Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-09-06 · Heft 35 (6.9.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 35 (6.9.1918)
Date
1918-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693110--10440-2705772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (1 not found in this text)

f. 6-—. — ■■■■ - - . ■ .. Erscheint wöchentlich am Freitag. ‘ Srmgspreis pro Wertrljahr: In Frankfurt a. Df. Mk. 1.50 fter ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frer ms Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.3.— für alle übrigen Länder Mk. 2.5V Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. ».-trt a- .- , _ -” Redaktion und Expedition: Fratiftfurt a. M n Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. — Hepansgever: Sarg chels. f.=■-■■■■—=■.. . =■ - -— Insertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 40 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.5V. Bei Wederholungen entsprechender Rabatt. Platz» und Datum-Norschrist ohne Verbindlichkeit. Wnoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Amwncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 16. Jahrgang. Freitag, Hot 29. Eilul 5678 (6. September 1918) Nr. 35. nds. arlert meinet and lcM Iber len lilbert hf.. 1040. Die Türkei und die PalLstivasrage. Me Verhandlungen, die vor kurzem in Kon-- stantinopel mit der türkischen Regierung^ seitens der Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen über die Palästinafrage geführt wurden, behüten den Beginn eines wichtigen Abschnittes in rer Entwicklung der Palästinafrage int Kriege. Wir haben bereits vor dem Beginn der Verhandlungen ans 'deren Bedeutung hingewiesen und dargelegt, daß schon die Einladung, die die türkische Regierung an die jüdischen Organisationen zur Ansnahine der Verhandlungen ergehen ließ, einen wichtigen Fortschritt in der Palästinafrage bedeutet. War doch diese Einladung das erste Symptom einer wirklichen Gesinnungsändernug der türkischen Regierung hinsichtlich der Palästinasrage, der Anfang einer neuen positiven Politik der türkischen Regierung. .Denn, bekanntlich. hat die Türkei bis zum letzten Jahre es abgelehnt, mit Vertretern der jüdischen Organisationen offiziell über Palästina zu verhandeln, weil sie die Existenz, einer jüdischen Palästinasrage nicht anerkennen wollte. In denjenigen jüdischen Kreisen, die die wirkliche Bedeutung des Pälästinaproblems sowohl in jüdischpolitischer als auch in allgemein weltpolitischer Hinsicht seit langem erkannt haben, war man sich , .darüber klar, daß diese passive Haltung der türki- ’e*er' ^en Regierung nicht dauernd bleiben konnte, weil WunsejliKjg Palästinaproblem früher oder später durch lHÄlfcinc Dringlichkeit und weltpolitische Aktualität auch millboii öct Türkei anerkannt werden mußte. Man iveiß, wie schnell und mit welchem unerwarteten Erfolg die Entwicklung der Palästinafrage im Kriege sich vollzogen hat, und lein Politiker kann heute wohl die große Bedeutung und Aktualität der _ Frage noch irgendwie bezweifeln. Verschiedene Erirkeiii flattrigen der Großmächte über die Frage sind 880 . zroße und bleibende Symptvrue ihrer wcltpoliti- Ki,aiftr chen Bedeutung. Die türkische Negierung hat vor ängerer Zeit-bereits in dem bekannten Interview!wMte l-Saät Paschas den ersten Schritt zu einer Aendeung .ihrer Politik getan, dann aber .leider lange - n Beit verstreichen lassen, bevor sie daran ging, dre n jenen Erklärungen Talaat Paschas erteilten Zu- I Dllcherungen wirklich einzulösen. Die Einladung an I «ie jüdischen Organisationen zur Aufnahme prak- «Wer Verhandlungen stellten den ersten Schritt «r zur Erfüllung dieses Versprechens/ und damit erste wirkliche Symptom einer faktischen Aen- ^crnng ihrer Politik. Bis heute ist noch Mn.offizielles CommNiri- |Uf bei5 türkischen Regierung oder der jüdischen 'ekegakion über das Ergebnis der Verhandlungen isgegeben worden. Man muß' das sehr bedauern; enn dadurch wird die jüdische Oefsentlichkeit über Vorgänge, deren Verlmis und