Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. „Gilt nicht mehr," haucht« er vom Bette her, „mit Ausnahme einiger Legate soll .mein Neffe Dr. Kleeblatt alles erben." „Erben," wiederholte der Notar, nachdem er den Latz niedergeschrieben hatte. „Meine alte Haushälterin Gitel verschreibe ich 3000 Taler," '„Taler." echote Avenarius und nahm eine gewaltige Prise. „Meinem lieben Schaic Gumpert für seine langjährigen treuen Dienste 15000 Taler." Der Doktor Moritz erschrak. Er rüttelte den Testator ein wenig und sagte: „Du irrst dich wohl, lieber Onkel, 15000 Taler?"' „Ja, ich irre mich, Moritz, hast recht." winselte der Kranke. „Ist viel, zu wenig für beu guten Schaie. 20000 Taler sind ihm auszuzahlen." „Auszuzahlen," krächzte Avenarius und stopfte eine weitere Prise in die schon übervolle Nase. Etwas gedankenlos fuhr David-Schaie fort: „Meinem Freund Jekumpurkon vermache ich ebenfalls t000 Taler." Der Notar horchte hoch auf und legte die Feder nieder. Dem Hausierer Jekumpurkon, den Schnorrer, nannte er seinen Freund? Das konnte doch nicht stimmen. „Meine Herren," sagte er, „ich habe Bedenken, den Akt zu vollenden. Herr Kleeblatt scheint nicht die Sinnesklarheit zu besitzen, die für eine letzte Willensbestimmung nnbddingt erforderlich ist." „Doch — doch!" ächzte es aus den Bettvorhängen heraus. „Der Jekumpurkon hat mir einmal das Leben gerettet. Und damit Sie sehen, Herr Notar, daß ich genau weiß, was ich tue, vermache ich auch' Ihnen 500 Taler." „500 Taler," schrieb freudezitternd Avenarius, und ein dicker, brauner Tropfen fiel dabei aus seiner Nase auf das Dokument. Der Rechtskräftigkeit schadete das weiter nichts." Nachdem alle Förmlichkeiten erledigt waren, entfernte sich der Notar mit seinen Zeugen, von Doktor Moritz höflich bis unter das. Haustor begleitet, — und eine halbe Stunde später wußte es schon das ganze Städtchen, daß David Kleeblatt gestorben war und sein Neffe der Erbe sei. . Als Sabel Katzenstein die Kunde vernahm, schlug er sich vor den Kopf und nannte sich selbst einen „Chammer" (Esel). Dazu hatte er auch alle Ursache, denn daß ihn der größte Kozen der Gegend nun nicht mehr anschauen würde, stand bei ihm fest. Monate vergingen so. Aber Röschen, die Tochter Sabels, schien sich die Sache nicht so sehr zu Herzen zu nehmen. Nach wie vor trällerte sie fröhlich durchs -Haus. Freilich hatte Sabel auch keine Ahnung davon,, daß sie hinter seinem Rucken mit dem Doktor eifrig weiterverkehrte und manches Brieflein von ihm durch den verschmitzten Meschores erhielt. Wie früher dem Oheim, so diente Schaie jetzt dem Neffen. Die große Chewrasnde, das Gastmahl, das alljährlich die Juden der ganzen Gegend in N, einen: Torfe bei H., vereinigte, war herangekommen. Nirgends sonst gab es so seinen Gänsebraten. Dr. Moritz hatte sich Sabel Katzcnstein gegenüber gesetzt. „Das tut er mir zu lehachlcs (zun: Trotz)", dachte dieser. Aber, wie war er überrascht, als plötzlich der Doktor mit vielsagendem Lächeln ihm sein gefülltes Glas hinhielt und sagte: „Nun, Herr Katzenstein, wollen Sie jetzt mit mir anstoßen?" „Freilich — Doktor!" schrie freudig erregt der Schwiegervater in spe und kam der Aufforderung so kräftig nach, das der klingende Hall durch den ganzen Saal zu vernehmen war. Daß nach Ablauf der Trauerzeit der Doktor sein Röschen heimführte, versteht sich von selbst. Gemäß