Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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’> .. Erscheint wöchenllich am Freitag. - pro Vierteljahr: In Frankfurt a» M. Mk. 1.50 . fr« ins HauS^ Bel der Post abonniert ML1.35, frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch ' Streifband für Deutschland undOesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 8.50 Einzel-Nummern kosten 15 Psg. " =: ' ' ."r.nTS . Redaktion und Gzqredition: Frankfurt s. ID; rr Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Instrtionsprris für die fechsgespaltene Petitzeile 40 Pfg., für st die Reklamezeile Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entsprechender I Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbircklichkeit. k Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. " — ■’ — 1« sq»»«» »nlteu, i>en 15. EIlnJ 5678 (88. «n»#fH918) M. 88. Die grvtze Strafreve. Wenn noch ttie in unserem Leben, so sollte am diesmaligen Spbbat Ki-Sowau sich unser Denken an jedes Wort der „großen.Strafrede" unseres Lehrers Moses klammern. Gleich den grell leuchtenden Blitzen und den dröhnenden Ddnnerschlägen eines gewaltigen Gewitters sollten unseres großen Lehrers Pröphetenwortc auf uns niedersausen und unser Innerstes aufwühlen. Als weit, weit hinter uns liegend, hatten wir bisher stets dieses furchtbare Gesichte geschaut. Einst, . vor zweitausend Jahren, da der erbarmungslose Weltunterdrücker, der Röiner, nicht eher ruhte, als bis unser paradiesisches Heimatland eine öde Wüste und die Neberlebenden unseres freiheitsliebenden, bis zum Aenßersten kämpfenden Volkes rechtlose Sklaven waren, damals, so wähnten wir^ hatte sich verwirklicht,' daß in der Not sogar die Mutterliebe versiegte und eine Mutter ihr Kind um den Bissen Brot beucideie. Damals, nur damals, so wähnten wir, ivar das Leben so furchtbar geworden, daß der Glaube an das Leben schwand iind man vor der Angst des Herzens des Morgens wünschte: „Oh, wäre es Abend" und des Abends: „Oh, wäre es Morgen." Damals vor zweitausend Jahren, — so wähnten wir. Doch wir hatten uns getäuscht. Auch unsere Tage haben die Gefühle jener Zeit aus eigenem Erleben wieder wachgerufen. Die Menschheit unserer- Tage war weit abgeirrt vün ihrer' Bestimmung, und so traf, sie ein. Geschick, das dem Bilde ähnelt, das Moses vor seinem Tode seinem Volke für den Fall entwarf, daß es seiner Bestimmung untren ivcrde. Auch heute ist das Unnatürliche nicht selten .geworden, — aas; selbst die durch Blutsbande Verbundenen einer den. andern um ein' Stück Brot beneiden. Auch heute ward das Unnatürliche zur Wirklichkeit, daß der Mensch den frohen Glauben an das Leben einbüßt und angstvoll am Morgen den Abend und am Abend den Morgen ersehnt. Unsagbar kraß muteten uns stets die Bilder der großen Strafrede Moses an. Unsagbar kraß mutet nns aber auch das an, was wir täglich und stündlich in unseren- Tägem erleben.« Diese Verworfenheit' in der Menschheit, aus schnödem Interesse mit dem Leben der Völker zn spielen, ihr Daseinsglück'und ihre Dascinsfrcude zu vernichten, täglich tausende hoffnungsvolle Menschenleben dem Kreise-'ihrer Familien znentreißen und der Verkrüppelung oder dem Tode zu überliefern. Wie Spieler würfeln, so würfelt mau heute um Menschen. Treubruch- und Verrat triumphieren. Und in diesen! Höllenpfuhl ringen Millionen nach der Ruhe> der Sicherheit . und 'der - Freiheit ihres Lebens/' doch' immer fester und' cirger legen, sich-- die Sklavenketten um die persönliche' Freiheit', immer 'mehr wirdder Mensch - ein willenloses, hoffnungsloses! Wesen. Wenn er heute glaubt, er kann