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Neue jüdische Presse · 1918-05-03 · Heft 18 (3.5.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 18 (3.5.1918)
Date
1918-05-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.. 18 Frankfurter Israelitisches Fanliliendiatt. Seite 5. Damit empfahl er sich and ging. Hatte sic ihn begriffen? In seiner offenen, verständnisreichen Seele trug der Doktor das Geheimnis einer jungen Seele, ihr selbst noch unbekannt, das sich ihm aber in dem Briefe in feinsten Umrissen geoffenbart hatte. VIII. DreiErbsen. Schneller, als wir gedacht, kommen ivir wieder auf das Dorf zurück. Im Hause Feiwel des Bauers war in diesem Augenblicke ein merkwürdiges Treiben und Bewegen; die Zeit der Ernte war gekommen. Das Jahr hatte mehrgehalten, als es im Anfänge versprochen hatte; man konnte eS ein gesegnetes nennen. Wagen auf Wageir brachten die goldene Fcldlast ins Haus; knarrend waren sic ausgezogen, leise, weil sie ob der „schweren Wucht nicht klagen konnten, waren sie zurückgekehrt. Für Rosel war die Ernte ein neues, nie gesehenes Schauspiel. In der Gasse, in der sie geboren und erzogen >var, konnte mit Mühe kaum ein geivöhnlicher Wagen, geschweige ein mit Garben hochaufbelasteter gewendet werden. So oft eine neue Ladung durch das Hoftor lenken wollte, sprang sie vors Haus hinaus, und wie die Garben mit kraftvoller Hand von den Knechten geschwungen, auf den Boden fielen, wie die Wagen wieder sortfuhren ... dem allem folgten Rosels leuchtende Blicke, die mehr als Neugierde verrieten. Wer das Mädchen jetzt so dastehen sah und die Stunde verglichen der es dem zu harten Sitze auf Feiweils „Kutsche!" entflohen war, hätte sich kaum überreden können, es sei noch ein und dasselbe. Sie war in der Tat sichtlich erstarkt; ihre Wangen blühten im Schimmer einer gesuiü>en Röte; dabei war das Mädchen größer und kräftiger geworden, und auf den ersten Anblick ward man gewahr, daß mit seinem ganzen Wesen eine merkwürdige Aenderiing vorgegangen sein mußte. Es lag ein Hauch innerlicher Freiheit über ihm ... cs war mit einem Worte im Zustande selbständiger Entwickelung. Wir müssen es übrigens aufgeben, die Geschichte dieser Wandlung erzählen zu wollen. Alles Lebendige folgt dem naturgemäßen Drange, daß cs mrr in dem ihm am meisten zusagenden Boden wurzeln und gedeihen will. Luft und Licht, Wasser und Erde, wie sie sich auch gegenseitig in ihrem Ringen nach .Herrschaft befeinden und bekriegen, und keines dem anderen einen Fuß weit Raumes abzutreten geneigt ist — wenn etwas wachsen und in die Höhe aufsteigcn soll, müssen sie sich dennoch brüderlich die Hände reichen, und eines dem anderen das Wort des Verständnisses zuflüstern. Jeder Gärtner weiß das! Und hier war eine Menschenpslanze in ein Erdreich versetzt worden, das ihr Wohltat! Auf dem Bauernhof hatte man für das Wunder dieser Wandlung, wie es sich von Tag zu Tag lieblicher offenbarte, die Augen nicht verschlossen. Knechte und Mägde staunten es an, am meisten aber der alte Bauer, über den sich ein Geist der Redseligkeit ergoß, ivenn er auf das fremde Mädchen zu sprechen kam, wie man es an dein behäbig gleichgültigen Manne selber für ein Wunder ansehen mußte. Er schlich hinter dem Mädchen her, etwa wie ein Verliebter, und recht wie Sonnenschein klärte es sich auf seinem breiten Antlitze auf, wenn er ihm nachblicken konnte, wie cs behende über den Hof schritt, oder frühmorgens mit klaren Augen in die Stube trat. Trotzdem daß er da noch gewöhnlich die „Tefillin" um Kopf und Arm