Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 32 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ellnl, der letzte der Monate des Jahres, der Monat des rückschauenden Nachdenkens, hat seine Herrschaft anwtreten. Wer ohne Selbsttäuschung die tausenden entchwundenen Stunden des Jahres prüfend an sich vorüberziehen läßt, wird nur gezählte Stunden finden, die wahrhast würdig waren des im Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschen, und er muß auf die verzeihende Liebe Gottes hoffen, daß ihm für das kommende Jahr ein gnädiges Geschick werde. Das mathematisch durchdachte logische Recht kann eben nur in der Theorie, nur als wegweisendes Prinzip bestehen. So wenig wir seine Anwendung Uns gegenüber von Gott erwarten, ebenso wenig dürfen wir seine Anwendung unseren Mitmenschen gegenüber betätigen. Milde und Menschenliebe sollen stets versöhnende Fürsprecher in dem Verhältnis zu unseren Mitmenschen sein. Das starre, unbeugsame rücksichtslose Verfechten von Prinzipien hat einst Jerusalem der Zerstörung überliefert, indem es den Bürgerkrieg entfesselte, den Brüder gegen den Bruder die Waffen strecken ließ, statt beide zur gemeinsamen, gegenseitigen Hilfe zu vereinen. Und noch heute schwächt dieser Kampf . Israel. Denn gerade das Zentrum der Judenheit, der Kreis der Traditionstreuen, in dem sich doch ein jeder zum Thorajudentum bekennt, ist in sich gespalten,, weil ein Kampf um Prinzipien alles andere zurücktreten läßt, und wie die schärfsten Feinde stehen sich häufig Gesinnungsgenossen, in einer Zeit gegenüber, die die Grundsäulen der Judenheit erschüttert und deshalb den brüderlichen Zusammenhalt aller der Tradition des Judentumsnoch Treuen fordert. Auch auf dem Bundestag der „Agudas-Jisroel"- Jugendorganisativn, der vorige Woche in Würzburg ahgehalten wurde, konnte man wieder die Beobachtung machen, wie die beste Zeit Fragen gewidmet wird, die die Risse innerhalb der traditionell gesinnten Judenheit offen halten, ja noch erweitern müssen. Es gibt zahlreiche der Erfüllung des Thoragesctzes lebende Jude», die gerade aus ihrer jüdischen Auffassung heraus es als ihre Pflicht betrachten, auch außerhalb ihrer Kreise sich überall dort in der Jichenheit .zu betätigen, wo jüdische Interessen gestärkt werden sollen Und wenn diesen Männern nun gesagt wird, daß sie 'deshalb keine vollwertigen Juden seien, wenn sie wegen ihrer Auffassung über die Achsel angesehen werden von jenen, die solcher Auffassung nicht zustimmen können, so muß dies zu einer verhängnisvollen Zersplitterung führen. Ter Bundestag hat einen erheblichen Teil seiner Zeit der Frage gewidmet, ob Gesinnui^sgenössen, die der Zionistischen Organisation angehören, selbst weyn sie im Misrachi organisiert sind, in der „Agudas JisrvA" das passive Wahlrecht zu gewähren sei. Nur, weil der Bundestag der Jugendorganisation nicht zu einem Beschlüsse berechtigt ist, ihn vielmehr der 'Hauptorganisation überlaßen muß,, kam es nicht zu einer Äbstimnmng, die unter dem Einfluß der bestimmenden Persönlichkeiten der Tagung, so seines' Präsidenten Direktor Dr. Lange, auf die zu einem erheblichen Prozentsätze aus 17- und 18jährigen jungen Leuten bestehenden Anwesenden — denn was älter ist, steht meist im Militärdienst — zu einer Degradierung der zionistischen Mitglieder zu Mitgliedern zweiter Klasse geführt hätte. Erst die aus dem Feld zürückgekehrte Jugend wird den Ausschlag geben. Das' ändert aber nichts an der Tatsache, daß ein solches intransigentes Denken innerhalb der traditionstreuen Judenheit Deutschlands diese zersplittert und so ihre Aktionsfähigkeit schwächt. Der Bundestag hat gezeigt, daß wir eine Jugend haben, in der in stärkerem Maße Idealismus und Arbeitsfreudigkeit für die jüdische Sache lebt. Die schwersten Ausgaben warten unser für die nächsten'Jahrzehnte. Und da ist es doch eine ernste Pflicht, daß sich alle die, die es angeht, die Frage vorlegen, ob sie die jüdisch-politischen Fragen für oder wider den Austrittgedanken, für oder wider'den Beitritt'zur Zionistischen Organisation nicht doch als. rein jüdisch-politische Fragen betrachten sollen. Für jeden, der warmes Gefühl für alle jüdischen Brüder in seiner Brust trägtsollte, so meinen wir, die Entscheidung nicht schwer sein. Man gjbt, wenn Man, Solidarität betätigt, von seiner eigenen Ueberzeugung nichts auf. Strenge gegen sich,' liebevoll nachgiebig gegen andere icheinr uns als der