Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1918)
- Date
- 1918-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Trotzkij..*) Die überwältigende Mehrzahl der rumänischen Inden, namentlich in der Moldau, sind kleine und kleinste Existenzen: Schneider, Schuhmacher, Uhrmacher, Klempner und endlich jene geheimnisvollen Geschöpfe, deren Existenz nicht nur vom nationalökonomischen, sondern auch vom physiologischen Standpunkt ein Rätsel ist. Eine geiverbliche Statistik gibt es in Rmnäicien fast nicht; ich habe deshalb mährend meines Aufenthaltes in Rumänien nur annähernde Angaben über die soziale Zusammenstellung. der Bevölkerung, speziell der jüdischen Bevölkerung, mir beschafseic können. Unter den rumänischen Inden gibt cs mindestens 30000 Familien von Arbeitern und tleinen Handwerkern; das ergibt im ganzen etwa 150000 Seelen oder mehr als die Hälfte der ruinänischen Judenschaft. Nach ihnen folgen die kleinen Krämer, die Kansleute, Industriellen, Pächter, Wucherer, Bankiers, 400 bis 500 Aerzte, 30 bis 40 Rechtsanwälte, ebensoviele Journalisten, einige Ingenieure, zwei Professoren. Von dieser Masse wurden naturalisiert: Im Jahre 1879 etwa 900 Teilnehmer des Rumänisch-Türkischen Krieges (von denen heute kaum mehr als die Hälfte am Leben ist), ferner kaum mehr als 400 auf Grund der „individuellen" Gesetze nach 1879. In derselben Zeit sindin Rumänien etwa 300 bis 350 Ausnahmegesetze gegen die „Ausländer", d. h. in erster Linie gegen die Juden erlassen worden. Diese Ausnahmegesetze haben mit dem „Schutze der Bauernschaft" natürlich nichts zu tun, sie _ sind vielmehr dem Schutz der Interessen der herrschenden und ausbeutenden agrarisch-bureuucratischen Kaste angepaßt. So ist den Juden in der Regel das Wohnen in den Dörfern verboten, aber dem jüdischen Pächter, das heißt dem Juden, dessen Dienste der Grundherr bedarf, wird dieses „Recht" ebenso wie dem bulgarischen oder griechischen Pächter verliehen. Nach deni Bauernausstand vom Jahre 1907 wurde ein Gesetz erlassen, das den „Ausländern" verbietet, mehr ■ als 4000 Hektar Land zu pachten. Dieses Gesetz bringt dem Bauern absolut keinen Nutzen, es verstärkt aber zweifellos die Abhängigkeit des Pächters von dem Grundherrn. Eine Reihe von Gesetzen verbietet den Juden alle Arten des Staats-, Munizipal- und Kommunaldienstes. Ein Jude darf weder Rechtsanwalt, noch der Inhaber einer Tlpotheke oder eines Tabakladens, noch Börsenmakler sein. Noch im letzten Jahre vor der Mobilisierung gegen Bulgarien wurden die Dorfmärkte durch besonderes Gesetz den Börsen gleichgestellt, damit die Juden aus dem Markthandel verdrängt pierden können. Juden dürfen nicht zum Vorstand der Handwerkerinnungen gehören. Jüdische Kinder werden nicht in den Volksschulen ausgenommen; in den mittleren Lehranstalten werden sie nur auf „vakante" Plätze, das heißt fast nie ausgenommen. Zwischen den jüdischen und rumänischen Kindern wird aüf diese Weise eine künstliche Mauer errichtet. Zu gleicher Zeit jedoch stellen die Herren der Lage an die Juden die Forderung, in dem Rumänentum „auf¬ *) In der „Sozialistischen Auslandspolitik" veröfsentlicht Karl Kautsky einen ihm noch vor dem Ausbruch des Weltkrieges zur Verfügung gestellten Artikel von Trotzkij über ,,Die Judenfräge in Rumänien und die Politik Pis» märckS." Wir entnehmen diesem Aufsatz, der jetzt aktuelle Bedeutung gewinnt, die nachstehenden Ausführungen. (Die Redaktion.) zugehen", wenn sie die.bürgerliche Gleichberechtigung erlangen wollen. In den letzten Jahren wurde sogar gegen die jüdischen Privatschulen eine Agitation geführt, und