Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Finnland hat sich bekanntlich unmittelbar nach dem Ausbruch der russischen Revolution als selbständig erklärt, und die mciximalistische Regierung in Petersburg hat nunmehr diese Selbstständigkeit anerkannt. Die finnische Regierung bemüht sich jetzt um die Anerkennung ihrer Selbständigkeit seitens der europäischen Staaten, und vor kurzem erschien eine finnische Deputation beim deutschen Reichskanzler, um die Anerkennung Finnlands seitens der deutschen Regierung zu erbitten. Bekanntlich hat der Kanzler diese Anerkennung ausgesprochen. Diese bedeutsame.Tatsache ist geeignet, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oessentlichkeit wieder auf die finnis che J uden fra ge zu lenken. Betanntlich ist seit der Abschaffung der russischen. Jndengesetzgebung durch die russische Revolution Finnland neben Rumänien das einzige Land, in Europa, in dem die Juden keine b ärgerliche Gleichberechtigung besitzen. Vielmehr herrscht dort eine regelrechte Ausnahmegesetzgebung gegen die jüdische Bevölkerung, die auf Schritt und Tritt schikaniert und. entrechtet wird. Solange die russische Judengesetzgebung bestand, wandte man nicht viel Aufmerksamkeit der finnischen, zu; seitdem aber Rußland seine Juden emanzipiert hat, ist es ein unerhörter und ungeheuerlicher Zustand, daß die so sehr deinokratische finnische Republikdiese Ausnahmegesetzgebung noch bestehen läßt. Allerdings hat vor einiger Zeit der finnische Landtag beschlossen, die Ausnahmegesetzgebung aufzuheben und den finnischen Juden die Gleichberechtigung zu erteilen, doch ist die Ausführung dieses. Beschlusses durch den finnischen Senat bis heute noch nicht erfolgt. Jetzt, da Finnland von den europäischen Nationen die Anerkennung als selbständiges Staatswesen verlarrgt, muß die jüdische Oessentlichkeit mit aller Energie die Forderung nach der möglichst schnellen und u n e i n g c sch r ä n k t c n D n v chsührnng der jüdischen Gleichberechtigung in Finnland erheben! Das merkwürdige Verhalten der finnischen Negierung in diesem Punkt erscheint doppelt unverständlich und merkwürdig angesichts der allgemeinen demokratischen Politik rmd Richtung des finnischen Staates. Die jüdische Oessentlichkeit erwartet mit Bestimmtheit, daß die maßgebenden Faktoren in Finnland das Unmögliche dieses Zustandes erkennen und sofort den Beschluß des Landtages durchführen. Die europäischen Staaten, um deren Anerkennung jetzt die finnische Regierung nachsucht, haben die Verpflichtung, sie auf diesen Punkt yinzuweisen und von ihr die Emanzipation der jüdischen Bevölkerung zu fordern. Europa kann keinen Staat als selbständig und souverän heute anerkennen, der in einer solchen Frage den Geist , der modernen Zivilisation verletzt. Ganz besonders hoffen'wir auch, daß die deutsche Regierung die Gelegenheit benutzt, und die finnische Abordnung auf die Notwendigkeit der Beseitigung der finnischen Ausnah'megesetzgebung gegen die Juden hinweist. Und Gott verhärtete Pharaos Herz. „Und Gott verhärtete Pharaos Herz". — Gebieterisch heischt dieser Satz Halt, daß der Mensch nicht an. ihm achtlos vorbeieile, vielmehr nachdenklich nachdenkend verweile. Führt er doch mitten hinein in die scheinbar schioerstc Frage unseres menschlichen Leins. Wie vereinen sich der freie Wille, der den Menschen erst zum Menschen werden läßt und Gottes Leitung des Menschengeschickes? Hält der Mensch sein Schicksal in der Hand, — und wenn nicht, wie hat er darin noch einen freien Willen, das Gute zu tun und das Schlechte zu unterlassen? Hatte Gott, als er Pharaos Herz verhärtete, seinen sieien Willen nicht ausgeschaltet? Die Frage ist nicht so schwer zu beantworten, ivie es scheint. Es gilt nur, den