geschlungen trug, und jedes andere Wort außer der heilige» Gebetsprache Zions ihm verwehrt war, so konnte er sich doch niemals des Aufrufs enthalten: . ,,S' Gotts willkumm, Prinzessele!" Rosel erblickte übrigens in dieser Benennung keine Beleidigung, was ihr beim Eintritte in dieses Haus allerdings als solche geschienen hatte. Das klang ihr jetzt jedesmal wie eine neue Bestätigung, daß sie auf dem Bauernhöfe wirklich willkommen und nicht bloß gut gelitten war. Dennoch mochten in dem Bauer manchmal Bedenken zweifelnder Natur aussteigen, ob er auch recht daran tue, und ob das Mädchen am Ende nicht doch beleidigt werden könnte. Rosel stand einmal mitten im Hofe und fütterte die junge Hühner- und Gänscwelt des Hauses. Da kam der alte Bauer, nachdem er dem Tun des Mädchens lange zugesehen hatte, breitspurig oahergeschritten, daß die zaghaften Vögelchen, die ihn nur wenig kannten, erschreckt auseinander fuhren, und das eine hier, das andere dort eine Zuflucht suchte. „Um Gottes willen," schrie Rosel, „was stellen Sie an, Rebb Feiwel?" „Ich Hab' dir nur sagen wollen, Rosel," meinte dieser mit seltsam bewegter Stimme, „warum ich dich immer Prinzessele heiß' und niemals. anders." - „Ich sehe darin nichts Schlechtes," sagte Rosel, die trotz der Störung ihres Lieblingsgeschäftes lächeln mußte. Sie rief hierauf die Hühner noch einmal an sich, die denn auch auf ihren Ruf sich allmählich wieder um sie sammelten. „Sollst du leben und gesund sein," rief der alte Bauer, „du magst anfangen und dich stellen wie du willst, du bist doch ein Prinzessele." „Kann ich dafür, wenn ich so ungeschickt bin? und wenn die schlechteste Magd mehr kann als ich?" cntgcgnete Rosel in einem fast traurigen Ton. „Wirst du gleich schweigen und kein Wort weiter reden?" rief Feiwel; „du hast mich ja gar nicht verstanden, du Narrele! Gerad' weil du alles so fein und geschickt austellst, als wärst du dein Leben lang auf einem Bauernhof gewesen; gerad' darum kommst du mir wie ein Prinzessele vor." . „Meinen Sie, Rebb Feiwel?" sagte Rosel und errötete vor Verlegenheit. „Weißt du was, Rosel," begann der alle Bauer wieder in seiner Redseligkeit, die heute stärker über ihn gekonlmen >var als sonst. „Wie ich noch ein Kind war, da hat mir meine Babe (mit ihr sei der Friede) am Sabbatabend, so in der Zeit, wenn man noch kein Licht anzünden durfte, manche Geschichte erzählt, an die ich mich noch jetzt erinnere, wie wenn es erst gestern am Abend geschehen wär'. Manche von diesen Geschichten waren dir so schrecklich und haarsträubend, daß mein Vater einmal mit einer großen Rute gekominen ist, .weil ich in derselbigen Nacht vor lauter Furcht nicht habe einschlafen können. Manche Geschichte wieder war lustig und so schön, daß mir noch heutzutage das Herz davon aufgeht. Zum Beispiel von dem Prinzessele mit den drei Erbsen." Rosel wurde erst jetzt recht aufmerksam; sie hielt in der Fütterung ihrer beflügelten Untertanen inne und richtete ihre großen Augen erwartungsvoll auf den alten Bauer. „Das Prinzessele nämlich," fuhr Feiwel fort, „hat durchaus von keinem Mann hören wollen, nicht mit Güte, nicht mit Gewalt hat man sie dazu bereden können. Da hat sich ihr Vater, der ein König war, gedacht: „Wart, ich will dich auszahlen! Sind dir die schönsten Prinzen nicht recht, so wirst du dir einen nehmen müssen, der etlvas weniger ist als ein Prinz, meinetwegen einen Bauer." Darauf hat er sie fortgetrieben, und sie ist fort. Blutigwund hat sie sich die Füße gegangen, denn sie war das nicht gewohnt, bis sie in