Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1918)
- Date
- 1918-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1 s irankfudcr Äsracktislhes Famliendlaü. Erscheint wöchentlich am Freitag. KrnlSSPrei« pr» Pirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. l.CO frei inS Haus. Bei der Post abonniert Mk. 125, frei ins HauS 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungar» M k.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten IS Psg. ü Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. « Eangeftr. 7. Fsmspracher A«t Hansa SS«. $**4«*g<$**: chsir. Insrrtiausprri» für die frchSgrspaltme Petitzeile SS Psg., flw die Sieklamezeile Mk. l-—. Lei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datmn-Borschrist ohne Verbindlichkeit, »nnoncen-rlnuahme b« der und in LÄnnoncewBnreanS Svnto bei d«n Postscheckamt in Knocksurt a. M. »nter Br. 4S04. 16 Zahrgang. Freitag, de« 10. Adar §678 (22. Februar 1918) «r. 8. udi dke iece i. i 34 ici >6 v I. O. D. Bor zwei Woche« bereits haben wir an dieser Stelle die Nachricht von der Gründung der „Bereinigung Jüdischer Organisationen Deutschlands" sV. I. O. D.) gebracht und in kurzen Strichen auf die außerordentliche Bedeutung dieser Gründung hingewiesen. Unterdes ist nun eine nähere Mitteilung über die Zusammensetzung der neuen Organisation und ihr Programm in die Oessentlichkeit gelangt, die wir in der letzten Numnler unseres Blattes publiziert haben. Damit ist die Grundlage zu einer bestimmteren und näheren Beurteilung der P. I. O. D. gegeben. Tie Mitteilung über den Verlauf der Gründung und das Programm der Organisation bestätigt die Worte der Genugtuung und Freude, init der wir sie begrüßt haben. Es zeigt sich, daß in der Tat sämtliche führenden jüdischen Organisationen Deutschlands ihr angehören, mit Einschluß der zionistischen Organisation. Es muß dies nicht nur hinsichtlich der sachlichen Bedeutung der Zugehörigkeit der Zionisten ganz besonders betont werden, sondern auch noch aus dem Grunde, weil anfänglich von mancher Sette gedacht wurde, die neue Organisation ohne die Zionisten zu gründen. Die Tatsache, daß dieser Gedanke fallen gelassen wurde, beweist, daß bei der Majorität der maßgebenden führenden Kreise der deutschetl Judenheit sich tatsächlich die Erkenntnis bereits durchgerungen hat, daß ein wahrhaft politisches Auftreten der Judenheit ohne «ine gebührende Berücksichtigung der zionistischen Forderungen und Tendenzen herrte nicht mehr möglich ist. Dies zeugt davon, daß diese Kreise der deutschen Jrrdenheit, die bisher zum größten Teil allen zionistischen Ideen ablehnend gegenüberstanden, sich nicht mehr dem Zeichen der Zeit und den gebieterischen Forderungen der gegenwärtigen jüdischen politischen Situation, wie sie sich infolge der umwälzenden Ereignisse des Krieges herausgebildet hat, verschließen, vielmehr bereit sind, diesen Forderungen nachzukommen. Diese innere Erkenntnis und Neifeenttoicklung ist besonders bedeutsam und besonders lebhaft zu begrüßen. Wir, die wir seit jeher für das zionistische Programm und für die politischen Forderungen des Zionismus in der jüdischen Politik eingetretcn sind, dürfen es mit besonderer Genugtuung konstatieren, daß endlich der Tag fkommen ist, an dem auch die bisherigen Gegner des ionismus unter den deutsche» Juden eingesehen haben, baß jede wahrhafte jüdische Politik von diesen Tendenzen mitbestimmt und mitgetragen sein muß. Dies zu konstatieren und zu betonen, ist ein Gebot der historischen Wahrheit. Bas erwachende Verständnis für die Zeichen der Zeit kommt auch in dem Progranim der neuen Organisation in überaus erfreulicher Weise zum Ausdruck. Neben den selbstverständlichen Forderungen der „rechtlichen und tatsächlichen Gleichberechtigung mit allen Rechten und Pflichten als Staatsbürger" und der „Freiheit der Religionsübung" fordert