Begriff „Freier Wille" zu umgrenzen. Der freie Wille wird von der Gesinnung, nicht von der Handlung bestimmt, denn „Gut" und „Böse" sind Gesinnungs-, nicht Handlungswerte. Die Erwägungen, die zu einer Handlung führen, nicht die Handlung selbst, sind frei. „Das gute Herz" macht den Menschen zum Menschen und sollte deshalb sein höchstes Ziel sein, lehren unsere Weisen. Die Handlung als solche ist es, die ourch äußere Umstände eine Beeinflussung erfährt. Gott harte die äußeren Umstände so gefügt, daß Pharao gcnräß seinen Charakteranlagen nach Gottes Voraussicht handelte. Wie jede einzelne Handlung Pharaos jedoch zu beurteilen ist, will die Bibel nicht untersuchen, diese Erwägung aber wird von deri Gedankengängen bestiinnit, die Pharao leiteten. Auch der Weltkrieg der Gegenwart bietet hier ein greifbares Beispiel. Wenn man seinen Verlauf betrachtet, dann möchte man immer wieder und wieder das Bibelwort gebrauchen: „Und Gott verhärtete das Herz Pharaos." Die für die Fortdauer des Krieges Verantwortlichen — sonst kluge, überlegte, klare Köpfe — handeln, als seien sie gleich den Leuten von Sodsm und Amora mit Blinöheit geschlagen, als sei ihr Herz gleich dem Pharaos starr und hart geworden. Und doch fällt cs niemandem ein, an chrer freien Willensbcstimmung zu zweifeln. Und dennoch zeigt sich dieses Hartsein bereits vor unseren kurzsichtigen Augen im Dienste Gottes Weltenplancs. Gewaltige Umwälzungen, die schließlich einen erheblichen Fortschritt in 'der Menschheit bedeuten werden, sind die Folgen dieses Krieges. Ohne bcu Krieg oder mit seinem kurzen Verlaufe wären, um nur das jetzt schon allgemein Sichtbare hcrauszugreife», in Rußland der Zarismus und in deutschen Landen die Vorherrschaft einer Oberschicht zu Zugunsten des großen Volkes geblieben. Aber auch dieser Krieg hat wie einst die Vorgänge in Aegypten die innige Wechselwirkung zwischen dem freien Willen des Menschen ' und Gottes Lenkung der Geschicke erwiesen. Pharao hatte das Unrecht begangen, das Volk Israel zu entrechten, seiner Menschenwürde verlustig zu erklären und gleich dem Vieh zum erbarmungslosen Frohndienst zu knebeln,-und alles, was sich daun später ereignete — von Moses erstem Erscheinen vor Pharaos Thron bis zum gewaltsamen Tode dieses Mächtigen im Schilfmeere — war nur die notwendige Folge des Schlechten, das Pharaos freier Wille vollbracht hatte. Und nun zur Gegenwart! Materialismus war das Bewegende hu Menjchheitsgetriebe geworden, und Materialismus, nackter Materialismus war es,..der die grauenhafte Hydra des Krieges gebar. Aegyptens schwere Prüfung ist einst Zum .Heile geworden: auch die schwere Prüfung des Krieges der Gegenwart wird, dessen sind wir sicher, zum Heile ausschlagen! Ans der Wett der LhaMi». Bon Chain, Bloch, Delattzn (dzt.!*t l u. t Heere). (Fortsetzung.) Und noch folgedes ist zu beachten: Die Chassidim mit ihren weltfremden Idealen bekunden eine strenge, kaum zu überbietende sittliche Auffassung aller Dinge. Sie kenne,» keine Dausen und Halbtaufen, kein Hin- und Herschwanken. Das Problem über das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben, das die neuzeitliche Philosoph e ro intensiv beschäftigt, auch manch andere modern-jüdische Probleme sind bei ihnen gelöst worden, noch ehe sie entstanden. Als auf einer der ersten zionistischen Konferenzen in Lemberg die Frage, ob die Juden ein Volk bilden, znm Gegenstand eines Referates gemacht wurde, protestierte der chassidische Zionist Salom Melzer-Hakohn s. A. aus Rohatyn, indem er mit Priestereifer dazwischen rief: „Das ist eine Frage für die Datschen?) Wir Juden haben nie daran gezweifelt, ob wir ein Volk sind. Bei jeder Gelegenheit, insbesonderx, in allen Gebeten, haben wir uns stets als Volk