den Anschauungen Sabel Katzensteins kam der Viehhändler Weinberg weiter nicht mehr in Betracht. * * * Fünfundvierzig Jahre waren seitdeni vergangen. Bon denen die damals gelebt hatten, ruhten schon viele, viele aus von den Sorgen und Mühen dieses Daseins. ' Der Notar Avenarius hatte schon längst seine letzte Prise genommen, die beiden Zeugen lagen ebenfalls unter dem Rasen, uird auch Dr. Moritz war nach langjähriger glücklicher Ehe mit seinem Röschen die Straße gewandert, die wir alle gehen müssen. Nur Schaie Gumpert, jetzt 81 Jahre alt, lebte noch. Endlich kam auch sein Stündlei». Als es zunr Sterben ging, ließ er den jetzigen Vorsteher der jüdischen Gemeinde an sein Bett kommen und vertraute ihm die Geschichte des Testaments an. Da er allein, in der Welt stand, vermachte er den gSfttt&ietälttt. Grundstock seines Vermögens, die bewußten 20 000 Taler, der Gemeinde. „Im Sarjems (Totenhemd) sannen doch ka Taschen," waren die letzten Worte des alten Originals. Dann drehte er sich, nach der Wand hin und starb. Die Gemeinde war vernünftig genug, nichts gegen die Erben des Dr. Kleeblatt zu unternehmen, denn einmal war es nach Aussage Schaies der ausdrückliche Wille seines Herrn gewesen, daß der Neffe den .Hanptteil seines Vermögens haben solle und außerdem hätte kein Gericht der Welt das vor Notar und Zeugen abgefaßte Testament umstoßen können. Shir die Aussagen der Beteiligten vermochten daS. Und üie waren tot. Zudem, — wer konnte wissen, ob der allzeit zu meschuggenen (rollen) Streichen bereit gewesene Meschores sich nicht zu gnterletzt noch einen kräftigen Abgangswitz geleistet hatte? So unwahrscheinlich das nun auch war, — es ließ sich nichts dagegen sagen, wenn gegebenen Falles die Erben des Dr. Kleeblatt diesen Einwand gebracht hätten. Genug, die Geineinde ließ üie Sache gehen, steckte die 20000 Taler des ehemaligen Meschores ein, und wenn von ihm die Rede war, so hieß es: ,,S' war ein Schwindel und poch kein Schwindel!" Abdul Hamid «Ad die Jude«. Anläßlich des Ablebens des Ex-Sultans Abdul Hamid weift Otto Maybaum im „Egyenlöseg" auf die Sympathien hin, welche der Verstorbene den Inden seines Reiches gegenüber in vielen Fällen bekundete. So war er der erste türkische Herrscher, der ihnen die volle Gleichberechtigung mit den Mohammedanern sicherte. Bei seiner Thronbesteigung erließ er ein Jrade, auf Grund dessen die Großrabbiner im türkischen Reiche ständige Gehälter bezogen, womit er sie zu Staatsbeamten erhob. Alljährlich zu Pessach mußten auf seinen Auftrag dem Großrabbinec der Türkei 8000 Franken zur Verteilung an arme jüdische Konstantinopler Familien übermittelt werden. Ms ini Fahre 1881 die kretensische Regierung die Jude:: von dem Wahlrecht für die Städte aussckloß, annullierte Abdul Hamid die mit Ausschluß der Juden vorgenomn.enen Wahlen und erteilte den schuldigen Behörden eine scharfe Rüge. Nach der großen Brandkatastrovhe vom Jahre 1882, durch welche 7000 jüdische Familien obdachlos wurden, bot er alles auf, um die Not der -Betroffenen zu lindern. Im Jahre 1883 wurde der damalige Großrabbiner Moses Lewy mit einem Orden ausgezeichnet. In der darauffolgenden Audienz gab der Sultan auch persönlich seiner Sympathie für die Juden Ausdruck und gedachte mit «Bedauern der Tatsache, daß in anderen Ländern die Juden sovieler Leiden, Verfolgungen und Unterdrückungen