Punkt 3 das „Recht auf Pflege selbständiger jüdischer Kultur", Punkt 4 das „Recht auf freie Einwanderung und wirtschaftliche Betätigung in allen Teilen des osmanischen Reiches" und Punkt 5 das „Recht der freien Einwanberung uno Pflege selbständiger jüdischer Kultur in Palästina". In diesen 3 Punkten hat die B. I. O. Tz somit die beiden große» Hauptforderungen, die die Judenheit aller Länder gegenwärtig proklamiert, die national-kulturellen Rechte im Osten und den Palästinagedänken, sich zu eigen gemacht. Bon welcher Bedeutung dies, vom Standpunkt der innerjüdischen Entwicklung Deutschlands gesehen, ist, ermißt inan erst ganz, wenn man die bisherige Haltung der deutschen Juden im Kriege betrachtet und dabei konstatiert, daß sie im Grunde genommen bisher nichts getan haben, um an her Erfüllung dieser beiden Forderungen mitzuwirken. Obwohl in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die litauische und polnische Judenheit gerade in diesem Kriege mit besonderer Energie und Aufopferungskraft um die Sicherstellung ihrer national-kulturellen Rechte kämpft, wobei infolge der Besetzung Polens und Galiziens gerade die deutsche Judenheit die Möglichkeit gehabt hat, in überaus wirksamer Weise in dieser Frage ihren Brüdern im Osten zu Hilfe zu kommen, hat sie sich bis heute im wesentlichen passiv und untätig verhalten. Es bedeutet somit ein beträchtliches Stück innerer Entwicklung und einen Fortschritt von außerordentlicher Tragweite, wenn die maßgebenden jüdischen, Organisationen und. Persönlichkeiten Deutschlands nunmehr diese Forderungen anerkennen und als die ihrigen erklären. Nichr minder bedeutsam aber ist dies auch, gesehen vom allgemein-jüdischen Standpunkt. Erst durch die Uebernahme dieser beiden Prinzipien hat sich das deutsche Judentum in den Rahmen der heutigen Politik des gesamten jüdischen Volkes eingereiht. Wr haben des öfteren an dieser Stelle wiederholen müssen, in welche Gefahr einer Isolierung sich das deutsche Judentum durch seine bisherige Pcssivität gebracht hat. Erst jetzt hat es diese Jsolierungsgefahr überwunden iind sich in «ine Reihe mit der Judenheit der anderen Länder gestellt. Angesichts der Bedeutung, die innerhalb des Gesamtjudentnms die deutsche Judenheit besitzt, angesichts der ganz besonders wichtigen Rolle, die sie. auf Grund der gegenwärtigen weltpolitischen Situation und der deutschen Vormachtstellung in Litauen und Polen zu spielen berufen sein kann, ist diese Einfügung der deutschen Juden in die Kampfesreihe des jGesamtjudentums besonders hoch zu bewerten. Noch ist die V. I. O. D. im wesentlichen in ihrer Konstituierung begriffen, und hat noch keine Zeit zur Ausnahme ihrer konkreten politischen Arbeit gefunden. Sie wird sehr bald damit beginnen müssen, und dann wird die jüdische Oessentlichkeit die Möglichkeit erst haben, die unmittelbare praktische Bedeutung der neuen Organisation zu erkennen, und zu sehen .mit welcher Energie und Konsequenz sie an die Durchführung ihres Programms gehen wird. Wir hoffen, daß sie in dieser Hinsicht allen Erwartungen, die man auf Grund des Progranrms hegen darf, erfüllen tvird und auch in dem Aufwand von Energie, der inneren Konsequenz und politischen Entschiedenheit den Anschluß an die Judenheit der anderen Länder finden wird, die bisher den Kampf für die heiligen Rechte des Judentums mit solcher Wucht und solch beträchtlichem Erfolg geführt hat. Sowohl in der litauischen wie in der polnischen Judenfrage wie auch in der Palästinafrage kann auf Grund der weltpolitischen Lage gerade das deutsche Judentum außerordentlich viel wirken und leisten. Hoffentlich sind sich die führenden Männer der B. I. O. D. bewußt, daß hier die deutsche Judenheit eine große Schuld abzutragen und ihre bisherige Passivität durch den Aufwand einer doppeltcu Energie wirver putzumacben hat. Man darf