die Ketten nicht mehr enger tragen, er kamt-es. nicht mehr längen aushalten- — sind morgen die Ketten doch noch enger geworden, und er erträgt sie dodh,./muß-sie ertragen, sof er weiter dahinleben, sein ngckteK.! Mäg -um ihn; henmr.Berwüstungiuikd>Vmnichtuntz wMn/er siehtnur das Eme, sein eigenes Leben zu retten. Doch er fühlt, morgen kann es ihn selber treffen. So wurde das Paradies Erde zur Hölle durch Menschenschuld. Zwischen den Völkern lebt ein Volk, dessen Geschick noch um eine Note herber ist als das der anderen Völker. Auch seine Jugend verblutet in allen Ländern auf den -Schlachtfeldern.' Aber es bedarf iii allen Ländern nur des EntzÜndens eines Strohhalmes, um die Flamine des Hasses gegen dieses Volk aüfzüngcln zu lassen. Denn sein Recht ist noch winziger als das Recht der Rechtlosesten in den Ländern. Wir meinen das jüdische Volk. Es genügt nicht, daß cs all' das Schwere, was heute auf den Völkern lastet, mitcrlebt, »och ein Mehr ist ihm in all' dem grauenhaften Elend der Jetztzeit üeschieden. In Rußland und in der Ukraine hat man unter seinen Frauen, Kindern und Greisen gemordet, in Finnland es ausgewiesen; in Polen boykottiert man seine Erwerbstätigen; in Ungarn verbietet ein Geheimerlaß den Verkaufvon Staatsboden an Juden. ) Dabei sei garnicht gesprochen von der Aechtnng und Zurücksetzung der eiuzelnei! unter ihnen in allen Ländern in ihrer Eigenschaft als Juden, an welcher Bewertung die Vlutopfer auf den Schlachtfeldern nichts änderten. Ist denn die Schuld dieses Volkes eine größere als die der anderen Völker? Es war auserwählt, die Fahne der Wahrheit und des- Rechtes, der Menschenliebe und der Sittenreinheit hochzuhaltcn. Gott sollte in diesem Volke eine geheiligte Stätte haben, — doch Krämer weilen in der geheiligten Stätte, und so hat es sich seiner Bestimmung, eine Leuchte unter den Völkern zu sein, nicht treu erwiesen. Auch in seiner Mitte kann man mit Davids Worten klagen: „Es gibt keine Treue mehr unter den Menschenkindern." Auch in seiner Mitte ist die materielle Macht die angebetete, beherrschende Macht./Und oie Sittenreinheit, der Stempel der Gottebenbildlichkeit des Menschen, ist bei ihm im Schwinden ebenso wie die Menschenliebe, die das Anerkenntnis Gottes, als -Vater der Menschheit, die die wa^e Religiosität bedeutet. Weil es, das besser sein sollte als andere Völker, den Sitten der anderen Völkern nachbnhlte, traf dieses Volk anl härtesten das Geschick. Möchten die Schcfartöne des Ellulmonates die Judenheit aus ihrer Lethargie aufrütteln, damit sie sich darauf besinnen, daß sie ein „Am kaudesch", ein „heiliges Volk" sein sollte. Das betrifft die Gesamtheit tvie jeden einzelnen in ihr. Wer sich nicht auf seinen hehren „Mensch- Jsrael-Beruf" besinnt, der ladet auf sich den Fluch, den unser Lehrer Moses verkündete: „Verflucht sei, wer da steht bei dem Blute seines Nächsten." Dxnn durch die Handlungen seines Lebens trägt er mit Schuld daran, daß noch Tausende auf den Schlachtfeldern verbluten, daß der Krieg noch verlängert wird. Das Jahr steht an der Wende, die Tage des göttlichen Gerichtes nahen, gehe ein jeder mit sich zu Rate, ob er vor dem Richterstuhke Gottes bestehen kann und vergesse nicht, daß er mit seinem Leben nicht, nur sein eigenes Geschick, sondern auch das Geschick der'Menschheit beeinflußt. Die Regelung -er rumänische« JuÄenfrage. In letzter Zeit sind aus Rumänien verschiedene R'ach- . richten gekomnren, die davon zeugen, daß die "rumänische Regierung doch gewillt ist, der Regelung der Judenfrage ernsthafter als bisher näherzutreten. Die Regierung hat einen entsprechenden