Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Schimmer schweigsamen Glückes war über das Haus gebreitet, das ihm sehr wohl anstand. Es war am Abend eines Sabbats in den letzten Ausgängen des Sommers. Da saß Gitel, die Bäuerin, mit Josef draußen vor dem Hanse auf der hölzernen Bank, der gewöhnlichen Zusammenkunft der Familie an diesem Tage der Ruhe, an dem alles ringsum im Dorfe in lebendiger Tätigkeit sich regte, sie selbst aber der süßen Behaglichkeit beschaulicher Muße sich Hingaben. Beide hatten von gewöhnlichen Dingen gesprochen. Da kamen aus der Dorfschenke, die nicht fern dem Hanse lag, einige Burschen, denen man an den „Kommißkappen" und den blauen Hosen beurlaubte Soldaten .ansah. Es waren zumeist Söhne von Bauern, die für die Erntezeit in ihre Heimat entlassen waren und jetzt wieder zu ihrer Kompagnie zurückkehrten. „Wo mögen die jetzt hinziehen?" fragte Gitel gleichgültig. Statt aller Antwort nahm Josef die eigene Kommiß, 'kappe vom Kopf, die er seit dem Abschied noch immer trug, und schwenkte sie gegen die dahinzichenden Kameraden, die diesen Gruß bemerkten und durch lauten Zuruf beantworteten. ,-Was soll das vorstellen?" rief die Bäuerin. Der ehemalige Korporal in der Armee schwenkte noch mehrmals die Kappe und hörte nicht eher auf, als bis die Urlauber durch eine Biegung der Straße aus dem Gesichte verschwunden waren. Sie hatten einen Gesangaugestimmt, der sich leise, je weiter sie sich entfernten, verlor. Erst jetzt wandte sich Josef um; aber zum Erschrecken der Bäuerin bot seine Miene in diesem Augenblicke eine so auffallende Veränderung, daß sie auch ein minder geübtes Auge, als das unserer Gitel, gewahren mußte. Der einstige Soldat hatte nämlich Tränen im Auge! „Josef! was ist dir?" rief Gitel, „was geht mit dir -vax?" „Nichts, Mutter," entgegnctc der Soldat, der sich zu ermannen suchte. „Nichts," sagte er, indem er die Kappe mit einer gewissen Heftigkeit auf den Kopf drückte, dabei aber eine solche Stellung einnahm, daß ihm Gitel nur von der Seite ins Gesicht blicken konnte. „Josef, das glaub ich dir nicht," rief Gitel, um so dringender, „da hast du zum ersten Male in deinem Leben eine Lüge gesprochen. So umsonst, wenn nichts vorgcht, hat man nicht das Helle Wasser in den Augen." „Nun gut, Mutter," sagte Josef nach einer Weile mit mühsam gefestigter Stimme, „ich habe mir nur gedacht, wie ich da meine ehemalige Kameraden habe vorbeiziehen gesehen: Die haben es gut! Könntest du nur mit ihnen! „Josef!" schrie die Bäuerin und riß den einstigen Soldaten mit einem so kräftigen Rucke herum, daß er ihr gerade von Angesicht zu Angesicht stand. „Was geht mit dir vor? Wirst du gleich, reden?" „Ich habe es dir ja gesagt, Mutter —" „Du inöchtest also wieder in deine Kaserne gehen?" tief die Bäuerin mit dem Ausdrucke des Entsetzens in jeder Gebärde. „Warum nicht, Mutter?" meinte der Soldat mit gesenkten Blicken. „Der Feldwebel, unter dem ich gestanden bin, hat schon dreimal so lauge gedient, als er eigentlich hätte dienen sollen. Der wird auch als Sol- ^dat begraben werden. Es gibt manchen, der den Rock des Kaisers nicht mehr auszieht, wenn er ihn einmal angezogen hat." Die Bäuerin rang nach einem Ausdrucke. Das, was sie jetzt vernahm, , war so