Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 47 (14.12.1917)
- Date
- 1917-12-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vor allen Dingen sei es das erste Erfordernis, daß die Agudoh wirklich alle thoratreuen Einzelpersonen, Bereinigungen und Vereine umfasse. Nur'so könne sie gegenüber jüdischer wie nichtjüdischer Öffentlichkeit die berufene Vertreterin der thoratreüen Judenheit in ihrer Gesamtheit wie auch. in ihren Teilen darstellen. Eine geringe einheitliche Beitragsleistung gleich dem zionistischen" Schekel und ein Anheimst,eilen oer jüdischpolitischen Anschauung dem Belieben jeoes einzelnen führen zu dieser allumfassenden Organisation: ob Freund oder Gegner des Austrittsprinzips, ob Lionist oder Antizionist müsse als Privatsache des einzelrwn angesehen werden. Ge-, schehe das: nicht, dann bleibe die Agndoh nur Stückwerk. Also die Ausführungen Dr. Fraenkels, — und es scheint, daß über die Richtigkeit dieses Rahmens keine Zweifel bestehen sollten. Zahlreiche gemeinsame Aufgaben sind für die gesamte thoratreue Judenheit unabhängig von ihren Schattierungen vorhanden, so die Errichtung von Schulen, Kolonisierung Palästinas, Interessenvertretung nach außen usw. usw. Auch hat es wirklich keinen Sinn, wegen der verschiedenartigen Anschauungen innerhalb der thoratreuen Judenheit, mit denen doch , nun einmal gerechnet werden muß, eine Fülle wichtigster Aufgaben ungeschehen zu lassen. Vernünftiger Weise sollte es nur den ge--» zeichneten einen Weg-geben, alle thoratreuen Juden in dem, was sie eint, zu gemeinsamem Tun in einer Weltorganisation zusämmenzufassen. Eine „Unsumme von Kraft-, Zeit- und Geldvergeudung, von kleinlichen Nörgeleien und Eifersüchteleien,' die auch unser thoratreues jüdisches Leben vielfach vergiften und mit einer „machlaukes lescheim schomaftm" blutwenig zu tun haben", würde, wie Dr. Fraenkel richtig sagt, aufhören, und die Agudoh würde zum reichsten Segen der thoratreuen Juüenheit nach innen und außen eine ungeheure Kräftigung erleben. . Leider, gibt es aber unter uns Thoratreüen führende Kreise, denen ihr jüvischpolitischer Standpunkt auch dort die erste Voraussetzung ist, wo er überflüssig ist und schädlich wirkt. Aus Rücksicht auf diese Kreise und da in der Leitung der Agudoh auch ihre Vertreter sitzen, ist die Agudoh vier Jahre lang über das Gründungsstaüium nicht hinaüsgekommen. Diese Herren hätten wohl gern alles/ was: sich thoratreu nennt, tit beitragzahlender Mitgliedschaft um sich versammelt; sie waren jedoch von vornherein mit aller Bedachtheit bestrebt, sich im Dienste ihres Austrittsprinzips und ihrer Zionismusfeindlichkeitdurchzusetzen. Bier Jahre vor dem Kriege hat man deshalb an der. Gründung mit politischen Schachzügen hrruchgedoktert und ist zu. keinem klaren, einfachen Programm gekommen, — und die Antwort, die Dr. 