Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 36 (13.9.1918)
- Date
- 1918-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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)5. ttbi idacl aini rütei dei eiste o de eben were ssten Erscheint wöchentlich am Freitag. Kenrzspreis pro Kirrtrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 . fre! ins Haus. Bei der Post Abonniert Mk. 1.35,. frei ins Haus 4 Pfg: pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten 15 Psg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Insertiousprei» für die fechsgefpalteue Petitzeile 40 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und iu crAnnoncen-Bureaus. Konto bei dem PoUcheckümt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 16. Jahrgang. Freitag, de» 7. Tischri 5679 (13. September 1918) Rr. 36. agi na“: II, t mm In rne» irch lin. trat. I Jomkippnr. Jesaja spricht: „Ihr saget: Warum fasten wir denn? Du, Gott, siehst es ja nicht! Warum kasteien wir uns? Du, Gott, merkst ja garnicht darauf! Sehet! — Noch am Tage eures Fastens wollt ihir .euer Ziel erreichen; eure Entsagungen des tasttages .macht ihr sofort als Gläubiger geLen ott geltend. Sehet! — 'Zu neuem Streit und -Hader fastet ihr hin und um auch weiterhin mit frevelnder Faust zu schlagen! Doch ihr fastet an einem solchen Tage nicht, um eure Stimme in der Höhe vernehmen zu lassen! Glaubt ihr, daß solcher Art .der Fasttag wäre, den Gott erwählte, der ja ein Tag sein soll, an dem der Mensch sich in seiner Armut begreife? Soll etwa der Mensch sein Haupt wie Schilfrohr beugen und in Sack und Asche sich hüllen? Einen solchen wollt ihr Fasttag nennen, einen Tag des Wohlgefallens, einen gottgeweihten? . Ist Nicht vielmehr dies das Fasten, das Gott erwählte: Lockerung der Fesseln der Leidenschaft, Lösung der Bande des Joches, Entlassung der Unterdrückten in die Freiheit, .Sprengung jeden Joches! Jst's nicht, um denk Hungrigen dein Brot zu brachen, verstoßene Arme ins Haus zu nehmen, Nackte zu bekleiden und als von deinem eigenen Fleische dich nicht deiner - Pflicht zu entziehen? Nur wenn, du so , den Fasttag auffassest, wird wie Morgenrot .dein Licht anbrechen und deine Heilung rasch erblühen. Vor dir her geht deine Gerechtigkeit, und die Herrlichkeit Gottes -.nimmt dich auf. / . ' Dann wirst ou rufen, — und Gott wird dich erhören, wirst flehen, — und Gott spricht: Ich . bin bereit! Wenn du aus deinem Innern das. Joch entfernst, auch nicht den Finger auszustrecken und Unrecht zu reden, und dem Darbenden dein Gemüt . entgegenbringst und die darbende Seele labest, — dann wird inmitten der Finsternis dein Licht ausstrahlen und deine Dunkelheit wird zum leuchtenden ^Mittag. Gott führtdich beständig und sättigt mit Herrlichemdeine Seele und kräftigt dein Gebein. Du wirst wie ein getränkter Garten, wie ein Wasserqüell, dessen Wasser nie versiegen. Von dir baut man auf, was ewig in Trümmern lag. Die Grundlagen .spütester Geschlechter errichtest du. Man nennt dich den Wiedererbauer des, Niedergerissenen, den Wiederhersteller der.Pfade zum friedlichen Wohnen. Wenn du aber vom Sabbat deinen Fuß zurückhältst, nicht dein Geschäft zu verrichteil an dem mir 'heiligen Tage, den Sabbat eine Wonne, den Gott heiligen Tag, den geehrten nennst, chn ehrest, indem rtm deine Wege nicht vollbringst, deinem Geschäfte, nicht nachgehst, auch nicht ein Wort davon sprichst, — dann wirst du dich wonnig fühlen, von Gott getragen, und Gott führt dich vorwärts auf die Höhen der Erve und läßt dich genießen das Erbe deines Vaters Jakob, wie Gottes Mund es verhieß." Jesaja spricht ferner: „Was soll Gott die Pracht eurer Tempel? Wenn ihr kommt, so sei es, damit ihr auch vor seinem Angesichte begreifet! Wer hat aber verlangt, daß ihr seine Vorhöfe zertretet? Fahret nicht fort, Huldigungsaabe der Lüge darzubringen! Gott erträgt nicht ein Leben der Gewalttat und Festesfeier! Eure Festzeiten haßt Er, sie sind Ihm' zur Last geworden, Er ist müde, sie zu ertragen. Wenn ihr eure Hände ausbreitet, birgt Er seine Augen vor euch; auch