Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Das stattliche Ehepaar nahm sich immer vortrefflich aus, und heute im prächtigen Sabbat- Staat ganz besonders; aber es schwebte noch außerdem ein freundlicher Geist über ihnen. „Da ivill ich doch tausend Schwüre darauf tun, daß das wieder ein Stückchen von Vögele ist, um Golden glücklich zu machen!" sagte Täubchen voller Heiterkeit. „Ich muß dem Maggid da nur, gleich den Text darüber lesen." Reb Noach lachte: „Das Kind hat ein Köpfchen auf sich, daß es könnt die ganze K'hilla umkehren!" „Du Maggid," rief Täubchen der eben in der Haustür erscheinenden Vögele entgegen. „Komm du nur her! Ich werd'.dich beim Rabbi verklagen, daß du ihm die Bachurim verführst! Was hast du mit dem Zempelburger da angestiftet?" „Ich?!" sagte Vögele etwas verlegen wegen der Gegenwart des sonst ernsten Reb Noach; aber sie sah das wohlwollende Lächeln seines Angesichts und fügte hinzu: „Ich Hab' ihm ein'n Bibelvers ausgelegt!" Und wieder hielt sie mit einer verschämten Schalkhaftigkeit inne, daß Reb Noach nicht umhin konnte, zu fragen: „Nun, was ist das für ein Vers! Du Maggid?" „Der Vers," lachte Vögele, „ist vom König Salomo gesegneten Andenkens. Hat er denn nicht geschrieben in seinen Sprüchen: „besser offene Strafrede als heimliche Liebe?" und das bedeutet: „es ist besser, sich die Strafreden öffentlich verlesen zu lassen, als eine heimtliche Liebschaft zu haben." Reb Noach Brall, trotz der Würde, die ihm wohl stand und die er auf der Straße am allerwenigsten gern preis gab, schlug ein so schallendes Gelächter über dies: witzige Anwendung des Bibelverses auf, daß sich im Nu ein Kreis Neugieriger cinfand. Aber der würdige Mann faßte sich sofort. Er ging mit Täubchen am Arm nur einen Schritt der lieben Golde entgegen, die eben, durch das Helle Lachen angelockt, aus der Haustür trat, bot ihr mit einer Herzlichkeit seinen „guten Sab.bat", der ihr Gesicht nur noch glühender erröten ließ, als es bereits der Fall war, und begab sich eilig in sein Haus, um sich in den Lehnstuhl zu werfen und noch eimnal herzlich über Vögele lachen zu können. „Das heißt eine Mad! Das heißt ein Maggid!" rief er aus, indem er mit der Hand auf den Tisch schlug „Ich soll mich nicht versündigen, Täubchen, das ist eine Mad, um die man könnte das Kosminer Bachurchen beneiden, wenn ich dich nicht mein Herztänbchen hätte." Täubchen lachte über den so seltenen Enthusiasmus ihres braven geraden Mannes hell auf, ließ sich von ihm den so eben gehörten und für sie doch zu gelehrten Witz Vögeles erklären und nahm nun so herzlich an seinem Entzücken teil, daß ihre Augen schon wieder voll Tränen der Begeisterung für die Kinder in der Mikwe waren. „Liebherziger Noach!" sagte sie: „hast du denn auch Goldes Antlitz so recht angesehen?" „Ob?!" sagte er: „sie sieht aus, wie eine Braut, schön, züchtig und fromm. — Ach!" — setzte er mit einem leichten Seufzer hinzu, aber er brach ab und sagte: „es sind liebe Kinder!" „Noach!" sagte Täubchen und lehnte sich voll innerster Seelenbewegung auf die breiten Schulter»' des geliebten Mannes. „Ich habe ein Gelübde getan, wenn mich Gott der gelobte in Gnaden bedenken würde"- Sie verbarg ihr Gesicht an dem seinigen und schwieg. „Täubchen, du machst dir doch