deren Ergebnis! sie ußerordentlich interessieren, lange im Unklaren Kassen, und auch abgesehen davon muß man es on rein politischem Gesichtspunkt aus und gerade om Standpunkt der Türkei M seltsam und zum Mindesten ungeschickt bezeichnen, daß ^fn solches ifizieiles Communiqus Nusgebliebeü ist. Denn liturgemZß müssen diese Kreise zu. der Meinung klängen, daß die Verhandlungen so resultatlos erlaufen sind, daß nicht einmal ein kurzes Commüique h'erausgegebLn werden konnte. Ersreulicher- ■ eise hat man durch Mitteilungen der an diesen -----V erhandlungen beteiligten^Orgauisatioucn und der S >»1, ldischen Presse doch erfahren, daß der Verlauf - " ibdas Ergebnis der' Berhändlungen nicht s o un-i | friedigend - findwie man - es aus -'Gruird des' idnelli .omfort ln allbi irlarlg Stillschweigens der türkischen Regierung annehmen könnte. Zwar sind noch keine konkreten Resultate zu verzeichnen; aber welcher realpolitisch Denkende hat von der ersten Verhandlung in einer so außerordentlich schwierigen Angelegenheit, bei der die türkische Regierung auch beim besten Willen mit so vielen inneren und äußeren Schwierigkeiten zu . kämpfen hat, sofort greifbare Ergebnisse erwartet? Es mußte von vornherein klär sein, daß die ersten Verhandlungen in erster Linie eine moralische Bedeutung besitzen., nämlich die Anerkennung der jüdischen Palästinasrage als weltpolitisches Problem durch. die türkische Regierung, die Anerkennung der jüdischen Frage in Palästina durch die Türkei. Dies ist in den Verhandlungen geschehen, und in den Erklärungen, die Talaat Pascha der jüdischen Delegation abgegeben hat, deutlich und klar zum Ausdruck gebrächt worden. Sowohl die Einladung. der türkischen Regierung, wie die Erklärungen von Talagt Pascha sprachen ausdrücklich von der „Bildschaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina". Darin ist die Grundforderung des Judentums hinsichtlich der Palästinasrage zusninmengesaßt und durch die türkische Regierung anerkannt. lieber dieses moralische Ergebnis hinaus haben die Verhandlungen noch zu einem zweiten, konkreten, Resultat geführt: zum Beschluß der 'türkischen Regierung, eine Spezialkommission .zu ernennen, oie mit den jüdischen Vertretern die. Einzelheiten der jüdischen Forderung. und der Regelung des Palästinaproblems besprechen und beschließen soll. Diese Kommission soll bereits gewählt sein und wird, wie verlautet, im Herbst die Verhandlungen ausnehmen. Von dem Ergebnis dieser Verhandlungen wird das entscheidende ' Urteil über das, was wir Juden von der Türkei zu erwarten haben, abhängen. Das Ergebnis dieser Verhandlungen läßt sich natürlich nicht Voraussagen, dazu ist die ganze Angelegenheit zu schwierig und delikat. Aberdie Anerkennung der jüdischen Palästinafordcvung durch die .türkische Regierung in einer so feierlichen Form, wie es die Einladung an die jüdischen Organisationen und die Entsendung einer jüdischen Delegation nach Konstantinopel darstellt, sowie der Beschluß, der türkischen Regierung, eine Spezialkommission für die Führung der einzelnen Verhandlungen zu ernennen, sind doch erfreuliche Syinptome, die zu der Erwartung berechtigen, daß. die Türkei auch in den kommenden Verhandlungen die Berechtigung und die weltpolitische Bedeutung der jüdischen Forderung anerkennen und sich entschließen wird, ihr entgegenzukommen. Jedenfalls darf schon heute konstatiert werden, daß bei der Lösung der Palästinafrage die Türkei wieder zu einem aktiven und überaus bedeutsamen Faktor geworden ist, von dem man in jüdischen Kreisen wiederum Günstiges und Fruchtbares erwarten darf. Durch all die Kriegsjahre hindurch war die Haltung der Türkei schwankend, passiv gewesen und mußte demgemäß die Stellungnahme des Judentums zur.Türkei ün-- günstig. beeinflussen. Es ist vom Mischen Stand-' Punkt außerordentlich - erfreulich, daß nun endlich eine Wandlung eingetreten ist, daß das Judentum wieder mit Hoffnung und zuversichtlicher Erwartung auf die türkische Regierung blicken darf, und daß die