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Neue jüdische Presse · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wir und mit uns zahlreiche Anhänger des Bberlieferten Judentums waren der Ansicht, dah das Memorandum deS Rabbiners Dr. PinchaS Aohn, der als Vertreter der Freien Bereinigung pir die Interessen des orthodoxen Judentums in Koken wirkt, den Beweis erbringt, daß Dr. Kohns Politik keine „jüdische" Politik ist und die von der Freien Bereinigung vertretenen Interessen bedenklich gefährdet. Bereits vor Monaten hatten wir das Ersuchen an die Freie Bereinigung gerichtet, U>cr die Beurteilung der Dr. Kohnschen Tätigkeit zu beraten. Doch vergeblich. Im Gegenteil: .wir die letzte Rümmer der Zeitschrift des Mannes, der in der Freien Vereinigung bestimmend ist, zeigt, wird Dr. Kohn von dieser führenden Per- Pnlichkcit der Freien Bereinigung gedeckt. y Die Verurteilung des Schriftstückes wird hier als „bösartige, Gift und.Galle speiende Art und Weise, mit der die ganze jüdische Presse-Meute _ »er den Verfasser herfällt", abgetan. Dieser sH So« scheint schon verdächtig, denn er läßt vermuten, daß der Verteidiger des Kohnschen Memorandums sich doch nicht so ganz sicher fühlt. Auch, daß er Dr. Kohn ein Zeugnis ausfetfeii muß, stimmt zu dem. „Aber woher in aller Welt nehmen sie das Recht, einen Mann zu be- Wiupfen, der sich seine Ansicht in fester, ehrncher Arbeit, voll von Ernst und' Selbstentäußerung, an Ort und Stelle, nach Prüfung des Pro und Contra, gebildet hat, und dem auch sein grimmigster Feind ein. liebevolles jüdisches Herz pir das Wohl und Wehe des jüdischen Volkes nicht absprechen wird." Ja, hat es sich denn bei den Angriffen um Dr. Kohns. Person oder mn feine Tätigkeit gehandelt? Dr. Kohn als Mensch mag ein untadliger Charakter sein, er «rag Tag und Nacht in selbstlosester Weise für Dh doL von ihm als recht Erachtete arbeiten, — und er kann trotzdem aufs heftigste wegen dieser seiner Tätigkeit bekämpft werden. Die Verteidigung selbst wirkt nicht überzeugend. Ob die Juden staatsrechtlich als Religionsgefellschaft oder als Volk klassifiziert werden, sei eine Doktorfrage. Für weite Kreise der traditionstreuen Judenheit ist sie das aber mit Nichten! Diese Kreise fürchten durch diesen staatsrechtlichen Konfessionismus für die Judenheit Polens in wenigen Jahrzehnten eine Entwicklung, wie sie leider im Westen vor sich ging. Dort brachte die Mitänzipation den Konfessionalismus und damit die Assimilation. Das Zitat „Judaeo-Polonia" sei mit der Vertraulichkeit des Memorandums zu erklären. Sin Memorandum ist kein Privatbrief, und weit» * dieses Memorandum einer größeren Anzahl von Persönlichkeiten zugeht, dann muß damit gerechnet werden, daß. d» an die breite Oeffentlichkeit Kit kommt, wie im vorliegenden Falle auch geschehe». Mit dem „privaten und vertraulichen Charakter des Schriftstückes" wird auch die Charakterisierung der litauischen Juden entschuldigt. And 'der .^rropolnischen Politik Dr. Kohns Wird die „protürkische Politik der Zionisten gegea- Wergestellt! Ein Vergleich, der auf den ersten ( Mick hink. Das eine $et§£ Dezentralisation, ta) 9!c« andere Zentralisation. Die Polen wolle» polnische Bürger jüdischen Glaubens haben; sie wollen, daß die Juden in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht nirgend als kompakte Masse in die Erscheinung treten. Die protürkische Politik bezweckt jedoch einzig, .daß die Juden in Palästina politisch, sozial und wirtschaftlich als Juden ihre Stimme erheben und so ein Faktor sind, mit dem gerechnet werden muß. Die Erregung der Zionisten infolge der Dr. Kohnschen Politik und ferner traditionstreuer Kreise, die nicht der zionistischen Organisatwn angehören, ist verständlich. Wie man in letzteren denkt, zeigt auch der nachstehende Artikel in der „Jüdischen Presse", der in seinen wesentlichsten Stellen wegen der außerordentlichen Wichtigkit bei ganzen Angelegenheit für die Interessen der traditionstreuen Judenheit in Polen wiedergegeben sei: „Das