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Neue jüdische Presse · 1918-03-01 · Heft 9 (1.3.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 9 (1.3.1918)
Date
1918-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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aa=3CEgB»n...-- 'im. .wmr -.- J-,1,^ Erscheint wöchentlich am Freitag. KrMsprris pro Niertrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.30 . frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.35, frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn M k.2.— * für alle übrigen Länder Mk. 3.50 Einzel-Nummern kosten 15 Pfg. »-!' “ - I. J ■■* II ■ --»I ■ —■ - — - — -- Jj Redaktion nnd Spedition: Frankfurt :: Cangcffr, 7. Fernsprecher Amt Hansa 3SS8. H-va«sgsVev: Salzz Hsis. Infertionsprei» für die sschsgefpaltsue Pstitzeile^SS Pfg., für U die Rellmnezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender | Rabatt. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit.! Annoucen-Anuahme bei der SUprd. und in a.An»»»ee»-Bnreau3. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. Mt« Nr. 4884, > 16. sshrgsss. Freitag, -e« 17. §678 (1. März 1918) Rr. 9. t on s r Die jüdische KoußretzdeWoustratio« in Hollarrd. Am .17. Februar fand im Konzertgebäude in Amsterdam bei Antvesenheit von mehr als 2000 Personen die jüdische Kongreßdemonstration Hollands statt. Die beiden Kultusgerwssenschasten, die portugiesische und die aschkenasische, hatten 80 Vertreter gesandt. Die drei Organisationen, die die Versammlung einberusen hatten, die holländischen Abteilungen der Alliance, der Jto und der zionistischen Organisation, hatten ebensovicle Delegierte, wie auf ihren eigenen Parteitagungen, zusammen etwa 550. 181 andere jüdische Vereine und Verbände waren durch 310 Delegierte vertreten. I a c v b u s H. K a n n, der bekannte Zionistensichrer, erössnete die Versammlung. Er wies auf die Tatsache hin, das; sich zum ersten Mal die verschiedenen Gruppen der holländischen Judenheit zu gemeinsamer Arbeit verbündet haben. Man müsse einen Beweis der politischen Reise des jüdischen Volkes darin erblicken, daß eS hier und in anderen Ländern den entschlossenen Willen bekunde, sein Schicksal selbst zu schmieden. Das jüdische Volk lehnt die Assimilation ab- Die jüdische Bewegung in ihren verschiedenen Formen und Abstufungen hat alle Schichten des jüdischen Volkes erfaßt. Die Stunde hat geschlagen, wo es gilt, bereit zu . sein.' Die jüdische Politik steht vor großen Aufgaben. Die Stunde fordert Einigkeit, den Zusammenschluß aller Gruppen zu.gemeinsamer' Tat. ■1 U N lUlfl UM rt In warmer Weise dankte der Redner, der als Ehrenvorsitzender der Tagung fungierte, der holländischen Regierung und vor allem dem Minister für auswärtige Angelegenheiten, Frhr. v. Leudeu, der wiederholt im Laufe der Krieges eingegrifsen habe, um im In- und Ausland zur Linderung der jüdischen Kriegsnot beizutragen. Oberrabbiner Ä. S. Onderwyzer, Ehrenvorsitzender der holländischen Alliance, ergriff sodann das Wort. Jetzt sei der psychologische Augenblick gekommen, wo der Gedanke das jüdische Volk ergreift: Jetzt oder nie! Versäumen wir heute, unsere Pflicht zu erfüllen, dann werden d-ie kommenden Geschlechter uns den. Vorwurf machen, daß wir in schändlicher Selbstsucht durch schmähliches Stillschweigen die Ehre unseres Volkes besudelt haben. In brüderlicher Eintracht müssen wir heute vor die Welt hintreten und fordern, was nur unser gutes Recht ist. H. I. Kißch, Mitglied der internationalen Rates der Jto, wies .darauf hin, daß schon vor dem Krieg die Jto an .dem Plane eines Parlaments, eines Shnhedriums der jüdischen Organisationen gearbeitet habe. Werde, was näher denn je scheint, die Konzentration des jüdischen Volkes in Palästina Wahrheit, dann werde die Jto eines schönen Todes gestorben sein. Das Territoriuin „par excellence" wird fcqjm erworben sein. Prof. Ornstein-Utrecht hielt dann ein Referat. über die „nationale Konzentration des jüdischen Volkes in Palästina". Er bezeichnete es als eine bedeutsame