rubig sagen, daß das gesamte jüdische Volk mit Spannung auf die Taten und Leistungen der V. I. O. D. blickt, um tzu wissen, was es im Kampfe für seine nationalen Rechte von der deutschen Judenheit in Zukunft erwarten darf. Auch hinsichtlich der künftigen Gestaltung des innerjüdischen Lebens in Deutschland darf man von der Gründung der V. I. O. D. sehr günstige Wirkungen erhoffen. Der überaus heftige und in vielen Einzelerscheinunaen so unerfreuliche Kamps zwischen der zionistischen Minorität und der.nichtzionistischen Majorität der deutschen Judenheit, der gerade kurz vor dem Kriege seinen Höhepunkt erreicht hatte, hat ja in gewissem Sinne schon int bisherigen Verlauf des K.ieges eine Mäßigung erfahren. Dennoch ist die Atmosphäre des inneren jüdischen Lebens in Deutschland noch sehr mit den Rückwirbrngen des Kampfes geladen, was für die fruchtbare Fortentwicklung der innerjüdischcn Verhältnisse in Deutschland von Nachteil und Schaden ist. Jetzt, da sich sämtliche großen jüdischen Organisationen mit den deutschen Zionisten zu gemeinsamer Tätigkeit vereinigt haben und in ihrem Programm die Berechtigung der zionistischen Forderungen im Prinzip anerkannt haben, darf man hoffen, daß diese Atmospäre des Zankes und der Fehde restlos beseitigt werden wird. Es soll und wird auch in Zukunft Differenzen zwischen den verschiedenen Strömungen und Parteien des deutschen Judentums geben; aber der Zusammenschluß aller Organisationen in {>cr B. I. O. D. muß ein Vorbild und Beispiel sein, diese Differenzen. auf dem Boden einer allen Fu Grunde liegenden brüderlichen und solidarischen Gesinnung zu regeln und zu überbrücken. Die Einheit und Geschlossenheit, die das deutsche Judentum sich durch die B. I. O. D. in seinem Auftreten und seinen Handlungen nach außen geben will, muß auch das innere jüdische Leben in Deutschland in Zukunft beherrschen und bestimmen. Wird die V. I. O. D. all diese erhofften Folgen und Wirkungen haben: nach mißen das deutsche Judentum zur tatkräftigen Mitwirkung und Unterstützung im Kampf um die Sicherstellung der Rechte des jüdischen Volkes veranlassen, nach innen das jüdische Leben vom Geiste gemeinsamer Solidarität bestimmt sein zu lassen und — das Entscheidende — in sämtlichen deutschen Inden die Erkenntnis wachrufen, daß die großen national-politischen Forderungen des jüdischen Volkes in Zukunft auch die ihrigen sein müssen, so wird die Gründung der B. I. O. D. als eine bleibende historische Tatsache in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Judentums, ja im Leben des gesamten jüdischen Volkes bezeichnet werden dürfen. Jureu-erziehu«« der AzudaS JiSroel. Eine Antwort aus dem Lehrerkreise. Der Schreiber des vorliegenden Artikels behauptet, die jüdische Orthodoxie, einerlei unter welchem Namen, ob „Freie Bereinigung" oder Agudah, wolle ihre Jugend von der Arena des Geistes fernhalten. Haben wir etwa den Ausspruch unseres großen Lehrers vergessen: „Mi jiten kol am haschem rwwiim."?Llnd in welchem Volks glühte das Ideal eines wissenschaftlich durchgebildeten Bauernstandes, eines wissenschaftlich durchgebildeten Handwerkerstandes stärker als bei uns? Warum sollte gerade die Orthodoxie, die doch sonst die Ideale der Bäter hochhält, das Bestreben von sich gewiesen haben, daß sogar der gemeine Mann im Volke wissenschaftliche Theorien zu verfechten verstehe! Glaubt der Artikelschreiber, daß man in irgendwelchem jüdischen Kreise auf dem weiten Erdenrund heute das Neuhebräische als unmöglich bezeichnen wird? Die Aeußernng kann in dieser Auffassung nicht gemeint worden sein. Man mag zu der Ideenwelt Achad-Haams stehen, wie man wül, wer wird chm seine feingeistige Schreibweise absprechem? Man mag zu der Ideenwelt Bialiks stehen, wie man will, wer wird nicht die Gewalt seines Hebräisch in seinen mit Faustischer Wucht geschriebenen Gesängen erschauernd bewundern? Ich war auf der Agudah-Tagnng in Berlin. Die Aeußernng, daß die Sprache der modernen .