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Neue jüdische Presse · 1918-07-19 · Heft 28 (19.7.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 28 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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+1 + ♦ I* Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. M :r Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Kalg Hsis. -=t, - —- ■ ■ — Jusertirmsprris für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Wk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. - - — . ~~ . =; Erscheint tvöchentlich am Freitag. Semgspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frei ins Haus 4 Pfg. pro Moqat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk?2.50 Einzel-Nummern kosten 15 Pfg. »> — — ■ ■> - — - — - : -j ' .. .... - 10. Jahrgang. Freitag, de» 10. Aw 5678 (19. Juli 1918) 8fr. 3§. Eine englische Heuchelei und ihre Lehre«. Vor Kurzem verbreitete Reuter eine Mitteilung, wonach die englische Regierung an die jüdischen Organisationen in England eine Erklärnng in der rumänischen Judensrage abgegeben habe. Tie ' englische Regierung erklärte, daß die Regelung der Frage durch den Bukarester Frieoensvertrag ihr ungenügend erscheine und weniger sei als das, was die frühere rumänische Regierung den alliierten Regierungen bereits als Lösung der Frage zugesagt hätte. Die englische Regierung versprach schließlich, alles zu tun, was in ihrer Macht liegt, um eine endgültige Lösung der Frage herbeizuführen. Man kann die Mitteilung von einer englischen Regierungserklärung nicht ohne innere Entrüstung lesen. Nicht etwa wegen der in ihr enthaltenen Kritik an der Regelung der rumänischen. Judenfrage, wie sie im Bukarester F-riedensv'ertrag vorgenommen wurde. Wir haben bereits des öfteren in unzweideutiger Weise unserer Meinung Ausdruck' gegebendaß diese Regelung alles äirdere als ganz befriedigend ist lind haben auch mit Worten der Kritik an dem Verhalten der Regierungen der Zentralmächte, die diese Regelung vorgenommei§ haben, nicht gcsparil Nichtsdestoweniger aber muß es mit Entrüstung erfüllen, wenn man nun sieht, wie die englische Regierung die Angelegenheit benutzt, .um den ihr feindlichen Zentralmächtcn einen Hieb zu versetzen und dabei die Rolle eines wahren Wohltäters spielt, der, wenn es nur von ihm abhängen würde, eine wirkliche und vollkommene Lösung der rumüuischen Judenfrage ' durchsetzen würde. l1/* Fahre war England der Bundesgenosse Rumäniens in diesem Kriege; iy« Jahre hat England einen allmächtigen Einfluß in Rumänien ausgenbt; ly« .Jahre , hiichurch, war es .in der Lage, wenn es' nur im" geringsten ernstlich, gewollt hätte, eine wirkliche Lösung der rumänischen Judenfrage von' der rumänischen Regierung zu erzwingen. In-diesen 1 Vs Jahren aber hat England nichts von der Existenz der rumänischen Judensrage gewußt. Kein englischer -Staatsmann Hut in dieser Zeit auch nur ein Wort über diese Frage laut werden lassen; ja mehr noch: als während dieser Zeit im englischen Unterhaus Lord Robert Eecil über die Jndenfrage in Rumänien inter-' pelliert wurde, da schämte er sich nicht, Wiederuin die berühmte Antwort zu erteilen, wonach die Frage eine innere Angelegenheit Rumäniens sei, in die sich die englische Regierung nicht, hineinmischen könne. Während dieser iy» Jahre hat die rumänische Judenheit das Furchtbarste durchwachen müssen: Pogrome, Verfvlgungen, Unterdrückungen der entsetzlichsten Art waren unter der Regierung Bratianus an der Tagesordnung. Ein kleiner Teil nur ist vonall den Niederträchtigkeiten