Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t . ■ "' 11 """* Erscheint wöchmtlich am Freitag. Aerngsprris pro Niertrljatzx: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 frei inö Haus. Bei der. Post, abonniert Mk. 1.35, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mf.2.— fitt olle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. AedaKtion und GXpedition: Frankfurt £. Ith r: Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. -- HnaitsgeVn: GakZ cheis. 9 - - v Fustrtionsprri» für die fechSgefpaltene Petitzeile 30 Pfg., für. die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platze- und Datum-Vorschrift ohne Aerhindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Amwncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frmüsurt a. M. unter Nr. 4364. - ... 16. Jöhrgkrrg. Freitag, de« 4. 5678 (14. Ja»r 1918) Rr. 28. Die litauische Judeufrage. Die litauische Frage ist. in der letzten Zeit wieder in den Vordergrund des Interesses getreten. Die Notwendigkeit einer baldigen Regelung der Frage erweist sich, von Tagzu Tag als stärker und dringlicher. Durch den Frieden, von Brest-Litowsk ist in negativer Hinsicht eitle gewisse Klärung erfolgt, insofern es seitdem feststeht, daß Litauen aus dem russischem Staatsverband ausscheidet und ein selbständiges Gemeinwesen bilden wird. Welcher Art dieses Staatswesen jedoch sein soll, wie weit seine Grenzen gehen, wie seine Verfassung, iverdcn soll, dies ist heute chenso unbestimnrt noch wie zur Zeit des Abschlusses des Friedens von Brest-Litowsk. Es ist klar, daß diese Unbestimmtheit der Verhältnisse für die Dauer unhaltbar ist und alles auf eine Klärung der Angelegenheit hindrängt. So wird denn " in letzter Zeit die litauische Frage in der deutschen Oeffentlichkeit dauernd und sehr ernsthaft erörtert. Verschiedene Vorschläge und Kombinatioiten zu ihrer Lösung sind ausgetaucht, ohne daß sich jedoch noch ein Plan als .der maßgebende schon herauskristallisiert hätte. Doch, gewinnt man aus dem starken Interesse, das die Frage in allen Kreisen der'politischen Oeffentlichkeit Deutschlands findet, den bestimmten Eindruck, daß ihre Regelung nicht mehr lange ans sich warten lassen kann. Damit gewinnt auch die litauische Judeufrage eine erhöhte Bedeutung und wird von dringlichster Aktualität. Es braucht über die jüdische Seite dieser Frage kaum noch ein Wort gesagt zu werden. Die Bedeutung des litauischen Judentums. - ist in allen jüdischen Kreisen zur Genüge bekannt. Man weiß,, daß es seit Jahrhunderten einer der qualitativ werivollsten Teile des jüdischen Volkes darstellt, daß cs innerhalb des russischen Judentums ein Zentrum seines geistigen Lebens gebildet hat, und daß die vielfachen Zersetzungen und.Persatterscheinungen, die sich an verschiedenen Teilen des Judentums im letzten Jahrhundert bemerkbar gemacht habe», die litauische Judenheit beinahe verschont haben. Ls braucht somit auch nicht erst dargelegt zu werden, von welcher Bedeutung es für das Gesamtjudentum ist, die Sicherung der Existenz und der freien Entwicklungsmöglichkeit gerade der litauischen Judonheit zu bewirken, und welche Pflicht die .jüoische Gesamtheit hat,, für eine günstige Gestaltung der. Zukunft. des litauischen Judentums Sorge zu tragen.