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Neue jüdische Presse · 1918-07-26 · Heft 29 (26.7.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 29 (26.7.1918)
Date
1918-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion «nd Expedition: Frankfurt a.in. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Kseansgever: Kats Heis. 16. Jahrgang. Freitag, den 17. Aw 5678 (26. Juli 1918) Kr. 2K. Erscheint wöchentlich am__ Srnlsspreis pro Nirrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 frer ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frei ins HanS 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Etreifhand für Deutschland und Oesterreich.Ungarn Mk.S.- ' für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel-Nummern kosten 15 Psg. Iufrrtionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Eine wichtige Regierungserklärung zur litauische« Judeusrage. Der ncuernannte Reichskommisfar. für die besetzten Ostgebiete, Nnterstaatsselretär ' v. Falkenhausen, hat vor kurzem zwei Vertreter des „Komitees für den Osten"' empfangen und ihnen eine amtliche Erklärung über die litauische Judenfrage abgegeben. Diese Erklärung darf als ein bedeutsames Ereignis in der Entwicklung der jüdischen Frage in Litauen betrachtet werden und als ein 'Ereignis überaus erfreulicher Art. Denn in der . Erklärung wird in klaren und unzweideutigen Worten den litauischen Juden das Versprechen der deutschen Regierung gegeben, bei der Gestaltung der titanischen Frage ihre Ansprüche und Daseinsinteresscn in vollem Maste zu berücksichtigen und, was das Entscheidende ist, über diese allgemeine Zusicherung hinaus wird ihnen die Gewährung der kulturellen Autonomie und das tiiuerc Selbstbestimmungsrecht zugesichert. Man darf die Erklärung des Unterstaatssekretärs von Falkenhausen mit vollem Rechte als eine im Namen der deut-' scheu Negierung abgegebene betrachten. Unterstaatssekretär von Falkenhausen ist als der unmittelbar dein Reichskanzler unterstellte Reichsloilnuissar für die besetzten Gebiete fein Beamter, der durchaus legitimiert ist, auch Erklärungen solch weitreichender Art im Namen'der Regierung abzugeben. Mit dieser Erklärunghat sich die deutsche .Negierung demnach aus den Boden der Forderungen gestellt, die bereits seit dem Beginn der- Okkupation i das i gesamte .litauische Juoentum erhoben hat. , Wir haben bereits, des öfteren die litauische' Judenfrage von den verschiedenen Gesichtspunkten besprochen und .dargelegt,, daß. es nur eine. Lösung fiir die ' litauische Judenfrage gibt, die wirklich den Interessen der litauischen Judenheit uüd gleichzeitigden Interessen des Landes Mnd der gesamten Bevölkerung Litauens entspricht, und zwar besteht' diese. Lösung. in der Gewährung der. inneren Autonomie an. die litauische .Judenheit-. und in her: Sicherstellung.; ihrer freien kulturellen und nationalen Entwicklung. Die litauische . Judenheit/bildet einen Bestandteil; der 'Bevölkerung Litauens,;.der. aufGrund seines Bildungsniveaus, seiner inneren geistigen und moralischen Kraft eine führende. Rolle in dem neuenStaatswesen spielen wird und: durchaus das Recht hat) die Freiheit einer inneren Entwicklung zu verlangen ' und die Kraft hat, diese Forderung durchznsetzcn., Wer die litauischen Verhältnisse kennt, für den ist es klar, daß. eine gedeihliche und fruchtbare Entwicklung des Landes überhaupt nur nwglich ist, wenn den verschiedenen in ihm . wohstenden Nationalitäten die innere Entwicklungsfreiheit und : das kulturelle Selbstbestimmungsrecht: im vollstcn^Maße gewährt wird, da Litauen ein ' ausgesprochener Nationalitätenstaat ist, in dem. keine. der. verschiedenen Nationalitäten eine Majorität