der Nacht, todmüde, vor einem Hause in einem großen. Walde angekommcn ist. „Macht's mir auf," hat sie geschrien, „macht's mir auf, ich bin eine Prinzessin." „Eine Prinzessin bist du?" sagt ein Weib zu ihr, die ihr die Tür aufgemacht hat, „wart, ich will dich probieren." Drauf nimmt sie alles Bett, was sie im Hause hat, und schichtet es auf, daß es bis an die Decke reicht, ganz zu unterst legt sie aber drei Erbsen, und nun sagt sie zu ihr: „Jetzt leg dich schlafen." Frühmorgens kommt sie zu ihr, da sitzt das Prinzcssele auf dem Bett und weint bitterlich. „Was weinst du?" fragt sie die Frau, die übrigens selbst eine Königin war. „Wie soll ich nicht weinen," entgegnete das Prinzessele, „ich bin die ganze Nacht auf lauter Steinen gelegen, mein ganzer Körper ist wund davon." „Denk dir nur, sie hat die drei kleinen Erbsen für Steine gehalten. Darauf sagt die Frau: „Dn hast mich nicht belogen, jetzt seh' ich, daß du eine wirkliche Prinzessin bist." . Rosel lachte laut auf. „Und so eine Prinzessin bin ich auch, Rebb Feiivel?" rief sie lustig. „Gewesen," sagte der Bauer beinahe ernst. „Bist du mir nicht vom Wagen heruntergesprungen und sortgelaufen, weil du geglaubt hast, du sitzest auf einem Sack Erdäpfel? Ich schwör' dir's aber noch jetzt zu, Roselleben, du bist auf lauter Roßhaar gesessen, wie der verstorbene Herr Pfarrer, der sich auf einen guten Sitz etwas verstanden hat." „Und jetzt bin ich also kein Prinzessele mefjr?" meinte Rosel. „Wart, ich bin noch nicht fertig," sagte der alte Bauer mit einem getvissen schalkhaften Lächeln zwischen seinen beiden Mundwinkeln, „meinst dn denn, jene Prinzessin hat gar nichts mehr zu erleiden gehabt? Das war zwischen ihrem Vater und der Frau, die sie ausgenommen hatte, so verabredet worden, daß sie sollte nänilich die Gänse hüten, die Hühner füttern, die Kühe nielken, Gras vom' Felde heimbringen, stricken und kochen, kurz alles tun, was einer gemeinen Magd zukommi. Und richtig! ans der schönen Prinzessin, die auf drei Erbsen gelegen ist, ist eine ganz prächtige Bäuerin geworden!" Plötzlich wandte sich Rosa bei diesen Worten zur Seite; darum vermochte Rebb Feiwel auch nicht die feine Röte zu bemerken, die in diesem 'Augenblick ihr liebliches Antlitz überzogen hatte. „Das Prinzessele nämlich," fuhr der alte Bauer fort, „hat den Sohn von der alten Frau gern bckomnien, der war ein Schäfer und hat die Schafe aufs Feld getrieben, wie sie die Gänse. Ich bitt' dich, Rosel . . . was geschieht, wenn junge Leute lang' beisammen sind? Die schönsten Prinzen hat sie nicht haben wollen, und jetzt hat ihr ein einfacher Bauersfohn besser gefallen, daß sie ihn allen anderen vorgezogen hat. Erst da hat es sich herausgestellt, daß er auch ein Prinz ist, und so ist mein Prinzessele zu. einem Mann gekommen." Er hatte diese Worte kaum geendigt, als Josef in das Hoftor eintrat, der große, schlanke Junge mit den klugblickendcn braunen Augen. Plötzlich warf Rosel die ganze Ladung von Gerstenkörnern, die sie in der Schürze hatte, den Hühnern hin und floh eiligst ins Haus. Diese Flucht traf so auffallend mit Josefs Kommen zusammen, daß sie diesen selbst verblüffte. „Hast du ihr vielleicht etwas gesagt, Vater, was sie beleidigt hat?" fragte er, während eine dunkle Röte, wie von unterdrücktem Zorne, sein Antlitz bedeckte. „Ich?" lachte Rebb Feiwel. „Ich Hab' ihr nichts als von dem Prinzessele mit den drei Erbsen erzählt, und wie die zu guter Letzt glücklich war, das; sie einen Bauer zum Mann bekommen hat." „Das hast du ihr, Vater, erzählt?" rief