Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Auguste Comte prägte das grandiose Wort: „Jede Religion ist eine Art Soziologie", und,M a t h i a s M i e s e s führt ben Gedanken glücklich weiter (in „Entstehungsursachen des südlichen Dialektes"): „Jede Religion ist eine gesellschaftliche, ethnographische und kulturgeschichtliche Macht von weit ausstrahlender Wirkung. Die Religion in der Geschichte ist weit mehr als Privatsache. Die Religion in der Geschichte, in ihrer Lebenswärme ist viel mehr als eine in blauen Lüften jchwebende thcistische Weltanschauung, ist viel mehr als eine rein persönliche Herzensangelegenheit Metaphysiker, Heilsbedürftiger und Gottessucher. Tie objektivierte, praktische, fleischgewordene in Retorteu nicht verdünnte, destillierte Religion hat Beziehungen, die weit ins Leben greifen." Dieser Satz dünkt mir eine so wertvolle Er- 'schließung für die Klarlegung unseres eigentlichen Seins, daß ich an ihn anknüpsen möchte. Wenn je eine religiöse Gemeinschaft, so ist die jüdische Relcgion eine Lehre, die ihre feinsten Fäden durchs ganze Leben des Individuums in dieser Welt zieht, jegliches Tun und Treiben der Mitglieder bindet und den Alltag wie mit unsicht-; baren, radioaktiven Strahlen durchrieselt und beeinflußt. Solange Religionen und Konfessionen nichtnur Systeme rein spekulativen Denkens sind, fördern 'sie durch die Beziehungen zunn täglichen Leben, zum Verhalten des einzelnen in tausend Dingen, ein besonders nüanciertes Tun und Treiben. Aber auch die besondere Vorstellung transzendentaler Dinge muß Eindrücke auf die Psyche hervmrusen Di» Mor l. die in einem Volke herrscht und webt, läßt bricht nur Ausstrahlungen auf physischem, sondern auch auf sozialem und intellektuellem Gebiet zurück, welche mit der Zeit zu einer eigenen Färbung führen Umsomehr auch diese d ssizilsten geistigen Regungen an Eigenart gewinnen, wenn sic durch Generationen hindurch wirken, wenn Ahnen und Eltern unter demselben geistigen Druck standen und wenn diese Vererbung und Ueberlieferung ilicht durch die Eingemeindung größerer Fremdrassen aufgehoben wird. Wie stark die innerliche Berührung religiöser Vorstellungen mit andertveitigeni Denken ist, lehrt die moderne Psychologie. Aber schon ein alter deutscher Denker, der gewiß, sanfte Novalis, schrieb einmal: „Die christliche Religion ist dw eigentliche Religion der Wollust. Die Sünde ist der größte Reiz für die Liebe der Gottheit, je sündiger der Mensch sich suhlt, desto christlicher ist er. Unbedingte Vereinigung mit der Gottheit ist der Zweck der Sünde und der Liebe ... Es ist wunderlich genug, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschheit aufmerksam aus ihre innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz.gemacht hat." Diese Erklärungen zeigen, daß. die Religionsgemeinschaft, die ihren Einfluß Jahrhunderte hmdurch auf eine — und bei uns Juden auch wohl völkisch stark differenzierte Eigenart — Bevölkerungspolitik ausübt, Wirkungen in den Jndiviouen erzeugt, die über das eine konfessionelle Gebiet hinausgehen. Auch wenn wir von dem 'Rassenmoment adsehen, das durch die Vererbung bedingt ist, und das uns Juden tausendfältig von der Umgebung abhebt, finden wir eben überkommene Eigenarten, die der Zionist als national, ausdrückt und ftir die der Nür-Religionsjüde die Darlegung ablehnt. Fraglos stecken also in jeder Religion, insbesondere aber in der jüdischen Religionsgemeinschaft, „nationale" Werte. Gleichwohl zeigt das Wort national meistens eine Sprachgemeinschaft an. Der nordamerikanische Neger. und der großbritannische Irländer 1'ittD zwar kein nationaler Engländer, swenn alle drei auch als Muttersprache englisch sprechen. Trotzdem