belännt geworden, die während des Krieges Ivon den rumänischen Behörden anden rumänischen Juden verübt wurden. Und dieses wenige genügt, um es sicher erscheinen zu lassen, daß diese 1% Jahre Mitdie furchtbarste Zeit in der gesamten Leidensgeschichte des rumänischen Judentums waren. Die englische Regierung hat nicht anmal denMut gehabt, gegen diese Verfolgungen irgendwie aufzutreten, hat vielmehr auch sie als innere- .Angelegenheit; Rumäniens betrachtet. Und letzt,'- nachdem das Kabinett Bratianu zurückgetreten st, nachdem England keinerlei Einfluß mehr in Rumänien besitzt, jetzt .besinnt sich. England auf DiejÄtmtänische Jüd'enfräge und - erklärtsich bereitwillig, alles zu tun, 'um ihre wirtliche Lösung herbcizusühren. Ist es nicht zum L.achen, mehr, muß es nicht jeden Juden mit Entrüstung erfüllen, daß man in dieser - Weise die heiligsten Rechte und Lebensfragen, unseres Volkes zum Spiel diplomatiger Intrigenbenutzt? Die Erklärung der englischen Regierung ist, und das ist vielleicht ihr Bedeutsamstes, charakteristisch für die Judenpolitik der kriegführenöen Staaten in diesem Kriege überhaupt.- Sie haben verstehen gelernt, daß das internationale Judentum ein weltpolitischer Faktor ist. Sie haben begriffen, daß das internationale Judentum eine Kraft ist, 'mit der man rechnen muß, und bereu Sympathien zu gewinnen nicht unwichtig ist, und man hat begonnen, mit der Judenfrage „Politik zu machen". In derselben Weise, tote heute überhaupt Politik gemacht wizd. Mit brutalem Egoismus, unbekümmert tun jedes wahrhafte ethische, Verantwortungsgefühl, jenseits von gut und böse, gewissenlos, zynisch und unmoralisch. Ein gm Teil der Erklärungen, die die verschiedenen Regierungen in diesem Kriege in jüdischen Sachen abgegeben haben, ein gut Teil der Aktionen, die sic in jüdischen Dingen unternommeir haben, trägt ganz denselben Charakter, der sich an der etwas lächerlichen Erklärung der englischen Regierung in der rumänischen Judenfrage so kraß manifestiert. Wir Juden können nicht verlangen, daß die Großmächte in den jüdischen Fragen von ihren sonstigen Gewohnheiten ablassen, dürfen nicht erivarten, daß gerade die Jndenfrage die Mächte der Welt zu eitler inneren wahrhaften. Aendernng ihrer politischen Gesinnung resp. richtiger ihrer politischen Gesinnungslosigkeit veranlasseri würde. Sic kann nur kommen mit einer allgenieinen innevcii Wandlung der Gesinnung und Einstellung der heutigen Menschheit. Mer was durchaus notwendig ist, das ist, ' daß >vir Juden uns stets dessen, bewußt bleiben, daß die Judenpolitik der heutigen Mächte eben nur Politik ist, und daß »vir alles, lvas im Rahmen dieser Politik geschieht, nicht mit Maßstäbcn werten und cinschätzetl, die sie als rein politische Vorgänge nicht verdienen. Gewiß haben lvir Grund' genug, uns zu freuen, daß die Mächte heilte jüdische Politik überhaupt treiben müssen; es ist das ein Zeichen unserer Stärke und ein Schritt weiter aus dem Weg zur. Erfüllung unserer Forderungen und Hoffnungen. Aber gegeuüber den - einzelnen Versprechungen und Handlungen der Mächte müssen wir jene nüchterne Vorsicht und kühle Ruhe bewahren,' mit der man Dingen der heutigen Welrpolitik überhaupt nur gegenübertreten darf. Und .müssen daneben den Mächten immer wieder klar machen und durch unsere innere eigene Stärke manifestieren, daß wir nicht gewillt sind, nur Objekt ihrer Politik zu sein und unsere wichtigsten Fragen ihnen Anlaß sein zu lassen zu politischen ./Aktionen"; daß. wir. vielmehr verlangen, daß man unsere Forderungen wahrhaft ernst nimmt und ernst betrachtet. Nichts