Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 48 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion und Expedition: Frankfurt a.lß. :: Lsngestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. v : -ac-t-’ AewitsgeV«: Kakp ^sis. 15. Jahrga«s. Freitag, de« 6. Tewes 5678 (21. Dezember 1917) * * Nr 48. v * Erscheint wöchentlich am Freitag. ScMgspreis pro Uierteljahrr In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 135, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn M k.2.— /.für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. ff .y Insert ionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg-, für - die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender - * ■’ Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. , Annoncm»AnnahmebeiderExPed.undina.Ännoncen-Bureaus. i’:i- Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. ' > l , Jt '■ Eine Parallele. Prinz Max, der zukünftige Großherzog von Baden, sprach dieser Tage in einer Rede als Präsident der Ersten Kammer folgende Worte: „Wir »vollen n i ch t u n k r i t i s ch g e g e'n u n 3 selbst sein. Wir wissen eS wohl: es ab auch eine deutsche Unfreiheit, aber sie lag nicht in den Institutionen des Deutschen Reichs, sie lag vielmehr irr einer gewissen geistigen Haltung breiter Schichten der deutschen Volkes.. Die Feinde sprechen von Autoritäten, hie einem widerstrebenden Volke ihren Willen aufzwängen und maßen sich die geradezu groteske- Rolle an, das deutsche Volk von diesen Tyrannen befreien zu wollen. Wir können darüber mir lachen. Der Fehler lag vielmehr an der großen Bereitwilligkeit vieler Deutscher, den Autoritäten indolent gegenüberzustchen ohne Sehnsucht nach eigener Berank w o x t u n g für die Sache >des Vaterlandes. Wir begegneten nur zu oft in den Jahren v or dein Kriege jenem selbstzufriedenen I ndividnalismus, der sich auf Kosten des Staates pflegte, der Kritik übte ohne den W i t l e w z u r Hilfe. Viele der Besten hielten sich vom politischer; Leben fern, weil ihnen die.Mittel des Kampfes nicht gefielen. Das billige Verschenken der Volksgunst ist wahrlich nicht nachahmenswert, das die'Blendenden -und Gewandten emporträgt auf Kosten der Tüchtigen' und Echten." Diese Worte passen wie angegossen auch auf die /jüdischen Zustände in unserem Deutschland. Die jüdische Masse hat kein Gefühl für eigene Ver- .antwortnng und überläßt wenigen, die sie als Autoritäten betrachtet, die Führung ihrer Interessen. Diese wenigen sind häufig aber nicht die süchtigen und. Echten, vielmehr die Blendenden und Gewandten. > Man kritisiert höchstens, hat aber nicht den Willen, selbst Hand anzulegen. Esist das wahrlich ein. selbstzufriedener Individualismus, der die Verantwortung jedes einzelnen der Gesamtheit gegenüber nicht empfindet. Würden wir unter den Autoritäten der deutschen Judenheit, unter ihren Vorstehern, Männer von Persönlichkeitswert haben, die die Sprache des furchtbarsten aller Kriege vecstehen^so würden von oben herunter Bestrebungen erstehen, die das Jnteresse der' Masse' in den Angelegenheiten der Judenheit zu wecken und zu vertiefen suchen durch planmäßige, energische Verbreitung der Kennt/ nis vom-Judentum'und von der Judenheit sowie durch Erweiterung der Rechte dieser Masse, d. h. dükch wahrhaft -demokratische Wahlsysteme in Gemeinden und sonstigen jüdischen Organisationen. Doch die Masse selber muß auch nach Erweiterung ihrer Teilnahme an den Gesamt-Jn- -teressen drängen. ,, v So ist ein Weg vorgezeichnet, der aus der blutigen Saat des Krieges segenspendende Frucht reifen läßt, segenspendend für' die.Zukunft der deutschen Judenheit!