Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 49 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist anzunehmen, daß ckNch in änderen Ländern ein Klagelied Wer die „Wl"patrioten angestimmt wird. Haft doch jedes Volk seine „All"- Menschen, die sich als die auserwählten, als die alleinigen echten Träger ihres Volkstums dünken und alle anderen Volksgenossen als unecht und daher minderwertig verdammen. , Und doch machten wir Juden Hierin glücklicherweise eine Ausnahme. „Kol Jisroel chawerim", „Kol Jisroel bne mlochim" (alle Israeliten - sind Königskinder) galt als jWischer Grundsatz dre ganze Diaspora hindurch wie auch zu früheren Zeiten. Die einzigen, die als Höherstehende galten, waren die „Talmide chochomim" (Gelehrte) und, zwar lediglich ihrer überragenden Geistigkeit wegen, ' nicht aber auf Grund bloßer FrönrmiMit. Gibt doch die Frömmigkeit eher ernen Grund zur Bescheidenheit (Anowo) ab, selbst, für-en Talunid chochom, dem jedoch ein wenig -stolz („schemini schebischimis") gestattet ist Alljuden gab es beim jüdischen Volke nicht, da es im Rahmen der sinaitischen Grundsätze einen solchen Stand nicht geben kann. Nun brach eine neue Zeit mit ihren Gebrechen an und brachte auch, uns unter anderem Alljuden. Alljuden, deren Zahl zwar verschwindend klein ist die sich allein auf Grund ihrer Frömmigkeit einreden, die. einzigen echten Juden zu sein, alte anderen aber, selbst die; frömmsten und geistigsten, jÄroch nicht zu ihnen haltenden, als unecht, unbedeutend und verdammenswert ansehen und demnach behandeln. '.Gleich den „Wl"patrioten sind sie nicht wählerisch in ihren Mitteln, mit denr einzigen Unterschied, daß das Gebaren der Mlpatrioten übertriebenem und falschverstandenem -Patriotismus entspringt, während die Alljuden aus. Haß zum Nationalismus handeln. . Rührig, gar allzu rührig sind unsere Wljuden! Es war um die Zeit der Okkupation Polens seitens der Zentralmächte, da machten sich unsere Wljuden auf und gingen nach- Polen, um dorthin ihre Ideen der Zerreißung, des Ausstoßens und Verdammens zu verpflanzen. Zu Ansbach in Bayern amtierte ein weit und breit bekannter, gottbegnadeter — Diplomat, der hieß Rabbiner Pinchas Kohn. Der hatte weit- Wveifende Diplomatenpläne, .das .Keine Bayernläüd war ihm zu eng geworden, sie in die Praxis umzusetzen. .Da kam ihm die Kunde von per Besetzung Polens zu Ohren; und er machte sich aufden Weg dorthin, um — die polnische Nation vor der Gewaltherrschaft seiner. Brüder, der Juden, ( zu schützen. . . Nach manchen Strapazen gewann er glücklich sein Ziel. Hier begann sofort sein Diplo- ' mätenspiel. Adressen. ’ auf: Adressen, Eingaben . aus (Eingaben ließ unser Diplomatenrabbiner in die Handdmprovisorischen .polnischen Regierungsbehörde gelangen, hielt geheime Beratungen, ge- 'wWcke 'Untemä>ungen, gab Erklärungen, rief als Sprachrohr (eine Tageszeitung ins Leben, tat kurzum all ' das, was ein moderner englischer .Diplo- (mrat, wenn es sich um Hetzen und Ausspielen (dlM( 'einen gegen die anderen handelt, tut. Als ( ihm aber auch der Polnische- Boden für seine - überims-h^hL(P.o1itjk zu' klein schien, und .her Krieg seine ersten Friedensboten in die Lande schickte, da stand der Diplomatenrabbiner auf und ging nach Skandinavien. Dort glücklich angelangt, zog er an der großen Glocke der Oeffentlichkeit und also sprach unser Diplomat: Bevor er den Fuß auf den polnischen Boden gesetzt hatte, war die jüdische Masse Polens politisch unreif. Dank seinerhohen diplomatischen Geschicklichkeit darf sie ihre Politisierung feiern. Man höre und