bildet. Unter; den verschiedenen Nationalitäten stehen , die-Indem was Bildung und-geistiges Niveau, betrifft, inder vordersten Reihe, wozu noch die Tatsache hinzukommt, daß sie den größten Teil der städtischen Bevölkerung km Lande bilden, die in einem' an sich noch kulturarmen Lande, wie es Litauen ist, von ganz besonderer Bedeutung naturgemäß ist. Es mußte somit.von vornherein klar sein, daß jeder Versuch . einep .Lösung..der litauischm. Judenfrage, der. nicht das?autonome: Selbstb'estimrn'ungsrecht des litauischen Judentums sichergestellt hätte, verfehlt wäre;' daß er zudauernden Kämpfen innerhalb, der.Bevölkerung geführt hätte und die innere Ruhe des Landes untergraben hätte. Man muß der deutschen Verwaltung in Litauen zugestehen, daß sie von 'Anfang an erkannt hat, daß die verschiedenen nationalen Bevölkerungsteile des Landes ein Recht und einen Anspruch auf ihre kulturelle Selbständigkeit besitzen, und daß sie versucht hat, diese Ansprüche in gewissem Maße zu erfüllen. Doch waren es immer nur Maßnahmen vorläufiger und provisorischer Art, die in dieser Hinsicht getroffen wurden und man hatte nicht den Eindruck,'daß schon eine wirklich definitive und prinzipielle Richtlinie der inneren Politik in^Litaüen gestellt, wäre. In dem Maße, als das litauische Problem seine baldige Lösung immer dringlicher verlangt, wurde es immer notwendiger, eine solche Richtlinie zu sinden, um eine klare Situation zu schaffen und der Bevölkerung zu zeigen, tooran sie eigentlich ist. Manche Vorkommnisse in der letzten Zeit mußten schon die Befürchtung erregen, als ob die deutsche Verwaltung und die deutsche Regierung noch nicht ganz entschlossen sei, bei der definitiven Gestaltung der litauischen Verhältnisse was kulturelle Selbstbestimmungsrecht der litauischen Bevölkerung nun wirklich unzweideutig, und konsequent anzuerkcnuen und sicherzustellcn. Um so mehr Grund zur freudigen Genugtuung hat man nun, da durch die Erklärung des Unterstaatssekretärs v. Falkenhausen es sich gezeigt hat, daß die deutsche Regierung doch den richtigen Weg zu finden scheint Wir gehen selbstverständlich vpn der Voraussetzung aus, daß die Worte des Unterstaatssekretärs durchaus loyal gemeint sind und daß die deutsche Verwaltuug in Litauen sehr bald diesen Worten die Er- 'üllung der in ihnen enthaltenen Versprechungen olgen lassen wird. Mau muß von der deutschen Verwaltung erwarten, daß sie in der Erfüllung dieser Versprechungen großzügig und konsequent sein wird und wirklich im Einvernehmen mit den maßgebenden Kreisen der litauischen Judenheit selbst die Sicherstellung ihrer inneren Autonomie und ihres Selbstbestimmungsrechtes vornehnleu wird. Die eben erfolgte Spende des Oberbefehlshabers Ost für das Wilnaer jüdische Unterstützung" komitee in der Höhe von 200000 Mark, um die durch das Ausbleiben der amerikanischen Gelder hervorgerufene Not zu lindern, ist ein erneuter. Beweis für die Sympathie und das Verständnis der deutschen Verwaltung für die Lebensinteressen des litauischen Judentums. Werden die Zusicherungen des Staatssekretärs von Falkenhansen wirklich loyal und konsequent erfüllt werden, und wird der litauischen Judenheit ihre innere Autonomie und Selbstbestimmung in vollem Maße gesichert werden, dann wird man sehr bald die Erfahrung machen, daß das litauische Judentum zu den fruchtbarsten und positivsten Faktoren des neuen Staatswesens gehören wird. Selbstverständlich gehört es mit zu der Durchführung der Zusiche-. rUngen des Unterstaatssekretärs von Falkenhausen, daß den litauischen Juden auch ihre wirtschaftliche Freiheit gesichert wird,. und daß nicht von. Seiten der Verwaltung oder der ueueutstehendeu Verbände in Litauen