/ A«s-er Wett der Chasfidim. " Bon Chatm Bloch, Deläthn (bjt. im f. u.!. Heere). ‘ (Fortsetzung.) Es mußte erst dieser schreckliche Orkan kommen, der 'die ganze Erdkugel Lurchbraust, wie ihn die Weltgeschichte nicht gesehen hcsi und zuversichtlich nicht wieder sehen wird, 'um Unsere Intellektuellen aufzürutteln und ihre Aufmerksamkeit-. auf diese national-religiöse Bewegung zu lenken. Mit Recht sagt der.alte Hans. Thoma: „Diese Zeit ist vielleicht einer der starken Schaffenstage unseres Herrgottes. . Krnimmt - seine Menschenherde- und knetet sie, »r haut Späne davon, er will vielleicht aus der Herde ein Volk nach seinem Willen gestalten, dem ^er die Form geben.will, wie sie ihm gnt scheint, so, daß er ihr seine Seele einhauchen kann." i) Das Prophetcnwort: „Erhebe jetzt ringsum deine «lugen, und siehe: sie alle versammeln sich, kommen heim zu dir. So wahr ich lebe, spricht Gott, mit ihnen allen Wirst du wie mit einem Geschmeide dich bekleiden und schnlücke» wie eine Braut", ist in Erfüllung gegangen. Alle kommen sie — die begeisterten Bußctuer, die Nmkehrenden, die Aufsteiger, die nach Heiligung Strebenden — und tragen mit staunenswertem Eifer die herrlichsten Mosaikstücke zusammen. Das /Geräusch der Zeit Packte sie, der Krieg führte sie inmitten ihres alten Volkes, tiefe innerliche Erlebnisse reimgten sie von den fremden Ein- - flüssen, sie verließen die/ alten Götter, die sie bisher anbeteten und sie sahen ein, daß sie nur in der Religiosität, das ' sinden können, was Wissenschaft und-Kunst ihnen schuldig geblieben sind. Gerade in unfern Tagen klingt es wie ein Prophetcnwort, was wir von unsetem alten Dr. Natan Birnbaum zu hören bekamen: „Ihr rühmt Euch täglich, daß Euch Gott auserwählte und Euch die Lehre gegeben hat. Befahl er Euch beim nicht, ihm auch ein Volk von Heiligen zu sein? Warum rühmt Ihr Euch mit der Auswählung, heiligt Euch aber nicht nach Gottes Geboten^) Man findet heute kaum eine jüdische Zeitschrift,oder Jahrbuch, in der keine Abhandlungen über Frömmigkeit und Chassidismus vorhanden sind. „Gayz Europa muß von den Ostjuden lernen", sagt M a x Brod, in seiner hübschen Vorbemerkung zum - „Treibuch"?) Und in seinem „Tycho de Brahas Weg zu Gott"*) läßt er diesen sprechen: „O, Preis der großen ewigen Klugheit, Preis meinem Trieb, die Dinge zu ordnen und alles nur bewußt nt machen, Preis meinen Jrrtümern und den richtigen Weg zu guter letzt. Denn nun ist meine Klugheit an ihrer richtigen Stelle, dort, wo Gott seine treulichen Mitkämpfer braucht"; damit offenbar sein eigenes Geständnis über alles Ostjüdische aussprechend. Kein Wunder, wenn sich nun der dichte Nebel von Jrrtümern und Mißverständnissen, der den Chassidismus verdunkelt hat, immer mehr zerstreut. Schon in den verschiedenartigen herrlichen chassidischen Erzählungen, die bisher von der neueren Dichtung verarbeitet — die vorzüglichsten sinden sich in den von I. L. Peretz (Matias Acher) teils von Alexander Eliasberg verdeutschen Sammlungen, beim Jüdischen Verlag Berlin und R. Löwit, Wien erhältlich, oder in einfachen Gewändern dem deutscheti Lesepublikum übergebey wurden, vermag man die hohen -Gedanken und demokratischen. Prinzipien, die dem Chassidismus zu Grunde liegen, erkennen. Im folgenden will ich eine Auswahl bisher unverdeutschter chassidischcr Sagen und Erzählungen — „Es gibt erfundene Geschichten, die wahrer sind als jene, die wirllich und wahrhaft passierten", sagt Grillparzer ~-— verösfeiUlichen, aus denen man Denken und Fühlen, Tun und Treiben, der -meisten von der.