wäre falscher, als wenn Teile der Judenheit sich mit der englischen Erklärung in der rumänischen Judenfrage beispielsweise freuen würden Und auch sie als einen „Sieg der jüdischen Sache" proklamieren wollten. Die Erklärung ' ist nichts anderes als ein krasser Mißbrauch einer heiligen jüdischen Frage, und es ist eine Pflicht unserer Ehre, gegen einen solchen Mißbrauch zu protestieren. Nur durch eine solche würdige und . ruhige Haltung werden' die -Staatsmänner daran -- tgewöhnt, uns nicht nur als Mittel ihrer politi- : scheu Zwecke zu benutzen und zu mißbrauchen, sondern unseren Forderungen wahrhaft ernste Beachtung zu schenken und beit wirklichen' Willen zu haben, ihnen gerecht zu werden. Der Sin« der Trostsabbate. „Alle Geschöpfe sind wie Gras, und all' ihre Liebe ist wie eine Blume ocs Feldes.. Es dorrt das Gras, es welkt die Blume,> sowie der Hauch Gottes dagegen weht. — Wahrlich, wie Gras ist das. Volk. Doch es dorrt nur das Gras, es welkt nur die Blume, — aber das Wort nuferes Gottes bleibt en'ig bestehen." > Mehr als ) duftige Zeiten empfindet unsere, im Glühofen härtester Geschicke geschmiedete 'Zeit die Wahrheit dieses Wortes des- Propheten Jesaja,, daß alles Wollen und Können, alle Liebe Und alles Hoffen des Menschen wie Gras verdorrt, wie eine Blume verwelkt, weint nur ein Hauch dagegen weht. -Ohnmächtig fühlt sich der Mensch, und sein Denken > sucht nach einem festen Stützpunkte, an . dem er, rettenden Halt finde. Der Prophet gibt Antwort aus die Frage, wo denn in all' dieser Nichtigkeit Bleibendes', Dauerndes ist; er zeigt, >vo neben allen Scheinwerten der wahre Wert des Lebens sich findet? Erkenne, Mensch, sagt der Prophet, daß die " Geschicke, die in einem Augenblicke oft daZ.WoÜVt. und Hoffen deines Lebens wie Gras verdorren, wie eine Blume verwelken lassen, nicht ein widriger, Zufall, sondeni göttliche Bestimmung, sind. Wer Gott als den Lenker der Geschicke begreift, wird für die Gestaltung seines Denkens nnd seiner^ Handlungen Gottes Wort zu erforschen suchen': " . Zwei Wege tun sich auf; je nachdem,' ob der Mensch von religiöser Gesinnung getragen Mird oder nicht, wird der eine oder der' andere .dhschritten. ' Fehlt die religiöse Gesinnung, dann klammert sich der Mensch an alles, was ihn über, .die Nichtigkeit seines Daseins hinwegtäuscht. Er stricht nach Reichtum, strebt nach Macht und sucht die Lust. Er fragt in dein Verhältnis zu seinen Mitmenschen nur einseitig nach seinen eigenen Interessen, - und über die Schädigung der Interessen ' seiner Mitmenschen setzt er sich rncksichtslvs,hinweg. Und wenn das, Wasser als Werte seines Lebens -ansieht — seien es liebe Angehörige als ideeller Besitz, sei es materieller Besitz — ihm nommen wird, dann fühlt er sich selber vernichtet. -' '"-'?' . -Anders aber, so er den zweiten Weg. he-; schreitet. Ihm ist alles, was ihm eigen ist, ein Darlehen Gottes, das er verwaltet, -— 'und ein guter Vertvalter zu sein, ist ihm höchster .Daseinszweck. Seine Kinder will er als erstes zu guten Menschen erziehen und ihnen nicht als - erstes eine angesehene soziale Stellung verschaffen: Denn der Besitz hat für ihn nur. insofern Bedeutung, als er mit ihm Segen verbreiten kann. Er weiß ja, loie selbst die Völker der Erde nach Jesaja „gleich dem Tropfen tritt Eimer, gleich dem Stäubchen an der Wagschale Gott gegenüber sind" und erst dann „aus dem Nichts und der Oede ihres Süns Bedeutung gewinnen, so sie Gott sich hingeben", d. h. Gerechtigkeit und Liebe nicht ' dem -Machtstreben opfern.

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