erschreckender Natur, daß es uns nicht wundernehmen kann, >venn der sonst so redekundigen Frau zum ersten Male das Wort versagte. „Dein Feldwebel ist dir also -lieber als dein Vater und deine Mutter," rief sie nach einer guten Weile mit gebrochener Stimme, „und die Kaserne ziehst du unserem gesegneten Hause vor? Das habe ich an dir erleben müssen, der mein einziger Sohn ist." Sic konnte nicht weiter, die Stimme versagte jeden Laut. „Mach mir das Herz nicht schwerer, Mutter,- als es mir ohnehin jst," sagte der Soldat, ohne aufzublicken, indem er mit der Hand über sein Gesicht fuhr. „Ich habe ja nichts gesagt, als daß ich meine Kameraden beneidet habe?" Frankfurt«: Israelitisches Familiendlatt. m ■ ... , , ... , i ... . „Mit deinen zwei fehlenden Fingern wird man dich wieder zum Soldat nehmen?" rief Gitel mit einem merkloürdigen Gemische von Triumph und Angst in Wort und Gebärde. „Zum Fuhrwesen nimmt man mich immer gerne an," meinte der Soldat. „Joses, mit dir geht was vor," schrie Gitel wieder, „du willst es nur deiner Mutter nicht sagen. Jst dir im Hanse etwas nicht recht? Geradezu heraus, möchtest du auf die Beschau gehen, dir ein Weib nehmen? Du lveißt, wir haben genug für dich, und daß noch eine Familie davon lebt. Warum tust du cS also nicht? Meinst du denn, wir hätten was dagegen, wenn du ein Mädchen nach deinem Sinne dir aufsuchst?" „Ich denk' nicht daran, Mutter," sagte der Soldat kurz. „So ist dir etwas anderes im Hause nicht recht?" rief die Bäuerin wieder. „Was kann denn das sein? Kann es einer besser haben als dn, tut man dir nicht, was man dir an den Augen ansieht? Du meinst also, die da vorübergezogen sind wieder in ihre Kaserne zurück, die haben es besser als du?" Josef entgegnete nichts. „Wart, jetzt weiß ich, loas dir fehlt," rief Gitel wieder nach einer Weile im raschen Gedankenflug. „Du warst gleich vom Anfang dagegen, daß ich Hannele Ehrenfelds Tochter ins Haus nehme, und seitdem hast du deinen Zorn darüber nicht abgelegt. Ich will gar nicht fragen warum? Wenn dir aber Rosel nicht recht ist, so brauche ich ja nur ihrer Mutter zu schreiben, und sic nimmt sie sogleich nach Hanse. Willst du, daß ich sie fortschicke?" „Dann gehe ich erst recht unter das Fuhrwesen," sprach der Soldat mit kaum vernehmbarer Stimme. In der Aufregung, die diese Unterredung über die Bäuerin gebracht hatte, überhörte sie, was doch rigentlich nicht mißverstanden werden konnte. „Du sagst das nur. um mir nicht weh zu tun," rief sie wieder, in der die fürchtende Mutter vollständig die Obergewalt eingenommen hatte. „Du weißt, daß mir das Mädchen ans Herz gewachsen ist, und daß ich sie inicht gerne so bald verlieren möchte. Aber deiner Mutter kannst du aufs Wort glauben: Wenn es dir nicht recht ist, daß Rosel länger im Hause bleibt, so schreibe ich gleich morgen an Hannele Ehrenfeld. Sie wird es mir schon verzeihen . . . und eine Ausrede ist bald gefunden. Ich kann ia doch nicht den eigenen Sohn fortziehen lassen . . . und eine Fremde dafür behalten?" Der Soldat hielt seinen Kopf tief gesenkt, um seine Lippen spielte jedoch ein Zug von Trotz, der gewaltig dasjenige zurückhielt, was doch nicht länger verschwiegen werden konnte. „Dringe nicht länger in mich, Mutter," sagte er