. efj Di dn )ml 1 8 riei;rk 18C hin alt litt Ll'if me oe iCJ and f'y 1c Der Monat der Feste mit ihrer Erhebung und inneren Sammlung ist vorüber, und der Alltag waltet wieder. Daß aber.der Alltag vom gehobenen Geiste der Feste wenigstens, einen Abglanz behalte, dazu bedarfs ständig der Worte derer, die als Wächter der Zeit nicht im Alltag untertauchen. Ein unentwegter Wächter der Zeit ist Dr. F. Wohlgemuth, Dozent am Berliner Rabbinerseminar. Unermüdlich hält er Ausblick, unermüdlich und furchtlos ertönt sein Ruf. Auch dann, wenn wir diesem verehrungswürdigen Mann nicht wenn wir diesem verehrungswürdigen Mann nicht Ligen tonnen, müssen wir uns. vor der!üauterfeii seines Wollens beugen. In der letzten Nummer seiner Monatsschrift „Ieschurun" finden wir Worte, denen wir nicht mir unsere volle Zustimmung .zollen müssen, die Ä vielmehr auch wert erscheinen, unseren Lesern in den Alltag der langen Wintermonate mitgegehen zu werden. Deshalb mögen diese Worte auch hi\ den Spalten unserer Zeitung eine Stätte finden. Dr. Wohlgemuth schreibt: „Gilt nicht Jehuda Halevlls Wort im Kusari, daß unser Gebet um Zion dem Plappern des Staares gliche, von uns im eigentlichsten Sinne? O, wir kämpfen wacker, wenn es gilt, die Wörter ,m Gebetbuch vor dem Zugriff der Reformer zu retten. Aber sind es uns mehr als Wörter, sind es uns sinnvolle Worte, lebendige Begriffe, Quellen der Erhebung, Ausdrucksformell einer ungestillten Sehnsucht? Nein, sage ich und jeder ehrliche Beurteiler, der nicht durch die P.arteibrille, die auch schon bei uns leider im Schwange ist, sieht, wird in das Nein einstimmen. Ach, es bedarf ja nur eines Vergleiches unsres neunten Ab mit einem im Osten. Auch bei uns das Fehle» des Vorhangs, das Dunkel deI Raumes, bei den Kundigen auch das Fehlen des Grußes und hie peinliche Beobachtung jeder festgelegten Vorschrift. Aber kurz vor dem Beginn der Feier ein Summen imd Surren, oft fröhliche Unterhaltung, von der Wucht einer bis ins Tiefste dringenden Trauer, die die ganze Seele gefangen nimmt, keine Spur. m Nein, wir sind keine Zionisten, nicht mehr solche wir unsere Ahnen es waren, nicht so wie es unsere Brüder im Osten sind. Auch hier hat Dras „Wajischman Ieschurun Wajiwot" seine Wir- »’jlhmg geübt. Wir sind nicht mehr die. Tochter Zion, wir haben unsere Mutter vergessen, weil es uns im gryßen und ganzen hier doch recht leidlich geht» die Familiengruppen einander stützen und eine jede schon dafür sorgt und wegen der geringen. Zahl der Juden dafür sorgen kann, oaß Meines ihrer Glieder völlig unter die Räder ^Pommti;fl* Doch wie kann der Sinn für zeitliches Glück tu dem fromnien Juden eine Sehnsucht tilgen, die »och so tief religiös verankert ist? Das eben ist ajmszweite Hebel: daß unser religiöses Empfinden ni allgemeinen verkümmert ist. Wir jagen es oft genug: „Von Zion geht die Lehre aus", aber 1 >s sind nur einzelne Strahlen, die wir. in uns 1 «rsnchmen, die ganze Sonne ist es nicht, die »ns erleuchtet, nicht das Feuer des Gesetze», . 