ausgesetzt sind. „Ich meinerseits", betonte Abdul Hamid, „bin mit meinen jüdischen Beamten außerordentlich zufrieden, sie sind sehr arbeitsam, fleißig, verläßlich, und ich habe - auch die Absicht, ihre Zahl zn vergrößern." Die Folge dieses Versprechens war, daß die Juden von dieser Zeit an in der Türkei leichter zu Staatsstellungen gelangten. Im Staatsrat sitzt auch der Jude Behar Effendi Llskenasi und im Diplomatenkorps fungiere» fünfzehn jüdische Gesandte, Konsuln und Vizekonsuln als Vertreter der Türkei. Im türkischen Reiche selbst wurden an die Spitze ,mehrerer Gouvernements jüdische Gouverneure gestellt und verhältnismäßig groß ist die Zahl der Juden, welche zu dem Titel und der Würde eines Pascha gelangten, was für die Juden früher unerreichbar war. Abdul Hamid-hat sein Wohlwollen für die Juden auch damit bekundet, daß er den verfolgten rumänischen Juden in Kleinasien Siedlungskonzessionen erteilte und ihnen auch materielle Unterstützungen in Fornr von Boden und Geldmitteln bewilligte. Literarische Lhrouik. «in Bnch über die Judeupolitik der rumänisch,« Regierung. Das Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation gibt ein Buch „Die Judeupolitik der rumänischen Regierung" von Dr. L>. Bernstein in deutscher, französischer und englischer Sprache heraus. Tie Schrift behandelt den Vernichtnngskampf, den die rumänische Regierung seit 50 Jahren gegen die jüdische Bevölkerung Rumäniens führt und bringt eine Fülle, in der großen Oeffentlichkeit bisher unbekannten Materials. Die Arbeit zerfällt in drei Haupt-Abschnitte, die Epoche bis zunr Berliner Vertrag von 1878, vom Jahre 1878 bis zum Balkankrieg 1913, von 1913 bis zur Gegenwart. Mit besonderer Ausführlichkeit ist das traurige Kapitel über die Behandlung, der rumänischen Juden während des Weltkrieges geschrieben, in dem auf Grund größtenteils noch unveröffentlichter, authentischer Berichte die slirchtbaren Gewalttaten der rumänischen Machthaber gegen die Juden an der Hand von Dokumenten und Protokollen geschildert werden. Das Buch ist eine schwere Anklageschrift gegen die rumänische Regierung und will die Aufmerksamkeit der Regierungen und Völker in allen Kultnrftaaten aus die Tragödie der rumänischen Judenheit lenken. In der Monatsschrift „Volkswort" lesen wir in ciuei» Aufsatz von I- M. Becker: „Unser bürgerlicher Mittelstand folgt schön öcbeut lich den Spuren des;: Kapitals. Man will mühelos den. Erben ein großes Vermögen hinterlassen; eine große Kinderschar aber teilt das Erbe auf. Nun isteS aber? klar, daß fünf bis sechs begüterte Bürgerfamikiem bet Sa» samtheit mehr nützen als ein Großkapitalist. Manche werden mir antworten, solche Beispiele brauchen wir nicht. Trotzdem wöchte ich noch auf das schöne, einige Familienleben im orthodoxen Judentum himveißrm Dem gläubigen Juden ist die Mutter seiner Kinder das Höchste «auf der Welt, und da ihn selbst die rituellen Vorschriften zum Priester des Hauses machen, so nimmt er wiederum im Kreise der Seinen einen besonderen und geheiligten Rang.ein. Ich kenne das jüdische Fannlienleben genatt und könnte unserem deutschen Volke nichts Schöneres wünschen als dieses fromme jüdische Familienleben, verklärt vonl Geiste des Christentums. ' Und ist es nicht eigentümlich?' Trotz der großen Kinderschar verarmen diese Juden nicht." Literarische Notize«. Der jüdische