erklärt." Ihr persönliches Betragen verdient — eine von den bedeutendsten Männern, die im Laufe des Krieges mit den Ostjuden in Berührung kamen, anerkamrte Tatsache — geradezu Sympathie. Man lese, was der bekannte skandinavische Schriftsteller Björn-Björnsou über diese „llugen, armen, wunderlichen Menschen, die in ihren priesterlichen Kaftanen die Philosophie zu sein wissen und das Leben mit Resignation und meistens mit bescheidener Wehmut nehmen" in seinem neusten Buch „Vom deutschen Wesen"-) (S. 198—200) ausführt. Wenn ein Chassid ermüdet, erschöpft seine Tagesarbeit beendet, begibt er sich nicht ins Vergnügungshans, um bei Getränken, Gesang und Spiel, Weiden, und müßigem Grscvwötz Zerstreuung zu suchen, sondern in das Bethanndrasch, ins Lehrhaus. Er findet in den religiösen Büchern seine beste Unterhaltung, und wo immer er nur eine freie Stunde erhaschen kann — am frühen Morgen, am Sabbat und Festtag —, da die Seele von dem Kampf um das Dasein befreit ist, versenkt er sich in das Studium des Talmuds. Ein Mann, der „im Schatten der Zadikim" Schutz sucht, kennt nicht die Sinneslust, in der die moderne Menschheit ertrinkt. Es fehlen ihm zwar die Vergnügungen, dafür bleiben ihm auch alle Leiden erspart, von denen die „Modernen" so zahlreich heimgesucht iverden In wahrhaft chassidischen Kreisen kennt man jene häßlichen Krankheiten nicht, die in Familien hineingebracht werden und Frau und Kinder vergiften; hier weiß man nichts von den Ehedramcn und Tragödien der modernen Salons. „Sie sind daher von der Gesellschaft verstoßen und man zwang sie in der Absonderung zu leben und eine Welt für sich zu bilden. Aber in dieser Absonderung schlossen sie sich fest einander, sie bildeten einen Bund, und sie wurden einig und stark."* * 3) Daher spiegelt sich im Chassidismus die geistige und moralische Stärke der jüdischen Lehre in ihrer ganzen Erhabenheit. Wenn man will, kann man die Chassidim — im Gegensatz zu vielen modernen Juden, die nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Judentum anfangen sollen und doch keinen Ausweg au-s diesem.Dilemma finden, daher feig und zaghaft ihre Abstammung verleugnen — als Helden bezeichnen.^. Sie sind wahrlich starke, selbstlose, von religiöser Kraft getragene Charaktere, deren Tun vielleicht nicht allgemein verständlich ist, jedenfalls aber in seiner Reinheit sympathisch berühren mrlß, da sie sich ohne jede pompöse Aufmachung und Parade des Getues mit Ahnenstolz und Duldergröße für Gott, seine Lehre und seine Gebote aufopfern. „Es ist hier Gewohnheit geworden", sagt Dr. Markus Spitze,?), „über die Ostjuden in wenig günstigen Urteilen sich zu ergehen. Gewiß haben sie wie alle Menschen ihre besondere Fehler, allein wir ahnen kaum, welche Fülle geistiger Energien und Streben nach Wissen die Ostjuden erfüllt.... In unserer Gemeindebibliothek sitzen sie dichtgedrängt nebeneinander bei ihren Büchern, der eine bei einem Talmudfolianten, der andere bei einem wissenschaftlichen Werk in hebräischer Sprache usw. Wr achten diese Leute gering, die kein korrektes Deutsch sprechen, allein es sind doch gelehrte Männer, aus vielen Wissensgebieten bewandert, und sie handhaben das Hebräische wie «ine Muttersprache." Im Chassidismus liegt das stärkste Gegengift gegen das Wesen der modernen Spaltung zwischen dem jüdischen Geist und dein Leben: er hat seine. Anhänger davor bewahrt, die Brücke der Geschichte hinter sich äbzubrechen. Es ist bewundernswert, wie sich bei den Chassidim bis *) Deutschen, d. h. modernen Juden. -) Osterheld u. Co., Berlin. 3! Vgl. das Vorwort des Dr. A. Landesberger zu seinem „Buch des Ghetto" (Georg Müller Verlag, München). *) In der Plenarsitzung der JsrMlitischen Killtusg»- meinde Wien vom 11. März 1917.