ihnen die wirtschaftliche Entwicklung erschwert wird. Es gilt eben, zu verstehen, daß keinerlei Gegensätze zwischen den Interessen der litauischen Judenheit und benen des litauischen Staates bestehen, und daß eine günstige und gedeihliche Entwicklung und Entfaltung der jüdischeu Bevölkerung in Litauen nur den Interessen' des litauischen Staates dient. Mandarf aus' Grund der Erklärung des Herrn von Falkenhausen aunehmen, daß die deutsche Regierung diese Erkenntnis gewonnen hat, und die Zukunft wird und.muß zeigen, daß und inwieweit die praktische Politik in Litauen hinsichtlich der jüdischen Frage von öiescr Erkenntnis getragen uns geleitet ist. Die finnische Juvensrage. Die finnische Judenftage exUiert bereits seit längerer Zeit. Es ist in Europa und sogar in jüdischen Kreisen noch nicht genügend bekannt, daß die finnischen Juden vollkommen rechtlos sind und daß es außer Rumänien kein Land gibt, in dem die politische Lage der Juden Entwürdigender und ungerechter ist als in Finnland. Alle Leiden, die die Finnen unter der russischen Herrschaft als unterdrücktes Volk selbst zu erdulden hatten, haben sie nicht dazu bringen können, ihrerseits sich nicht der Unterdrückung und Entrechtung der jüdischen Minorität ihres Landes, zu enthalten. Trotz mannigfacher Proteste aus den verschiedenen. Ländern haben die finnischen Behörden an ibrer Judenpolitik festgehalten, die irn wesentlichen darin besteht, die Juden ähnlich wie in Rumänien als Fremde zu erklären und sie so vollkommen rechtlos und schutzlos zu lassem Als iin Verlaufe dieses Krieges Finnland von der russischen Herrschaft Befreit und ein 'elbstständigcr Staat wurde, da hielt man es in allen jüdischen Kreisen für selbstverständlich, daß die neue finnische Regierung der bisherigen Judenpolitik ein Ende machen und der jüdischen Bevölkerung Finnlands ohne weiteres volle Gleichberechtigung gewähren werde. Die maßgebender.' Faktoren Finnlands scheinen es selbst empfunden zu haben, wie selbstverständlich und unumgänglich dies sei und ließen sogleich in aller Welt erklären, daß sie entschlossen seien, die finnische Judenfrage endgültig und radikal zu lösen undden finnischen Juden alle Rechte zuzngestehen. Ein dementsprechender Gesetzesvorschlag wurde im Parlament eingebracht und auch angenommen, sodaß man annehmen durfte, die finnische Judenfrage sei in der Tat gelöst. Nunmehr kommt zuverlässige Nachricht,' die zeigt, daß es nicht so ist, und daß das Ganze mehr eine schöne Geste nach außen war, ohne aber daß es den finnischen Machthabern wirklich ernst mit der Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung gewesen wäre.' Das jüdische Preßbüro in Stockholm berichtet nämlich folgendes: „Bon den Juden in Finnland dringt ein Hilferuf in die zivilisierte Welt. Die reaktionäre Regierung des Landes, die mit Hilfe deutscher Truppen die Revolution zertrümmert hat, holt zu einem vernichtenden Schlage gegen die Juden des Landes aus. Der «enat legte den Beschluß des Landtags, der den Juden des Landes die Bürgerrechte gewährt, dahin aus, daß die Juden berechtigt sind, individuell, um die Naturalisation einzukommen,. und oaraitf erklärte die finnische Regierung, daß nur diejenigen Juden der Bürgerrechte werden teilhastig werden, die in den Reihen der weißen Garde gekämpft haben. Damit nicht genug, erließ die Regierung den Befehl, daß sämtliche Juden als Fremde bis züm 30. Septemberdieses Jahres das Land zu verlassen haben. Um diesem Befehlmehr Nachdruck zu verleihen, erließ sie die Verfügung an die kommunalen Verwaltungen, nach denk 30. September o e n I u d e n die Abgabe von Lebensmitteln zu ver-

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