Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(?■ Erscheint wöchentlich am Freitag. Krmgsprris pro Wrrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.SÜ frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk.135, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.5V Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. » - .- T-'-i...- ■ ■ i. i i ■ ■ ■ i ■ i J Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. r: Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903.' -WK- Hnairsgevep: GalU cheis. Infrrtiouspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 3V Pfg., für ll die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Mederholungen entsprechender I Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. 8 Annonceu-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureans. n Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. II ■ ■■ . . ' » 16 Jahrgang. Freirag» den 36. Scliewat 567$ (8. Februar 191$) Rr. 6. Tagung der orthodoxes Orgauisatione« im Gebiete der Mittelmächte. ° Frankfurt a. M., 31. Januar. Am 29. Januar traten hier Delegierte der führenden orthodoxen Organisationen in den Gebieten der Mittelmächte zu einer Konferenz zusammen, um die programmatischen Forderungen zu beraten, die anläßlich der beim Friedensschluß bevorstehenden Neuordnung oer Dinge im Osten im jüdischen Interesse zu stellen sein werden, um außerdem eine gemeinsanie Vertretung dieser Interessen bei den 'Regierungen der Mittelmächte zu sichern. Die Konferenz war durch Beratungen der in Betracht kommenden Organisationen in den einzelnen Ländern seit längerer Zeit vorbereitet worden. Durch Delegierte vertreten waren: Die „Freie Bereinigung für die Interessen des prth. Judentums", der „Deutsche G ruppenverband der Agudas Jisroel", der „Verband orth. Rabbiner Deutschlands", die „Vereinigung traditionell gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands", der „Bund gesetzestreuer jüd. Lehrer", die „Galizische Landesorganisation der Agudas Jisroel", der „Verein zur Wahrung des orth. Judentums inWestösterreich", der „Rabbinerverband in Galizien". Die „Agudas hoortodoxim" und oie „Agudas horabonim" in Polen, sowie die „Palästinensische Landesorganisation der Agudas Jisroel" hätten, da ihre Vertreter aus äußeren Gründen nicht mehr rechtzeitig eintreffen konnten, ihre Beschlüsse schriftlich, übermittelt. Die „Ungarische orth. Landeskanzlei" hat ihren Anschluß, an die Aktion Vorbehalten. Die Tagesordnung lautete: 1. Gruppenrechte der Juden im Osten. 2. Palästinafrage. , 3. Religiöse Forderungen im Staatsleben. 4. Bürgerliche Gleichberechtigung. 5. Form und Methode der Vertretung. Während der zweitägigen Verhandlungen, in denen naturgemäß manche Gegensätze der Auffassungen zwischen den verschiedenen Landesgruppen zutage traten, wurde eine prinzipielle Ucbereinstimmung in Grundfragen erzielt. Als Ergebnis "der Generaldebatte in Verbindung mit dem ersten Punkte der Tagesordnung wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: 1. Bei' ihrer Erhebung zur Volksgemeinschaft hat Gott der Judenheit, deren Existenzberechtigung, Ideale und Ziele lediglich in der Religion verankert sind, sowie jedem einzelnen Luden für alle Zeiten die treue Erfüllung des offenbarten Gesetzes zur Pflicht gemacht. Auf dieser gemeinsamen Pflicht beruht das Band gegenseitiger Verantwortung, das die Juden umschlingt 2. Die Judengemeinschaft fordert die ungehinderte Freiheit zur pflichtgemäßen Erforschung und Erfüllung ihres offenbarten Gesetzes. 3. .Sie fordert den Schutz von Leben mch Eigentum sowie Freiheit der.geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung der Juden der Einzelländer gleich allen Bürgern des betreffenden Staates. 4. Die Formulierung der prinzipiellen Forderungen und die Art ihrer Durchführung muß den berufenen Vertretern der Juden der Einzelländer überlassen bleiben. Die in Punkt 4 enthaltene Entschließung bezieht sich insbesondere auf die ausgiebig erörterte Frage der Personalautonomie, die nach Ansicht der Versammlung nicht grundsätzlich, sondern nur gemäß den besonderen Borbeoingungen in jedem Lande gelöst werden kann. Zur Palästinafrage faßte die Versammlung eine Entschließung, deren prinzipieller Teil wie folgt lautet: 1. Die Orthodoxie erblickt — unter unverbrüchlichem Festhalten an den messianischen Zionshofsnungen der Judenheit — zu alten Zeiten in der Besiedelung des heiligen Landes durch Juden die Erfüllung einer im Religionsgesetz begründeten Pflicht, deren möglichst ungehinderte und umfassende Ausführung zu sichern, Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ist. Wunsch und Wille zur Einwanderung entsprach stets dem tiefsten religiösen Sehnen der jüdischen Volksseele. 