Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693075-2693092--10294-2705608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am FreUag. Attussprei» pro ZKrrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1-50 free ins HauS. Bei der Post abonniert Mk. 1.45, frei wS Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung. durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.80 Einzel»Nummern kosten 16 Pftz. Redaktion und GXpedition: FrmMiirt a. M. Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Keransgever: Kalfl cheir.? — Infertianspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Psg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Bvrschrift ohne BerRndKchkeit. Annonoen-Aunahme bei der Stzped. und in a.Annoneen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. fr- - ■ 16. Jahrgang. Freitag, de« 14. Ijar 5678 (26. April 1918) Rr. 17. ind a ü€ Her««»» t»heu. Hätte das jüdische Volk eine eiirheitliche nationale Organisation seiner Gelamtbeit und würde in allen seinen Teilen jenes Gefühls der Verehrung sür seine großen Männer lebendig fein, da§ der Wesensart des jüdischen Geistes entspricht, so hätte es den Todestag Hermann Cohens als nationalen Trauertag des gesamten jüdischen Volkes erklären müssen. Denn in ihm starb einer der größten, vielleicht der größte jüdische Den-' ker unserer Tage; und wenn hier Mischer Denker gesagt wird, so liegt der Akzent zum mindesten ebenso aus dem „Jüdischen" wie auf dein „Denker". Es wird sicherlich noch langer Zeit bedürfen, bis die Judenheit wie auch die nichtjüdische Welt verstehen wird, die volle Größe Cohens als Repräsentanten jüdischen Geistes zu würdigen. Aber es kann für den, der sich in oie geistige Welt Cohens je versenkt und etwas von der Atmosphäre dieser Welt in sich ausgenommen hat, kein Zweifel bestehen, daß die Zeit kommen wird, da inan Hermann Cohen als einen ganz großen Repräsentanten des jüdischen Geistes in -der Welt betrachten wird. Dies ist das Wichtigste uub Entscheidende für eine jüdische Ausfassung und Beurteilung Cohens, daß er in seiner geistigen Art, in der Form, seines Denkens .und in den tiefsten Wesenszügen seiner Persönlichkeit so durchaus .jüdisch, so repräsentativ jüdisch war. Wenn wir das sagen, so denken wir nicht — um Mißverständnisse zu beseitigen, sei es betont — an seine Bücher und Ideen über das Judentum, denken auch nicht au sein positives Bekenntnis zum Judentum. Würde man nur danach ihn jüdisch beurteilen, das Urteil, von dem wir ausgingen, wäre kaunl gerechtfertigt. Ueberall da, wo er bewußt über das Judentum sich äußert, hat er es verzerrt; und was seine persönliche Stellung zum Judentum unserer Tage betrifft, so braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß sie objektiv und sachlich falsch gewesen ist. Wenn wir ihn hier als großen jüdischen Denker betrachten, so geschieht es im Hinblick aus die ganz allgemeine Grundform und Wesensart seines Denkens und seiner Persönlichkeit. Nicht in seinen Büchern über das Judentum, sondern in seiner allgeineinen Philosophie, in seiner Logik und in seiner Ethik ist er der große Jude, der große Repräsentant jüdischen Geistes. Der zentrale Grnndakt des jüdischen Geistes, seine entscheidende Stellung zur Welt und zum Dasein hat in Cohens Philosophie die in ihrer systematischen Konsequenz vielleicht imposanteste Manifestationsform in der bisherigen Geistesgeschichte gefunden: der Grundakt, die Welt durch den Geist zu konzipieren und umzugestalten. Wie ein Mensch und ein Volk sich die Welt aneignet, das ist wohl eines der entscheidenden Momente für dessen geistesgeschichtliche Wesensart. Das Judentum hat immer nur diese eine Form gekannt, , die Welt, sich änzueignen und zu be- " wältigen: durch das Medium des Geistes. Die Cohen'sche