staune! — Ca. 75 Prozent hat er im.Handumdrehen zu politisieren vermocht. Diese finden die Gunst des Rabbi Pinchas, die anderen 25 aber, die seine Gefolgschaft nicht mitmachten, haben stin höchstes Mißfallen erregt. So sehr, daß er sie in Grund und Boden verdammte. Die litauischen Juden gellen ihm als „zersetzendes Element". Weswegen'? Einfach deshalb, weil sie die Narretei begehen, an ihrem bewußten Judentum festzuhalten und nicht bereitwillig die ihnen als einer starken Minderheit zukommenden nationalen Rechte an dre Polen veräußern. Ebenso verdammt xr die anderen polnischev Nationaljuden als politisch unreif, und tut ihre Presse mit dem Prädikat Revolverton ab. Alle beide mit ihrem Beharren auf ihrer nationalen Eigenart und ihren nationalen Forderungen geben einen berechtigten Grund für den polnischen Antisemitismus ab: „Auch dem ernstesten Willen polnischer Führer war und es ist schwer, gegenüber diesen nationalen Stimmen Ruhe zu bewahren." Die Polen sind ihm die reinen Engel, die Nationaljüden Bösewichte. .Soweit unser Rabbi aus dem Bayernlande. Man sieht: unser Rabbiner chält es für eine besonders ausgereiste Politik seinerseits, die Veräußerung der Rechte seiner BrWer für ein Linsengericht zu betreiben, und rechnet es sich als ein großes Verdienst an, lediglich für dieses.hohe Ziel — nicht aber feinem Namen Pinchas.gemäß — für Gott zu eifern, auch nicht etwa der Thora halber — sind doch nationale Rechte, eigene Schule mit Förderung der Thora identisch — lediglich für dieses hohe Ziel, sagen wir, von Bayern nach Polen gewandert zu fein. Nun, wir wollen nicht untersuchen, ob das Verkaufen des eigenen Bruders Joseph an die Fsmaeliteu von einer besonderen politischen Reife zeugt. Doch eine schäme und fromme Tat ist das Verkaufen eines Bruders für alle Welt, für Juden wie für Nichtjuden, weder heute noch einst gewesen. Nur ein Atljnde, wie es unser diplomatischer Rabbiner ist, fairn sich dies als Großtat, als besonderen Sechus (Verdienst) anrechnen. Wahrlich, wir beneiden ihn nicht um diesen seinen Sechns! Doch der Spruch Josephs: „Wem chachawtern . ufw." sei unseren Alljuden ins Merkbuch geschrieben. Gewiß können die Machenschaften unserer Alljuden in Polen uns großen Schaden nach innen und außen anrichten. Allein, wenn sie auch in Gemeinschaft mit der extremen Assimilation von links den Gang unserer Geschichte etwas verlangsamen, so sind sie. doch nicht in der Lage, unsere Hoffnungen zu untergraben. Nach dem einstigen Bruderverrat und der darauf folgenden egyptischen Sllaverei kam schließlich dennoch die Befreiung — und wie einst so heute. i Meudele mocher seforim. I 1835—1917. Blitzartig wird in der - Mischen Gesamtheit die Nachricht cinschlagen: Men de.lk in.och er seso rim, der Teste der. hebräischen Literatur, .ist. nicht-, in eh r und mit Blitzesschnelle wird sich die Trauer über den Tod eines wahrhaft Großen unseres Volkes verbreiten Wenn auch die Nachrichten in der letzten Zeit über den Gesundheitszustand des Dichters wenig tröstlich waren, so wirk der Schlag dennoch überraschend, erschütternd. Am 8. Dezember ist Sch. I. Abramowicz, umgeben von einer treuen Leibwache seiner Freunde, darunter Eh. N. Bialik, in Odessa gestorben. Der Schöpfer und Vorkämpfer der neuen jüdische» Literatur hat seine glänzende Laufbahn, reich an Großtat und Ruhm, vollendet. Mächtig über Jahrzehnte hinaus wirkend ist-das Werk Mendeles: Die Erneuerung der jüdischen Lüeratuc. Die neue Generation ist unter der Einwirkung der Mendelschen Wege auserzogen worden und blickte aus Mendele als auf den