Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und CLpeditisn: Frankfurt a. M. rr Canseffr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. HT-i Heransgevev: Kals ch-is. _ —■—««w__ 16^ Jahrsans. Freitag, den 18. Vamus 5S78 (28. Juni 1918) Nr. 2s. Erscheint wöchentlich am Freitag. Senwsprris pro Nirrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50. fre! ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frei ins Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.3.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 r- Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. Insrrtümsprris für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. ■ Annoncen-Annahmebeider Exped.und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. ' -- Die Lebenswitteluot in der Gesetzgebung des Judentums. Thauro, Awaudo und Gemiluth-Chassodim sind die Grundsäulen des! Judentums. Thauro heißt Erziehung des einzelnen, daß, er seinen,Daseinszweck und seine Pflichten erkenne und erfüll^ Awaudo, Frömmigkeit,' bedeutet das Streben, ein Gott genehmes Leben zu führen, Gott zu dienen „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen", Gemiluth-Chassodim ist das soziale Gewissen als Ausfluß warmer Menschenliebe. Die Erlebnisse des gegenwärtigen Weltkrieges haben, gezeigt, daß der Begriff Demokratie zu, einem unwahren Schlagworte wird, wenn er sich nicht mit dem sozialen Gewissen verbindet. Gerade Amerika, das. sich das demokratischste Land der Welt nennt, entbehrt dieses sozialen Gewissens, und so geriet seine gesamte Gefetzgebungsmäschinerie in den' Dienst des kleinen Kreises der Reichsten des Landes. Mangelndes soziales Gewissen ist aber auch noch in den meisten anderen Ländern der heutigen Kulturwelt vorherrschend, es hat die Geschicke der meisten Länder in die Hand der Reichsten, der Vertreter des die sozialen Verpflichtungen negierenden Machtprinzips gelegt, und so ist denn auch dem ^mangelnden sozialen Gewissen der Weltkrieg zuzuschreiben. Die Gesetzgebung unseres Judentums dagegen atmet den Geist der sozialen Gerechtigkeit. Sie gewährt den. wirtschaftlich Schwachen ,die weitgehendste Fürsorge und schränkt die Ausdehnung des Besitzes ein. Nur so vermag der Wille der Gesamtheit sich - Geltung zu verschaffen, nur so unsere Demokratie den Weg sich zu ebnen. Auf dem Gebiete,.- auf das die Not des Krieges den Blick, besonders hingelenkt hat, auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, - sei hier die Wische Gesetzgebung betrachtet. Denn Not an Lebensmitteln war zu den Zeiten, da unser Volk noch in seinem eigenen Lande wohnte, keine seltene Erscheinung. Mißernte, Heuschreckenplage, Kriegsnot sorgten dafür, daß in dem Lande der Milch und des Honigs an Ucbersluß in gar manchem Jahre nicht nur Milch und Honig, sondern auch Brot fehlte. In Zeiten der Not mußten die Erzeuger unter Ausschaltung jeglichen Zwischenhandels ihreWare direkt auf den-Markt bringen und dursten sie nicht im Hause verkaufen. Auf dem Märkte überwachten Gemeindebeamte den Preis und hatten auch darauf Obacht zu geben, daß niemand für sich größere Vorräte berge. Bestand die Möglichkeit, von einer Gegend des Landes nach ' anderen Gegenden Waren' auszuführen, so mußten die dortigen Behörden ein, Aufkäufen seitens einiger Großhändler verhindern. Auch der Gewinn war festgesetzt/ er betrug bei dem Großhändler und bei dem Kleinhändler höchstens - je ein Sechstel. Wer mehr nahm, verfiel der Bestrafung, Das