Memorandum, das Rabbiner Tr. PinchaS Kohn anläßlich seines Aufenthalts in Stockholm Mer die polnischjüdische Frage verfaßt hat, und das in diesen Wochen fast von der gesamten jüdisch Presse abgedruckt worden ist, hat in weiten Dreisen des traditionellen Judentums Deutschlands Staunen, Ueberraschung und Erregung ausgelöst. Innerhalb des deutschen traditionellen Judentums verfolgt man schon seit geraumer Zeit das Wirken des Rabbiners Dr. Kohn in Warschau, der bekanntlich von der Frankfurter „Freien Vereinigung" entsandt wurde, mit immer wachsendem Unbehagen. Wenn Rabbiner Dr. Kohn auch als Abgesandter der „Freien Bereinigung" nur der Vertreter eines Teils des deutschen orthodoxen Judentums ist, so muß man doch damit rechnen, daß die polnische Judenheit und darüber hinaus mich die neutrale Judenheit den Unterschied der Richtungen und Schattierungen innerhalb der deutsch-jüdischen Orthodoxie nicht sannt und so Herrn Rabbiner Dr. Kohn als den Repräsentanten der jüdischen Orthodoxie in Deutschland schlechthin betrachten könnte. Und deswegen ist es für diese weit Mer den Kreis der „Freien Bereinigung" hinaus von Bedeutung und Interesse, in welcher Weise Rabbiner Dr. Kohn in Warschau wirft und austritt. Mit lebhaftem Bedauern hat man innerhalb der deutsch-jüdischen traditionellen Kreise konstatieren müssen, daß seine Tätigkeit in Warschau in immer steigendem Grade den Charakter einer einseitigen Kampfpolitik angenommen und zu scharfen Konflikten zwischen ihm und den jMischen Massenorganisationen in Polen geführt hat. Und Wer mit den Verhältnissen in Warschau näher vertraut ist, muß immer wieder von dort hären, wie sehr die Wtrftamwit des Herrn Rabbiner Dr. Kohn den Namen der deutsch-sMischen Orthodoxie npb darüber hinaus des deutschen Judentums als Ganzes innerhalb der polnischen Juden diskreditiert und schädigt. Das Memorandum, bas jetzt pMliziert worben ist, und das die Grund gÄmnken der Politik und Tätigkeit des Herrn Rabbiner Dr. Kohn darstellt, bildet nun den Gipfel seiner Wirksamkeit und muß in allen orthodoxen jüdischen Kreisen in Deutschland starke Entrüstung und Ablehnung Hervorrufen, denn in diesem Memorandum offenbart sich ein solcher Mangel an aufrechtem jMischen Bewußtsein, ein so schwaches Gefühl für die Würde und Ehre der jüdischen Gemeinschaft, und ein derartiges Fehlen jedes stärkeren jüdischen Solidaritätsbewußtseins, daß man sich erstaunt ftagt, wie ein führender orthodoxer Jude, ein Mann von der Stellung und den Qualitäten des Herrn Rabbiner Dr. Kohn ein solches Schriftstück hat verfassen können. Wer es liest, hat kaum den Eindruck, daß ss überhaupt ein Jude geschrieben hat, sondern man möchte eher glauben, daß irgend ein Pole oder im günstigsten Fall ein Vertreter der deutschen Verwaltung es versaßt hat. Sollte es denn jemand für möglich halten, daß ein bewußter und orthodoxer Jude in einer solchen Weise gegen das litauische Judentum austritt, wie es in diesem Memorandum geschieht, und die litauischen Juden als ein „zersetzendes Element" verleumdet? . . . Oder, um ein anderes Beispiel herauszugreifen, wie ist es zu verstehen, daß ein Mann, der nach Allen gegangen ist, um die Interessen der Judenheit kn ihrem unerhört schwierigen Daseinskampf gegen die Polen zu vertreten und zu verteidigen, erklärt, daß die Hauptschuld an der antisemitischen Politik der Polen die nationalen Juden trügen, die das Schlagwort eines „Judäa Polonia" geprägt hatten und damit die polnische Feindschaft hervorgerufen haben. Wann und wo haben polnische Juden dieses Echlagwort geprMt, das doch vielmehr bekannterweise eine lügnerisch« Erfindung der polnischen Antisemiten ist, die zur Bemüntrßmig ihr» «utisemitffchxu Politik dien«, foHta. »» Oder u« ei» drittes Beispiel herauszugreifen. Es wirE in dem Memorandum einer ganzen Richtung im polnische« Judentum auch vorgeworsrn, daß sie auf Obstruktion gegen die Maßnahmen der deutschen Regierung ausginge. Unsere Sache, die wir vom rein orthoä>xen Standpunkt aus die tiefste Beschämung Mer