3 >as uns erwärmt. Nie hätte ein Buber einen so Ui stoßen Kreis in seinen Bann schlagen können, s venn er nicht an eine Wunde der Zeit gerührt. . . Und dennoch! Weil das gesetzestreue Judentum ^Uch in Deutschland den Anspruch macht, die Vertretung der Thoratreuen zu fein, weit wir «B aus keinen Fall bei diesem Anspruch aus das Wollen zurückziehen können, sondern auch das Sein gefordert wird, ist die Frage berechtigt: Ist die Thora treue in unserer Mitte heimisch, die Treue nach ihren äußeren Verpflichtungen und ihrem inneren Gehalt? Die Pflichten, deren Uebung in die äußere Erjcheinun» tritt, wohl! Und auch dies zumeist nur in dem Geüotenkreis der rituellen Verpflichtungen. Alles andere, was unsere Sifrei Mussor einzuschärfen nicht müde werden, wird G. .s. D. von vielen, es.sind zumeist die Stillen im Lande, rechtschaffen geübt, aber von einem nicht geringen Teil behandelt, als stände es nicht in der Thora, als hätten unsere Propheten nicht gelebt.' Die „drei Worte'des Glaubens", die Micha verkündet, das Recht verwirklichen und die Liebe lieben und bescheidentlich wandeln vor seinem Gotte, sind sie Leitstern Del Handelns, Richtschnur auch nur des Wollens? Noch einmal: Ich bin immer noch der Ueberzeugung, daß diejenigen, deren Verantwortlichkeitsgefühl durch die Uebung des umfassenden jüdischen Thoragesetzes geschärft ist, den Vergleich mit keiner Gruppe zu scheuen haben. Aber sollen sie nicht Muster und Vorbild sein, den „Mensch-Jisroel" (S. R. Hirsch) in seiner Reinheit vor aller Äugen verkörpern, dre Menschheitsreligivn dadurch vorbereiten, daß sie zeigen, wie die spezifisch-israelitische Religion deren wesentlichen Kern in höchster Vollkommenheit enthüllt? Und wenn hier einem Teil gegenüber der Ruf erschallen darf „der Raub der Armen ist auch in euren Häusern", ihr erhöht euren Gewinn durch Verringerung der Geschäftsspesen, d. h. durch Kürzung der Gehälter derer, die um des Sabbath willen nicht anderweitig ihr Brot juchen können. „Eure Hände find voll Blut", denn in Wort und Schrift laßt chr durch eure Schmähungen das Antlitz eures Nächsten erbleichen! Und wenn gar von denen, die nach ihrer» Geist und ihrer Tatkraft mit an höchster Stelle stehen, zu den Ausschreitungen der letzteren Art entschuldigend bemerkt wird, daß gerade unsere „Besten" (!!) es in diesen Dingen jehlen lassen, Wunen wir da stolzen.Hauptes Die Fahne unseres religiösen Zion vor dem Gegner entfalten? Und über den seelischen Gehalt der Treue, über die völlige Hingabe des Israeliten an Den Herrn, dem. er sich in Treue angelobt, darüber j lasset' »ns schweigen. Zu bitter möchte hier die Kritik der Lebensäußerungjen ausfallen, die sich in der Erfüllung angelernter Menfchensatzung erschöpfen. Anders im Ostjudentum! Wir. jinv weit entfernt von der unbedingten Verherrlichung des Fremden, wir sehen durchaus nicht das Ostchdentum im Schimmer der romantischen VerUärung, den seine „Entdecker" in der Neuzxit über es aus-! gebreitet. Auch hier durchaus nicht überall die Erfüllung des Ideals der Propheten, und wenn man auch dort das Verhältnis der religiös Vollendeten zu den Anvollkommenen berechnen ° wollte, vielleiiA würde Das deutsche thoratreue Judentum nicht so schlecht dabei fahren. Wer es ist eben gegenüber den Verhältnissen bei uns eine überwältigende Masse, die die religiöse Macht des thoratreuen Judentums repräsentiert. Hier ist die Zionsliebe noch in ungebrochener Kraft, die wahre Sehnsucht nach dem heiligen Boden, Tag für Tag steigt hier aus der Tiefe des Herzens zitternd und zagend