'Fraenkel anschließend an seine Ausführungen von' einem Vorstandsmitgliede erhalten, sowie die unglaublich 'pöbelhafte, durch nichts als durch die .Absicht,- zu beleidigen, verständliche Anzapfung, Me ein, Rabbiner; nur weil er die Gemeindeorkhodoxie vertritt, in dem Organ des'Führers der Aus» trittsorthodoxie soeben empfangen hat, läßt uns | annehmen, daß auch die dreieinhalb Jahre des Küstzes Mt ihren''gewaltigen, umwälzenden Gedie die. energischste und schnellste Zusammenfassung aller Kräfte der thoratreüen Judenheit zur gebieterischen Pflicht machen, nichts geändert haben. Deshalb: entweder werden die Kräfte, die einer von "innerer Parteipolitik freien Agudas Jisroel-Organisation widerstreben, endlich bei Seite geschoben, — oder die thoratreue Judenheit hat wieder einmal einen der wichtigsten Zeitmomente versäumt, und unberechenbarer, nicht wieder, gut zu machender Schaden für die Interessen der thoratreüen Judenheit ist die Folge. Ans -er Welt der Chafstaim *) Von Chaim Bloch, Delätyn (dzi. int k. u. k. Heere). Die geplagt werben und . nicht plagen, Ihre Schmach hören und nicht erwidmm. Aus Liebe handeln und an Schmerzen sich freuen, Diese sind es, die ihn lieben! Hermann Cohn („Die Nächstenliebe im Talmud"). ES ist gesagt wordeti, daß unsere Zeit unter der Einwirkung des Weltkrieges eine Wiedergeburt und Neuwertung aller' historischen Bewegungen und geistigen Strömungen erleben würde und Dinge, die man längst als überlebt abgetan hatte, wieder austauchen und mit heroischer Wucht an die Menschen herantreten werden: Eine solche geistige Bewegung, die jetzt in den Brennpunkt aktueller Betrachtungen gerückt ist, ist unstreitbar der Chassidismus, der in der zweiten HAfte des achtzehnten Jahrhunderts mit gewaltiger Kraft das ganze Judentum im stavischen Osten erfaßt hatte, in dessen Schoße er sich noch heute unter verschiedenen Gegensätzen und Kämpfen bewegt. Die allgemeinen 'Geschichtschreiber sind an dieser großen Bewegung, der unstreitig wichtigsten Erschpinnntz und dem einflußreichsten Faktor der ostjüdischen Geistesgeschichte, fast achtlos vorüberaegangen. Gr ätz, der den Chassidüern — wie die Chassidim damals benannt wurden — in seinem Geschichtswerke einige Blätter widmet, zieht mit Vorliebe die Aeußeruugeu Salomon Maimons (1753—1800) in seiner Lebensgeschichte**) heran, welcher selbst eine Zeit lang zu den Anhängern des Mezriczer Magid gehörte. Grätz Boreingenommetrheit gegen den Chassidismus ist. ans jedem Worte zu hören, und wenn irgendwo, gilt hier das Wort: „cucullus non facit monachum", wer den Rock kennt, kennt noch nicht die Seele. Bor ungefähr 15 Jahren hatte sich ein begeisterter chässidischer Philosoph. Ahron Marcus,***) die Mühe genommen, überden Chassidismus uud seine Literatur eine eingehende Studie zu verfassen, worin er den ganzen Werde- *) Unter diesem Titel erscheint demnächst eine zweihändige Sammlung bisher nnverdeutschter chässidischer Sagen und Sprüche. Wir veröffentlichen hier das uns vom Verfasser zur Verfügung gestellte Geleitwort, das einen genauen Ueberblick der heute wieder im- Vordergrund des Interesses gerückten chassidWen Strömung darstellt. Die Redaktion. **) Salomon Maimon, Lebensgeschichte. Mit einer Einleitung und mit Anmerkungen neu herausgegeben von Dr. I. Frvmer (Verlag Georg Müller, München). ***) Der bestbekannte jüdische Gelehrte, Verfasser einer Unzahl wertvoller Werke (Verlagsbuchhandlung S. Marcus, Hamburg 36). Außerordentlich interessant.ist seine Arbeit »Lartmanus induktive Philosophie im Chassidismus (Lemberg und. Krakau 1889—1890). worin er — glänzend dargestellt — den Nachweis führt, daß die Kabbalah, Sohar und Rabbi Chaim ben Atar in seinem. Fünfbuchkommentar .