- Worauf aber angesichts, der bevorstehenden Schritte zur Regelung der litauischen: Frage immer wieder und mit stärkstem Nachdruck hingewiesen werden muß, das-, ist die große Bedeutung, die die litauische Judensrage für das gesamt litauische Problem hat. Die. litauischen Juden bilden einen erheblichen Bestandteil der Bevölkerung in Litauen. Bor allem bilden sie in den meisten Städten die- Majorität der Einwohnerschaft. Wenn man iverß. welchführende und entscheidende Bedeutung in einem Lande von dem niederen Kulturniveau Litauens gerade die Städte besitzen-, so wird man es ohne weiteres verstehen, was! es bedeutet, wenn ' in Wilna, Kowno, Grodno, Bialystok die Juden dieüberwiegende Majorität der Bevölkerung, Hilden. Es kommt hinzu, daß die litauischen Juden durchwegs einen recht erheblichen Bildungsstaud haben, daß sie mit den Polen zusammen die eigentliche Intelligenz des Landes darstellen. Ganz-, besonders särt ist ihre Stellungim mixtschaftliche«. Leben des Landes; ein großer Teil des Kanals! ist in ihren Händen monopolisiert, und vor altem! der Wirtschaftsverkehr mit den Nachbarländern wird fast durchwegs von ihnen geleitet. Zu. alledem kommt noch der wichtige Umstand hinzu, daß die innere Kraft der litauischen Judenheit außerordentlich groß ist, daß jene unheilvolle Zersplitterung und Desorganisation, die das polnische Judentum charakterisiert und den. Hanptton ihrer politischen . Schwäche darstellt, innerhalb der Judenheit Litauens nicht besteht; auch vou einer irgendwie nennenswerten Assimilation ist bei ihr nicht die Rede» sodatz ihre innere Festigkeit und Geschlossenheit die äußere Stärke ihrer Position noch außerordentlich steigert. Es ist ganz klar und dürfte von keinem politisch denkenden Menschen bezweifelt werden, daß eine Regelung der litauischen Frage ohne die gebührend Berücksichtigung der litauischen Judenheit undenkbar ist. Diese Einsicht wird durch zwei Umstände noch verstärkt; vor allem durch die Tatsache, daß Litauen ein typisches Nationalitätenland ist. Es ist eine völlig irrige Vorstellung, wenn man in manchen Kreisen Deutschlands glaubt, Litauen sei ein rein litauisches Land. In Wahrheit setzt sich die Bevölkerung aus vier Nationalitäten zusammen: Litauern, Juden, Weißrutheueu und Polen, von denen die Litauer allein nur eine Minorität darstellen, die außerdem noch gerade in den Städten, ans deren zentrale Bedeutung schon hingewiesen wnrde, nur sehr schwach vertreten ist. So leben z. B. in- Wilna, der Hauptstadt des Landes, nur 2 Prozent Litauer. Es ist somit selbstverständlich, daß jede Regelung der litauischen Frage, die den Litauern eine allmächtige Hcrrscherstellupg gegenüber den anderen 'Nationalitäten geben würde-, faktisch undurchführbar wäre, da die anderen Nationalitäten zusammen die-Majorität bilden und sich gegen eine solche einseitige Herrscherstellung der Litauern mit allen Mitteln zur Wehr setzen würden-. Hinzu kommt noch dieweitere Tatsache, daß die Litauer auch wie gesagt in ihrem kulturellen Bildungsftand keineswegs die führende Rolle einnehmen. Die Intelligenz des Landes setzt sich fast ausschließlich aus Polen inld Juden zusammen, während die Litauer in ihrer überwiegenden Majorität analphabetische Kleinbauern sind mit einer ganz dünnen Jntelligenzschicht an der Spitze. Aus alledem ergibt sich mit folgerichtiger Notwendigkeit, daß eine Regelung der litauischen Frage nur in der Weise möglich .ist, daß Litauen als. Nfitional.it,ätenstaat behandelt wird. Die verschiedenen. Nationalitäten des Landes müssen als gleichberechtigt anerkannt und in ihren Rechten sichergestellt werden; andernfalls wird jede innere Ruhe des Landes von vornherein unmögllch gemacht und der schärfste. Kampf zwischen den Nationalitäten entfesselt. Es muß leider konstatiert werden, daß die deutsche Verwaltung Ober- Ost, die bisher fast allein die Politik dieser litauischen Frage entschieden hat, sich noch nicht ganz zu dieser Erkenntnis, durchgerungen hat. Vielmehr hat sie bisher den Versuch gemacht, Litauen als litauischen Nationalstaat zu behandeln; demgemäß hat sie beispielsweise im Landesratder