endlich finster, „ich kann es dir doch nicht sagen. Ein Soldat muß fasten können, aber auch schweigen. Und am besten wäre es doch,.wenn ich mit meinen Kameraden fortziehen könnte!" Jetzt kam über das Wesen der Bäuerin ein solcher Grimm, wie er nur aus den Tiefen eines tief üelcidigten Gemütes hervorzuquellen vermag. „So geh!" rief sie mit vor Erregtheit zuckenden Lippen, „geh wieder zu deinem Feldwebel, wenn er dir lieber ist als Vater und Mutter. Geh meinetwegen zur Kavallerie oder zur Artillerie oder zunr Fuhrwesen — ich werde dir kein nasses Auge nachweinen. Läßt in sich hineinreden von einer Mutter >vie in ein Faß, und wie ein hohles Faß bleibt er stumm! Meinst du denn, dir bist noch der Soldat, der seinen Feldwebel vor sich hat, vor dem er nicht ,muxeu' darf? Ich bin deine Mutter, Josef, also mehr als dein Feldwebel! Und jetzt geh! Ich halte dich nicht auf!" So ungewohnt diese Vorwürfe und der Ton, in welchem sie vorgebracht wurden, für Josef waren.— er ertrug mit gesenktem Kopfe die ganze Last. Ohne ein Wort der Wiederrede wandte er sich von ihr ab und ging langsamen Schrittes ins Haus hinein.. Die Bäuerin blieb mit ihrem Zorne und ihren Gedanken über des Sohnes seltsames Tun allein. Der erste schwirrte noch eine Zeitlang in ihr, bald jedoch traten die andern mildernd und beruhigend in den Vordergrund ihrer mütterlichen Sorge. Was mochte es sein, das ihren Sohn in so kurzer Zeit derart umgestalten konnte? SoUte es in der Tat der Haß gegen Hannele Ehrenfelds Tochter sein? Was hatte ihm diese aber zulestie getan? Es mußte so sein. Denn nun erst kam es ihr in den Sinn, daß die „Answechslung" Josefs mit dem Augenblicke begonnen, da Rosel ins Haus kam. Aber jetzt gab es keine andere Wahl; entweder ging tzerte 5. der einzige Sohn wieder unter die Soldaten — oder Rosel mußte das Haus verlassen! Heiße Tränen flössen bei dieser Betrachtung über Gitels Wangen; sie sollte von ihrem Herzen so Liebgewrnnenes scheiden lassen! Schon jetzt, wo sie oe» Gedanken an Rosels Weggang bloß oachte, ivar es ihr, als scheide etwas Leuchtenoes, etwas unendlich Wohltuendes aus ihreni Hause, und als bliebe darin nur Finsternis und Beklemmung zurück. Jetzt erst fühlte sie sich recht als die Mutter auch dieses Kindes; es war ihr nicht anders, als müßte sie eine Tochter in die weite fremde Welt ziehen lassen. Aber ihr blieb ja keine Wahl; Rosel mußte aus dem Hause! (V^stznng Literarische Lhronik. N eue I ü d i s ch e M o n a t s h e f t e. 2. Jahrg., l-t. Heft. Berlin. Inhalt: Niod (Max M. Warburg). — Die Litwaki (Prof. Dr. Otto v. Zwiedineck). — Der Jude in Karl Marx (Dr. Gustav Mayer). —• Der Sinn der Vergeistigung (Nachum Goldmann). Aus der Arbeit über Karl Marx: „Karl Marx entstammte von väterlicher wie von -mütterlicher Seite alten Rabbinergeschlechtern. Der Großvater väterlicherseits Mordechai oder Marx aus dem Stamme Levi war Rabbiner in Trier gewesen. Später bekleidete dort sein ältester Sohn Samuel die gleiche Würde. Dessen Sohn Moses wurde Rabbiner in Gleiwitz. So treu dieser ältere Zweig der Familie denr Glauben der Väter anhing, so völlig wandte ein jüngerer sich von diesem Glaube» ab. Der zweite Sohn des alten Mordechai Hirschel oder Heinrich, mit einer holländischen