hat Ular recht, wenn er dem Sprachgefühl in der politischen Geschichte der Menschheit nackirühmt, daß cs ebenso mächtig ist wie das Rassegesühl. „Leute, die dieselbe Sprache sprechen, bilden sich ohne weiteres ein, sie verständen sich. Gleiche Sprache ist ihnen ein Zeichen.nationaler und,, wenn sie noch dümmer sind, rassischer Zusammengehörigkeit. Wären die amerikanischen Neger, die nur englisch können, nicht so gräßlich schwarz, inan würde sie nicht nur inoralisch als gleichberechtigte Bürger der Vereinigten Staaten, sondern als Mitglieder der so sehnsüchtig herbeigewünschten Iankeerasse behandeln. Wo Rassegefühl und Sprachgefühl nicht im allerschliinmsien Gegensatz zu einander stehen, verstärken sie sich gegenseitig zum Nationalgefühl." Ausnahmen gibt es natürlich von dieser Regel in vielfältiger Weise. So zeigten wir ans die Irländer hin, die erst neuerdings zu ihrer alten Sprache, die ebenso wie das Hebräische so gut wie ausgestorben war, zurückstreben. Der Nalionalkamps der Völker ist nach Mommsen meist der Kampf verschiedener Sprachgemeinschaften. In dem bunten Oesterreich z. B. ist die sprachliche Verschiedenheit das einzige Stigma des Nationalen. Und das fast Komische dabei ist, daß bei allen Völkern ein großer Prozentsatz der Führer fremdsprachige Namen führen und zumeist den Nationen entstammen, die sie am stärksten bekämpfen. Alexander Ular findet auch hier das treffende Wort: „Die Sprachgemeinschaft ist in einer Gemeinschaft ein zuin physischen Wohlsein jedes ihrer Mitglieder individuell Nötiges." Dabei begegnet er sich mit dem Standpunkt des hebräischen Dichters N. B i a l i?, der auf 'der lehrreichen Kultnrkonferenz in Moskau vom 10.—12. Zlpril 1917 zum Sprachproblem das Wort nahm: „Zwischen Nation und Sprache existiert derselbe untrennbare organische Zusammenhang, wie zwischen der Pflanze und dem Prozeß des Wachstums. Nicht nur am Airfang war das Wort, es ist auch am Ende des Seins. Die Sprache allein ist der sich immer entfaltende und vornehmste Schatz des Volksgedänkens, des Volksseins und der Volkstradition. Sie gleicht der Kraft.des Volksgeoächtnisses und bestimmt die Individualität der Nation." Wie stark volksbildend die Macht der Sprache ist, sieht jeder, der die jüdischen oder spanrolisch sprechenden Jndengemeinden kennen gelernt hat. Wenn deren Nationalität von jüdischen Autoren und von verstiegenen Sozialisten, wie Kautsky, geleugnet wird, so geschieht das aus dem Wunsche, die jüdischen Massen des Ostens sollten sich überall, analog der Entwicklung der Dinge in Deutschland, assimilieren. Es gibt nun eine Richtung von jüdischen Schriftstellern, welche ähnlich wie die Retigionsivissenschastler, philosophisch gerichtet, die Einheit des Judentums dartun wollen. Ihr jüngster Apostel, Dr. Sigbert Feuchtwangex, kommt in seiner Deduktion zur Behauptung: „Den Juden gehen alle objektiven Merkmale sonstiger Völker (Land-, Bluts-, Sprach-, Art- und Kulturgemeinschaft) ab; aber die Juden sind eine .Nation kraft ihres eigenen Bewußtseins und kraft des Bewußtseins der Nichtjuden." Theodor H.erzk hat vielleicht erstmalig ähnlichen Gedanken Worte verliehen, wenn er den Begriff der Nation formuliert: „Nation ist eine Gruppe von Menschen, die erkennbar zusammengehören und durch einen gemeinsamen Feind zusammengehalten werden." Beide Faktoren: der Wille des Juden, ein Volk zu sein, und das Bewußtsein der andern muß doch irgendwelche objektiv n Unterlagen haben, wennnicht bloße politische Konstellationen diesen Willen hervorzaubern. Eine große Masse kann sich nicht Plötzlich einbilden: wir wollen em Voll sein. Diese Idee muß für sein immanentes Sein Grundlagen haben: entweder eine sprachliche, eine territoriale oder eine kulturelle Basis. Wenn wir uns aus das bloße Zusammengehörigkeitsbewußtsein verlassen müßten, wäre unsere Gemeinschaft in der kürzesten Zeit zersprengt. (Schluß folgt.) 