zwar deshalb, weil sie das kulturelle Niveau der jüdischen Masse heben mit) dadurch für das durch und durch verfaulte rumänische Staatswesen um so gefährlicher machen. Jüdische Arbeiter, die an dem wirtschaftlichen oder politischen Kampf ihrer Klasse Anteil nehmen, werden von der Regierung als lästige Ausländer zu Hunderten über die Grenze gejagt. Selbst in den Spitälern, zu denen die Juden Zutritt haben, tverden sie als minderwertige Kranke behandelt. Und so weiter — ohne Ende. Die seit drei Jahren am Staatsruder stehende konservative Partei, die beim Beginn der Mobilisation (von 1913, gegen Bulgarienn) den Bauern Grund und Boden versprach und den Juden unbestimmte Andeutungen über Gleichberechtigung und Ausgleichung der Gegensätze machte, ist durch Auflösung des Verwaltungsapparates und die völlige Anarchie der Militärorganisation zur Zeit der Mobilisation in Grund und Boden kompromittiert worden. Neben ihr steht als die stärkste Partei im Lande die liberale Partei, eine schanclose, durch und durch reaktionäre politische Maffia. Auf ihrem Kongreß, der anfangs November vorigen Jahres 'stattfand, formulierten die Liberalen zum Hundertstenmal ihre marktschreierisch-demagogischen Versprechungen aus dem Gebiete der Agrarfrage uns des Wahlrechtes, ohne indes auch nur mit einer Silbe die jüdische Frage zic erwähnen. Solange die .Hörigkeit der Bauern noch zur Hälfte fortbesteht und die Grundlage für alle besitzenden -Klassen bildet, ist eben die Aufrechtcrhaltung der jüdischen Rechtlosigkeit eine Selbsterhaltungsfrage der politischen Cliquen Rumäniens. Nur die rumänische Arbeiterpartei rollt die jüdische Frage in ihrem ganzen Umfange aus: Als Frage des demokratischen Kampfes, untrennbar verknüpft mit der Beseitigung der wirtschaftlichen und politischen Herrschaft der halbfeudalen Oligarchie. Außer der Arbeiterpartei ist keine geschlossene und ihrer Aufgabe bewußte demagogische Macht in Rumänien vorhanden. Das ist aber keineswegs gleichbedeutend mit der Isoliertheit des Proletariats. Die heutige Situation stellt vielmehr die Partei des Proletariats vor die objektive Notwendigkeit, die Leitung aller politisch noch nicht zusammengeschlossenen Elemente zu übernehmen, deren Bestehen und .Entwicklung unvereinbar ist mit dem heutigen Regime. Dies ist vor allem die rumänische Bauernschaft, Hann die jüdische Masse, die von einer Reihe jüdischer Elemente auf den Weg einer phantastischen erniedrigenden Politik des Vertrauens in halbe Versprechungen und rückhältige Andeutungen zu locken versucht wird. Die Lage des jüdischen Religisrrslehrers. Alle Stände ringen nach einer Erhöhung ihres Einkommens, um der gewaltigen Verteuerung jeglichen zunc Leben Nötigen einigermaßen nachzukommen. Beamte, Handlungsgehilfen, Arbeiter usw., sie alle haben eine Erhöhung ihrer Gehälter erreicht. Nur der jüdische Religionslehrer in den kleinen Orten, dessen Lage schon in normalen Zeiten keine beneidenswerte war, sieht sein Gehalt von häufig nur 800 bis 1200 Mark unverändert. Sein Nebeneinkommen hat sich sogar noch verringert. ' Durch die Rationierung des Fleischverbrauchs verdient er weniger als Schächter, und infolge der militärischen Einziehung zahlreicher Gemeindemitglieder gehen ihm manche Einnahmen verloren. Gerade der Religionslehrerstand .sollte ohne Not leben, denn ihm obliegt die Wahrung, der idealen Güter des Judentums! Wie kann er aber mit schweren Nahrungsforgen seinem heiligen Amte gerecht werden? Hier besteht für die deutsche Judenheit eine ernste Pflicht. Sie leicht nehmen, heißt nicht nur einen gehobenen, idealen Aufgaben