Philosophie, begründet auf ihrer „Logik des Ursprungs" mit ihrer Zurückführung aller Anschauungsformen auf das Denken, har diese Form der jüdischen Weltbewältigung, vom - systematisch logischen Gesichtspunkt aus gesehen, bis in ihre letzten Konsequenzen durchgeführt.. Seine Weiterführung der Kant'schen Philosophie und die Zurückführung der Kant'schen Anschauungsform der Zeit und des Häumes auf das Denken ist für diese seine Art charakteristischer als alles andere. Die Ablehnung des .Sinnlichen, das ist das große innere Leitmotiv der Cohen'schen Philosophie gewesen, wie es das große Motiv des jüdischen Geistes in der Geschichte stets war. „Du sollst Dir kein Bild machen von Deinem Gott." Die in diesem Satze ausgesprochene und verlangte Ablehnung der sinnlichen Form der Welterfassung, sie hat in Cohen eine ihrer größten Erfüllungen der gesamten Geschichte des Judentums gefunden. Hat man diesen inneren Grundzug seiner Mentalität erfaßt, so ergibt sich die jüdische Wesensart seiner Ethik von selbst. Die Welt durch das Medium des Geistes erfassen, heißt schon sie ethisch auffassen. Denn wann und wo der Geist wahrhaft begriffen und erlebt wuroe, da war es der Geist oer „praktischen .Vernunft" gewesen, da war es nicht ein theoretisch rezeptiver Geist, sondern ein aktiver, zu positiver Umgestaltung der 'Welt verpflichtender Geist. Die sinnliche Anschauung kann rezeptiv genommen werden;, Geist kann immer aktiv und produktiv gefaßt werden. Die Welt durch das Medium des Geistes konzipieren, heißt, sich aktiv zu ihr stellen, heißt sie ethisch erleben. Die ganze Hoheit und Strenge der Cohen'schen Ethik, die ethische Größe seiner Persönlichkeit liegt eigentlich schon in der Form seines Denkens und in orm Grundprinzip seiner Logik begründet. Auch darin war er repräsentativ jüdisch, daß er keine innere eigentliche Scheidung zwischen Logik und Ethik, zwischen Denken und Verwirklichung zugab, daß ihm vielmehr schon die Setzung der logischen Erkenntnis der Welt die Verpflichtung ihrer sittlichen Durchdringung und Umgestaltung notwendig bedingte. Wie immer mau auch zu seinem System der Philosophie stehen mag, es in seinen Ausgangspunkten bejahend oderablehnend, dies wird man keinesfalls bestreiten können: daß es eine unvergängliche Manifestationssorm des jüdischen Geistes in. oer Geschichte darstellt. Deswegen gehört Cohen für alle Zeiten dem Pantheon der größten Männer der jüdischen Geistesgeschichte an. Daß er in seiner bewußten Stellung zum Judentum die moderne jüdische Renaissancebewegung abgelehnt hat, daß er noch in seinen letzten Jahren gegen sie zu Felde so, ist wohl unsagbar traurig und ein erschütterndes Symptom für die Krankhaftigkeit unserer heutigen Lage, ändert aber nichts an seiner Bedeutung für die jüdische Geistesgeschichte. Das Judentum, wie er es aufgefaßt hat, ist nicht das unsere; seine Stellung zur Judenheit, die er gelehrt hat, ist nicht die unsere und kann nicht die.des jungen Judentums, des Judentums der Zukunft sein. Aber die Art und Weise, wie dieser große- Denker und große Mann sich zur Welt stellte, die Welt erfaßte, die Welt bewältigte, sie ist dieselbe, die für die größten Geister unseres Voltes gilt, dieselbe, die repräsentativ und zielweisend ist für das gesamte Judentum der Vergangenheit und der Zukunft. Die Mische« «emeivdevahle» Warschau u«d Lodz. i« Die Frage der Reorganisation der jüdischen Gemeinden in Warschau und Lodz, die schon seit 1% Jahren auf der Tagesordnung steht, nähert sich nunmehr ihrem Abschluß. Nachdem die Durchführung der Gemeindewahlen auf Grund d^ bereits im November 1016 von der deutschen Vermattung erlassenen Organisationsstatuts der jüdischen Gemeinden in Polen Monat um Monat hinausgeschöberr wurde, haben nunmehr die deutschen Behörden in