vor längerer Zeit bereits gebildet wurde, und der das repräsentative Organ des Landes, werden sollte, den Litauern die unbedingte Herrschaft gegeben, was zur notwendigen Folge hatte, daß die anderen' Nationalitäten, eine Beteiligung abgelehnt haben. Der Effekt war der,. haß der Landesrat so nur eine Minorität der Bevölkerung, repräsentiert und:! ihm so seine eigentliche Bedeutung bereits, genonrmen wurde, noch bevor er wirklich konstituiert war. Man muß die Erwartung aussprechen, daß die entscheidenden Instanzen ans diesen Fehlern der Vergangenheit lernen werden und die definitive Regelung der litauischen Frage auf der allein möglichen Grundlage der Behandlung Litauens als Nationalitätenstaat vornehmen werden. Eine solche Regelung würde auch ' allein die litauische Judensrage in befriedigender Weise lösen können. Die litauischen Juden "fordern in eiwrilütiger Geschlossenheit die Gewährung nationaler Rechte und die Sicherstellung ihrer national-kulturellen Autonomie. .In gewisser Hinsicht ist die Verwaltung Ober-Ost bereits bisher diesen Forderungen der litauische» Judenheit entgegeugekommen; so hat sie beispielsweise schon seit langem das Jiddische als gleichberechtige Sprache mit den anderen Landessprachen anerkannt und auch die Entwicklung des jüdischen Schulwesens auf der Grundlage des Jiddischen nicht zu hemmen gesucht. Hossentlich wird die deutsche Politik mit noch.stärkerer Konsequenz auf dieser Bahn fortschreiten und den litauischen Juden eine restlose national-knl urelle Autonom: e gewähr». Nebß» allen anderen Momenten, die dafür sprechen, und auf die wir schon kurz hingewiesen haben, fordern auch sehr gewichtige Gesichtspunkte der deutschen Politik eine solche Regelung der Frage. Für die Gestaltung der zukünftigen Beziehungen Litauens zu Deutschland werden gerade die Juden von ganz besonderer Bedeutung werden. Sie sind dazu berufen, an der wirtschaftlichen und kulturellen Umorientierung des Landes, die. allein eine wirkliche und dauernde Verbindung mit Deutschland ermöglichen kann, in hervorragender Weise mitzuwirken. Für die deutsche Judenheit ergibt sich hier eine wichtige und .dringende Aufgabe, Sie muß den litauischen Juden in dem Kampf um die Sicherstellung ihrer Existenz und Zukunft mit allen Mitteln zur Seite stehen und ihren Einfluß ausbieten, um eine Lösung der litauischen Judensrage im Sinne der Forderungender litauischen Judenheit dnrchznsetzen. Es ist das eine Ehrenpflicht der deutschen Judenheit, deren Nichterfüllung ihr als eine dauernde, historische Schuld angerechnet werden würde. Für die . ' einiger Zeit gegründete „Vereinigung jöoisc.):, Organisationen Deutschlands" ist hier du wichtiges FM der Betätigung gegeben, aus dem sie bei energischer Arbeit sicherlich erhebliche Erfolge wird erzielen können. Von der deutschen Regierung aher hoffen wir, daß sie in diesen! Falle das allem Notwendige erkennen und nicht zögern wird, es durchzuführen. Die Haltung der deutsche» Politik in der polnischen Judensrage hat bekanntlich die wichtigsten Forderungen der polnischen Judeuheur nicht befriedigt; die ungünstige Rückwirkung» die das auf die Lage in Polen selbst, darüber hinaus aber aus die Stellungnahme der gesamte» internationalen Judenheit in Deutschland..gehabt hak, liegt' heute klar zutage. Hoffentlich werden in der Behandlung und Regelung der litauischen Judcnfrage nicht dieselben Fehler wie in der polnischen begangen werden; hoffentlich werden die maßgebenden leitenden Stellen der deutschen Politik erkennen, daß die berechtigten Forderungen der litauischen Judenheit anzuerkenne» und zu erfüllen ebenso ein Gebot der politischen Klugheit wie der elementare» Gerechtigkeit ist.