Gott genehmste Weg, und so ist es auch für die traditionstrene Judenheit das wichtigste, wie jedes ihrer Kinder in seinem Leben, das Thoragesetz verwirklicht. Wenn die Agudas Jisroel das Schwergewicht ihrer Tätigkeit darauf richtet, diese positive innere. Arbeit zu leisten, ihre Anhänger, zu immer treueren Ersüllern des' Thoragesetzes zu machen, dann'hat sie die'segensreichste,, zukunftsreichste Arbeit geleistet. Jüdisch-politische-Anschauungen können dieser treuen Erfüllung kein Hindernis sein.''; Dieser Arbeit zu Liebe , soll sie jüdisch-politische-Fragen von Fall zu Fall, nicht aber im Rahmen prinzipieller Erörterungen behandeln.' Der K. C. im Kriege. Rach den? bis zum 1. Juli 1918 eingegangenen Meldungen, die auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben, stehen bczw. standen von den 1275 Mitgliedern des K. C., unter Einrechmmg der Gefallenen nnd infolge. von Verwundung oder Erkrankung als dienstunbrauchbar Entlassenen, 1036 im Heeresdienst. Hiervon gehören bezw. gehörten dem Heldheere 885 an. dürr diese, sind nach den darüber bestehenden kaiserlichen Erlassen als Kriegsteilnehmer zu bezeichnen. Den Heldentod starben 85 K. C.er. Vermißt sind neuerdings'2 Kb. Kb.: Leutnant-Fritz Heymann, der zuletzt verwundet von seiner Truppe gesehen wurde, und San.- Vizeseldwebel Harry Jtzig. In Kriegsgefangenschaft befinden sich, nachdem die Kb. Willy Mottek und Fritz Kochmann aus der Gefangenschaft entkommen sind, in» noch 18 K. C.er. 38 Kb. Kb. sind mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden,-507 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse, darunter 4 am weiß-schwarzen Batche, 2 mit dem Eisernen Halbmond, 109 haben andere Kriegsauszeichnungen erhalten. 104 K. C.er, darunter 90 im preußischen, sächsischen und', württembergischen Heere, 14 im bayerischen, sind während des Krieges zu Offizieren des Beurlaubtenstandes befördert worden, 8 K. C.er gehörten bei Kriegsausbruch als Offiziere des Beurlaubtenstandes dem bayerischen Heere an. In diese Beförderungen sind nicht eingerechnet diejenigen zu SaNitäts- und Veterinär-Offizieren, über die später berichtet werden soll. Konfessionelle Militärstatistik. Man mag die von deutschen Kriegsministerien angcördnete „Judenzählung" als Schmach empfinden, man mag es mit dem Verband der deutschen Juden nnd andern jüdischen Körperschaften als Ehrensache betrachten, die Beteiligung der deutschen Juden an der Verteidigung ihres Vaterlandes statistisch zu erfassen,' soviel steht wohl fest, daß zu irgend einer Zeit einmal alle Kräfte, die am Kriege beteiligt waren, von der Wissenschaft der Statistik festgestellt werden. Dann wird auch dein großen Publikum ein Zahlenmaterial unterbreitet werden, an das der Laie mit dem Schlagwort herantreten wird: „Zahlen beweisen". Schon - längst weiß man aber, daß Zahlen nur dann beweisen, wenn man sie richtig zu lesen versteht, und einen Leitfaden hierzu bietet das oben angekündigte Werk. Das eigentliche Zahlenmaterial über die Beteiligung der Konfessionen am Kriege kann natürlich noch nicht vorgelegt werden. Der Verfasser, zeigt vielmehr, wie dieses Material zusammengestellt und wie es betrachtet weihen muß, um ein wahres Bild zu geben. Die große Bedeutung dieses Werkes liegt aber darin, daß der Verfasser nicht nur djesen Spezialfall behandelt, sondern ihn so behandelt, daß der Leser überhaupt einen Begriff bekommt, wie eine wirklich wertvolle - Statistik aufzumachen nnd zu verwerten ist. Es soll deswegen hier auch nicht versucht werden, die einzelnen Ausführungen des Verfassers referierend wie» derzugcben, es soll vielmehr jeder, auch wer.sich noch nicht mit Statistik befaßt hat, auf die Lektüre des Werkes selbst verwiesen werden, das des Belehrenden eine Fülle bietet. Einiges hier besonders Interessierende sei jedoch erwähnt. Der Verfasser unterscheidet mit Recht die Militärtauglichkeit von der militärischen Verwendungsfähigkeit, also den Soldaten im engeren Sinne von den militärischen Hülfskräften. Beide sind in ihrer Bedeutung' für die Erreichung unserer Ziele gleichwertig, und jede Gruppe von Staatsbürgern darf nicht einseitig nach ihrer Tätigkeit bei der einen oder der anderen dieser beiden bewertet werden. So wird z. fB. ein geringerer Prozentsatz der Juden unter den Frontsoldaten, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht, bei weitem wett gemacht durch ihre Tätigkeit als Äerzte oder in Stellungen, die Organisationsfähigkeit beanspruchen. *) Konfessionelle MilitürstatistiL jErgänz- . nngsheft 8. des Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik.) R. E. May, Tübingen 1917. 