- Gefühlsweltder Propheten beeinflußten chassidischen Führer ersehen kann. Ne- : denbei lasse ich eine Auslese aus bgn zerstreuten chassidischen Lehr- und Moralbüchern, der sogenannten „r e b b i - scheu Thora" folgen» die uns einen vollständigen Einblick in die für die religiösen Juden im Osten kulturell bedeutsame chassidische Wissenschaft bietet und durch die Eigenart der scharfsinnigen und gewandten Interpretation tief in unser Denken einschneidet. Es ist ein Kulturschaden, daß diese Literatur in der Uebersetznng das reizende Wortspiel nicht wiedergeben kann, so, daß man von dieser Quelle, der Weisheit, für eine andere Sprache „nicht mehr abzunehmbn vermag, als eine Fliege, die in. den großen Ozean taucht". Schopenhauer sagt: „Jeder Philosoph ist ein Schwarzkünstler, er setzt' dem einen Gedanken daher, den anderir dorthin, nur keinen auf den richtigen Platz." Wer sich aber die Mühe nicht verdrießen lassen wird, den tiefgründigen.. originellen Darlegungen der chasiidischen Hellseher zu folgen, der wird mit geradezu verblüffender Klarheit er» kennen, was'es eigentlich heißt, chaffidisch denken, und welche hohe'Gedanken dieses als Hirngespinst bezeichnet« Schrifttum in sich enthält. . . ' Aus allen diesen gedankendurchsetzten, von Gottessehnsucht und bis zur Selbstverleugung gehende Menschenliebe x) „Die zwischen Zeit und Ewigkeit unsicher flatternde Seele" von Hans Thoma (Eugen Diedrich Verlag, Jena), v. 2) „Schriften der Aufsteiger" von Dr. Natan Birnbaum. Heft 1. (Hebräisch und Jüdisch) Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. 3) „Dreibuch jüdischer Geschichten", Jüdischer Verlag, Berlin-Vf;. 16. - - , *) .Kurt Wolfs, Verlag, Leipzig. bewegten Geschichten und - Satzbeutungen, in denen sich Werden und Wollen, Streben und Hoffen so deullich und so. mächtig verkörpert, sprüht der alte ethisch-ästhetische,, sittlich-religiöse Geist, dem der Chassidismus entsprungen ist, — und so wird es auch denen, 'die dem Ofljuden durch, den gleichen Glauben nahe und doch unendlich fern stehen, möglich, die Chassibim in all ihrem Trotz und Demut, < Fröhlichkeit und Resignation kennen zn lernen/ ihnen-nach- - zufiihlen tmd in die Psychologie der großen chassidischn Oberhäupter, dieser Priester im Tempel wahrer Gottes- . liebe und-von so . rührender Zartheit getragenen Gottesfurcht, hineinznschauen, . (Fortsetzung folgt.) --K- Rabbiner Dr. Pinkas Kohn über die Mische Frage i« Polen.; i . Rabbiner Dr. Pinkas Kohn aus Ansbach, .z. Zt- .in Warschau, machtekürzlich einen politischen Ausflug nach Skandinavien. Für die Zwecke der Aufklärung der großen/ Qeffentlichkeit über die-jüdisch Frage in Polen verfaßte; er eilte Arbeit, die uns das Jüdische Preßburean in Stock- - Holm zusendet. Das/Schriftstück lautet: . ' Zur Kenntnis der polnischen Judenfrage gehört, folgende Voraussetzung: - ' I. Die Parteien innerhalb der polnischen: Judenheit. a) Assimilatoren, ausgesprochen