Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-04-12 · Heft 15 (12.4.1918) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 15 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693090--10276-2705588
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69. » h! st! Erscheint wöchentlich am Freitag. BrsUgsprei» pro Mrrlrtjohr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.SS frei inS HauS. Bei Ser P»st abonniert SRI. 1.35, frei inS HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk.2.— für «Le übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. und G-qreditisn: Frankfurt a. IM. n Cangeftr. 7. Foonsprocher Amt Hansa S9VS. $«***$#*: KchlA chsir. Jusertionnpreis für die fechSgespaltsne -otitzeile SS Pfg.. für die Reklamezeile'Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz» und Datum-Bmrfchvift ohne Beriindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Gtzped. und in «.Rnnoncen-BureauS. Konto bei dem Postschsekamt in Frankfurt «. 9L mitte Nr. 4884. LS. Zshrgarrg. Freitag, Un 30. Nissan 5«?8 (IS. April 1018) «r. IS rt Typische Vorfälle. Aus der Tageschronik: Ter Präsident der jüdischen Gemeinde zu Warschau und jüdischer Vertreter im früheren Staatsrat und gegenwärtiger Stadtrat Kasimierz Nathanson hat am Ostersonntag seine fünf Kinder der Taufe übergeben... — Tic Bestrebungen zur Gründung einer allgemeinen Hilfsorganisation sind infolge der starren unverständlichen Haltung einzelner Parteien gescheitert. Unbedeutende Vorfälle! Episoden, die angdsichtLi unserer gewaltigen Zdit in dem Hintergrund völlig verschwinden! Wohl dem, rväre es so, stellten nicht diese beiden Fälle typische Beispiele dar, lägen ihnen nicht tiefere Ursachen zugrnndc, Ursachen, die in ihrer Wirkung wiederum auf wichtige Fragen und Probleme unserer Zeit ein helles Licht werfen. Ter erste Fall: K. Nathanson, ein Pole mosaischer Konfession, einer der ärgsten, wenn nicht der ärgste Assimilator in Polen, vollzieht den letzten Akt einer fortschreitenden, konsequenten Entwicklung, indem er seine Kinder samt und sonders der katholischen Kirche übergibt. Wen nähme dies wlinder? War Nathanson selbst je ein Jude gewesen, war und ist er nicht vielmehr der reine Typus des polnischen Assimilatörs — und man muß, um den vollen Sinn der Worte ermessen zu können, das polnische Assimilantentum, einzig in seiner Art, gekannt haben? Wer staunt nun, wenn Nathanson seinen Nachkommen das zu ersparen sucht, tvas er selbst als lästig und unwahr empfindet : den nichtssagenden Begriff des scheinbaren Jude- Teins? Kurzum, Nathanson hat die letzte Maske von seinem Gesicht gerissen und sich nun auch förmlich vom Judentum losgesagt, ein nicht ungewöhnter, kaum überraschender Vorgang. Hier aber ist der Punkt, ivo für jeden Beobachter das Rätsel, das seltsame beginnt. Dieser Nathanson, dem Judentum ein Fremder, will einen Verfechter der jüdischen Interessen in Polen darstellen und gilt den Polen als Vertreter und Sprecher der Juden. Mehr noch? dieser Nathanson vermag sich an die erste Stelle t nt polnischen Judentum zu schwingen: er wird das- Hanpt der höchsten religiösen Institution, der maßgebende Mann in der Gemeinde. Und während er solcher Art um das religiöse Leben der Warschauer Juden besorgt ist, folgt er den schärfsten Judenfeinden im Stadtrat, den Narodowzes (Nationaldemokraten) auf Schritt und Tritt, fast willenlos nach, billigt und unterstützt ihre Juden bekämpfenden und verfolgenden Handlungen. Fürwahr, es ist zu staunen, daß Nathanson seine Stelle in der. polnischen Judenheit noch immer innc hat. Oder wird ihn sein Gewissen zwingen, nun, da er seine Stellung zum Judentum vor aller Augen kundgegeben, seine j ü d i s rh e üAemter nicderzulegen? Wenn man seine Blicke rund um diehöchsten Posten der polnischen Judenheit schweifen.läßt, so erscheinen sie alle in Reih' und Glied die jüdischen „Führer und Vorkämpfer" in