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Neue jüdische Presse · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und GXpedition: Frankfurt s. M. u Langestr. 7*- Fernsprecher Amt Hansa 2903.? (q Herausgevep: KalF Hers.j^ 16 Jstzvgsns. Freirag, de« 20. Tewes 0678 (4. Januar 1018» Rr. 1. Mendele mocher sesorim. > -- - - - . Iusrrtisasprrrs für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pig., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz, und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in «.Annoncen-Bureaus. Konw bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel-Nummern kosten 1$ Pfg. Erscheint wöchentlich am Freitag. Von Brn-Jrphum. Mendele mocher seforim ist; eine der eigenartigsten Gestalten unserer Literatur. Ganz von Individualität in seinem Schaffen erfüllt, istz Mendele stets von eigenen Ideen beherrscht gewesen und auf eigener Bahn geschritten. Während" die „Haskala" ihren Machtkreis ausbreitete und ihre Anhänger mit lautem Geräusch ihre Ideen durchzusehen suchten, während dann nach dem Zusainmenbruch der „Haskala"-- pläne die nationale Bewegung erst still, dann mächtiger und inächtiger einsetzte, blieb Mendels wenn auch nicht unberührt, der stille, der Kunst geweihte Dichter. Abseits vom politischen Leben, könnte man sagen, im Stillen, doch mit nicht er.ahmender Energie schuf und vollendete Mendele ein Werk nach dem anderen, in ununterbrochener Vervollkommnung. Mendele ist mitten ini Golus aufgewachsen. Er sah von Zugend auf das Leben und Treiben seiner Brüder in unmittelbarer Nähe und lebte vollkommen in ihrer Sphäre. Ihm waren ihre Sorgen und Leiden wohlbekannt, ihre Lage, die ein.r dauernden, niederdrückenden »Belastung von oben ausgesetzt war. Die Juden waren in allem ihrem Streben beengt' und nahmen eben erst den Kampf um die Befreiung aus dem Ghetto auf. Einen tief einschneidenden Einfluß hatte das Ghetto mit seinen Fehlern und Gebrechen.auf die russische Judenheit ausgeübt. Der äußere Druck schmolz die jüdische Masse zu einer Einheit, aber zu einer festen, erstarrenden-Einheit, deren freie Entwicklung für: Jahrzehnte und mehr gehemmt war. Die besten Geister des Judentums rangen damals unr einen Ausweg aus dieser erschreckenden Stagnation, und Mendele unter ihnen. Trotz seines weiten Blickes und seiner reichen Erfahrung gelangt^ Mendele wohl zu einer Golusverneinnng, doch nicht zu der Europäisierung der Judenheit. Er war zu sehr in seiner Epoche verwurzelt, um voll und ganz die Ursachen der jüdischen Leiden zu erkennen: der Mangel der heimatlichen Erde. Er blieb aber streng unparteiisch und war — ein glänzender Beweis fiir sein Künstlertum — in seinen Werken reiner Dichter. In den siebziger Jahren begann Schalom Jakob Abramowicz (unter dem Pseudonym Mendele der Bücherhändlers die Zustände in der russischen Judenheit zu schildern. Und erwies sich gleich als 'ein Realist von erstaunlicher Wahrheit und Kraft. Andere mögen angesichts der verzweifelten Lage der Judenheit ins'Gebiet des Naturalismus geflüchtet und bis zur Negierung des gesamten Judentums geraten" sein. Mendele aber verneint, was zu verneinen ist: das Ghetto und seine Gebrechen. Und er war in seinen Schilderungen so lebenswahr, so realistisch, daß plastische Bilder der jüdischen Welt jener Leiten entstanden, sm bleibendes Denkmal und ein Stück Kulturgeschichte. Die Erfahrung, die er sich schon als Knabe auf seinen Reisen erwirbt, gibt ihm die Mögi lichkeit dazu. Mit allen Seiten, bis in die kleinsten i Einzelheiten des jüdischen Lebens in Rußland ist Mendele innig vertraut. Wie das Gute, so liegt ihm das Schlechte, die Mißstände in der Judenheit offen. Aber als überlegener Künstler sieht und erkennt er die bewegendenn Motive im iLeben und Treiben des Juden. Und daß die inneren Kräfte der Judenheit, wiewohl vergraben ... und bestaubt, bestehen und sortdauern, wird ihm an jeder Stelle und zu jeder