Begründer und klassischen Meister sowohl der jüdischen als auch hebräischen Literatur: Für die Liebe des Volkes zum Dichter zeugt der Beiname, der ihm gegeben wurde, der bis in die letzten Hütten geläufig und vertraut klang: Sejde (Großvater)., Mir einer Vertrautheit und Zärtlichkeit wurde der Name genannt und zugleich mit der heiligen Scheu eines Kindes, das an die umfassende Güte eines Beschützers und Trösters denkt: Kein jüdischer Dichter des letzten Jahrhunderts hat eine solche Popularität erreicht, eine solche Wirhrng auf Geist und Leben der Judenheft ausgeübt. And welcher-Jude in Rußland kenne nicht die Meisterwerke Mendeles, die „Kljatsche", Die Maseos binjamin hasch-- lischi. Fischte der Prummer, die sozusagen ins Fleisch und Blut der Judenheit' übergegangen sind! Eine ausführliche Würdigung des Dichters bringe« wir in nächster Nummer: l ’r’f Die „Hajrrt" über de» Brief BElfo»rS. Charakteristisch für die Haltung der jüdischen Zeitungen in Polen ist ein Artftbl von A. Goldberg ior ,Hajnt", der die Ueberschrist trägt .Mine Legende", uud von dem hier die wichtigsten Stellen wiedergegeben seien. , Der Artikel erklärt: .Diejenigen sind gewiß naiv, bie glauben, daß durch Balfours offizielle und kategorische Versprechung im Namen Englands und der Entente-, die jüdischen Hoffnungen auf Palästina zu unterstützen, um» zur verwirklichen, die -neutrale Haltung erschüttert oder auch nur ins Wanken gebracht werden wirb, die das jüdische Volk als Ganzes von Anbeginn des Krieges an eingenommen hat, und noch naiver sind diejenigen, welche glauben, daß durch das englische Dokument die alte traditionelle Sympathie zur Türkei «in Ende finden wird, deren wahre Wurzel man nicht nur in Dankbarkeits ge fühlen der Vergangenheit allein suchen darf. ' Balfours Erklärung ist zweifellos rin bedeutsames Dokument. Die Palästinaftage ist durch ihn aktuell , geworden und hat eine andere Wendung bekommen. Die Hoffunngen hunderter- Generationen beginnen eine reale Form anzunehmen, und das, wonach wir immer gestrebt haben, die Palästinaftage im Zusammenhang mit der jüdischen Zukunft in die Arena der Weltpolitik zu bringen, ist. nunmehr ein Faktum geworden. ' Wer von der anderen. Seite wissen wir ganz gut. daß nicht von der Entente allein die Erfüllung der jüdischen Hoffnungen abhängt. Wir wissen sehr wohl, daß legaler Herr ganz Palästinas, trotz der englischen Okkupation eines Teiles des Landes, die Türkei bleibt, denn okkupiert bedeutet nur die Besetzung während des Krieges *und nicht eine wirkliche Inbesitznahme. Am Friedenstifch. zugleich mit den anderen großen Problemen, wird auch diese Frage gelöst werden und dort bei den Friedensvertzandlungen wird die Koalition mir eine Seite bilden. Mehr noch: Unseren Interessen und den Interessen der fteien jüdischen Entwicklung der Zukunft entspricht es, daß das jüdische Palästina nicht ganz unter dem' Einfluß einer Großmacht stehen soll. Wir wollen und dürfen nicht das Objekt von Experimenten sein und uns in den Interessensphären einer Gruppe befinden. . . . Was Lie Türkei anbclangt, so ist es doch Außer allem vorauszüsehew, daß, welch eine staatliche Form auch in der Zukunft JxiS jüdische Heim Palästina annehmen soll, wir uns doch stets mit der Türkei in enger Verbindung und steter Berührung befinden werden. Die Zustimmung der Türkei ist als» für» uns mehr als alles andere nötig und ans eine solche Zustimmung seitens der Türkei und ihrer Verbündeten zur : Realisierung der jüdischen Hoffnungen in Palästina hosfeit wir in der nächjftn Zubmst. f :■ ■V* * / - n