geweihten Stand bitter darben lassen, sondern bedeutet auch eine schwere Versündigung am Ju! r. Es gibt so zahlreiche Hilfsaktic. , in unserer^ stets opferbereiten deutschen Judenheit. Eine Hilfsaktion für notleidende jüdisch Religionslehrer erscheint aber die dringendste. Llnsgabe. Die kleinen Gemeinden selbst sind meistens finanziell zu schwach, um aus Eigenem etwas tun zu können, — daher muß die gesamte deutsche Judenheit eingreifen! Bericht über die Versammlung des Deutschen Komitees Pro Palästina. Das Komitee „Pro Palästina" hielt seine erste Versammlung am 25. 2lpril im Hotel Kaiserhos, Berlin, ab. Am Vorstandstisch hatten Exzellenz R a s ch d a u, Prof. Dr. Hans Delbrück, Bergrat a. D. Gothein, M. d. R. und die beiden Referenten Prof. Dr. Ballod und Cohen-Reutz, M. d. R., Platz genommen. Exzellenz Rasch bau eröffnete die Versammlung. Er wies darauf hin, daß die Kolonisierung Palästinas eine Frage von höchster Bedeutung sei, für die auch die deutsche Politik sich interessieren müsse. Das Auswärtige Amt habe, wie man wisse, die zionistischen Bestrebungen stets mit Aufmerksamkeit und mit wohlwollender Anteilnahme verfolgt. Auch die Türkei stehe jetzt dem Zionismus mit aufrichtigen Sympathien gegenüber.; Hierauf ergriff als erster Referent des Abends Prof. Ballod das Wort zu seinem Bortrage über das Thema „Der Zionismus in der Bedeutung für die deutsche Politik." Er führte aus: Wenn wir uns als ein Pro Palästina-Komitee konstituiert haben, so geschieht das deshalb, weil wir, die wir zum überwiegenden Teile Nichtjuden sind, uns für die zionistischen Ideale in besonderer Weise interessieren. Es handelt sich um eine aus national-ethischen und religiösethischen Gründen geborene Bewegung, die man zugleich nach ihrer idealen und reckten Seite würdigen muß. Zwischen diesen beiden Seiten der Bewegung besteht ein enger Zusammenhang, denn cs ist für die Kolonisierung Palästinas von großer wirtschaftlicher Bedeutung, daß diejenigen, die als Pioniere der Siedlungsarbeit hinübergehen, als Idealisten ins Land konrmen, die nicht bei jeder Schwierigkeit die Flinte ins Korn werfen. In dieser Beziehung läßt sich der Zionismus nur mit der Bewegung der Puritaner und Quäker vergleichen, die im 17. Jahrhundert nach Amerika gingen und deren Erbe den ganzen Ethischen! Grundgehalt des modernen AmerikaniSmuS bildet, und die zugleich eine große wirtschaftliche Entwicklung herbeigeführt haben. Das realpolitische Problem des Zionismus läßt sich in die zwei Fragen zerlegen: l. ob ein größeres Bedürfnis in der zionistischen Bewegung verkörpert wird und 2. ob Palästina in der Lage ist, größere Massen vou Ansiedlern aufzunehmen. Was die Frage des Bedürfnisses anlangt, so komnit es vor allenr ans die Ostjuden an. Wenn daS Auswandsrnngsbedürfnis der Ostjuden bisher offenkundig war, so könnte heute, nach dem Fall des Zarismus, die Frage anftmichen, ob nicht die Emanzipation der jüdischen Masse eine weitere Auswanderung überflüssig machen würde. Ich glaube.dies nicht. Einmal stillt die Sprengung der Grenzen des Ansiedlungsrahons nicht die ethisch-religiöse Sehnsucht, die in dem Zionismus zum Ausbruch konimt. Zweitens aber glaube ich nicht, daß sich die Lage der Juden in Polen, in Groß-Rußsand und der Ukraine wirtschaftlich, bürgerlich und politisch befriedigend gestalten wird. Der Boykott in Polen, die Judenpogrome in Rußland und der Ukraine sind eine ernste Mahnung für die Zukunft. In Palästina mutz also für 5—6 Millionen Menschen Raum geschaffen werden. Das ist möglich. Zieht man lediglich die fruchtbaren Ebenen und Täler in Betracht,