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Neue jüdische Presse · 1918-03-27 · Heft 13 (27.3.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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' ■ ..... - - Erscheint wöchentlich am Freitag. ArplSSprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk.1.S0 frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 135, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml.2.— für alle übrigen Länder Mk. 8.50 Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. m i- Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. n Cangeftr- 7, Fernsprecher Amt Hansa 2903. -»M ■ Herausgeber: Kaks Heis^ Jnfertiousprvs für die sechSgefpaltrne Petitzrile 30 Wz., für die Retlamrzeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a-Annonrea-BureoiiL. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 48S4. 16 Zatzrgau,. Mittwoch, de» 14. Nissan 5678 (27. März 1918» Nr. IS. Infolge des Pcffachsestes kann die nSchtzwöcherttliche Nummer erst Montag 8. April erscheine«. Schintz für Jnseraten-Annahme: Freitag 5. April vormittags. Einst nnd jetzt. S«m Peffachfefte. Von allen jüdischen Festen, die an große historische Begebenheiten anknüpfen, ist dasPessachfest zweifellos das monunlentalste. Kein anderes Ereignis in der Geschichte des jüdischen Voltes, an das die historischen Festtage anknüpfen, ist in seiner geschichtlichen Bedeutung so unvergänglich, keines aber auch in seinem religiösen Aspekte so vielsagend und symbolhaft wie die „Befreiung aus Aegypten". Dieser Akt, der die Geschichte des jüdischen Volkes, ja überhaupt erst den Prozeß, der Bolkwerduug Israels einleitet, bestimmt in seiner faktischen und inneren ideellen Bedeutung den Gesamtcharakter der jüdischen Historie und prägt ihr in seiner unerhörten, monumentalen Größe gleich an ihrem Beginn ihre Eigenart auf. Der tiefste Grundzug des jüdischen Wesens, und in seiner gedanklichen Wiederspiegelung die zentrale Idee, deren Proklamierung und Verwirklichung den höchsten Sinn des jüdischen Daseins in der Geschichte und in der Welt ausmacht, wird in dem Ereignis der Befreiung aus Aegypten bereits in seiner ganzen Tiefe offenbart: Die Idee von der Dualität alles Daseins in ethischer Hinsicht, von dem Hineingestelltsein des Menschen zwischen gut und böse, und seiner Aufgabe einer Entscheidung zwischen diesen beiden Grundelementen des Lebens, seiner Entscheidung für ihre Güte und gegen das Böse. Denn was anders will die „Befreiung aus Aegypten" in ihrer übcrhistorischen und überzeitlichen Bedeutung sein als eben eine solche Erlösung, des Volkes aus der Sphäre der Sklaverei, der Unfreiheit, der Unreinheit, des Bösen und sein Hinüberführen in die Welt der Selbständigkeit, der Freiheit, des Guten. So gefaßt, als einen grundlegenden, sinngebenden Akt der Entscheidung wird die „Befreiung aus Aegypten" der Tatsächlichkeit ihres einmaligen Geschehens enthoben und zu einein typischen, normativen, immer wiederkehrenden Vorgang in dem Leben des jüdischen Volkes, in dem Leben des einzelnen Juden, in dem Leben der gesäurten Menschheit und im Dasein eines jeden einzelnen Menschen erhöht. In diesem Sinne lehrten unsere Weisen, daß kein Geschlecht müde werden darf, von dieser Befreiung zu erzählen, weil es sich nicht um einen Vorgang handle, der an den Ahnen vor langen Zeiten einmalig sich vollzogen hat, sondern immerzu und immerfort an jedem Gcschlechte und an jedem Einzelnen sich vollzieht. -Dieser Sinn und diese Bedeutung des Pessachfestes verleiht ihm seinen einzigartigen lebendigen Charakter, der es jedes Jahr, wenn