Gesetzentwurf dem Parlamente eingereicht und derselbe ist bereits im Senat wie im Parlament definitiv angenommen worden. Das Gesetz regelt die Judenfrage entsprechend den Bestimmungen des 8 28 des Bularester Vertrages, d. h. es erhalten die Gleichberechtigung diejenigen, die in diesem Kriege Heeresdienst -geleistet haben, sowie diejenigen, die selbst im Laude geboren und deren Eltern auch im Lande geboren sind: Zu diesen beiden Kategorien, die im Bularester Friedensvertrag bereits festgelegt sind, treten iwch einige wenige Aendernnge», wodurch die Zahl derjenigen, dir naturalisiert werden, etwas erweitert wird.' ' Es muß angesichts der bisherigen jahrzehntelangen Politik der rumänischen Regierung in der jüdischen Frage, die bekanntlich darin bestand, immerzu Versprechen zu machen, ohne auch mir einen Schritt zu ihrer Einlösung zu tu», doch schon als ein erfreulicher Fortschritt bezeichnet »erden, daß wenigstens die Bestimmung des Bularester Vertrages nunmehr durchgrführt werde» soll. Die energische Haltung der Judenheit aller Länder wie auch der internationalen öffentlichen Meinung, die die Erfüllung der von der rumänischen Regierung übernommenen Verpflichtungen forderte, scheint doch auf die maßgebenden politische» Streife in Rumänien nicht ohne Wirkung geblieben zu sein. Nachdem es bereits zeitweise so ausgesehen hat, als ob die rumänische Regierung auch jetzt versuchen wollte, durch Ausreden und Wrssliichte sich der Durchführung der Bestiinmungen des Buküreflrr Friedensvertrages zu entziehen, hat sie jetzt doch wohl eingxsehen, daß die Fortsetzung der alten Methode jetzt nicht mehr angängig sei und hat sich entschlossen, lvenigstens im Rahmen des Friede'nsvertrages die Regelung der Judensrage vorznnehmen. Daß der Senat und das Parlament das Gesetz angenommen haben, kann nicht wnndernehmen, denn immer wüßte mini schon, daß es nur des ernstlichen Willens der politischen Machthaber bedurfte, um die Judenfrage in Rumänien zu lösen.. Man darf also auf jüdischer Seite eine Genugtuung empfinden, daß wenigstens der erste große Schritt zur Beseitigung des furchtbaren Unrechts, das seit Jahrzehnten an den rumänischen Inden' begangen wird, getan wurde,, doch haben, wir schon bei dev wiederholte» Besprechung des Bularester Fricdensvertrages dargelegt, daß die dort vorgenommene Regelung der Judensrage keineswegs restlos befriedigend sei. Sie stellt keinesfalls eine vollkommene Naturalisierung der gesamten rumänischen Judenheit dar, bedeutet auch keine Kollektiv-Naturalisation, sondern gewährt bestimmte» Kategorien das Recht auf -Einbürgerung. Wir haben im Einklang mit der gesamten' jüdischen öffentlichen Meinung und auch weiter Kreise bei deutschen und neutralen politischen Welt unsere Kritik an' dieser Art ' der Regelung der rumänischen Judensrage geübt undes ist heute nicht notwendig, sie gu wiederholen. Immerhin möge betont werden, daß die Kategorien, die laut dem Friedensvertrage und dem gegenwärtigen Gesetz naturalisiert werden sollen, '.den überwiegenden Teil dex rumänischen Judenheit darstellen und daß eine wirkliche und loyale Durchführung des Gesetzes der großen Majorität der rumänischen Judenheit die Gleichberechtigung geben würde. ' Aus diese wirkliche und loyale Durchführung des Gesetzes aber wird es ankommen. Es war einer der großen Mängel des Bukarester Friedensvertrages, daß er die Durchführung der Naturalisierung den einzelnen rumänischen' Behörden überließ, die von Fall zu Fall prüfen und entscheiden müssen. Damit ist, wie wir schon selbst betont habeu. der Willkür der Behörden freier-Spielraum gewährt und an-