beiden Städten die Wahlen für den 29. April festgesetzt. Das Organisationsstatut für die jüdischen Gemeinden ist bekanntlich in den letzten Monaten durch eine von der polnischen Regierung eingesetzte jüdische Kommission neu revidiert worden. Das Zwei-Kuriensystem für die beiden Grotzgemeinden Warschau und Lodz bleibt bestehen. Die erste Kurie, die sogenannte Intelligenz-Kurie, setzt sich zusammen aus den Wählern, die eine sechsklassige Mittelschule beendet haben oder die Autorisation zum Rabbinat besitzen. Im übrigen haben Wahlrecht auf Grund des neuen Organisationsstatuts alle jüdischen Einwohner der Stadt, die wenigstens zwei Jahre in der Stadt wohnen und in der jüdischen Gemeinde Steuer bezahlen. Diejenigen, die bisher kerne Steuern der jüdischen Gemeinde bezahlt haben erwerben das Wahlrecht durch eine Erklärung, daß sie wenigstens 1 Mark jährlich bezahlen werden. Durch diese Bestimmung wie durch die weitere Ergänzungsbestimmung, daß von der Steuer nur 25»/« eingezahlt zu werden brauchen um das Wahlrecht zu erlangen, ist die Zahl der Wahlberechtigten außerordentlich erweitert worden, und die breite jüdische Masse hat zum erstenmal Gelegenheit, an den Wahlen teilzunehmen. Die jüdischen Parteien legen den Wahlen große Bedeutung bei und bereiten sich in sehr lebhafter Weise vor. Gewählt werden im ganzen von beiden Kurien in Warschau 48 Vertreter; in Lvdz wird die Zahl noch von der Behörde bestimmt werden. Die einzelnen Parteien treffen bereits sehr umfassende Vorbereitungen für eine energische Wahlagitation. Sie gründen viele Wahlbüros und bemühen sich, bei den breite» jüdischen Massen aktives Interesse für die Wahlen zu erwecken. Das Ergebnis der Wahle» wird bei der dominierenden Stellung, die die Warschauer und Lodzer jüdischen Gemeinden im jüdischen Leben Polens innehaben, sür die künftige innere Entwicklung der polnischen Judenheit von erheblicher Bedeutung werden. Die Warschauer jüdische Gemeindeverwaltung hat die Behörden ersucht, die Wahlen um kurze Zeit zu verschieben, da bis Ende April die nötigen Vorbereitungen nicht beendet werden können. Die Wahlen werden daher nicht vor Mitte Mai stattfinden. In den übrigen jüdischen Gemeinden deS Warschauer Generalgouvernement sind die Gemeindewahlen fast überall durchgeführt. Im ganzen sind bisher in 217 Gemeinden Neuwahlen vorgenommen worden. Bis zum Monat Mai werben wohl überall die Wahlen beendet sein, und die neu gewählten Gemeindevertretungen werden dann gemäß dem Organisationsstatut die Kriegsgemeindeverwaltungen wählen müssen, die dann ihrerseits den jüdischen Oberrat, der die gesamte polnische Judenheit als höchst« Instanz repräsentieren soll, wählen wird. Aus aller Welk. DeslscheS Reich. Berlin. Birban» der jüdischen Jusendtzerrin« LerrtschlandS. Der am 9. Mai (Himmelfahrtstag) im Hotel „Russischen Hof" (Friebrichsbahnhof) Berlin N\V. 7, Georgenstraße 21—22, vorm. 9V» Uhr stattfindenden erweiterten Vorstandssitzung (Bertreterversammlung) des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands liegt folgende Tagesordnung zugrunde: 1. Berständigungsgemeinschast. 2. Die Wanderfrage. 3. Gemeinde und Jugendvereine. 4 Jugendheime. 5. Das religiöse Bedürfnis der jüdischen Jugend. 6. Jugendpflege, Bildung von Gruppen Jugendlicher. 7. Verkehr mit den jüdischen Soldaten. 5. Rückkehr der jüdischen Krieger. Uebergang in die Friedensverhältnisse. 9. Tätigkeit der weiblichen Jugend. 10. Bezirksverbände. 11. Neuaufnahmen. 12. Verschiedenes. Oesterreich-Uirsar». Me«. Ausschluß der galizische» St»d«»t,n mm der Universität. Der Erlaß der Universitätsbehörde, daß mit Rücksicht auf die zahlreichen militärischen Studienurlaube und den dadurch verursachten Platzmangel die Studenten aus Galizien von der medizinischen Fakultät ausgeschlossen wer-