polnisch orientiert, religiös.indifferent, politisch meist den sogenannten Progreß-' Parteien angehörig, selbst dem revolutionären Rußlarü» gegenüber nichtruffophyl, Träger derpolnischen Traditionen aus der polnischen Revolutionszeit von 1863 (ca. 5»/» der Bevölkerung). , d) Die konservative Masse, bisher unpolitisch,. nun durch mich politisiert und zwar im propolnischen Sinne. Ihr erstes Motiv ist immer die religiöse Fraget Sie ist. der deutschen Verwaltung gegenüber der am besten oder, leichtester« zn behandelnde Teil (ca. 75o/o). - c) Die Nationalisten, auch Volkisten oder Jiddischisten genannt, erstreben nationale Anerkennung und Obstruktion, scharfer Gegensatz zn den Polen. Jntransigenz und Sonderstellung gegenüber Vieleck Maßnahmen derdeutschen Verwaltung, verfügen über eine.verbreitete Presse im Revolverton. (Prozentsatz nicht zu, bestimmen.) ck) Die Zionisten mit den Misrachisten (orthodoxe Zionisten), neben Palästinaprogramm auch nationale Wünsche, z. B. Hebräisch als Unterrichtssprache. Schwer zn behandelnder Teil, noch ohne politisch reise Führer (ca. 10 o/o). v . ' e)- Die sozialdemokratischen Parteien: aa) der Bund, ohne religiöses Programm, bb) Poale-Zion, zionistisch gerichtete Arbeiterpartei mik nationalen Forderungen.- ' , Außer diesen Parteien gibt es noch den sehr scharfen Gegensatz zwischen polnischen und./lithauischen Juden, letztere werden von den Polen, als- Russifikatoren betrachtet und als ruffische Provokatoren. Sie/sind mich Vertreter der nationalen Forderungen und Wgenstand' des Hoff es' -seitens vieler-polnischer Juden. Dev Orthodoxe sieht-in. ihnen den skeptischen Freigeist, der Asfimilator den Feind der Polen. Sie^selbst hegen eine große Verachtung gegen, den nach ihrer Meinung mircherwerjjgen polnischen Juden. Der Lithauer ist tatsächlich ganz Kopf und ein zersetzendes Element. /' - Ö. Die früher freundlichere Stimmung -der Polengegen die Juden verkehrte sich mit der von russischer'Seite be- - -wußt inszenierten, starken lithauischen Einwanderung inS.. Gegenteil. Sie erblickten in jedem ruffischen Wort eines' Litauers eine Provokation. Als dann bei den Düma- : wählen 1905. anstatt des polnischen Kandidaten der sozialistische Jagiell» mit Hilfe der jüdischen Stimmen in ^die Duma entsandt wurde, trat Boykott und Antisemitismus in der schlimmsten Form auf. Die Geistlichkeit stellte-sich an die Spitze der antijüdischen Kooperative (etwa Konsumgenossenschaft). Stärkere Beschäftigung mit dem Handel schuf polnische Mittelstandsbewegung mit stark antisemitischem Einschlag. , Ul. Weil , anfangs die Juden dke einziehenden. Heere als Befreier vom zaristischen Joche betrachteten, wurden sie von den Polen den Russen als Spione denunziert, und es. gab eine Reihe grausamster Exekutionen und Evakuationen. Hierin liegt eine Hauptquelle der jetzigen Wirtschafllichen Depression, well das Eigentum der Evakuiert«« als.Frecheute galt und heckte noch etwa 60 000 Evakuierte in Warschau,; sind/ die des Heimes und Herdes entraten!. Die Rückkehrenden finden leere vier Mauern oder gar. - «ne Trümmerstätte.- Diese Situation fanden d« Deutschen-bei ihrem Einzug vor. Es gab anfangs eine Zeit, in b&t man glaubte/ die Juden süd deutsche Interessen rellamieren zn sollem Eine'Fortsetzung dieser PolÄk wäo, unheilvoll fi»D«ltsch- - < * % '--M .-E- :j§ -C* •> jiS- , V'V '; .«iiW -M H 'S * Ti