die Frage: Wächter, wie spät ist'» nock, in der Nacht, wann kommt endlich der Pag der Heimkehr? And die Aionskehr»? Hier ist sie in guter Hand, gegründet im Denken, stark im Wollen, hinreißend im Fühlen. . Mehr Verinnerlichung fordern diese Worte Tr. Wohlgenmths. Mit mehr Verständnis und Wahrhaftigkeit seine Gebete vor seinem Gotte sagen, mit mehr Verständnis und Wahrhaftigkeit sein Leben leben. Nur so können wir bessere, koiruen wir gute Juden werden. Und nur wer wahrhaft betet, muß sich nach der Verwirklichung des Zionsideals sehnen. Und wer sieb ehrlich bestrebt, sein Leben nach dem Geiste des Judentunls zu gestalten, wird gleichfalls nur in der Verwirklichung des Zionsideals die Sehnsucht seiner Wünsche erblicken. ‘ Zum »»tioualjirdische» Jugeudtag. Vom 6.-9, Oktober findet in Berlin der nationaljüdi fche Jugendtag statt. Innerhalb der weiten Kreise der nationaljüdischen Jugend Deutschlands sieht man seinem Verlaufe mit den gespanntesten Erwartungen entgegen; von allen Städten und Gegenden fahren zahlreiche Zionisten und Zionistinnen nach Berlin, um am Jugendtag reilzunehmen. > Sicherlich wird die Beteiligung denn auch sehr groß sein, und der Jugendtag wird eiua machtvolle imposante Demonstration der Stärke der nationaljüdischen Jugendbewegung in Deutschland werden. uyui tllIC CUi sprechende Bedeutung. Die nationaljüdische Jugend bewegung in Deutschland hat in den letzten Iah ren einen außerordentlichen Aufschwung genoui men. Sie hat weite Kreise der jüdischen Jugend vor allem auch solche, die vordem in jüdische Hinsicht völlig indifferent waren, gewonnen, un wird von einer prächtigen inneren Schwungkras getragen. Sie hat sich schneller, machtvoller ent wickelt als die eigentliche zionistische Organisatio in Deutschland, was nur natürlich ist, da der Zio nismus und der nationaljüdische Gedanke sich ü erster Reihe an die Fugend As den Träger de Zukunft wendet. Es ist daher verständlich, daß si nunmehr den Wunsch verspürt, in einer Zusammen kunft all ihrer Zweigorganisationen und Teilgrup Pen sich selbst und der jüdischen Oeffentlichkeit eil Bild ihrer Stärke zu geben. Darüber hinaus aber soll und kann de Jugendtag noch eine andere, wesentlichere Beden tung erlangen: er soll für die innere Entwick lung der nationalen Jugendbewegung fruchtbar uni förderlich werden. Es ist das Erfreulichste uni Beste, was von der Entwicklung der nationaler Jugendbewegung gesagtwerden kanrr, .daß sie nock nie eine äußere, agitatorische, numerische war, son dern in erster Reihe eine innere. Nicht durch Agitation und Propaganda hat sie ihre großen Er folge erhielt, sondern durch die suggestive Kraf ihrer inneren Begeisterung, durch die-Stärke chrei Ueberzeugung und den leidenschaftlichen Ernst ihre; Willens. In ihr lebt ein Wille zum Judentum von wahrhafter Inbrunst und Glut, und es gibl wenig überzeugendere Beweise der Größe bei zionistischen Idee als diese Wirkung, die sie innerhalb der jüdischen Jugend in Deutschland ausge übt hat. Aus der Stärke und- Aufrichtigkeit dieses Willens zum Judentum ergibt sich die schwierige innere Situation der nationaljüdischen Jugend. Denn noch fehlt chr das wahre Judentum, noch hat sie den Anschluß an die jüdische Verggn^nheit, »n die jüdische Kulrurtradition nicht gesun-