schon wieder Gemütsbewegung!" mahnte sie der Gatte. „Ach Herr der Welt!" rief sie leidenschaftlich betend aus: „wenn es dein heiliger Wille ist, zu gedrnkerl deiner Magd, so weißt du doch, daß du ihr gegeben hast dies bewegre Gemüt und daß meine Seele nicht wird aufhören zu zittern vor Gebet, bis sie wieder eingehen wird in deine Hand!" Reb Noach erhob sich ernst und richtete sein schluchzendes Weib mit auf: „Täubchen, Herz," sagte er mit ruhiger Festigkeit: „es ist heut Sabbat, und darum faß dich und vertrau' auf Gott. Aber hör' mich an, was ich da sag'. Ich weiß, was du für ein Gelübde getan. So wahr heut der heilige Sabbat über der Welt ist, was du auch tun wirst für die beiden Kinder: so will ich doppelt das Doppelte dazu legen!" Im Stübchen der Mikwe herrschte heute eine Fülle von Segen an Tisch und Stimmung, wie es nur in den seltensten und gesegnetsten Stunden guter Menschen der Fall ist. Reb Chaim hatte wirNich im unübertrefflichen Sch'l^h hackodaufch auch den Zempelburger herausgefunden, oder was dasselbe ist, hineingelesen, und nachdem dies einmal fest stand, gab es keine Grenze seiner Verehrung für diesen Gast. Golde sah aus, wie Reb Noach Brall sie schilderte, und der Zempelburger war wie verklärt in Glückseligkeit. Zwischen Vögele und dem Kosminer dagegen spann sich in abgerissenen Worten, in Blicken voll Leidenschaftwlnd Glut, in stummen Entzücken, in Necken, Schmollen, Grollen, Aufwallen und Ueberwallen all das Spiel einer Liebe ab, wie es nur in so jungen, regen und überschwänglichen Seelen möglich ist. Anfangs grollte der Kosminer mit sich und der ganzen Welt. Warum hat der Freund diesen Liebesdienst für Reb Chaim tun dürfen und nicht er? — Er hatte auch gehört, daß sein Vögele etwas dem Reb Noach Brall gesagt hatte, worüber dieser so ungewöhnlich hell auf offener Straße lachte. Was mag sie .gesagt haben? Warum sagt sie das nicht auch ihm? Sie schien ihm so geistreich, daß er sich einbildete, sie halte ihn für einen Toren? — Hat sie über ihn gespottet, wie es gestern Täubchen getan?! Der arme junge Mensch! Sein Herz krampste sich bei diesem Gedanken so zusammen, daß ihm sogar Kotzebue's Verzweiflung höchst flach und lächerlich gegen die Verzweiflung dieses Gedankens vorkam. Als sie sich an den Tisch gesetzt hatten, sah ihn wieder Vögele nicht an, sondern spielte mit einem blanken Messer und raunte immerfort Golden etwas ins Ohr. Reb Chaim nahm den Zempelburger allein in Anspruch; der Kosminer wähnte sich nicht nur gottverlassen, sondern, wie er sich voll Zorn sagte: „in Bann 'getan," und war nahe daran, einen Eid zu schwören, nie, nie in seinem Leben, auch nicht einen einzigen Blick mehr auf Vögele zu werfen. Als jedoch Vögeles Händchen ihm Messer und Gabel zuschob und gerade das blanke, blitzende Messer, mit dem sie gespielt hatte, da blickte er ihr doch ins Gesicht, und wie sonderbar oft ein Blick wirken kann, da fuhren ihm wieder ganz andere Gluten durchs Herz, und er hätte, wenn es tunlich gewesen wäre, gerade das entgegengesetzte eioliche Gelübde abgelegt, nämlich: nie, nie in seinem ganzen Leben, auch nicht einen einzigen Augenblick, ohne dieses Händchen, und ohne dieses Gesicht und ohne dieses Herz-Vögele leben zu wollen! Und nun gar, als Vögele sich die