Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Da» jüngste Heft des „Juden" bringt mit der Unterschrift „Amitai" bemerkenswerte Ausführungen über das Thema „Orthodoxie und Zionismus". Folgende Stellen seien aus dein Artikel wiedergegeben: „Bis heute haben wir der Orthodoxie keinesfalls die Beachtung geschenkt, die sic auf Grund ihres inneren Wesensgehalts und ihrer konkreten Gewichtigkeit zu beanspruchen hat. Mit der schnellfertigen Ablehnung als Konsessionsjudentum ist es nicht getan, auch nicht mit ihrer Verdammung als eines erstarrten, entseelten und im ivahren Sinne reaktionären. Gebildes. Ebensowenig wie wir ideologisch unsere Stellungnahme zu ihr fixiert haben, hat der Zionismus in seiner praktischen Wirksamkeit sie gebührend berücksichtigt. In seiner Agitation, in seiner Einwirkung auf die Denk- und EmpsindnngSweise der jüdischen Oeffentlichkeit und vor allein in seinem Versuch einer Erziehung der jungen Generation im Geiste seiner Idee (durch Schillen im Osten und Palästina, durch die Jugendbewegung im Westen), hat er die Orthodoxie außer acht gelassen. Daß im weitverzweigten Schulwesen Palästinas nichr eine einzige Schule existiert, dir für die Kinder des alten Jischub in Betracht käme (durch Lehrplan und traditionellen Geist), ist das vielleicht bezeichnendste Symptom für unsere bisherige Haltung zur Orthodoxie ....... Doch scheint mir der Zeitpunkt der inneren Entwicklung des Zionismus gekommen zu sein, der eine Aendernng unserer Beziehung zu ihr notwendig macht. Wir sind innerlich in eine neue Phase der Entwicklung getreten. Der .Inhalt der ersten hieß: von der A s s i m i l a t i o n zur n a - tio)l alcn Idee; der Inhalt der zweiten wird sein müssen: v o n d e r n a t i o » a l e n I d e e z u r j ü d i s ch e n Idee. Der noch vorherrschenden Auffassung des Zionismus als einer nationalpolitischen Bewegung gleich den Nationlismen der anderen Völker beginnt sich die andere entgegcnznsetzcn, die auf die Voranstellnng des spezifisch Jüdischen in seinen Tendenzen und Intentionen dringt; sie begnügt sich nicht damit, ihn als nationale Bewegung zu nehmen, sondern will sie zu der „jüdischen" Bewegung umformen; dem politischen Zionismus folgt der — wie mir scheint, noch etwas mißverständlich so genannte — „religiöse" Zionismus. Für diesen aber wird die Auseinandersetzung mit der Orthodoxie zur Inneren Notwendigkeit, zu einem' ebenso zwingenden Bedürfnis Ivie die Bewältigung und Ueberwindung des 4lssimilatio»s-Judentu»is es für die erst Phase des Zionismus war." Und nun führt der Verfasser (Amitai) aus, wa-s die Nationalen, die nach jüdischem Geiste sich sehnen, gerade den Orthodoxen zu bringen vermögen. „Erst eine von wahrhafter Anteilnahnlc getragene Betrachtung der Orthodoxie wird imstande sein, die vielen in ihr schlrnnmernden starken Potenzen wahrzunehmcn, deren fruchtbare Bedeutung für die Gestaltung der jüdischen Zukunft, wir heute noch kaum zu ahnen vermögen. Wir sind allzu leicht disponiert, sie zu übersehen. Uns bedeutet die Rückkehr zum Judentum nicht das passive Hinnehmen der tradierten Erbschaft der Jahrhunderte, vielmehr eine aktive schöpferische Umformung, eine Erneuerung des Judentums in seiner heutigen Erscheinung, um zu seiircm reinlicheir überzeitlichen Wesen wieder vorzudringen. Hingegen beruht die Eigenart der Orthodoxie, ihre star.re Größe und historische Schuld gerade in der Verneinung des Willens und des Rechts zu neuernder Aktivität. Nur zu leicht werden wir daher geneigt sein, ausschließlich das starre. Verkrustete, Unlebendige vor der Kühnheit eigener Entscheidung und Verantwortung Znrückschreckender ihrer Prinzipien und Lebensformen wahrzunehmen und darüber zu vergessen, welche Stärke und Zähigkeit, wieviel Gradlinigkeit der Seele, an Zucht des Willens und unbeugsamer Konsequenz der Lebensstellung in diesen Prinzipien ent- Halten ist; welches außerordentliche werthaltige Material sie darstellt und welche Fülle von Möglichkeiten und Hossnungcn sie bietet. In jedem Orthodoxen lebt etwas von demselben Ethos, das unsere Idee trägt und unsere Beivcgung durchdringen soll. Nur ist es im Durchschnittstypus des Orthodoxen^ erstarrt, und dem Innern seiner Seele entrückt; zumindest ruht es dann aber in