Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 37 (20.9.1918)
- Date
- 1918-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tiefe Frage drängt sich heute mit einer Macht aur wie nie zuvor, deuu noch nie erschien ' sieio brennend.. Var mehr als hundert Fahren begann im Westen Europas das kritische Stadium, daß, wir Juden immer mehr und mehr den Boden des Judentums i unter unseren Füßen verloreit. :Düt dem allmählirficn Weichen der Absonderung von der nichtjüdischen Umwelt, drang deren Tente» und Fühlen in die südischen Herzen, und es begann eine Zersetzung, die fortgesetzt große Teile der Judenhei, zum Abfall brachte und zu der Ausfassung berechtigte, daß die Judeiiheil in einer avjehbaicn Zeit zu eiitem Häufchen zusammenschmelzcn werde. Dieser'Vorgang schien bös vor wenigen Jahrzehnten aber nur für den Westen Europas zu gelten, nicht aber für den Osten, der den grüßten Teil der Judenheit umfaßt. Fm Osten drängte erst in den letzten Falixzehntcn in jort- . gesetzt steigendem Maße dw Judenheit aus ihrer Isolierung heraus, doch Ltaat und Gesellschaft sah die Inden noch als Bürger zweiter Klasse an, und' so rvar ein ganz energischer Gegendruck da. .Hier hat der Krieg umwälzende Aenderungen gebracht, und auch die Judenheit' des Ostens dürste jetzt sehr bald in den Kampf um ihre staatsbürgerliche Emanzipation eingetreten sein und dabei -in die Gefahr kommen, ihr Eigenleben zu .opfern. So. kann man sich denn heute nicht mehr in der Sorglosigkeit wiegen, daß. das jüdische Zentrum noch gesnud und fest in sich geschlossen ist, man muß vielmehr die Tatsache ins Auge fassen, daß die Gesamtjudenhcit eine ihrer kritischstelr Seiten dnrchmacht. Selbstverständlich setzten mit der Krisis gar bald Versuche ein, die Krisis zu überivinden. Tie jüdische (beschichte der letzten hundert Fahre ist in ihren, hervorstechenden Merkmalen ^eine Geschichte dieser Versuche. Toch nur zivei Ltröiunngen zeigen eine Entwicklung ins Große und sind deshalb für die jüdische Zuiuiisi bedeutungsvoll. Tic eine Strömung begreift die Judenheit wieder als ein einheitliches Volt, dessen nationale Eigenart es zu retten gilt und deshalb des nationalen Bodens bedarf, auf dem es vor Jahrtausenden zum Volke ivard nild anderthalb Jahrtausend gelebt hat.. Tie andere Strömung ist wohl auch national, da für sie die ganze . Tradition verbindlich ist, sie vereinigt aber ihre-Aufmerksamkeit aus die religiöse -seite. des Judentums und glaubt, es genüge eine Vereinigung aller ans dem Boden des geofsenbarlen Thorajudentums . Stehenden zu einer Weltorganisation, um aller Schwierigkeiten der Zeiten Herr zu werden. In der Zionistischen Organisation ist die eine Strömung, inder „Agudas Jisroel"-Organi.sation die andere.Strömung in die Erscheinung getreten. Man sollte nun meinen, daß im Bewußtsein der gefahrvollen Lage des Judentums sich beide Bewegungen einander nähern müßten. Dem ist aber nicht so. Unter den Jüdischnationaleit gibt cs Antireligiöse, die sich deshalb von der Tradition des jüdischen. Volkes sernhaltcn, weil diese Tradition sich ans der jüdischen Religion ansbaut, und unter den traditionslreuen Religiösen fürchtet ein Teil, die Religion durch einen Anschluß an die nationale'Bewegung' zu gefährden. Wir sind stets der