Aermel aufschürzte und erklärte, sie habe den Auftrag, heute Madam Täubchens Rolle zu spielen, ihn ganz allein zu bedienen, und dafür solle er ihr auch ganz allein sein „Wörtchen" sagen; als sie wirklich mit diesen halb aufgeschürzten Armen das Scholent von Reb Noach Brall anftrug und Golde neckte, daß diese ihren Bachur lange nicht so prächtig bedienen könne; — als sie gar die „Kugel" für die musterhafteste von der Welt pries und von ihr rühmte, daß sie ganz allein einen Segensspruch in der Synagoge verdiene und dabei mit ihren eigenen zwei Händchen — und andere hatte sie doch einmal nicht! und ihm mit ihrem Mündchen — und sich eines Dolmetschers zu bedienen, war ja nicht möglich! — bat, doch ja nicht die geliebte Madame Täubchen in ihrer guten Sabbat-Kugel zu verschmähen, — guter, guter Gott, das Herz dieses Kosminerchens hätte müssen ein unerhört harter Felsen sein, — und dazu hatte es nicht die allergeringste Anlage, — wenn es dabei nicht hätte in einem imabsehbaren Taumel von Seligkeiten schwelgen sollen! Und Golde? — Sie hatte sich die Aermel nicht aufgeschürzt und pries das Essen auch nicht, sie sprach fast gar kein Wort, und doch bediente sie den Zempelburger und den Vater mit einer Lieblichkeit, die tausend Zungen nicht hätten Lenug Preisen können, denn wer will den Liebreiz malen, in welchem sich innige Bräutlichkeit, innige Züchtigkeit und unendliche Hingebung paaren? Und du, o guter, glückseliger Reb Chaim! Mit zwei solchen Kugeln war nach nie dein Tisch, mit zwei solchen Pärchen noch nie dein Stübchen, mit zwei solchen Tränen noch nie dein Bart geziert! Da, großer Altensteinf! 'wäre es dir doch vergönnt gewesen, dieses gutmütigste, seligste, mit der ganzen Menschheit versöhnte Angesicht dieses Reb Chaim, des Opfers deines Eigensinnes, mit eigenen Augen zu sehen, du würdest geahnt haben, daß, wo die Religion auch die Liebe ist, und du würdest ausgerufen haben: Wäre ich nicht Staatsminister von Allenstein, so möchte ich Reb Chaim des Maggids sein! eette 5. «i» ZviesesprSch. Bon Verwalter H. S. Sabbath nachmittag ist es, und wir sitzen im Dämmerlicht und sprechen über die Sorgen der Zeit. . . . ,Mie merkwürdig, vier Jahre nun ball» dauert dieser schreckliche Krieg, und wir tragen ganz selbstverständlich alles Schwere, was auf uns lastet, — und doch scheint es mir, daß nicht jeder bestrebt ist, die Lehren dieser Zeit zn ziehen. Mir schwebt es vor, als müßten manche Gegensätze, wenn nicht verschwinden, so doch gemildert werden durch eine geistige Brücke. Die Aussichten, die gerade uns Juden vor Augen stehen, sollten mehr als je zum Aufbau dieser Brücke Gelegenheit geben. Noch tobt draußen der Kampf, und die vielerlei Probleme, die der Lösung harren, betreffen wahrlich nicht mit einem geringen Tell uns Juden. Schauen Sw bloß nach dem Osten. . . Und wie die Morgenröte im Osten sich uns sichtbar bereits zeigt, so dürfen und wollen wir hoffen, daß alles sich zum Guten wendet." »Ja, gnädige Frau, das wird mit Gottes Hilfe geschehen, wenn wir zn unserer Berinnertichung beitragen." — „Verinnerlichung? Wie verstehen Sie das?'" — „Sehen Sie, verehrte Frau, Sie sprachen eben von Gegensätzen im Judentum. Die Ueberbrückung dieser Gegensätze erfordert jedoch von jedem einzelnen das