3«r Frage der Unterbringung jüdischer Kinder ans dem Lande Bon Lehrer Adolf Rothschild. Verbände, Logen, Gemeinden usw. haben bereits die vorbereitenden Arbeiten zur Unterbringung jüdischer Kinder ans dem Lande wieder ausgenommen. Sie fragen die vorjährigen Interessenten an, ob, wie lange und wie viele Kinder Aufnahme finden können. Man bedenke: von verschiedenen Seiten — dieselben Fragen! Anstandshalber mutz wohl jedem Fragenden eine Antwort zu teil werden, aber wach einer Richtung hin kann nur eine Zusage erfolgen. Ich weiß nicht, ob es allgemein bekannt ist, datz durch das Städtische Jugendamt in Berlin durch Vermittlung des Philologenvereins Kinder höherer Lehranstalten zum Landaufenthalt untergebracht werden und daß sich die Fürsorge dieses Amtes auch ans jüdische Kinder erstreckt. Als Pflegebeiträge werden je nach den Bermögensverhältnissen 50 Pfg. bis 3 M. täglich gefordert, falls eine unentgeltliche Unterbringung nicht möglich ist. N ■ Wie viel Porto, wie viel Papier, wie viel Tinte, wie viel Zeit und Krast in dieser materialarnien Zeit könnten erspart werden, wenn meiner schon im vorigen Jahre erhobenen Forderung einen einheitlichen Regelung stattgegeben worden wäre. Etwas Ganzes,, etwas wirklich Großes kann nur durch die Errichtung einer Zentralstelle, deren Tätigkeit sich über ganz Deutschland zu erstrecken hätte, geschaffen werden. Es soll reine neue Organisation geschaffen werden; die Zentralstelle kann vielleicht einen Ressort der Vereinigung jüd. Organisationen in Deutschland bilden oder kann auch irgend einem anderen Verbände angegliedert werden. Eine sachgemäß ausgestattcte und richtig geleitete Zentralstelle — die ja auch mit der Zcntralwohlfahrtsstelle in Berlin verschmolzen werden könnte — würde unter Vermeidung vieler Koste» ein Hilfswerk von größter Bedeutung darstellen, das alle hierfür in Betracht kommenden Kräfte zu erfassen imstande wäre. Tie Zentralstelle hätte die Familien, die Kinder aufnchmen wollen, zu sammeln und zu sichten, die Verhältnisse der Eltern und die Kinder selbst zu prüfen, und endlich die Gelder durch freiwillige Beiträge zur Bestreitung der Kosten auszubringen. Tie jeweiligen Verhältnisse müssen einer eingehenden Prüfung unterzogen werden, um auch den Wohltätern auf dem Lande die passenden Kinder in beiderseitigem Interesse überweisen zu können. Im vorige» Jahre ist nach verschiedenen Richtungen hin zum Schaden der Kinder und der Sache viel gefehlt worden. Mir will es fast scheinen, als wenn auch hier ein falscher Egoismus dem Plane einer einheitlichen Gestaltung sich hindernd entgegenstemmte. Zur weiteren Untersuchung der Frage sollen die Erfahrungen des letzten Jahres herangezogen werden. . Bei der Unterbringung jüdischer Kinder aus dem Lande haben wir keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Von 18 Familien haben 17 erklärt, nie wieder ein Kind aufzunehmen. Wie das kommt? Die Kinder der Graßstadt, deren Erziehung erklärlicherweise durch dir Einberufung des Vaters viel zu wünschen übrig läßt, zeigten sich in ihren Ansprüchen fast durchweg recht unbescheiden. Sie glaubten anscheinend, Friedensverhältnisse vorzufinden, und darin hatten sie sich getäuscht. Es muß unbedingt ein Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung aus dem Lande und auch zwischen jüdischen und christlichen Kindern der Großstadt gemacht werden. Die Juden auf dem Lande, die fast alle im Nebenberuf etwas Landwirtschaft betreiben, sind zum größten Teil nicht Selbstver-