Joses, indem er ganz nahe an den Bauer trat, damit ihn kein anderer höre. „Und da willst du, daß sie nicht aus und davon soll?" Da zuckte über das Antlitz des alten Bauers ei» Licht von Verschlagenheit und schlauem Verständnis, daß cs mit einem Male ivie beleuchtet von einer inneren Flamme erschien. Selten hatte der eigene Sohn diesem Gesichtsansdrucke begegnet; denn der Alte war ziemlich gehämmert für Gemütsivallungen. „Meinst dn denn, mein Jüngelleben," sagte er langsam, und jedes seiner Worte mit Nachdruck betonend, indem er dabei mit dem linken Auge zwinkerte, „meinst dn denn, dein Feldwebel ist allein ein kluger Mensch gewesen, und außer ihm ist die ganze Welt ein Narr? Da drauf kannst dn dich verlassen, mein Jüngel: deinem Vater, Feiwel Bauer, braucht man auch nicht de» Finger in den Mund zu stecken. Er kann auch beißen." (Fortsetzung folgt.) Der frohe Krieger. Bon Verwalter H. 2. „Schwester, diesen Mann wollen wir aber ordentlich pflegen." Mit diesen Worten verabschiedete sich der Oberstabsarzt von der Oberin des Lazaretts. Sie ging - ans Bett des- Verwundeten zurück, und hier bot sich ihr noch der gleich« Anblick. Bleich und regungslos lag der eingewiesene Krieger auf seinem Lager, und mitleidsvoll blickte die Schwester ihn an. Es war aber auch zu arg. Ein Schuß mitten durch den Rücken traf den Aermsten, und die Folgen schienen so verhängnisvoll für ihn, daß die Anordnung des Arztes gewiß am Platze war. Unruhig warf der Berwnndete seinen Kopf hin und her. Der war noch draußen im Toben des Kampfes. Es hieß: „Vorgehen zum Angriff." Lange genug lagen sie wie die Maulwürfe in ihren Gräben, die Fäuste ohnmächtig geballt und wartend auf die Stunde des Vorgehens. Die Erde bebte, rasende Feuerschlünde schossen empor, und dann ging's los, hinein ins Getümmel. Di- Augen blitzten, die Kräfte schienen verzehnfacht, . . . und eS gelang. Der Graben war erreicht, und ach, so nahe vor dem Ziel traf ihn der Schuß. , Stöhnend schlug der Verwundete die Augen aus, und mit inniger Teilnahme sagte die Schwester zu ihm: „Na, mein Lieber, jetzt wollen wir aber so kein böses Gesicht machen. Sie werden sehen, wie bald alles wieder gut wird." Und der freundliche Zuspruch der -Schwester bewirkte, daß bald eine günstige Veränderung in dem Gemütszustand des Kranken eintrat. In dem Lazarett, in das er eiugewrcsen wurde, hatte er es gut getroffen. Hell und freundlich war hier alles, und wenn er von seinem Bette aus hinaussah in den weiten, schönen Park des Hauses, dessen blühende Bäume fast hineinragten in da» Zimmer, dann wurde er ruhiger. Er freute sich schließlich, am Leben zu sei», und dann mußte ja asies gut werden! Zu Hause warteten seiner Frau und Kind. Die Geliebte seines Herzens, mit welcher Sehnsucht wünschte er sie hierher! Und sein kleines Knrtchen! Wie trippelte es immer um ihn herum, bis er es auf seinen Schoß nahm und „hü, hott" mit ihm machte: War des wilden Treibens genug, dann nahm er es auf seinen 'Arm, herzte und küßte es, und der kleine Junge umschlug mit seinen Händchen des Vaters Gesicht. Und wie schön waren die Freitagabende, wenn er nach Hause kam und fand inmitten der hellen Sabbatlichter strahlenden Angesichts' seine Frau Mit dem kleinen Kurt. Der tapfere Krieger, der sich, das alles so vormalte, schlummerte mit diesem Bilde ein, und ein glückliches Lächeln umspielte seine Züge. Die Tage gingen dahin, und es war, als ob alle Besürchtungen eintresfen sollten. Die Organe des Körpers

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