Meinung gewesen, daß. die nationale Bewegung den, lraditiviistrenen religiösen Judentnin keinen schaden, sondern nur Nutzen bringeii kann. Tie rradili'onstrene religiöse Judenheit erfährt durch die Betonung des. Nationalen eine Kräftigung, und überdies führt ihr die nationale Beivegung noch neue Elemente zu, denn der deutende nationale Jude muß den Weg nach der Tradition seines Volkes suchen, und wenn er ihn ehrlich sucht, dann kann er sich der Tradition nur nähern. Zivei Arritel der letzten Wochen aus dem nationalen Lager erweisen die Richtigkeit unserer Ansicht. Tr. N a t h a n P i r n b a n m , der von der Assimilation zum nationalen, und vom nationalen zum religiösen Judentum kam, schreibt in einem Artikel „Tie Religiosität und die jüdische Frau" des letzten Heftes der „Neuen Jnd. Monatshefte" folgende Sätze:. - „Ich stehe auf dem Standpunkte unbedingter 'Vorbildlichkeit des jüdischen Ncligionsgesetzes und mir erscheinen dieses und religiöse Gesinnung, religiöse Form mid religiöser Inhalt, Religion als Gesamtheitsratsache und als individueller Vorgang nicht als Gegensatzpaare, sondern als "je zwei nvtivendige Funktionen eines großen religiösen Einheitsgeschehens." ,. . „Ich kann mich darüber nicht hinwegtäuschen, was osfen für jedermann sichtbar ist, daß,!ver damit anfängt, diese oder jene religiöse Uebung nicht so ernst zu nehmen, entweder selbst 'oder in seinen Kindern oder Enkeln mit vollkom iner (Kottblindheit endet." Und Ai a'x B r o d, der Prager Tichter, läßt sich in der Wiener Wochenschrift „Ter Friede" ■ iHerausgeber Tr. Penno Karpeles; Geschäftsstelle: Wien I, Fleifchmarkr 1) in einem Aufsatz über den „Zionismus" ivie folgt vernehmen: „Es ist die Mission, des jüdischen Volkes im Zionismus, ein (Gemeinwesen zu begründen, welches national ist, ohne iii die unsozialen, imperialistischen. mörderischen Mißbräuche jener vierten- GesühlSrichtung, die man heute „Nationalismus" nennt, zu verfallen.'Indem das jüdische Volk für sich selbst ein solches mnsierhaftes (bemeinivcsen, aufrichlet, mnsterhast nach innen und außen, zeigt es den Völkern Möglichkeit und Weg, auf dem nun jedes Volt nach der ihm eingeborenen göttlichen Eigenart seine originale Lösung zu finden hat. 'Jedes Volk hat seine ihm zugewiescne Ausgabe. Heute freilich, beschäftigt sich kein einziges Volk mit dieser ihm von Gott durch seine natürlichen Geistesgaben aufgegebenen Lösung. Jedes schlägt über seine (Kreuzen und will andere erziehen, statt bei sich selbst anznfangen. . . Tie Juden sollen das erste Volk sein, das bei sich selbst ansängt und dadurch. den Nationalbegriff vom Schmutz der letzten Jahrzehnte reinigt. Tie Mission, auch die universale Mission jedes Volles, kann nur darin bestehen, bei sichselbst Ordnung zu schaffen, die soziale Ungerechtigkeit in den eigenen Grenzen auszutilgen und seine eigene Seele zu frommem Hinhorchen auf die Unendlichkeit zu' läutern." „Wir sollten unter die Völler zerstreut werden, um aus allernächster Nähe und am eigenen Leib alle, alle Mißbräuche. des Nationalwesens keimen zu lernen, — damit wir sodann, wenn die Zeit erfüllt ist, im Heiligen Lande einen neuen Sinn des Nationalismus begründen und leben. Hofsnungsvolle Ansätze zeigen, oaß für soziale Herrschsucht und