Polen:. Dickstem, Eiger, der Schwager Nathansons, und wie sie alle Heißen mögen. Diese Herren, die keinen Gran jüdischen Gefühls und jüdischen Denkens, in welcher Gestalt auch immer, in sich vereinigen, die doch keine Kenntnis von der Lage und den Interessen der polnischen Juden wieviel weniger vom Judentum haben, diese Herren, Nathanson und Dickstem, die seinerzeit in Petersburg die jüdische Masse als „finster nnd unwissend" verschrieen, diese Herren stehen an der Front der polnischen Judenheit^ erhobenen Hauptes, unentwegte '„Sprecher und. Streiter" der Juden. Regt sich nicht in ihnen ein Gefühl der Beschämung, eine solche Tragikomödie jahrein, jahraus vorzuspielen, und muß glicht jedem Juden dieser Anblick die Röte ins Gesicht treiben? .Alle diese Herren sind Polen, Polen bis auf die Knochen, wollen nichts als Polen sein und werfen sich dennoch als Vertreter und Fürsorger der Juden auf? — Nun, an ihnen liegt es gewiß nicht, wenn sie nicht im polnischen Leben sich durchzusetzen vermögen; cs sind die Polen, die ihnen den Rücken kehren, von instinktiver Abneigung gegen alles Jüdische, auch Schein-Jüdische beherrscht. Also bleibt ihnen im Drang zu gesellschaftlicher Arbeit und nach gesellschaftlicher Geltung nur der Weg über die Juden, die sie von Herzen verachten und und offen verpönen. Und sie beschreiten diesen Weg. Mag auch der eine oder der andere unter ihnen von gutem Willen geleitet und tvohlwollenden Empfiirdungen für „seine" Schützlinge beseelt sein, sie sind und bleiben, weil sie nicht Juden noch Judentum kennen und kennen wollen, Fremdkörper, die sich an die wichtigsten Stellen im jüdischen Volksorganismus eingeschlichen haben, um ihn zu zersetzen und zu vernichten. Welche Rolle aber, wird man fragen, ist der Judenheit Polens in diesem für sie todernstem Schauspiel zugefallen? — Die Rolle des ohnmächtigen Mündelkindes. Warum? Und hier werden wir unwillkürlich auf unseren zlveiten Fall gelenkt. Das holländische Hilfskomitee, das die amerikanischen Gelder.für Polen weiterleitet, hat auf vielfachen Wunsch.aus Amerika die Bildung eines zentralen jüdischen Hilfskomitees für Polen und Litauen augeregt. Eine solche Organisation, alle jüdischen Schichten umfassend und allseitig anerkannt, wäre wohl berufen, die Geldmittel unter die jüdische Bevölkerung gerecht zu verteilen und namentlich für die Zukunft, den Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Polen in die Wege zu leiten und zu regeln. In Litauen gelang der Plan vortrefflich; in Polen scheiterte er nach langem Hin und Her. Die litauischen Juden sind einig, die polnischen Juden aber sind — weit von Einigkeit, die hier naturgemäß viel schwieriger als dort — zersplittert und. zerspalten in viele Kampfeslager. Und bietet die Lage nach außen noch so trübe Aussichten, die gegenseitige Fehde, das zehrende Fieber im Rumpf der polnischen Judenheit hält weiter und lveiter an, von einzelnen Ruhepausen unterbrochen. Wir wollen nicht untersuchen, ob diese oder jene Partei au dem Mißglücken des obigen Projektes schuld ist; ist doch dieser Fall wahllos aus einer Fülle von kleineren und größeren Ereignissen gegriffen, die auf die gleiche Ursache hinauslausen: die Uneinigkeit und Zersplitterung der polnischen Juden und die Unversöhnlichkeit der einzelnen Parteien und Gruppen. Die Nationaljuden sind in sich gespalten, die Arbeiterparteien befehden sich aufs schärfste, und die Orthodoxie, zum großen Teil politisch indifferent, liegt teilweise mit den Nationaljuden im heftigsten Kainpfe oder schließt sich ihnen an. Tie Atmosphäre ist von feindseliger und schwüler Luft erfüllt. Noch immer, obwohl oie Formen des Kampfes im Laufe der Jahre an Schärfe verloren und die teils künstlich aufgebauten Gegensätze sich aus dem Bündel von Phrasen und Doktrinen mehr und mehr herausschälen. Tenn die harten Lehren und Erfahrungen, die der Krieg den polnischen