Zeit ins Ohr gerufen. Wenn er die jüdischen Gestalten schildert, wenn er ihre überlebten Anschauungen und Gebräuche, ihre morschen Einrichtungen vor aller Augen ausbreitet, dann übergießt er dies ganze Bild mit Sarkasmus und feinem Hohn. Ein Sarkasvius, der die wunden Stellen im Volkskörper ins rechte Licht rückt. Ein solches Werk ist die „Kljatsche" (die Stute): das dürre Pferd von Mendeles, des umherziehenden Bücherhändlers, Wagen wird zum Symbol des jüdischen Lebens in Rußland zu jener Zeit erhoben, mit all der Kraftlosigkeit und Armseligkeit in der Judenheit verglichen. Die epische Kraft Mendeles, die sich in seinen Werken wie „Fischte der Krunrmer" und „Winschfingerl" offenbart, ist einfach hervorragend. Und dies alles, weil der Künstler Mendele, fest im "Judentum verwurzelt — er wuchs in religiöser Umgebung auf — europäische Bildung und Fortgeschrittenheit innehatte. Seine Schriften, Muster ihrer Art, muten in der Epoche, da sie entstanden, ftemd, überragend an. Ein Vergleich mit den Werken der jener gleichlaufenden „Haskalah"-Epoche tut den klaffenden Unter- - schied zwischen der abwägenden, natürlichen Kunst Mendeles und der zumeist gekünstelten, leidenschaftlichen Schreibweise dieser Zeitgenossen dar. So gesehen, erscheinen die Mendele'schen in dem Lichte der hohen Originalität ihres Schöpfers. Leidenschaftlichkeit ist bei 'Mendele nicht ausgeprägt zu finden. Keine aufwühlende Tendenz, Ruhe und objektive Abgeklärtheit herrscht über seinen Werken. Seine Produktivität ist einem ruhigen Wasser zu vergleichen, düs zwar nicht wild schäumt, aber imnrer mehr in die Tiefe dringt. Sejde (Großvater) hat man ihn genannt; man wollte damit den welterfahrenen, weisen Dichter bezeichnen. Seine innere Ruhe ist zu bewundern, mehr noch seine Natürlichkeit, die er auch in seinen letzten Werken bewahrt. Mendele ist eine durch und durch dichterische Seele gewesen. Sie war eigenartig und aufnahmefähig wie selten. Schönheitsdurstig und empfindend für das Schöne, das dem Dichter überall leuchtet. Erst die Natur war für Mendele ein unerschöpflicher Quell. So entstanden seine Naturschilderungen, die prachtvollen Bilder, die mit das Beste unserer Literatur bildef und zu dem Besten gehören, was je darüber geschrieben worden. Der junge umherziehende Mendele, auf einem gebrechlichen, schaukelnden Wagen hingestreckt, blickt mit offenen Augen in die Natur. „Ribonoh schel olom's", und genießt diese.Pracht in vollen Zügen. Auch im kleinsten, an sich unbedeutendsten Dinge entdeckt er Schönheiten und labt sein Auge an den Geschöpfen Gottes. So entstehen Bilder, an denen man die Natur förmlich wiedererlebt. Mendele war ein starker Lyriker unserer Literatur: harmonisch durchdringen bei ihm evische und lyrische Kunst und bringen vollendete Kunstwerke hervor. Einzigartig ist hierbei der Humor Mendeles, der klassische Humor des Tragikomischen, das Vorbild Scholem-Alechem's.; ' 1 i ITH Natürlich und originell ist der Mendele'sche Stil. Natürlich, weil er die feinsten Nuancen lebendig wiedergibt; eigenartig, weil Mendele der erste war, der aus dem form- und leblosen Material, das er vorfand: dem Althebräischen, neue Formen, neues Leben schuf. «ns der Welt der Chafstsim. Bon ChatmBloch, Delatyn (bat. Heere). (Fortsetzung.) Güdemann schrieb einmal über unsere Thora: ,Mer kennt iie nicht, uno wer wagt zu sagen, daß er sie kennte Diese Frage paßt auch auf den Chassidismus. Jeder, der jüdische Geschichte kennt, glaubt, auch den Chassidismus zu kennen. Dies ist jedoch nicht so. Um die Gründe des Entstehens dieser Bewegung zn verstehen und den Chassidismus in seiner Originalität kennen zu lernen, muß man ein Stück jüdischer Geschichte zurückblättern. Wir müssen uns in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts zurückversetzen, eine Epoche, in der Glaube und Hoffnung *) aus dem Herzen des jüdischen Volkes zn verschwinden drohten. Damals wurden von