jahrhundertelange traditionelle Freundschaft zwischen dem jüdischen Volke und der ' Türkei wieder neue Nahrung und. neue. Stütze erhalten hat. Ranschhaschouöh. Tie vorjährige Jahreswende war von Friedeushosjnungen umflossen, Aber der diesjährigen lagert das schwarze- Gewölk eines endlosen Krieges. Zn einer noch schwerereit Zukunst als die seiner Vorgänger scheint der fünfte Kriegsrauschhaschonoh das Tor zu öffnen, und wie ein -stummer Vorwurf zu Gott dürfte es die Seelen hon tausenden' Betern in Israels^Gotteshäusern durchziehen, daß Gott der Kriegsnot kein Ende macht. ) Toch wer so denkt, sucht die Gründe für sein Geschick außerhalb seines Jchs, und er sollte sie i n sich suchen. Wie das Leben des Menschen vor Gott gleich einem äufgeschlagenen Buche offen liegt, so sollte auch der Mensch sein Leben in den Tagen des Rauschhaschonoh vor feiner Seele offen ausbreiten. Er würde dann erkennen, daß er kein Recht zu seiner Klage hat. In der Gegenwart ist der Mensch von. Unfreiheit eingeengt, und wohin er schaut, sieht er mir ans sich bedachten Eigennutz, den gleichen Eigennutz, der den Krieg hervorrief und seine Flammen immer noch wach hält. Bor dem Kriege konnte er die Stuiwen seiner Tage nach seinen Wünschen gestalten, und wenn er auch Eigenuutz bei anderen sah, bei sich selber glaubte ein jeder 'an" das Ideale der Beweggründe seiner Handlungen. In Wirklichkeit galt aber alles Denken und alles Arbeiten, die Gestaltung der Zeit und die Beweggründe der Handlungen dem Ich. Daß das eigene Ich immer mehr hervorrage ans dem Kreise seiner Umgebung, daß es ihm besser und angenehmer' gehe, diesem Ziele war die beste Kraft geweiht. Die Interessen der anderen, die Forderungen des Rechtes der Mitmenschen kamen erst als ein zweites. Der Wille mitzuarbeiten, daß die Segimngen der Gleichachtung unter den Menschen herrsche, dieser Wille, der alles Währe, Gute und Schöne in der Menschheit gebiert und allein würdig ist des im Ebenbilde Gottes erschäsfenenen Menschen unterlag gar schnell. Kaum war der Jüngling aus der Zeit des Lernens heraus, kaum war er ins Leben getreten, da ward ihin das Leben zu einem Kampfe, in dem -er seine -eigene Person ourchsetzen mußte. Und wer nicht gu dem Glanze der Macht gelangen konnte, beneidete wenigstens die, die das Ziel erreicht hatten, schätzte sie als die glücklichen und beugte sein Haupt vor ihnen. > Dieser Zeitgeist, der nur das eigene- Leben zu Ende denkt, weiß nichts von dem Ewigkeitsatem des Geistes der Zeiten, begrenzt ist sei« Blick, kurzsichtig sein Handeln, de'r Kampfruf „Alle gegen alte" ist seine schließlich: Folge, sodaß aus dem Schoße dieses Zeitgeistes heraus der Krieg der Gegenwart erzeugt werden mußte. Wenn wir Menschen deshalb jemand anklagen ob all des Unheils des Krieges/ so müssen wir uns anklagen, denen als Gottesgeschenk die Freiheit des Handelns mit ins Leben gegeben war und die von dieser Freiheit nicht den rechten Gcbrcuich gemacht haben. Das Judentum ruft an der Jahreswende besonders eindringlich seine Kinder aus, sich dieses Gegensatzes zwischen dem an der Erdenniedere haftenden, irdischen,, endlichen Zeitgeiste und dem ätherbeschwingten, göttlichen, unrnblichen Geiste der Zeiten bewußt zu werden. Me einstMoses ries: Wer-für Gott ist, zu mir! so ruft der Rauschhaschonoh - zu ganz Israel: Wer fiir Gott ist, der komme zu der Gedankenwelt des Judentums; „Techuwoh, Tefilloh und Maasim tauwim", Einkehr und Selbsterkenntnis, Beschäftigung mit den Fragen, wie das Leben als ein Gott genehmes zu gestalten sei und. als drittes gute Taten sind - die Wege, die zu dieser Gedankenwelt sichren. Bor Dir -■ liegt das Leben und der Tod, — so wähle das Leben, daß Du.wahrhast lebest und Deine Nachkommen wahrhaft leben als Nachkommen Israels, dessen Ringen und Kämpfe» dem Göttlichen galt. Auch Israel rang an der Wende der Zeit mit dem. Göttlichen;, da er rang, wurde er des Göttlichen Herr, zog dann hin im Frieden, während er sonst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.