seinen Prinzipien; ihn in den Prozeß der jüdischen Erneuerung einbeziehen, heißt daher nicht, wie beim Assimilationsjuden, ihn menschlich unuvandeln, sondern seelisch erwecken'; heißt nicht, wie bei ihm neue Organe für neue Werte geben, sondern seine stumpfgewordenen erstarrten Organe wach rufen. Ans einem Assimilationsjuden Zionist werden, bedeutet — grundsätzlich — menschlich ein anderer werden. Für den Orthodoxen bedeutet es in der Regel, das wahrhaft werden, was er unbewußt, auf Grund der Prinzipien, die er als bindend anerkennt, sein will und soll, im Grunde also er selbst werden." „Es ist eine fast absurde Tatsache, daß zur gleichen Zeit, da der jüdisch-politische Nationalismus religiös zu werden beginnt, die jüdische Orthodoxie kein stärkeres Sehnen kennt, als politisch zu werden. Und es mag den politischen Führern der Orthodoxie wohl anmaßend erscheinen, wenn ich behaupte, daß der religiös werdende^ Zionismus berufen ist, die Orthodocie vor der Gefahr zu b^ wahren, in welche die Nachahmung des politische» Zionis-/ mus sic bringen muß. Solange unser nationaler GedanE in seinem Wesen nur der westeuropäische Nationsbegrifs war, in seiner mechanischen Nebertragung auf die jüdische Gemeinschaft, fehlte der Orthodoxie die Möglichkeit eines Anschlusses an unsere Bewegung.Erst die positive Ueberwindung dieses unjüdischen Nationalismus und seine Verdrängung durch den einen der ewigen jüdischen GcmeinschaftSidee adäquaten neuen Nationalgedanken (der sehr viel mehr sei» wird als nur Nationalgedanke), dieser Prozeß, der unsere innere Blickwendnug auf die Orthodoxie erst zur Folge haben wird, schafft auch für sie die Grundlage einer Annäherung an uns und einer allmählichen Einfügung in die Sphäre unserer Answirknng.( Dir Gesellschaft z»r Förderu«8 der Wisse«- schaft deS JndeutsmS. Die Gesellschaft versendet ihren 15. Jahresbericht. Ans diesem ist besonders eine Tatsache hervorzuheben: sie hat mitten in den Kriegswirreu, im letzten Jahre die beiden ersten Bände ihrer großen' wissenschaftlichen Unternehmungen herausgegeben, nämlich den Sifre, eines derjenigen Schriftwerke, welche der ältesten nachbiblischen Periode angehören, sowie den ersten Halbband der Germania Judaice. Die Germania Judaica hat die Aufgabe, alle Landschaften und Orte des Deutschen Reiches, in welchen von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen jüdische Ansiedlungen bestanden oder hervorragende Juden gelebt haben, zu verzeichnen und deren Geschichte und Leistungen auf Grund der Quellen in geineinverständlicher Sprache und einer auch den Nichtfachmann fesselnden Form darzustcllen. . Der Plan zu diesem Werke, zu dessen Bearbeitung die Gesellschaft die hervorragendsten Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der deutschen Juden heranzog, wurde unmittelbar nach der Begründung der Gesellschaft gefaßt. Tie ersten Prvbeartikel erschienen 1909 in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums und fanden den ungeteiten Beifall der Fachgelehrten als auch des wissenschaftlich interessierten Publikums. Gelegentlich der glanzvollen Tagung der Gesellschaft zu Frankstqrt a. M„ die dem Ausbruch des Weltkrieges fast unmittelbar voranging, konnten die Herausgeber bereits eine größere Anzahl von Druckbogen vorlegen. Dann brach der Krieg aus, und der Druck deS Werkes geriet ins Stocken. Um so größer ist die Genugtuung des Vorstandes der Gesellschaft, daß er im Jahre 1917 dennoch den ersten Halbband der Germania Judaica der Oeffentlichkeit übergeben konnte. Er ist dem Andenken M a r t i n P h i l i p p - s o n s gewidmet, des verdienten ersten Vorsitzenden der Gesellschaft, der sie seit ihrer Begründung bis zu seinem Tode geleitet und insbesondere sich um das Werk, das nun sein Andenken ehrt, verdient gemacht hat. Auch in anderer Weise noch ist sein Name mit der Gesellschaft dauernd verknüpft worden. Tie Gesellschaft selbst hat ihn in ihrer Mitgliederversammlung am 27. Dezember 1916 zum immerwährenden Ehrenmitglied ernannt, und seine Gattin hat zu seinen Ehren der Gesellschaft einen Betrag überwiese», mit dem sie eine M artin Philipp son-Stift u n g begründet hat. Eine weitere Stiftung begründete bei der Gesellschaft L. Bloch- Breslau zu Ehren seines