wenn ihr noch so viel betet, hört Er nicht: Cure Hände sind zu voll Blut! . Waschet euch, läutert euch, schaffet die bösen Folgen eurer Taten hinweg, und höret auf. Böses zu tun! Lernet, das Gute zu tun, erforschet die Verwirklichung des Rechtes, bringet das Gährenüe zur Entwicklung, verttetet das Recht der Waise, kämpfet für die Witwe! Alsdann wird Gott sprecheir: Kommet, wir wollen uns zu Rechte setzen, wenn auch eure Sünden wie Karmoisin sind, sollen sie weih wie Schnee werden, wenn sie auch rvt sind wie Pur- 'Pur, wie Wolle so weiß werden sie sein. So ihr einwilliget und gehorchet, werdet ihr das Beste des Landes verzehren. f Seid ihr jedoch widerspenstig, werdet ihr vom Kriege verzehrt werden. Der Mund Gottes hat gesprochen."/ Micha ^spricht: „Gott y'at dir klar ausgesprochen, was das Gute ist, und was er von dir fordert. Er verlangt, das Recht zu üben, Liebeshingebung zu lieben und im stillverborgenen Wandel mit ihm zu sein." Also sprechen Israels Propheten. — Möge Israel am Jomkippur, am' Tage der Sühne, diese Stimme vernehmen. i . Brief aus der Ukraine. Ten genauen Inhalt und Verlauf jeder einzelnen Sitzung des Jüdischen Nationalrats wiederzugeben, wäre nicht möglich und im Grunde auch nicht sehr interessant. Seit der ersten Sitzung des rekonstruierten Nationalrats, stehen eigentlich nur drei Fragen auf der Tagesordnung: 1) „Vorparlament" oder „zeitweilige jüd. Nationalversammlung", 2) „Verwalter des jüd. Ministeriums" und 3) „Gesetz wegen des Rechts der Gemeinden auf (Zwantzs)besteuerung", welches sehr akut ist, , da es allen autonomen jüd. Einrichtungen die finanzielle Basis schassen soll. „Vorparlament" und „Verwalter" sind eng verknüpfte Fragen; denn das Gesetz wegen den Wahlen zum Vorparlament bedarf — um Gesetzeskraft zu erlangen — der Bestätigung der ukrainischen Regierung. Der Nationalrat ist aber nicht ermächtigt oder berechtigt, der Regierung Gesetze zur Bestätigung vorzulegen, vielmehr - ist das Sache des Ministers für jüd. Angelegenheiten. Da nun ein solcher schon seit längerer Zeit nicht da ist, -muß eben ein neuer gewählt werden. Die politische Lage' ist aber derart, daß die weitere Existenz der nationalen Ministerien noch ganz und gar nichtsichergestellt ist. Vielmehr ist es laut Erllärungen Lisogubs und. anderer Regierungsvertreter sehr wahrscheinlich, daß die nationalen Ministerien über kurz oder lang abgeschafft werden. Außerdem kann doch 'kein Minister -ohne Programm gewählt, werden,'und da für die Orthodoxen uiw für die Zionisten das bisherige Programm des jüd. Ministeriums mit seinem nicht nur stiefmütterlichen, sondern direkt feindlichen Verhalten gegenüber der hebräischen Sprache, Kultur und Schule unmöglich war. Und da die Durchführung eines neuen Programms, sogar mit event. Unterstützung der „Bolkspartei", bei der unglücklichen Zusammensetzung des Nationalrats unweigerlich scheitern mußte — denn Minister- Programm ist doch „konstitutionelle Punkt und bedarf der zweidrittel Mehrheit —, so schlugen die Zionisten gleich auf einer der ersten Sitzungen vor, keinen Minister, sondern einen technischen .JBtvtoatt ex" zu' wählen, ' dessen Aufgaben tceitt organisatorisch-technische, vor allem die Ermöglichung der Durchführung der Wahlen zum Vorparlament und dann die rein technische Wetterführung der Geschäfte' des Ministeriums bis zum Zusammentritt dis Vorparlaments sein sollten, wobei natürlich die Zionisten vom Verwalter fordern, daß ex keinerlei Begrenzungen und Beschränkungen inbezug aus hebräisch und jüdisch vornehmen loder dulden dürfe. Daß besonders diese letzte Forderung ganz und gar nicht den Beifall der sotzenannten .Linken" fand, ist leicht verständlich. Aber auch der Vorschlag über den „Verwalter" selbst paßte der Linken nicht, und es entspannen sich endlose Debatten, und Sitzung um Sitzung verging, ohne daß die Arbeit einen Schritt weiter gedieh. Das wollte gerade die „Linke". Denn das Vorparlament wird das unzweideutige Bolksnrtell über sie darstellen. Sie wird dort nicht nur keine Mehrheit, sondern nicht einmal die