Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Seit der schnöden Verletzung des Berliner Vertrages durch die rumänische Regierung nie wieder zur Ruhe gekommen, wurde sie durch den Krieg uuo vor allem durch den Eintritt Rumäniens in den Kampf neu aufgerollt .Für die Judenheit der gesamten Welt ist es selbstverständlich, daß der Krieg nicht zu Ende gehen darf, ohne die restlose: Lösung der runxDischcn' Judenfrage .zu. bringen. Jetzt, da Rumänien aus' dem Kriege ansznscheiden sich; anschickt, ist der Zeitpunkt gekommen, die Durchführung dieser Lösung zu vollziehen. . . Führende Männer der Politik, der Wissenschaft? und Kunst in den verschiedensten europäischen Landern haben schon vor dein Kriege in wiederholter und dringender Weise auf die moralische Verpflichtung Europas hingewiesen, der unmenschlichen Lage. ' der' rumänischen'- Juden ein Ende'zu machen.. Gemäß jener Laxheit.und Gleichgültigkeit ' in den moralischen Anschauungen, insofern sie politische Zustände und Fragen betrafen, die vor dem Kriege die. innere Verfassung des öffentlichen Lebens. Europas, charakterisiert und schließlich zu diesem 'Weltkrieg.geführt hat, verschlossen sich die Staatsmänner und Regierungen der Großmächte -diesen Rufen - und taten nichts, um ihrer Verpflichtung der rumänischen Judenheit gegenüber gerecht, zu werden.: Alles, was heute noch den Glauben an eine gesunde Zukunft der europäischen. Menschheit sich bewahrt hat, lebt in der Ucberzeugung, daß der Krieg in. dieser Hinsicht. eine Besserung, ja, eine innere Wandlung der europäischen Gesinnung herbeiführen wird. Die im Verlauf des Krieges; immer stärker werdende Protlamierung des Rechts der. kleinen Nationalitäten. das Prinzip der freien Selbstbestimmung der Völker und einer von Grundsätzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit getragenen Regelung der weltpolitischen Verhältnisse deutet auf die Möglichkeit solcher Wandlung hin. Die Stellungnahme der europäischen Politik zu der rumänischen JuLensrage wird ein Prüfstein sein, um den Ernst und die Tiefe dieser Wandlung zu' ermessen. Die Zentralmächte, die die Friedensverhandlungen mit Rumänien führen, haben die Verpflichtung, hier als Sachwalter deS neuen, besseren. Europas aufzutreten.' Ihre führenden Staatsmänner haben in häufigen Erklärungen die Prinzipien der neuen politischen Gesinnung als die ihrige anerkannt und - feierlick' sich damit einverstanden erklärt, die Regelung " der weltpolitischen Fragen nach den Grundsätzen der Humanität und Gerechtigkeit vörznnehmen. Sic werden jetzt in ihren: Verhalten zu der rumänischen .Judenfrage den Beweis erbringen "müssen, - daß ihnen diese Versicherungen heiliger Ernst sind, und es sei schön heute keinerlei Zweifel daran gelassen, daß durch eine Nichtberüchichtigung der. rumänischen Judenfrage bei dem bevorstehenden Friedensschlüsse mit Rumänien sich die Zentralmächte mit einer Schuld beladen. würden, die keine noch so durchschlagende „realpolitischc" Begründung und Rechtfertigung beseitigen könnte. . .In erster Reihe erwarten wir als deutsche Juden von. unserer Regierung, daß. sie die rumänische-.Judenfrage bei den . Verhandlungen, mit Rumänien Laufrollen- und : in kategorischer Weise eine? bessciedigende. Lösung fordern wird. V Die Schwäche Runräniens iw§.seiner politischen. und militärischen Lage gegenüber den Zentralmächten, wie auch seine vollkommen haltlose moralisch: Situation in der jüdischen Frage läßt es für unsere Staatsmänner als .ein Leichtes erscheinen, die Forderung nach einer restlosen Erfüllung des Berliner Vertrages und der bedingungslosen Durchführung der Gleichberechtigung der rumänischen Juden durchzusctzen. Hat doch die rumänische Regierung im Verlaufe des letzten Jahres schon irnter dem Druck der internationalen öffentlichen Meinung von selbst die Enmnzipation ihrer jüdischen Untertanen zugesagt. Werden die Staatsmänner der Zentralmächte auch nur mit einiger Energie auf der Erfüllung dieser Zusage bestehen, so ist die Lösung der rumänischen Judenfrage sicher. Mlerdiugs muß schon jetzt betont werden, daß es vor allem auf die Art dieser Lösung ankom'nrt. Eine allgemeine prinzipielle Forderung von der rumänischen Regierung, die Gleichbercchtigur.g der Juden zuzusagen, und die allgemeine Erteilung einer solchen Zusage durch Rumänien kann feiticSfoIIS genügen. Die Haltung des rumänischen Staates in den letzten Jahrzehnten seinen Juden gegenüber, die geradezu perfide Art und Weise, in der die rumänischen Regierungen es immer wieder verstanden haben, die eindeutigen und klaren Bestimmungen des Berliner Vertrages zu umgehen, lassen es als unumgänglich erscheinen, sichere Garantien für die Durchführung der Emanzipation zu verlangen. Es muß gefördert werden, daß sämtliche jüdischen Bewohner des 'Landes, sofern sie im Lande geboren sind, oder eine bestimmte Anzahl von Jahren darin gewohnt haben, wie auch die aus Rumänien ausgeii-anderten Juden, deren Eltern und Großeltern im Lande gewohnt und die infolge der Unterdrückung durch die rumänische Regierung es verlassen haben, phne aber eine andere Staatsangehörigkeit zu erwerben, bedingungslos naturalisiert und als in aller Hinsicht voll- und gleichberechtigte Bürger des rumänischen Staates erklärt werden. Ferner muß auch ein bestimmter näherer Termin sestgestcllt. werden, bis zu dem die Durchführung dieser Emanzipation vollzogen sein muß. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß. die Durchführung der Gleichberechtigung noch keine völlige Regelung der rumänischen Judenfrage bedeutet vielmehr nur erst die elementare Voraussetzung einer solchen Regelung darstellt, lieber diese Voraussetzung hinaus.muß verlangt werden, daß in Uebereinstimmung mit den Forderungen der Judenheit in den verschiedenen Ländern auch den rumänischen Juden das Recht zuerteilt wird, die Form ihrer Organisation und der Sicherstellung ihrer kulturellen Selbstbestinimungsrechte in freier Entschließung zu bestimmen. Die rumänische Judenheit ist in ihrer Zahl bedeutend und. besitzt eine stark entwickelte jüdische Eigenart und Kultur, in deren Wahrung und Pflege sie nicht behindert werden darf. Gerade diese Forderung wird noch außerordentlich bedeutsam werden, wenn, wie es den Anschein hat, eventuell auch der Anschluß Bessarabiens an Rumänien in Frage kommen sollte. In Bessarabien lebt bekanntlich eine außerordentlich zahlreiche jüdische Bevölkerung mit hoch entwickeltem Eigenleben, die zusammen mit der rumänischen eine Bevölkerungsgruptze von solchem Umfange und solcher-Bedeutung darstellen würde, daß für. sie die kulturelle Autonomie gefordert, werden mutz. Nur eine Erfüllung dieser Forderung kann eijte gerechte Lösung der rumänischen JudensÄrge herbeiführen und würde in gewisser' Weise das Unrecht, vas in den letzten Jahrzehnten an den rumänischen Juden begangen wurde, soweit dies überhaupt möglich ist, einigermaßen wieder gut machen. Vor einiger Zeit Hat der stellvertretende Staatssekretär des Auswärtigen Amts bekanntlich eine Erklärung abgegeben, die die Berücksichtigung und Unterstützung der Forderungen der Juden des Ostens nach freier Entwicklung .ibrer Eigenart und Kultur in -.feierlicher Weise versprochen hat. Wir jchosfen auf das bestimmteste, daß5 die deutsche Reqierung jetzt in den Verhandlungen mit Rumänien diesen Versprechungen gemäß austreten und handeln wird. Ausgabe der deutschen Judenheit, darüber hinaus aber der gesamten deutschen öffentlichen Meinung ist es, diese Forderung an die Regierung mit aller Entschiedenheit zu. stellen. - Wie wichtig die Wahrnehmung der Rechte der rumänischen Juden durch Deutschland und die Zentralmächte auch vom realpolitischen Standpunkte ist, besonders in der Rückwirkung auf die jüdische öffentliche Meinung, braucht kaum ausgeführt zu werden. Wir wollen diesen Gesichtspunkt mit Absicht nicht in den Vordergrund stellen, da es sich hier um eine Forderung von solch elementarer Gerechtigkeit handelt, daß das Realpolitische hier völlig zurücktreten muß. Es ist eine moralische und menschheitliche Angelegenheit von höchstem Range, die in der Regelung der rumänischen Judenfrage zur Entscheidung steht. Die 25 jährige J»biliiumsversammlA»g -es Central-BereisS. Samstag, den 2. März er. veranstaltete der „Central-Berein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens" im großen Saale der Philharmonie in Berlin eine Festversammlung anläßlich seines 25 jährigen Bestehens. Der weite Saal war dicht gefüllt. Verschiedene Staatsbehörden sowie die kommunalen Körperschaften hatten Vertreter entsandt, ebenso eine Anzahl jüdischer Organisationen. Nach einleitendem Prolog sprach der Begründer des Central-Vereins und langjähriger zweiter Vorsitzender, der nach dem Hinscheiden Justizrat Horwitz. der erste Vorsitzende geworden ist. Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs über „Erstrebtes und Erreichtes". Er gab ein Bild von der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Vereins, von den Aufgaben, die er sich gesetzt hat. und den Erfolgen, die er erzielt hat. Er beleuchtete in scharfer Weise, die antisemitischen Strömungen, die zur Zeit der Gründung des Vereins in Deutschland. herrschten, schilderte die Methode ihrer Bekämpfung durch den Central-Berein und wandte sich dann in energischen Worten gegen die heurigen neu aufkeimenden antisemitischen Regungen. Er fixierte die Stellungnahme de- Vereins zu den wichtigsten inneren Fragen des deutschen Judentums, vor allein zum Zionismus, den er als nationale Weltanschauung aülehnte, zur Orthodoxie auf» zu der Frage der Organisierung der deutschen Juden. Er betonte besonders die Notwendigkeit einer inneren Einigung und eines geschlossenen Vorgehens der gesamten deutschen Judenheit in all den wichtigen Fragens die ihr jetzt und besonders auch nach dem Kriege gesetzt sein werden. Die tragende Idee des Central-Verein? sei, „Treue zum Vaterland- und. zur Glaubensgemeinschaft." Nach ihm sprach Rabbiner Dr. Werner aus München über den „inneren Frieden". Er erörterte die Wege, die zur Erreichung des höchsten Zieles des Central-BereinS der Herbeiführung des inneren, Friedens