taftenhafte Umerdrückung in diesem Lande kein Platz sein wird. In dieser Hinsicht arbektcil die „Poale-Zivn" mir besonderer Hingebung. Ein wunderbar tiescs, zauberhaftes Gefühl für die „Heiligung der Arbeit" schlägt aus dem türzlich im Jüdischen Verlag, Berlin) erschienenen Gedenkbnch „Jiskor", das Biographien palästinensischer Pioniere vereinigt. Freilich haftet auch an diesem rührenden Buche nocb arg das Uiivvlllvmmeue: ein gewisser Rausboldton gegen die ziveire Nation im Lande, die Araber. Tenn auch dies halte ich für eine besondere Vorsehung im Schicksal der Inden: daß sie in ihrer alt neuen Heimat nicht allein sein werden, sondern ein zweites Volt amreffen, an dem nun in allem Ernst des praktischen Zusammenseins gezeigt werden muß. ob der „neue NationalbegriU'' bloße -Phrase oder Wirtlichkeit ist. . . Ebensowenig wie die edomjtischen Greuel der .Nanonalschlachtbünkc Europas darf europäischer Kapitalismus in Palästina einreiße». Ter jüdische Narioualsonds erwirbt - statutengemäß Grund und Boden „als unveräußerliches Eigentum des indischen Volkes". Ter einzelne ist Pächter. Nntz-» nicßer: Eigentum gebührt nur der Gesamtheit, wie dies schon das mosaische Gesetz vorschreibt. Ter Zionismus bringt die Erneuerung des mosaischen Gesetzes. Uno nicht nur in diesem einen Punkte erweist er sich als die Nenbelcbung, oie jüngste Form jüdischer Religiosität. Tenn -selbstverständlich ist um diesen einen Punkt nicht herumzukomuien: 'daß. weder die Lösnngp der nationrUen noch die der sozialen Probleme das tiefste ^eelenbedürfnis des Menschen stillt. Es ist das Undendtiche. dessen der Mensch harrt, „von einer Nachtwache zur andern"- -- es ist das Wort Gottes, von dem er lebt:" „Ter christliche Nakionalbegriff dekretiert einen gemeinsamen (Keift aller Nationen, streicht ihre Sonderarten bis ans die Landespalrvnei weg und glaubt, aus diese Art für den Weltfrieden zn arbeiten. Ter heidnische Nationalbegrisf freilich, der die Nationen in ihrer Bestialität einfach als Naturtalsachen hinniimm und zur höchsten Ekstase ihrer Mordinftinkte reizt, ist keine Rettung gegen die christlich-spirituale Gleichmacherei. Erst der jüdische Begriff voic Nation und Erlösung gibt dem (Keifte seine Herrschaft, doch auch den Naluriatsachen ihr Recht. Tie ziveile. universalistische Beivegung, die von den Juden ausgeht, der Zionismus, verfällt nicht mehr in den christlichen Jrrr'nin der Körpertofigteit der ein edler Irrtum mar), ivahrr den Körper der Nation, doch weist er ihm eine ansichließlich geistige Ausgabe, eine Mission in den eigenen Grenzen, ein Beispielgeben in Ersntsnng' der prophetischen Voraussicht (Jesaja, Kapitel 42). Damit erst begründet er die Idee einer neuen Menschheit. . ." Diese Aeußcrungen sind verheißungsvolle Zeichen der Zeit, die die Hofsniing geben, daß die Indenheil eine der kritischsten Zeiten ihrer Geschichte siegreich nberstehen wird. Viel -kommt es in dickem Zeitmomenl aber darauf an, ob die tradirionsrreue religiöse Judenheit begabte Männer unter sich hat mir gesästchrlichem Tenkeil, großzügiger Auffassung und Aufopferungsfähigkeit, die über .alle engbcgrcnzte Parteipolitik hinweg als Wächter der Zeit ans der Wacht stehen. Tie Bekämpfung der in der Zionistischen Organisation znm Ausdruck kom- 18