2. Die Orthodoxie erwartet, daß die Türkei diesen auf tausendjähriger religiöser Ueberlieferung beruhenden Palästinabestrebungert Vertrauen entgegenbringen und der jüdischen Einwanderung nach dem Kriege sowohl bei der Ansiedelung als bei der Entwicklung des religiösen und wirtschaftlichen Lebens im eigenen Staatsinteresse systematische Förderung angedeihen lassen wird. Es folgt hierauf die Aufzählung der an die türkische Regierung im.Interesse der jüdischen Siedeluug zu stellenden Forderungen und der Ausdruck der Ueberzeugung, daß. „mit der Zugehörigkeit des heiligen Landes .zu einer reorganisierten Türkei die günstigsten Vorbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung der palästinensischen Ansiedelung im religiösen Sinne gegeben sind." Hinsichtlich der Vertretung wurde die Bildung eines Vollzugsausschusses der jüdischorthodoxen Organisationen im Gebiete der Mittelmächte beschlossen, in den jede der beteiligten Organisationen zwei Vertreter und zwei Stellvertreter entsendet. Der Vollzugsausschuß ernennt einen oder mehrere ehrenamtliche Geschäftsführer. Der Vollzugsausschuß wurde beauftragt, zur Vermeidung jedes Gegeneinanderarbeitens der verschiedenen jüdischen Organisationen unverzüglich in Fühlung mit anderen Organisationen, welche gleiche Ziele verfolgen, zu treten und soweit sachlich möglich eine Verständigung mit ihnen behufs gemeinsainer Arbeit herbeizuführen. Die wegen der vorgerückten Zeit nicht mehr im einzelnen beratenen Punkte der Tagesordnung wurden dem Vollzugsausschuß zur weiteren Bearbeitung überwiesen; insbesondere sollen dabei die Berücksichtigung des Sabbats in .der Sonntagsruhe-Gesetzgebung, die Sicherung der Schechita, die Fragen des jüdischen Eherech ts im Osten beachtet werden. Dem Vollzugsausschuß wurde ferner zur Vorberatung ein der Versammlung vorliegendes Programm zur praktischen Erez I i s r o e l - A r b e i t überwiesen. Jttgerrderziehus« der Agudas Jisroel.*) Die Erziehungstendenzen, die in den in Frankfurt a. M. erscheinenden Blättern „des Gruppen- *) Der geschätzte Artikelschreiber schneidet eine äußerst wichtige Frage an. Es wäre deshalb wünschenswert, noch weitere Meinungsäußerungen darüber zu vernehmen. (Die Redaktion.) Verbandes der Agudas Israel" und „Agudas Israel Jugendorganisation" zum Ausdruck kommen, sind naturgemäß der beste Gradmesser für die die deutsche Orthodoxie zur Zeit beherrschenden Strömungen. Wenn man nämlich heute von einigen kleinen Kreisen und einigen geistig recht hochstehenden orthodoxen Persönlichkeiten absieht, vertritt heute der Agudas Jisroelkreis und die mit ihm zu identifizierende „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" das Gros der deutschen Orthodoxie; und sie werden auch seitens der deutschen Behörden als die befugten Vertreter der jüdischen, Orthodoxie in Deutschland betrachtet. Deshalb müssen wir zu allen ihren Aeußerungen, denen eine symptomatische Bedeutung zukommt, Stellung nehmen. Eine solche Bedeutung hat die Diskussion über Jugendförtbildung auf dem zweiten Delcgiertentag der Agudas Jisroel-Jugendorganisation, über die das Dezemberheft der Agudas- Jisroelblätter berichtet. Diese Diskussion sei im folgenden einer kurzen Darstellung mit anschließender Kritik unterworfen. Der uns hier interessierende Teil der Diskussion beschäftigt sich . mit dem Zlnterrichtsprogramm für die Kurse der schulentlassenen Jugend. Der Referent, Direktor Dr. Lange in Frankfurt a. M., wendet sich gegen den Geschichtsunterricht, weil zumeist kritiklos nach Graetz unterrichtet werde und nur wenige Dozenten imstande seien, an Hand von Halevys Daurauth horischaunim das Falsche und Entstellte in Graetz Geschichtswerk aufzudecken. Gegen diese Thesen erhob sich Widerspruch gerade aus dem Kreise der Jugend, die als Objekt dieser geschichtslosen jüdischen Erziehung gedacht war. Einige jugendliche Redner befürworteten einen Antrag, „je nach örtlichen Verhältnissen Tenach, Dinim, hebräische Sprach- und Geschichtskurse" einzurichten, damit die orthodoxe Jugend nicht in andere Organisationen gedrängt würde. Andere forderten sehr energisch hebräische Sprachkurse. In der Erwiderung führte Dr. Lange aus, daß er sich nur gegen das „unmögliche Neuhebräisch" (!!!) wende, dessen Literatur zum.Teil von „ganz unjüdischem Geist erfüllt sei". Zum Schluß wurde beschlossen, daß „jede Gruppe Limud hataüroh zu betreiben und sich wegen der übrigen Kurse unter Darlegung der örtlichen Verhältnisse an die Leitung der Jugendorganisation zu wenden habe". Mit schmerzlichstem Bedauern müssen solche Ansichten diejenigen erfüllen, die selbst auf dem Boden des traditionellen Judentums stehen und wie der Verfasser zugleich ihre Lebensaufgabe in der Wiederbelebung des jüdischen Geistes auf eigenem und freiem Väterboden sehen. Betrachten wir zunächst die Ansichten über den Wert der geschichtslosen Jugendfortbildung. Das also ist die letzte Weisheit der Kreise, die nach ihrer Stellung und ihrem Einfluß als die berufenen Führer der jüdischen Orthodoxie in Deutschland erscheinen, das ist ihre höchste Erziehungsmaxime, lieber die Jugend fern von allem jüdischen Geschichtsunterricht zu halten, lieber ihnen die neuerwachende jüdische Literatur vorzuenthalten, als sie mit irgend einer, nicht mit orthodoxer Lehrmeinung übereinstimmenden These bekannt zu machen? Das ist eine Anschauung, die denen klerikal katholischer Kreise nicht fern steht, und die am besten von Schiller durch den bekannten Dialog in der Schlußszene des Don Karlos zwischen dem Kardinal und König Philipp charakterisiert ist, welche beide lieber die Verwesung als die Freiheit säen wollen. 817644