^brätschen Dichter unmöglich sei, ist weder von denr Vorsitzenden der AJO., Direktor Dr. Lange, noch von sonst jemandem gemacht worden, — und hierauf bauen sich alle Folgerungen des Artikels auf. Ja, es ist hoch auf der Berliner Tagung über jüdische Geschichtskurse für schulentlassene Jugend rrnd über hebräische Sprachkurse gesprochen worden! Gewiß, warum sollten wir um den Geist unserer Jugend weniger besorgt sein als um ihre» Körper, und warum sollten wir nicht aus dem Gstunde die geistige Nahrung sichten? Nun, der ArtikelschreiLer sagt ja selbst, das von dem Vorsitzenden der AJO. so sehr gerühmte „Daurauth horischaunim" sei lediglich eine Kritik des Graetzschen Geschichtswerkes. Wie kann man als» Halevy lesen, ohne — lehawdil — den Graetz daneben liegen zu haben? Gerade weil wir in Halevy eine orthodoxe Tatstellung der jüdischen Geschichte, wenn auch im kritischen Gewände haben, brauchen wir der Jugend andere Darstellungen nicht vorzuenthalten. Don dem Hebräisch des Daurauth horischaunim ist der Leiter der 2^O. in der Tat mcht begeistert. Wie mag man da glauben, man verbiete bei uns nach katholischer Art unserer jüdisch«, Jugend, von Graetz in die Hand zu nehmet; wir bänden unserer Jugend Scheuklappen um die Augen. Ms ob Schulmänner, sogar solche, die auf dem Boden des jüdischen Gesetzes stehen, nicht auch wüßten, was die natürlichen Folgen von Scheuklappenpolitik sind? Was auf der Berliner Agudah-Tagnng über den jüdischen Geschichtsunterricht den Führern der einzelnen Gruppen nahegelegt wurde, ist lediglich das folgende: Nur gründlich vorgebüdete Lehrer, d. h. solche, die imstande sind, auch aus hebräischen Quellen zu schöpfen, die nicht allein auf Graetz angewiesen find, sollen den Geschichtsunterricht geben. Wo es solche Lehrer nicht gibt, bas ist doch wahrlich nur eine logische Folgerung, mutz der Unterricht ausfallen. Und daraus folgert der Artikelschreiber, daß wir eine geschichtslose Jugendfortbildung wollten, daß der Leiter einer der wenigen jüdischen höheren Schulen Deutschlands den Wert der Geschichtsbildung unterschätzt? Das wäre ja gerade so, wie wenn man von eineilt, der vor der schulentlassenen Jugend über Shakespeare reden wollte, verlangte, er müsse diesen Genius in der Ursprache gelesen haben, oder er solle schweigen. Wer würde von dem. der eine solche Forderung stellte, behaupten, er wolle die Jugend ohne Kenntnis der englischen Literatur haben und fei kein Freund des britischen Bolkes? Die Verdienste der Zionisten in Ehren, aber wir brauchen von ihnen nicht erst die Liebe zu unserem Volke, dem „Am kodausch", zu lernen und auch nicht die Liebe zu seiner Geschichte, die ja unsere ureigenste Geschichte ist. Statt Löwensteins „Lebensbilder unserer Großen" schlagen wir die Gemoro auf und treiben Quellenstudium. Ja, die @emoro aufschlagen können ist eine hohe Forderung, — aber sollte man sie deshalb unserer jüdischen Jugend nicht stelle»? Quellenstudien treiben ist eine durchaus moderne pädagogische Forderung. Und eine pädagogisch-methodische Frage ivac auch ans der Berliner Agudah-Tagnng die Frage der hebräischen Sprachkurse. Es genügte vielleicht meine Feststellung dessen, was bei uns nicht über die hebräische Sprache gesagt wurde. Doch da oer ArtikAschreiber kein Schulmann ist, will ich versuchen, ein Bild dessen zu geben, was auf der Berliner Tagung vom pädagogisch-methodischen Standpunkte aus Wer die hebräischen Sprachkurse gesagt wurde: Hebräische Sprachkurse finden wir in neutralen jWischen Jugendvereinen und wir finden sw in zionistischen Jugend- Vereinen. Trotzdem wir dasselbe bei beiden finden, ijjfc dies dock» gar nicht dasselbe, und wenn Agudah-Jngendvereine hebräische Sprachkurse haben, ist das noch etwas anderes!