erste Mal gab es eine. Geldstrafe, das zweite Mal erfolgte öffentliche Nennung des Namens und das. dritte Mal öffentliche Züchtigung. Zu diesen Maßnahmen der Gesamtheit trat dann noch . die .Einwirkung, auf jeden .einzelnen durch die Religion. Unsere wichtigsten Gebete — Schemvnei-.Esrei und Kerias-Schema — haben.ja die -Aufgaben,, das. Gewissen zu schärfen," indem sie. eindringlich einschärfen,. daß. der Mensch mit seinem Tun es ist, der die Witterung bestimmt, Ist' der . Mensch gut, so. wird Früh- und Spätregen „zur rechten Zeit" kommen," und der Mensch wird den Segen dieser Erde genießen; — ist der Mensch aber nicht gut, so wird die Erde ihm ihren Schoß verschließen. Ueberdies sollen nach den Forderungen unseres Judentums zu Zeiten der Not Fasttage abgehalten werden, die zur ernsten Selbsteinkehr auffordern. Diese kurzen Striche zeigen, wieviel auch hinsichtlich der' sozialen Fürsorge vom Judentum zu lernen ist. Diese kürzen Striche, mit denen wir hier einen kleinen Ausschnitt aus der sozialen Gesetzgebung des Judentums geben, weisen aber ganz besonders jeden von uns Juden auf feine heilige Pflicht als Jude hin, den Geist dieser sozialen Gesetze in seinem. Tun zur Wirklichung zu bringen, damit er wenigstens nicht schuld trage an dem großen Jammer unserer Tage und gerade in dieser Zeit von uns Juden der Raine Gottes in den Augen der Menschheit geheiligt werde. Zur Eröffnung des rumänischen Parlamentes. Das neu gewählte rumänische Parlament ist in Jassy zusammengetreten und durch eine feierliche Ansprache des Königs eröffnet worden. Seine erste Aufgabe wird es sein, den Bukarester Friedensvertrag zu genehmigen, und. die Grundlagen für die neue Entwicklung Rumäniens auf oer Basis der durch den Friedensvertrag geschaffenen Lage zu legen. Darüber hinaus wird das Parlament eine tiefgreifende innere Umgestaltung der rumänischen Verhältnisse vornehmen nlüssen. Die innere Korruption der bisherigen Verwaltung und die Fäulnis der gesamten inneren Lage des Landes hat sich in diesem Kriege mit einer Deutlichkeit gezeigt, der sich kein rumänischer Politiker mehr entziehen kann. Und das rumänische Volk steht vor der Notwendigkeit, eine vollkommene Neugestaltung seiner inneren Verhältnisse vorzunehmen, will es aus den Lehren des Krieges die Konsequenzen ziehen und seine Zukunft auf eurer gesunden neuen Basis gründen. Es braucht kaum gezeigt zu werden, wie außerordentlich wichtig dies alles vom jüdischen Standpunkt ist. Das Volk von 250000 Juden — zählt man Bessarabien hinzu, oann von 350000 — ist mit der Frage der inneren Neugestaltung Rumäniens auf das engste verknüpft. Schon vordem Kriege war es klar, daß die rumänische Judenfiage |aum zu lösen ist aus dem Gesamtkomplex der inneren Verhältnisse des Landes; daß die furchtbare Lage der rumänischen Juden und die ' brutale und verlogene Politik der rumänischen Regierung in der Judenfiage nur einen Teil bildete der gesamten korrupten-Wirtschaft, die die Gewaltherrschaft einer kleinen allmächtigen Bojarenkaste begründete. Kenner der Verhältnisse haben immer erklärt, daß eine wirkliche Lösung der Judenfiage nur nröglich sei bei einer gleichzeitigen Lösung der Agrarfrage, und der Krieg hat dies durchaus bestätigt. Der Zeitpunkt ist nun gekommen, da diese Revision der inneren Verhältnisse in Rumänien vorgenommen werden soll. Dürfte man da eigentlich daran noch ztoeifeln, daß die rumänische Volksvertretung sich veranlaßt sehen wird, auch