65 S., brosch. 2,90 M. . Bezüglich dieses geringeren Prozemsatzes ergeht sich der Verfasser nun nicht in den sentimentalen Lamentationen, wie man sie etwa von Seiten des Vereins znr Abwehr des Antisemitismus gewohnt ist, von den Nachwirkungen des Mittelalters u. dergl. Dafür ist inder Tat. die körperliche Regeneration der Juden zu weit vorgeschritten. Scharf beweist ' der Verfasser vielmehr, daß der Grund dieser Erscheinung derselbe ist, der z. B. katholische Soldaten weit ü her ihren Bevölkerungsanteil' unter den. Frontsoldaten vertreten sein läßt, in viel geringerem Maße jedoch unter den oben' sogenannten Hülfskräften. Unter diesen Gesichtspunkten behandelt der Verfasser eingehend den verschiedenen Wtersausban, die Schulbildung, Stadt- und Landgebürt- Aufenthalt im Ausland, Mschehen und Konsessionswechsek bei den einzelnen Konfessionen. Man mag das alles in dem Werke selbst Nachlesen. '< '. Wird die Statistik so, nnd nur so ist es richtig, gelesen und bewertet, dann kommt man zu dem Resultate, daß den Bekennern keiner Religion und Konfession in Deutschland der Borwurf gemacht werden kann, sie hätten in dieser schweren Zeit versagt. Aber eine positive Lehre läßt sich auch aus des Verfassers Ausführungen ziehen, daß nämlich die maßgebenden Stellen unbekümmert um Anwürfe übelwollender Parteien die rechten Leute an den rechten Platz stellen sollen, die durch Körperkräfte Ausgezeichneten dorthin, wo es auf die Körperkraft ankonrmt, die geistigen Kräfte dorthin, wo sie diese verwerten können. Wird diese Verteilung der Kräfte dann unter den Gesichtspunkten bewertet, die May aufführtdann hat weder die Regierung noch die Judenheft eine Zählung zu scheuen. - Im übrigen bestätigen die Resultate des Verfassers; daß es sich bei der Judenfrage nicht um eine religiöse handelt, sondern um eine sozialwirtschaftliche. Was für die Juden im Heere gilt, das weist May überzeugend nach, gilt auch für die Städter, die Kauflente, die gelehrten Berufe, als» diejenigen Stände, in denen die Juden vorwiegend» vertreten sind. Das würde allerdings die ganze konfessionelle Militärstatistik ad absurdum führen, da die für Katholiken und Evangelische gefundenen Zahlen unter bestselben Gesichtspunkten zu verwerten sind. . , Interessant dürste es aber auchsein, worauf der Verfasser allerdings nicht eingeht, zu untersuchen, ob nnd welche Einflüsse die Religion in Wirklichkeit, nicht nur das äußere Bekenntnis zu ihr, ans die Schichtung ihrer Anhänger im Heere ausübt. Bezüglich der Katholiken erwähnt der Verfasser einmal ihre geringere Beteiligung am Ossizierskorps, die er rnü der durch ihre religiösen Anschauungen bedingten Gegnerschaft gegen den Duellzwang, in Verbindung bringt. Aber auch in gesetzestreuen jüdischen weisen scheut man von der Ilebernahme von Aemtern und Ehren zurück, die eine erhöhte Möglichkeit der Verletzung religiöser Vorschriften im Gefolge haben, ohne daß dadurch diese Kreise an den Stellen, die ihnen zugewiesen werden, ihre vaterländische Pflicht etwa nicht, erfüllt hätten. Die Gewissensopfer, die sie bringen, sind nur um so höher zu achten. Aber auch das Zusammendrängen der Juden in den Städten, wäre vom religiösen Gesichtspunkt zu betrachten, da dort alle Institutionen einer jüdischen Gemeinde viel eher eingerichtet und erhalten werden können, als im kleinen ländlichen Kreise. Auch allgemeine jüdische Charaktereigewschaften -- man denke an das tälmubische „Rachamonin bene rachamonin" — wären wohl noch in den Kreis tun Betrachtung zu ziehen. Wenn einmal das Zahlenmaterial vorliegt, wird ja der Verfasser sein berufener Interpret sein und sich vielleicht entschließen, auch diese Gesichtspunkte zu berücksichtigen; aber auf jeden Fall sei die Lettüre seines Werkes heute schon als Vorbereitung auf kommende Dinge allem empfohlen. Dr. S. Schwarzschild, z. Zt. als Gefr. im Felde. Aus aller Wett. Deutscher Reich. Berlin. Lehrstuhl für jüdische Apologetik. Ein Lehrstuhl für jüd. Apologetik soll am Berliner Rabbinerseminar begründet werden. Die Mittel dafür hat Herr Max Jaffa-Berlin durch eine Spende von 100,000 M. zur Verfügung gestellt. Rabbiner Dr. Cartebach in Köln, jetzt in Warschau, soll auf den neuen Lehrstuhl berufen werden.