Juden in den Kopf gehämmert hat, sind ihnen noch nicht genug ins Bewußtsein gedrungen, um sie zur nötigen Einsicht und Vernunft zu bringen. An dieser Stelle liegt ein Teil der Schuld, die Quelle vieler Ucbel und Widerwärtigkeiten. Die Herrschaft der Nathanson-Dickstein ist in Wirklichkeit längst unterhöhlt und wartet auf beit ersten Stoß, um in sich zusammenzustürzen. Tie gegenseitige Verständigung der polnischen Juden wird ihren Sturz endgültig herbeiführen und damit ein Hemmnis der freien jüdischen Entwicklung in Polen beseitigen. Der Aisnismu» »»d die Ze*Lral«achte. Bor einer zweitausendköpfigen Versammlung sprach in Wien, am 18. März, Prof. Earl Ballod über: „Die Zentralmächte und der Zionismus". Ballod, ordentl. Professor der Nationalökonomie an der Berliner Universität, hat bereits vor Jahren ein warmes Interesse für den Zionismus bekundet, indem er einen Aufsatz über die kolonisatorischen Möglichkeiten Palästinas veröffentlichte. Das Ergebnis, zu dem er kam, war ein denkbar, günstiges für die Aussichten einer großzügigen Kolonisation Palästinas, und weil diese Untersuchung, streng wissenschaftlich und sachlich, in ein offenes Bejahen der zionistischen Entwicklungsmöglichkeiten mündete, rief sie im Lager der Zionismusgegner einen starken Widerspruch hervor. Jedenfalls hat die Stellungnahme Prof. Ballods die Aufmerksamkeit weiter deutscher Kreise auf den Zionismus gelenkt und im Sinne einer wachseniden Anerkennung des zionistischen Problems gewirkt. Im Laufe der letzten Jahre hat der steigende Anklang der zionistischen Forderungen in der gesamten Welt der auch von Prof. Ballod vertretenen Ansicht einen stärkeren Nachdruck verliehen; es mag daher dem Berliner Nationalökonomen leicht geworden sein, seine Untersuchungen weiter auszubauen und darin bis in die 'Einzelheiten zu gehen. Der Redner warf zunächst die Frage auf: Hat nicht dir russische Revolution und die dadurch eingetretenc Lösung des Ostjudenproblems in seinem größten Teile dem Zivnnsmus einen seiner wichtigsten Ausgangspunkte eine wesentliche Voraussetzung genommen? Und trifft dies nicht zu, bietet dann Palästina die Möglichkeit zu einer jüdischen Massenansiedlung mit gesicherter Zukunft? Die erste Frage ist mit einem Nein zu beantworten. Eröffnet doch die gegenwärtige Lage der östlichen Juden trotz der Befreiung von einem harte» Joch für die künftige wirtschaftliche Entwicklung ungünstige Aussichten nno werden doch in Zukunft die Lebensbedingungen den Juden! in vielfacher Weise erschwert und beeinträchtigt werden. Es erhebt sich also die Frage, inwieweit der" Zionismus diesen Gefahren vorznbeugen vermag durch die Einleitung einer Massenauswanderung nach Palästina? Und lassen sich, um zum Kernpunkt des ganzen Problems zu kommen, die tatsächlichen Verhältnisse Palästinas mit einer Kolonisation und Ansiedlung großen Stils in Einklang bringen? Ballod weist anhand zahlreichen Materials nach, daß Palästina, im Minimum gerechnet, 300,000 Hektar ertragreichen, ebenen Bodens, der bei Bearbeitung Lurch genügende menschliche Kräfte und einer künstlichen Beiwässerung doppelte Ernten in einem Jahre zu liefern vermag, 600,000 Hektar flachen oder wenig geneigten Bodens, der volle Jahrcsernten hervorbringt, über 1,000,000 Hektar hügeligen oder bergigen Gebietes, endlich 500 bis 700,000 unergiebigen, weil steinigen und zu hochgelegenen Landes, besitzt. Werden diese Gebiete in ihren reichen, und vielversprechenden Möglichkeiten mit Hilfe technischer Geräte und landwirtschaftlicher Maschinen auf die .Höhe gebracht, dann ist die Versorgung xiner Bevölkerung von 6 Millionen mit Lebensmitteln vollauf gesichert, selbst bei Eintreten ungünstiger Ergebnisse, wie geringen Ernteausfalls u. a. Ballod geht imeinzelnen auf die verschiedenen Zweige der landwirtschaftlichen Produktion ein und stellt K

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.