eine Revision der Judenfiage vorzunehmen? Daß sie gezwungen sein wird, sich mir dieser Frage zu beschäftigen,. steht bereits jetzt fest.. Der Bukarester Friedensvertrag zwingt sie dazu. Denn er verlangt als Voraussetzung der Ratifikation des Friedensvertrages den Erlaß eines Gesetzes, das den bekannten zwei Kategorien, die der Vertrags festsetzt, die. Gleichberechtigung gewährt, Zweifellos ist mit der Erklärung der Thronrede von den „tiefgreifenden Verbesserungen mehr moralischer als administrativer Natur", die vorgenommen werden müßten, und von der „Festsetzung der Punkte der rumänischeil Verfassung, die abgcändert werden müssen", auch die Regelung der Judenfiage gemeint. Das rumänische Parlament steht damit vor einer außerordentlich wichtigen Aufgabe. Es wird zeigen müssen, ob es ernsthaft und ehrlich bestrebt ist, der unerhörten Lage der rumänischen Judenheit wirklich ein Ende zu machen, oder ob es nur widerwillig, dem Zwange folgend, sich mit gelvissen Konzessionen begnügen wird. Die Rumänen haben sich immer darüber beklagt, daß die Juden die rumänische Judenfiage zu einer internationalen Angelegenheit gemacht Hütten und verlangten, daß sie als innerrumänische Frage betrachtet werde. Es ist nur selbstverständlich, daß die rumänischen Juden und mit ihnen die Juden aller Länder, nur weil sie dazu gezwungen waren, die Frage zu einer internationalen gemacht haben; weil die rumänische Regierung im Laufe einer 40jährigen Praxis gezeigt hat, daß sie nicht den geringsten Willen hat, von sich aus die Frage zu regeln, sondern mit allen Schlichen und lügnerischen Mitteln versucht hat, sich den Verpflichtungen des Berliner Vertrages zu entziehen. Es liegt nun in der Hand des rumänischen Parlaments, zu zeigen, daß es wirtlich von sich aus das Verständnis und die Energie besitzt, die rumänische Judenfiage zu lösen. Es kann über den Wortlaut des Bukarester Vertrages hinaus mit einer wahrhaften' großzügigen und anständigen Geste der.Gesamtheit der rumänischen Juden die Gleichberechtigung verleihen. Nichts würde geeigneter sein, die moralischen Flecken, die die Ehre Rumäniens in diesem Kriege durch die Haltung der früheren Regierung erlitten hat, wieder rein zu waschen, als ein solches Wiedergntmachen eines jahrzehntelangen Unrechts. Es wird sich an der Haltung des rumänischeil Parlaments zeigen, ob das neue Rumänien diese moralische Energie besitzt. Es wird sich auch an seiner Haltung zur Judenfiage zeigen, wie weit und umfassend sein Reformbestreben ist. Die gesamte Judenheit blickt mit Spannung auf die Taten des rumänischen Parlamentes. Niemand würde fioher sein als die Juoen selbst, wenn das rumänische Parlament selbst die endgültige Lösung der Judenfrage in die Hand nehmen würde, und dadurch die jüdische Oeffentlichkeit nicht wieder zwingen würde, die Angelegenheit vor bas Forum aller Völker zu tragen, bis sie endgültig und in zufiiedenstellender Weise geregelt sein wiro. Die letzten Jahre sollten den Rumänen gezeigt haben, daß ihre bisherige Politik in der Jndenfrage, vom Moralischen ganz abgesehen, auch realpolitisch höchst unklug und verwerflich ist. Hoffen wir, daß das neue Parlament aus all diesen Lehren die Konsequenz ziehen >vird, ein für alle Mal in umfassender und endgültiger Weise das rumänische Judenproblem zu lösen, damit ein altes schweres Unrecht wieder sühnend und sich aus 250000 unterdrückten und leidenden Menschen freie, fleißige und wertvolle Bürger schaffend