es herannaht, wie zu einem ganz neuen, jungen Feste werden läßt. Denn jede Epoche der jüdrschen Geschichte, jedes Geschlecht in der Reihenfolge der jüdischen Generation mnd jedes einzelne jüdische Individuum konnte und kann stets im Pessachfeste ein Symbol seines eigenen Daseins, seiner eigenen Lage und eigenen Aufgabe im Leben sehen. Mlt dies schon für die Bedeutung des Pessächfcst'es - iM gewöhnlichen -Ablauf 'der Jahre, so hat dies für das diesjährige Fest eine ganz besondere und gesteigerte Geltung. Der Charakter der unerhört gespannten Zeit, die wir durchleben, die angefüllt ist mit Vorgängen und Ereignissen, die c-en Gang der menschlichen Geschichte für lange Jahrzehnte und Jahrhunderte vielleicht bestimmen werden, bedingt es, daß die innere symbolhafte Bedeutung des Pejsachfestes diesmal ganz besonders wuchtig und erschütternd uns offenbar wird. Ties gilt zunächst in rein nationalem Sinn, gesehen unter dem Aspekt der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes. „Befreiung aus Aegypten" — wenn unsere Weisen sagen, daß eigentlich jedes jüdische Geschlecht in Aegypten lebt und befreit werden müsse, wann haben wir diese Wahrheit so tief und unauslöschlich erleben können wie in diesem Jahre? Warrn ist die Schmach der Unfreiheit, die Not der Verstrickung in die Geschicke der anderen Völker, wann ist das volle, unausdenkbare Elend des jüdischen Galuth uns so sehr zum Bewußtsein gekommen wie in diesen Kriegsjahren? Wann haben wir die unerhörte Tragödie des Galuthdaseins, daß wir unsere besten Kräfte und stärksten Energien hinopsern für fremde Ziele, für Zwecke und Tendenzen, die ihren Sinn nicht aus unserem Leben schöpfen, in solch tragischer Weise erlebt wie in diesen Jahren? Kaum je hat ein jüdisches Geschlecht die garrze traurige Bedeutung dieses Wortes „Aegypten" erfahren könirea. erfahren müssen wie das unsere, Und auf der anderen Seite, wann hat seit langen Jahrhunderten ein jüdisches Geschlecht auch den Sinn der „Befreiung aus Aegypten" so tief erleben körrncn wie das unsere? Wann war uns die Besreiung näher, wann war die erlösende Luft ihrer Atmosphäre stärker zu verspüren, wann die beglückenden Strahlen' ihrer Morgenröte stärker zu empfinden wie in diesen Jahren? In des Wortes unmittelbarster Bedeutung steht das jüdische Volk heute vor einer erneuten „Befreiung aus Aegypten", und wenn nicht alle Hoffnungen trügen, nicht alle berechtigten Erwartungen Lügen gestraft werden, dürfen wir wirtlich glauben, unmittelbar vor einer Befreiung wieder zu stehen. Was die Hagadah uns erzählt von der Lage jenes Geschlechtes in Aegypten vor seiner Besieiung, von den Vorgängen dieser Befreiung selbst, das werden wir dieses Jahr lesen und neu erleben, nicht als die plastische Schilderung vergangener Vorgänge, sondern als die lebendige Darstellung unmittelbarster Wirklichkeit und nächster Zukunft. Und ganz dasselbe gilt für den Charakter des diesjährigen Pessachfestes auch irr seiner menschlicheil rein seelischen Bedeutung. Bedeutet die Befreiung aus Aegypten über ihren faktischen Inhalt hinaus in ihrem symbolhaften Sinne die Befreiung der Menschenseele aus unerträglich gewordener Verstrickung in Sünde und Schmach und Unreinheit und Laster, das Eniporsühren, die Erlösung der Seele aus allem Niederen und Bösen uns ihre Wandlung und Weihung zum Reinen und Guten, so erleben wir auch in diesem Sinne die Befreiung aus Aegypten - gegenwärtig als unmittelbaren, wirllichen Akt. Auch für uns, Glieder der modernen Menschheit, ist die Schmach und die Schuld Aegyptens bis zu ihrem Höhepunkt hinangestiegen. Denn