Kosakenhorden unter Anführung des Hetmann Bogdan Chmielnicki wilde Judenpogrome veranstaltet, in deren Verlauf mehr als 700 jüdische Gemeinden zerstört und über 200 000 Juden getötet, verjagt oder verschleppt wurden. Die folgenden Hajdamakenaufstände bewirkten eine noch größere Verarmung der jüdischen Massen und der Brachlegung des Gemeindelebens, was naturgemäß eine schreckliche Rückwirkung auf das geistige Leben der Ostjuden bewirkte. Wenn Rabbi Mose Kohn, einer der polnischen Flüchtlinge jener Zeit» den Wehruf ausstieß: „Polen, du edles, du warst das Zentrum der Lehre und der Wissenschaft seit dem Tage, da Ephraim von Juda wich, du konntest dich der höchsten Gelehrsamkeit rühmen; — jetzt aber bist du verjagt und zerstreut, verwaist und verlassen" 2), st» hatte er sehr 3end die damaligen Verhältnisse der Ostjudenhcit genet. Diese Wunden waren noch offen, als die Cheremepoche mit ihren furchtbaren Stürmen anbrach, die das ganze europäische und orientalische Judentum aus den Fugen rissen und in seinen Grundfesten erschütterten. Diesmal waren es Feinde aus unserem eigenen Schoße, Schlangen, die sich an unserem eigenen Geiste sättigten und uns dann, unser Heiligstes besudelnd, den Rücken kehrten. Das Judentum ward in Stücke zerrissen und blutete aus tausend Wunden. Besonders erschütternd wirkte das Fiasko der Bewegung des Sabbatai Zewi (1626—1676). Das Herz des jüdischen Volkes war durch die enttäuschten Hoffnungen auf eine Erlösung, tief verletzt und schien jeder Lebettshofsnung beraubt. Auch der um diese Zeit entstandene häßliche Streit zwischen Rabbi Jonatan Eibenjchütz (1690 bis 1764), dem Grätz in seiner Geschichte sehr unrecht tut, und Rabbi Jakob Emden (starb 1776) hatte, da er die Rabbinen fast ganz Europas in zwei Lager spalt, eine tiefe Depression auf die Gesamtjudenheit zur Folge und vermehrte nur noch die Bittertropfen in dem tiefen Leidenskelch. Es ist die Epoche des tiefsten geistigen Mederganges oder — besser gesagt — der geistigen Verwirrung innerhalb des Ostjudentums. Die hervorragendsten Rabbiner Polens, die Leuchten des Zeitalters, waren nach dem Westen, aus-, gewandert und in den bedeutendsten Gemeinden Deutschlands und Hollands zn geistigen Führern und Rektoren der Talmudhochschulen gewählt worden. Das rabbinischje Judentum, wie es daraufhin in Polen geübt wurde, bot dem Herzen keine Erquickung, es gab der Seele und dem nach Liebe und Innigkeit schmachtenden Gemüte soviel als nichts. Die Vertreter desselben legten den höchsten Wert auf die gekünstelte scharfsinnige Auslegung des Talmuds, auf Ausklügelung nie entstehender Rechtsfälle und Fragen ritueller Natur. Und diese Pilpulisierung galt zugleich als höchste Religiosität, der alles übrige hintangesetzt wurde, selbst Andachtsbedürfnis, gemütliche Regungen, Einflußnahme auf die sittliche Haltung der Gemeinden. Für den einfachen Mann, für den Unwissenden gab es keine Möglichkeit» in seiner Art Gott zu dienen. Die Rabbinen und geistlichen Oberhäupter mit ihren streng aristokratischen Grundsätzen verloren jede Fühlung mit der nach einer angemessenen, verdaulichen Geistesnahrung durstenden Volksseele, — und anstatt einer Erstarkung tritt eine Erstarrung ein. x) Unter diesem Titel veröffentlichte der Fürstvrimas von Ungarn, Kardinal Dr. Joh an Csernoch»einen interessanten Aussatz in der Zeitschrift „Kelet Repe". Ich habe an seine Eminenz ein Schreiben gerichtet, worin ich die chassidische Anschauung über Glauben und Hoffnung ausführlich darstellte. Es kam mir daraufhin eine eigenhändige Antwort des bekanntlich judenfleundlichen Theologen in anerkennenden-Worten zu. Auch beehrte er mich mit seinem inhaltsreichen Hirtenbrief „Seelenkraft ist die wahre Kraft der Nationen" (Gran, 1916). *) Vgl. die ausgezeichnete Schrift: „Die Juden im Zartmn Polen" von Dr. Josef Weisel (Verlag Markus L Weber, Bonn).

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