verstorbenen Vaters, die David Bloch-Stiftung zur Förderung der wissenschaftlichen Talmudforschung, so daß die Gesellschaft mit Ende des Berichtsjahres vier besondere Stis-uugen ihr eigen nannte. Zu diesem tritt die Ludwig Philippson- Gedächtnis-Stiftung, die unter der Verwaltung der Gesellschaft steht, welche alljährlich ihre Zeusen jüdischen Lehrern und Jugendvereineu zur Anschaffung guter, gediegener Werke über Juden und Judentum zur Verfügung stellt. Die Miigliederzahl der Gesellschaft hat zwar einen geringen Verlust aufzuweisen, doch steht diesem ein Gewinn an immerwährenden Mitgliedern gegenüber, der im neuen Geschäftsjahre infolge der Wiederaufnahme der Werbetätigkeit noch wachsen wird. Für alles weitere sei auf den Bericht selbst verwiesen, der von Syndikus Dr. Nathan, Hamburg, Werderstraße 30, kostenlos zu beziehen ist. /ßtt Gau, der jüdische» Geschichte. \ ' £ (Nach einem Bortrage Oberlehrers Tachauer.) >, f Unter dem Begriffe Volk ist nicht bloß die politische - und staatliche Unabhängigkeit, sonder» die o r g a n i s ch e Einheit zu verstehen. Die Verschmelzung des jüdischen Volkes zu einer organischen Einheit vollzog sich aber nicht bei seinem Einzug ins Land Kanaan, auch nicht während der Zeit seiner ersten staatlichen Selbständigkeit unter den Richtern und Königen. Damals waren die Juden noch in einzelne Stämme, ähnlich wie die Griechen in einzelne Städte geteilt und traten nur in gewissen Fällen -als Einheit auf. König David und Salomo» gelang e3 vermöge ihrer persönlichen Autorität nur scheinbar, die auseinanderstrebenden Teile zusammenzukitten und zu vereinigen. Gleich nach dem Tode Salomons nahmen jedoch die im Volke schlumniernden und für kurze Zeit äußerlich unsichtbar gebliebenen Sonderbestrebungen und Trennungstendenzeu neues Leben au und äußerten sich in der plötzlich zutage getretenen Spaltung des Reiches in Juda und Israel, die zu traurigen Bruderkämpfeu und gegenseitigen Zerfleischungen führte. Erst unter dem Einflüsse der Propheten begann der Prozeß des Werdens und der nationalen Einigung der Judenheit zu einem Volke, der dann während der baby- - konischen Exilsperiode und nach der Rückkehr ins zweite jüdische Reich Zu der Entwicklung des Volkes zu einer wirklichen organischen Einheit ausreifte. Die von den Propheten verkündeten Ideen der Ethik und Menschlichkeit, ihre erhabenen Lehren von der Höherstellung der Moral über hie Macht verdichteten sich zum magnetischen Mittelpunkt des Judentums, der die einzelnen Volksteile immer mehr anzog und vereinigte. Sie bildeten den Grundstein zu dem großen Bauwerke der jüdischen Nation, das im Laufe der weiteren Jahrhunderte itatlx. und nach aufgeführt und vollendet wurde. Im babylonischen Exil führten Esra und N e h e m i a durch ihre zweckdienlichen Vorschriften und Verordnungen, wie die libislösung der Mischehe nsw., di? weitere Nationalisierung des Volkes durch, wobei ihireu die inc Herzen des Volkes tiefwurzelnde Hoffnung aus die baldige Rückkehr ins Land ihrer Väter, ohne welch? sie ja überhaupt zugrunde gegangen wären, zu Hilfe kani. Die Prophetie gab dem Volke die Seele, rrsrä und Neheinia die F o r in. Als die Juden 520 v. Ehr. nach Palästina zurnckkehrten, verstrichen zunächst ungefähr 200 Jahre, ohne daß besondere Leistungen und geistige Kraftäußerungen zutage getreten wären, welchen Zeitraum man am besten als Stillstand bezeichnet. Wir können daraus auch den Schluß für die Gegenwart ziehen, daß wir auch jetzt die Hoffnungen auf unmittelbare günstige Rückwirkungen der Realisierung unserer Palästinasehnsucht nicht allzu, hoch schraube:: dürfen, denn es muß immer eine gewiss? Zerr vergehe,!, bis die im Volke unter der Asche glimmenden Kräfte frisch auflodern und sich in hervorragenden politischen und li:>- turelleic Leistungen offenbaren. Ter Aufschwung blieb jedoch nicht aus. Er setzte unter den A n s ch e h K e n e s e s H a q d v l a h ein, die das Werk der Konsolidierung des Volkes von Esra und Nehemia übernahmen, weiter vertieften und auSbauten. Aus diesen entwickelte sich dann das S Y n h e d r i m , von welchem die MifchnaHlehrer abstammten, die die einzelnen Zellen der Lehre und Gesetzgebung gründlich dnrcharbeiteten, die Ideenwelt des Judentums ungemein