Buchhandel in Rußland nimmt trotz der ungünstigen Verhältnisse des Landes einen Aufschwungs Ein Ausdruck der wachsenden geistigen Interesse» der russischen Juden bietet sich in den Berlt^sgründnngen. dem Erscheinen zahlreicher Blätter und Zeitschriften und der Herausgabe vieler Bücher und Broschüren dar. Namentlich, in Südrußland ist diese erfreuliche Entwicklung zu bemerken. Odessa, Kiew und Charkow bilden sich allmählich zu Hauptvrten des jüdischen Buchhandels heraus. * Zum hundertsten Geburtstage von Karl Marx gibt das Z. K. des „Bundes" in Rußland einige geschichtliche Abhandlungen des berühmten Sozialpolitikers in jüdischem Sprache heraus. WoHes-Ssleuderi Samstag. 16. März (= 3. Nissan), Sabbal-Ansang in Frankfurt 6 Uhr. Sabbat-Ausgang in Franksurt 7y't Uhr: in Berlin 6 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: W a j i k r o. — Opfer-Vorschriften. Aus den Prophetenworten des Sabbats: „Dieses Volk habe ich wir gestaltet, daß es mein Labverkünde." . . Ich habe dich gebildet, mein Diener brst du; tverde Israel, so bleibt keine Verheißung von mir unerfüllt." Sabbatgottesdienst in F-r^nkßwrt. Freit^a abend 6 Ubr in den meisten. Synagogen: (Königsteiiierstr. 6 Uhr, Hauptsynagoge 6 Uhr). SamStag früh 9% Uhr in den meisten Synagogem (Hauptfynagoge 9 Uhr, Königsteinerstrahe 9>/, Uhr): Wochengottesdienst in Frankfurt. Morgens 614 Uhr in den meisten Synagogen (Hauptsynagoge, Känigsteinerstraße 7l/» Uhr). Abends -s Ubr in den meisten Synaasgen 'Avnrgsteinrrstraße 6 Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr). KereiuKlSuleuderr Besprechung des Vereins „Tiferetst Bachuriiw', SamS«- tag, den 16. März, nachmittags Wi Uhr, Synagoge Untevlindau 23. Verein ,,Mekor Chajim". Samstag, 4 Uhr: Mikro-Vortrag (Max Hirschmann). Sonntag, 6)4 Uhr: Wjutim zum 7. Tag Pessach (Dr. Jos. Breuer). Verein „M o n t e f i o r e". Freitag, 8»4 Uhr: Gesellige Zusammenkunft. Jüd. Turnverein. Sonntag, 10*4—12 Uhr, Herderschule, Wittelsbacher Allee 6: Turnen' der Dame» u. Jugeudabteilung (Leitung: Turnlehrer Friede). Agudas Jisroel-Jugendgruppe. Samstag; 5V:- Uhr und Montag, Uhr: Haggadah- Vortrag für Herren und Damen (Direktor Dr. Lange). GrsuSfuLtsr Aa«Me»«Lchrichte». Geboren. E. Sohn Leutnant Tr. jur. Ernst Hecht (Lcvy), Unterlindau 7. Barmizwos. Arthur Oppenheimer, Fellnerstt. 5, Synagoge Friedberger Anlage. Gestorben. Irma Goldschmidt, 7 I., Friedb. Anlage 7. — Carl Hirsch, 27 I., Eschersheimerlandstr. 132. — Leut». Max Koch, Mitinhaber der Firma Robert Koch, Inhaber d. Eis. Kr. 1. Kl:, i. F. — Agathe Weill geb. Wohlfarth. — Karoline Blumenthal geb. Mayer, ... 70 I., Seilerstr. 13. — Auswärtige FsurilieurrachrichtL». Geboren. E. Tochter Robert Held (Blum), Starnberg. — E. Tochter Hermann Matier (Hirsch), Charkottenburg. — E. Sohn Tr. Oskar Treidel (Levin), Berlin. — E. Tochter Jgmttz Lederberger (Moschkowitz), Leipzig! — E. Tochter Arthur Aronsohu (Finsterwalde), Dresden: — Verlobte. Selma Blozheimer mit Ferdinand Ussenheimer, Breisach. — Lldele Breslau mit Dr. Julius Weinscbenk, Nürnberg. — Herda Cohn mit Alfred Bornstein, Berlin. — Dolly Stoßen. Kreuzbnrg mit Leon Berger, Leipzig. — Minna Rothmanm mit Salp Alexander, Berlin. — Tilli Frankenthal, Frankfurt mit Robert Geismar, Köln. — Lilly Feiber mit Siegfried. Engel, Hamburg. — Grete Blumenfeld mir Ignaz Pulvermachsr, Breslau. —