Berständnis, daß er zum Wähle der Gesamtheit — wenn auch unter Zurückstellung persönlicher Wünsche — beitragen muß. Und hier liegt meines Erachtens der wunde Punkt. Verinnerlichung meine ich eben in der Beziehung, daß wvr die äußere Lebensweise mehr nach dem Einfachen richten und das Ideale, Große und Herrliche jüdischer Lebensanschauung in der eigenen Häuslichkeit betätigen sollen. Hiermit könnten wir dann unseren Kindern eine Begeisterung in der Ausübung des Guten und Schönen einpflanzrn und ihnen Berständnis für das Leid der Menschheit beibringen." „Das stimmt! Dennoch müssen wir trotz alledem immer wieder bewundern, wie alles Trennende beseitigt wird, wenn es gilt, Werke der Nächstenliebe auszuüben." „Gewiß! Aber, verzeihen Sie, wenn ich Ihren Gedankengang in die Wirklichkeit übertrage; wir sollten gerade dabei in Betracht ziehen, daß wahre Wohltätigkeit nicht immer innerhalb der Betätigung in organisierter Form zweckmäßig, sondern daß gerade hierbei das persönliche Moment maßgebend ist. — Sie lachen, gnädige Frau?" »Ja, gewiß, es bereitet mir Vergnügen, in dieser Hinsicht mich ganz Ihrer Ansicht anznschließen." ,Menn Sie Mir so viel Vertrauen entgegenbringe», muß ich wohl schon meine Meinung begründen. Schauen Sie, verehrte Frau, wir befinden uns augenblicklich hier in einem Krankenheim, das ja gewissermaßen als Beispiel gelten kann. Durch eine prachtvolle Organisation wurde vor 25 Jahren diese Anstalt errichtet, und in einem Werteljahrhundert wurde in ungeahntem Maße dieses Krankenasyl ausgebaut. Nun kam der Krieg, mit ihm alle Lasten und Sorgen in zehnfachem Maße, und nun gnädige Frau, nützte uns alle Organisation nichts, wir brauchten Geld, viel Geld, und hüben uns zn diese« Zwecke an weitere Kreise gewandt. In die Friedenszeit übertragen, war der Erfolg hübsch, aber wir leben im vierten Kriegsjahr und müssen deshalb mit zehn multiplizieren." „Aha, ich verstehe. Sie Armer! Ihnen fehlt noch die persönliche Hingabe Ihrer Getreuen für die gute Sache, aber ich mache Jhmn einen Vorschlag: wir tellen unser Sabbatnächmittagsgespräch der Redaktion des Fransfnrter Israelitischen Familienblattes mit, und ich hvffex Ihnen dann beweisen zn können, daß Ihre sozialen Bofürchtungen nicht berechtigt waren." .... lOfllmkteber Druckluft-Juni««* I tffenbaeh a> U. Tefcfsn ISS. (AbmAIu» mityraakfsafc I -wfikrtMte Ttpalehnlgtnn« (100,000 Mckol»! i«-» mflkarMfMa Mihdararalalgug mittok»! Druofelsft tuul Wassardnapf. W,che»-Sale»der. Samstag, 2. Februar 20. Schewat). Sabbat-Aufang in Frankfurt 4 Uhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt 8 Uhr 10 Min., in Berlin 5 Uhr 35 Min. Wochenabschuitt: Jisrau. — Die Anllmft Moses' Schwiegervaters Jisrau. Die Offenbarung am Berge Sinai. Die zehn Gebote. Ter Erdaltar. Sabbatgottesdienst in Frankfurt. Freitag abend 4 Uhr 55 Min. in den meisten Synagogen (Königsternerstr. 6 Uhr, Hauptsynagoge 5 Uhr). SamStag früh 8*A Uhr in den meisten Synagogen (Hauptfhnagpge S Uhr, Königstrinerstraß» 9% Uhr). Wochengottesdienst in Frankfurt. Morgens 6 Uhr 55 Min. in den meisten Synagogen (Hcmptsynagoge, Königsteirierstr. 7i/s Uhr). Abends 5 Uhr tu den meisten Synagogen (Königsteinerstr. 6 Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr). Brctfcfrwa W#-)