Jüdin, einer geborenen Preßburg verheiratet, Rechtsanwalt später Justizrat in Trier, trat 1824 mit Frau und Kindern znm Protestantismus über. Als dies geschah, zählte Karl Marx, dessen hundertster Geburtstag am 5. Mai begangen Ivurde, erst 6 Jahre. S» kam es, daß die seelischen und geiüigen Schätze des Judentums für fein Auge abseits liegen blieben; er lernte sie nicht kennen und so verkannte er sie." „Marx verkannte, daß ein Lebewesen wie das Jndru- Ltum, bei dem man nach Jahrtmcsendcn zählt, selbst dann noch nicht tot gewesen wäre, wenn es, gesunder Entfaltungsmöglichkeiten beraubt, ein paar Jahrhunderte hindurch sein tiefstes Wort verschwiegen oder nur mit entstellter, heiserer Stimme ausgesprochen haben würde." „Die Emanzipation des Menschen vo,n Elend durch die Aufhebung des Proletariats: dieser echt prophetische Gedanke beseelt Marx." Aus Goldmanns Arbeit sei folgende Stelle wiedergcgeben: „M. zitiert ein schönes und kluges und sehr jüdisches Wort aus dem Talmud, das erzählt, als man die bösen Triebe einmal einsperrte, sei in ganz Palästina am dritten Tage kein frisches Ei mehr zu finden gewesen: sehr jüdisch, sage ich, ist dieses Wort, weil das Judentum stets diese Welt und ihre Mittel bejaht hat und mit Recht derer spottet, die die bösen Triebe einsperren wollen. Nur vergißt er, einen anderen Satz des Talmud zu zitieren, der die notwendige Ergänzung jenes einen bildet und ihm erst seinen positiven Sinn gibt. „Wenn dich der böse Trieb erfaßt," sagt der Talmud, „denn schleppe ihn ins Beth-hamidrasch (Gebet- Haus." Die Triebe nicht einsperren, aber sie ins Bethhamidrasch schleppen, die Kraft und Leidenschaft, die in -ihnen lebt, in den Dienst guter Zwecke stellen, den bösen Trieben die gute Richtung verleilien, sie nicht töten, aber heiligen . . ." Woche»-Sale»der. Samstag, U. Mai .(= 29. Jjar). Sabbat-Anfang in Franksurt 8 Uhr; Sabbat-Zlusgang in Frankfurt 9 Uhr oO Min-, in Berlin 9 Uhr 37 Min. Wochcnabschnitt: Bemidbar. — Musterung der Kinder Israel. Die Lagerordnnng. Aus dem Prophetenwort des Sabbats (Hosea, Kap. 2, BerS 20—22): „An jenem Tage schließe ich für sie einen Bund nrit dem Getier der Flur, dem Vogel des Himmels- und dem Gewürm am Boden. Bogen, Schwert und Krieg tilge ich von der Erde und lasse sie in Sicherheit sich mederlegen. So traue ich dich mir auf ewig an. Ich traue dich mir an durch. das Recht und die Verwirklichung des Rechts, durch Liebe und Erbarmen. Ich traue dich mir an durch Vertrauen, — und bann wirst du Gott erkennen." Sonntag: Rausch Chaudesch Siwan. Freitag und Samstag (17. u. 18. Mai): 2 ch o w n a n s. Omer - Tabel! e. Freitag, 19. Mai abends — 44. Omer Samstag, 11. 45. „ Sonntag, 12. =-■= 46. „ ontag. 13. „ — 47. „ Dienstag, U. - 48. Mittwoch, 13. tt », — 49. „ Sabbatgot tesdienst in Frankfurt. Freitag abend 8 Uhr in den meisten Synagogen (Königsteinerstr. 7 Uhr, Hauptsynagoge 6 Uhr). Samstag früh 8Vi Uhr in den meisten Synagogen (Hauptsynagoge 9 Uhr, Königsteinerstraße 9V» Uhr). Wochengottesdienst in Frankfurt. Morgens 6*/» Uhr in den meisten Synagogen (Hcucptsynagoge 7Va Uhr, Königsteinerstraße 7Va Uhr). Abends 8 Uhr in den meisten Synagogen (Königsteinerstraße 7 Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr). i