Hälfte der Stimmen besitzen. Tie Herren der „Linken" müssen also streben, das Zusannnentreten des Vorparlaments f» lang wie möglich hinauszuschieben. Inzwischen können dann die nationalen Ministerien sowieso abgeschafft werden, die nationale Autonomie kann bis dahin wieder genommen werden, und man wird dann — so denken sie — won dem ganzen unangenehmen Vorparlament uns gute Weise los sein. Da ist es das beste. Man verlangt geradse einen Minister und gerade ein Programm; das gibt endlose Debatten, und der Zweck ist erreicht. Aehnlich geschah ses auch. Man stand auf einer Stelle und drehte sich im Kreise herum. Schließlich ging es aber doch nicht mehr, und auf einer der letzten Sitzungen wurde der zionistische Vorschlag, einen technischen Verwalter zu wählen, von den „Linket ausgenommen und in etwas veränderter Form mit der Hinzufügung hineingetragen, daß der Verwalter bei allen prii^ipiellen Fragen die Entscheidung des Nationalrats anzurufen hat. SBinät also z. B. eine jüdische Schule bestätigt werden soll, dann trägt der Verwalter die Angelegenheit dem Ministerrat vor und dieser entscheidet dann, ob die Schule Rechte bekommt oder nicht. Die Zionisten verlangten nun sofort hinznznfügen, daß der Verwalter nur diejenigen Beschlüsse dnrchznführen hat, die durch die' (einfache) Mehrheit des jetzigen Nationalrats gefaßt werden. Das rief wieder erregte Debatten hervor, und der sozialistische „Bund" schlug vor, hinzuzufügen: „außer den „k»nstitutiom:llen Punkten". Ms man zur Mstimmung schreiten will, erklärt das Präsidium nach einer kurzen Beratung, daß es zu keinem Beschluß darüber gekommen ist, ob diese Hinzufiigung selbst zur Annahme einer zweidrittel Mehrheit bedarf oder nicht; es tritt daher zurück. Lazki verbleibt als technischer Vorsitzender, und ans der nächsten Sitzung wurde die zionistische Forderung (von der Ausführung der Beschlüsse der Mehrheit des jetzigen Naiionalrais)^.mit 30 gegen 30 abgelehnt. Dagegen wurde der Punkt, bwtz -er Verwalter verantwortlich ist, von dem Naiionakrat einstimmig angenommen (übrigens einer der seltenen Fälle, wo der Nationalrat etwas einstimmig angenommen hat). Auf 'dieser Sitzung wurden auch eine ganze Reihe anderer Punkte angenommen, die im „A r b e i t s Programm für den Verwalter" enthalten waren, welches die Zionisten auf einer der ersten Sitzungen vorgeschlagen hatten und welches damals mit 30 gegen 30 abgelehnt worden war. , ' Dagegen wurde der zionistische Vorschlag, daß der Verwalter alle Mittel zu ergreifen hat, damit alle jüdischen gesellschaftlichen Einrichtungen in den Aufgabenkreis der Gemeinden übergehen sollen — wobei keinerlei Bedingungen inbezug auf Unterrichtssprache in der jüdischen Schube gestellt werden dürfen — nicht angenommen. Da erklärten die Zionisten, daß sie nun gegen die Resolution als Ganzes stimmen werden. Der orthodoxe „Achbus" unterstützte die Zionisten, und mit 30 gegen 30 wurde die ganze Resolution abgelehnt. Natürlich war das für die „Linke" wieder eine Ouetle für Hetzreden, Beleidigungen und Beschimpfungen: die Zionisten seien nicht mal fähig, die ihnen dargereichte Macht zu übernehmen, sie wollen die Zlutonomie untergraben, trotzdem sie, die Linken, sich bemühen, ihnen so /weit wie möglich entgegenzukommen und nachzugeben nsw. Dabei wollen sie natürlich nicht sehen, daß man nur dank ihrer hartnäckigen Sucht, die Rechw der hebräischen Schule und Kultur zu begrenzen, zu keime Verständigung gelangen «kann. — Um zu zeigen, zu welchen SPitzfindigkeiien sie sich manchmal verfleigen, folgende Keine Episode: Als die Zionisten auf einer der ersten Sitzungen ihr bereits erwähntes Arbeitsprogramm vorschlugen, welches vom Verwalter inbezug auf kulturelle Fragen strengste Sachlichkeit, keine Beschränkungen für die eine oder andere Unterrichtssprache forderte, lehnten die .^Vereinigten" diese Forderung mit folgender Begründung ab: Gleiche Beharcklung beider Sprachen bedeutet „Neutralität". Das sei aber ein politischer Standpunkt. Ein neutrales Programm sei demnach auch ein politisches Programm. ^-