Förderung der Zionistischen Bewegung) Haß die Oberrabbiner Hollands dürch ihren Eintritt ix das Komitee ihre Zustimmung dazu gaben, daß die Kongreßdemonstration das zionijrische Programm als eine jüdische Forderung der Regierung mitteile. Herzl war es, der als erster den Gedanken änssprach, daß völlige Emanzipation der. Juden in den - Diasporaländern unmöglich ist. In Ländern, wo die Juden in einer auch nur einigermaßen bedeutenden Anzahl «.wohnen, empsinden die Völker sie als ein fremdes Element. Und so entsteht der .Antisemitismus, der auch bcr formeller Rechtsgleichheit die Wege sindet, um die Juden zu unterdrücken. Wie groß auch der Wert der politischen Gleichheit. für den Einzelnen sein mag, die Tatsache, daß die Sonderart der Juden sie von ihren .Mitbürgern scheidet, diesen Keinr einer Reaktion vermag sie nicht aus .der Welt zn schassen. Der zweite Grund, warum Recht und Freiheit des einzelnen Juden nicht eine endgültige Lösung der Judenfrage bedeuten kann, ist anderer Art. Die Entwicklung der Welt erfolgt durch die Zusammenwirkung von Gruppen, die organische Einheiten sind. Die Juden haben in der Reihe der Völker durch die Macht ihres Geistes, die Breite ihres Gemütes, ihre seelische Eigenschaft eine Stellung erworben, die ihnen das Recht gibt, nunmehr als Volk das einfache Wort zu sprechen: Cogito ergo sum. Durch den Zionismus ist das jüdische Volk eine politische Einheit geworden,. mit der gerechnet wird. Balfonrs Wort enthält ein Gelübde. Es ist noch mehr, es ist ein Schuldbekenntnis, ein Bekenntnis von Schuld ob der 20 Jahrhunderte von Martern, Schmach und Unterdrückung, die das jüdische Volk zu erdulden hatte. Ein Schuldbekenntnis, weil durch das Wort Balsours stolz und offen anerkannt wird, daß wir ein Recht haben auf Palästina. Die Versammlung nahm fast einstimmig eine Resolution an, in der es heißt: „Die Versammlung beschließt, die holländische Negierung zu ersuchen, ihren Einfluß gemäß ihren Jahrhunderte alten Traditionen zu Gunsten der Inden anznwenden und zn befördern, daß die Judenfrage bei einer Friedenskonferenz, zumindest beim Abschluß des Friedens nach Anhörung der befugten Vertreter der organisierten Juden im vollen Umfange.»gelöst und diese Regelung mit kräftigen Bürgschaften versehen werde. Sie appelliert an alle Juden in Holland, in diesem historischen Augenblick ihre Solidarität zri bezeugen." Ein Vertreter des Agudath Jisroel-Vereius in Scheveningeu protestierte unter lebhaftem Widerspruch der Versammlung gegen die Resolution, weil sie die jüdische Tradition nicht zum Ausgangspunkte habe und feirre Gruppe sich für politische Zwecke nicht nrißbrauchen lassen wolle. Der Rabbiner. Rudelsheim erklärte namens der „Zentralen Organisation zur moralischen und religiösen Hebung der Juden", daß er für bis Resolution stimme, weil sie Solidarität mit dem Judentum bekunde. Allerdings anerkenne er nicht, daß lediglich die drei nunmehr zusanunenarbcitenden Organisationen die befugten Vertreter Der Judenheit seien. Oberrabbiner Onderwyzer erwiderte den verjchiedenen Rednern. Die Resolution enthüllnichts, was der religiösen Ueberzeugung widerspreche. Daß die Inden eine nationale Gemeinschaft bilden, erachte er erwünscht (Applaus), auch in Palästina (stürmischer Beifall). Die Kolonisie- -rung Palästinas dürfe nicht vernachlässigt werden. Die Gesetze der Bibel nnd des Talmuds seinen eine conditio sine qua non des jüdischen Nationalismus. Jüd. Korrespondenzbüro, Haag. Ei« bemerkenswerter Artikel. Die berliner Neueste Nachrichten" beschäftigen sich in einem „Warschauer Brief" eingehend mit Fragen, die uns Juden angehen. Es heißt da: „Jetzt glaubt England seine Stunde gekommen. Die beiden Mitbewerber — Rußland und Frankreich — sind zur Zeit ausgeschaltet. Die Türkei, in Mesopotamien bedrängt und in Armenien noch nicht frei von russischen Herrschern, hat Gaza, Jaffa, Jerusalem nicht halten können. Noch ein Hindernis war, bezw. ist noch jetzt zn beseitigen: die öffentliche Meinung der Juden der ganzen Erde, denen Palästina in der