welchem sehenden Geiste, der noch mit einem letzten Rest von Bewußtsein das Ereignis dieses Krieges und seinen inneren Sinn erfaßt, wird es heute zweifelhaft sein können, daß dieser Krieg. den Höhepuilkt alles Bösen, aller Sünde am Geist und am menschlichen Ethos, iir 'das sich die moderne europäische Kultur verstrickt hat, darstellt, ihren Höhepunkt und ihre furchtbare Katastrophe. Für die gesamte Menschheit und für jeden einzelrren ihrer Individuen tut heute eine Befreiung aus Aegypten not und auch hier wieder um ist es der Glaube der besten und zulunftsstärksten Geister von heute, daß mit der Katastrophe der bisherigen Formen der europäischen Kultur, die dieser Krieg darstellt, zugleich auch der Beginn einer Wandlung, und einer Ueberwindung di-ser Formen einsetzen wird. Auch in diesem Sinne darf man wohl sagen, daß wir vor einer Befreiung stehen, die sich allerdings nicht so dramatisch, nicht so konkrekt und jedem Auge offenbar.vollziehen kann, wie die nationale historische Befreiung des jüdischen Volkes, die vielmehr gleich allen seelischen Prozessen in einzelnen Einsätzen, .langsam sich vollziehen, unauffällig sich verstärken uruü, bis die allen sichtbare. Wirkung solcher inneren Besieiung zu Tage tritt. Den Glauben au eine solche Befreiung sich zu bewahren, ist heute die heiligste und dringendste Ausgabe oer Menschheit. Uns Juden mag und wird das unvergängliche Ereignis der ägyptischen Befreiung, das wir im Pessachfeste feiern, eine Stärkung solchen Glaubens sein können, eine erneute Ofseiäarung, daß solche Befreiung möglich ist und kommen wird. Was not tut, ist, an sie glauben und um sie ringen gleich jenem sehnsüchtigen Flehen um eine Befreiung aus der Not, das von dem ägyptischen Geschlecht erzählt wird. National und menschheitlich, historisch und seelisch, faktisch und symbolhaft, in den beiden großen Bedeutungen, die das Pessachsest har, und deren Zusannnenklang ihm seine einzigartige Größe und Weihe gibt, ist das Fest für uns dieses Jahr von ganz besonderer Stärke und Lännhaftigkeit. Es gilt, zu empfinden, zu erleben, zu verstehen, daß die Warte der Hagadah uns dieses Jahr unmittelbarste Realität künden. Wird das Fest i« diesem Sinne von uns gefeiert werden, so wird es selbst, uns einen Schritt weiter führen aus dem Wege der Besieiung, wird uns würdiger und bereiter werden lassen, dieser Besieiung entgegenzngehen und ihrer Gnade teilhaftig zu werden Eine Unterredung mit dem bulgarischen Gesandten in Berlin Der bulgarische Gesandte Dr. R i z o s f gewährte dem Redakteur der Jüdischen Rundschau eine Unterredung. Das Gespräch betras hauptsächlich die rumänische Judensiage. Dr. Rizofs findet es selbstverständlich, daß man sich angesichts der geschichtlichen Erfahrungen nicht mit bloßen Versprechungen begnügen will, sondern daraus besteht, daß für die Zukunft Bestimmungen im Friedensvertrage geschaffen werden, die es absolut unmöglich machen, daß die rumänische Regierung oder Verwaltung die rumänischen Juden wieder um ihr Recht bringt. Er erwähnte, daß der bulgarische Ministerpräsident Radoslawow vor einigen Tagen aus Kopenhagen eine Kundgebung der jüdischen Gruppen der neutralen Länder, und zwar Dänemarks, Schwedens und der Schweiz, erhalten habe, welche die bulgarische Regierung um die Sicherung der Gleichberechtigung der rumänischen Juven bei den Friedensverhandlungen in Bukarest bittet. Der bulgarische Ministerpräsident hat hierauf schon telegraphisch die Zusicherung erteilt, daß die bulgarische Regierung den Wünschen entsprechen wirr.

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