baS Schriftstück empfinden, ist es nicht, in den Kamps der Meinungen selbst einzjugreifrn. ES kommt gar nicht darauf an, ob z. B. dar letztere Borwurf irgend einen sachlichen Hintergrund hat (was wir übrigens bestreiten). Aber feit Wan» ist eS> tat Judentum erlaubt, als Kampfmittel Denunziationen zu verwenden? ..." Der Artikelschreiber schließt mit dem Wunsche, „daß die Freie Bereinigung in Frankfurt, deren Leitung ja gerade während des Krieges in s» vielfacher Weise überaus ersprießlich und erfolgreich gearbeitet hat, endlich erkennt, „daß sie mit der Entsendung des Herrn Rabbiner Dr. Kohn eine sehr schlechte Wähl getroffen hat, und sich entschließt, die Konsequenzen daraus zu ziehen." Dieser Wunsch dürste, nachdem die vielleicht maßgebendste Persönlichkeit der Freien Bereinigung in ihrer Zeitschrift die Tätigkeit Dr. Kohns gutgeheißen hat, nur dann auf Berwirllichung rechnen, wenn in der Freien Vereinigung selbst eine größere Bewegung cinsetzen würde, die diese Forderung vertritt. Eise sese Aestzerusg Talaat Paschas In einer Anfang Januar dem Bevtreter des „Tag", Dr. A. Rüssig gewährten Unterredung berührte der türkische Großwekir erneut die Palästtnafrage und erklärte hmrbei folgendes: „GS gibt noch eine Angelegenheit, die mir am Herzen liegt, und hinsichtlich deren die Oeffentlichkeit vielfach irregeführt worden ist. Das ist unser Verhältnis zuv jüdischen Bevölkerung. Ich habe über diesen Gegenstand vor kurzem in Konstantinopel eine Erklärung abgegeben, die Ihnen bekannt sein wird. Ich lege Gewicht darauf, auch hier zu betonen, daß unsere Stellungnahme der jüdischen Bevölkerung gegenüber die denkbar wohlwollendste ist. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß unter allen nichtmohammedanischen Elementen der Türkei die Juden stets die wärmste Vaterlandsliebe und die zuverlässigste Hingabe an den osmanischen Staatsgedankn bewiesen habe«. Ich selbst habe zahlreiche Mische Freunde. Lien Juden steht bei uns der Weg zu allen Stellungen offen — höchstens — hier lächelte der Großwesir — könne» sie nicht Khalifen werden. Das wäre aber auch mir nicht möglich. Diese Stellung ist für die Familie Osman res«» viert. Jedoch Scherz beiseite: was immer auch böswillig« Machenschaften anstreLen mögen, die Freundschaft zwischmr Osmanen und Juden wird nicht erschüttert werden. Wiv kennen genau den Charakter der jüdischen Bevölkerung mü» wir werden uns nie Mißtrauen zu ihr einimpfeni lasse«. Ebenso können die Juden stets aus unsere ihnen SB» kannten Gefühle rechnen." „5Dte wahre Gesinnung der türkischen Regierung «cP insbesondere die Ew. Hoheit —. bemerkte Dr. Rassig — sind der Mischen Bevölkerung der ganzen Welt bekannt. Rur gewisse Mißgriffe, die von Nachgeordneten Behörde« in Palästina begangen worden sind, haben zu Machenschaften gegen die Türkei Anlaß gegeben." „Auch für die Mische Bevölkerung Palästinas — antwortete der Großwesir — habe ich mein möglichstes getan. Unter dem Äten Regime gab eL da verschieden« administrative Hindernisse, rote Scheine, weiße Scheine ust». Ich habe alle diese Erschwerungen aufgehoben. Die weiteren Pläne meiner Regierung konnten infolge des Kriege» noch nicht zur Ausführung gelangen. Wühnnd des Krieges und besonders an Frontgebieten rrchk die Berwaltun» in der Hand der Armee und muß nach strategischen Gesichtspunkten geführt werden. Wir haben jedoch den unerschütterlichen Glauben, daß ganz Palästina, auch die heute durch die Engländer besetzten Teile, indes unser« Oberhoheit verbleiben werden. Bon der Notwendigkeit, die türkische Oberhoheit auf diesem Gebiete zu erhalte», wird man sich während der Friedensnnterhanblungen Merzeugen. Selbst der Papst würde eines Tages zur Einsicht kcmmen, daß auch dom StaMpunkt der christlichen Interessen die Äuveränität einer neutralen, andersgläubige»« Macht das wünschenswerteste ist. Die Reibungen untre de» christlichen Sekte» würden sonst zu den größte«' U»e- ^^11^11^1«» JB£xcH fMfllti ^«^1

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