einen oder der anderen Weise Gegenstand von Zukunftsgedanken ist. Auch ihm gegenüber ist England seit geraumer Zeit ebenso nnent!vegt wie gewissenlos ausgetreten. Schon früh wurde, und zwar namentlich auch in Nordamerika, die Türkei verleumderisch als blutdürstige Verfolgerin der unschuldigen Juden hingestellt. Jetzt sucht man die Juden durch die Aussicht auf einen unabhängigen Judenstaat in Palästina zn ködern. Selbstverständlich aber würde nach etwaiger Niederwerfung der Türkei ein jüdisches Palästina tatsächlich unter englischem Oberherrschaft stehen, den Engländern zur Sicherung des Besitzes Egyptens dienen. Hut so wichtiger ist es, daß deutscherseits nichts geschieht, tvas die Juden mit Grund gegen uns einnehmen könnte. In dieser Hinsicht ist nun leider in Warschau wieder mehrfach gefehlt worden. Schon früher habe ich erwähnt, daß die Juden in Polen, insonderheit in Marschau, gegen Bedrückung durch die Polen nicht genügend geschützt sind. Das Königreich Polen" ist nicht nur von Polen bewohnt, sondern auch, anderer Nationalitäten hier nicht zu gedenken, von einenr sehr großen Bruchteile von Juden und von nicht wenigen Deutschen, Jetzt hat der Warschauer Magistrat einen der schlimmsten Judenheher der großen Stadt, dessen anfreizende Reden iin Stadtparlament viel Aergernis erregten, zum Verwalter der Proviantierungsabteilung ernannt, Herrn Jlski. Auch das habe ich früher schon erwähnt, daß die Deutschen Rabbiner Pinchas, Kohn-Ansbach und Em. Carlebach-Köln durch das vou ihnen mit amtlicher deutscher Förderung herausgegebene Blatt „DaS Jüdische Wort" die deutschen Belange schwer schädigen. Unlängst hat nun Herr Kohn eine Reise nach Skandinavien gemacht, um die neutrale Ocffentlichkeit über die polnisch-jüdische Frage aufzuklären. Ein von ihm zn diesem Zwecke verfaßtes Schriftstück ist von Stockholm aus durch das dortige jüdische Preßbär» bekannt gemacht worden,' freilich wohl nicht zur Freude des Verfassers. Einige Sätze aus dieseni Memorandmn mögen hier Platz finden: „Die Parteien innerhalb der polnischen Judenheit: aj Assimilatoren, ausgesprochen polnisch orientiert, religiös indifferent (ca. 5 v. H.). 1 h) Die konservative Masse, bisher unpolitisch, nur durch mich polonisiert, und zwar im polnischen (!) Sinne. Sie ist der deutschen Verwaltung gegenüber der am besten oder leichtesten zu behandelnde Teil (ca. 75 v. H.) c) Die Nationalisten, auch Bolkisten oder Jiddischisten genannt, erstreben nationale Anerkennung und Sonderstrliung, scharfer Gegensatz zu den Polen. Jntransigenz und Obstruktion gegenüber der deutschen Verwaltung, verfügen über eine verbreitete Presse im Revolverton (!) Prozentsatz nicht zu bestimmen. . . . Tie Polen betrachten das Bestreben, aus Polen einen Nationalitätenstaat zu machen, als eine Störung ihres Nationaltraums und würden es den Juden nie verzeihen, wenu tatsächlich ihnen von irgend einer Seite eine nationalistische Lösung aufgezwungen würde . . . Angesichts dieser Situation konnte die deutsche Regierung, wenn sie sich nicht dem Vorwurf der Perfidie (!) .aussetzen wollte, unmöglich Maßnahmen im jüdisch-nationalistischen oder zionistischen 'Sinne treffen . . . Die deutsche Regierung hielt es außerdem für unverantwortrlich, diese wirtschaftlich deklassierte, moralisch noch nicht ertüchtigte (!) jüdische Masse den Haß, der wirtschaftlichen Vertilgung durch ihre Schuld ansznsetzen... _ Beim Lesen dieser Zeilen muß der unbefangene deutsche Kenner der Verhältnisse sich fragen: Wie war es möglich, daß ein Jude das geschrieben hat?! Wie konnte ein Deutscher das schreiben?! Und wie nun gar ein deutscher Jude?! Ter Jude muß wissen, daß die Juden Polens in ihrer großen Mehrheit weder Teutsckre noch Polen sind oder sein wollen, sondern ein Volk für sich, eine von jenen beiden verschiedene Nationalität,, nicht bloß eine „Religionsgesellschaft." . . . Und ein Deutscher rühmt sich, daß er die große Masse der Jude» Polens, statt ihren Zusammenhang mit der alten Heimat,

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