^sticht des Lebens" der Hartmauuschxn Auffassung des Unbewußten und seiner dramatischen Spaltung in Einzelindividualbewußtseine weit voraus sind. Er weist auch nach, wie der angebliche Entdecker des modernen Esttwicklnngsgedankens Leibniz aus kabbalahistischen Quellen geschöpft hat, wie die Entwicklung der Welt zur BervollkomMenheit hin durch katastrophalen Rückfälle (Schwuras häkelim). durch Zerstörung wertloser Welten von Rabbi Abuhä im Talmud, von den Medruschim. von Rabbi Josef Caro in seinen Magid Meschorim und schließlich klipp und klar von Rabbi Mose Chaim Luzatto in seinem Buche „138 Orten der Weisheit der Weisheit" gelehrt worden ist. Er starb in Frankfurt a. M. am 1. Ador 5676. Vgl. den Aufsatz : Dem Andenken von .Aron Marcus s. A. im Frankfurter Ist. Familienblatt Nr. 10', 1917 und die biographische Skizze von Julius Möller in Wohlgemnts '.Zeschuren", Heft 3—5 von 1917. ' . . ... '' gang dieser Bewegung bis fast ans die Gegenwart und seine Bedeutung als Gegenreform meisterhaft schilderte. Die ungemeine Fülle tief wissenschaftlicher Gedanken, Thesen und Ausflüge in andere Gebiete sprengten jedoch hier manchen Faden der historischen Darstellung, so daß einzelne Persönlichkeiten und Anssprüche in der Schilderung ganz verschwommen sind. Auch ist diese Studie mehr von einer religionsphilvsophischen Perspektive gehalten, daher gründlich nur dem Gelehrten verständlich. Der gebildete Laie und allgemeine Leser wird sich ans diesem Buche über den- Chassidismus als Volkstümlich-demokra'ische Strömung kaum ein vollständiges Bild machen können. Um die Forschung des Chassidismus haben sich außerdem Dnbnow, Horodecky, Schächter durch Abhandlungen verdient gemacht. Aber erst Martin B.nder hat die Aufmerksamkeit der westlichen Judenheit auf diese mystisch-pk,i!o:oph:sche Bewegung gelenkt. Es bedurfte wirklich dieses unerschrockenen jüdischen Denkers, um in das tiefe Geheimnis der chassidischen Gedankenwelt einzndringen und denproble- - malischsten Genius des Ostjudentums in seiner Ganzheit tntb Ursprünglichkeit zu erfassen. Buber hat seine Aufgabe in einer Weise erfüllt, wie es kein anderer vor ihm vermocht hatte. In seinen mit künstlerischer Bereosamkeit und mit leidenschaftlichem Gefühl geschriebenen Vorworten zu der Geschichte des Rabbi Nachman von Bratzlaw (1906) und die Legende des Baalschem (1907) legte Buber ein dezidrertes Geständnis seiner Sympathie 'ür d-n Chassidismus und seiner Liebe zu dessen Ideenwelt ab. Er hat es verstanden» aus der chassidischen Literatur.eine große Anzahl Goldkörner mit seltener Gewandtheit heransznlesen und * mit diesen die deutsche Literatur zu bereichern. Und da ist ein neues Gefühl, von dem sich die Väter der Haskola nichts träumen ließen, entstanden, ein Gefühl: erb armungsvoller Liebe zum Volk, ein Gefühl der Versöhnung und des Ber'eihens. Das Wort des Schöpfers des ' ' Chassidismus, das zwischen Ckafiidismus und Haskala nur eine Haarbreite ist. ist in-Erfüllung gegangen. Und wenn die ersten Bekämpfer des Chassidismus und Berpöner der Kabbalah Jsak Arter. I. B. Lewenfohn. Josef. Perl, Peretz Smolenski, I. L. -Gordon und M. D. Brandstätter, welche den rationalistischen Theorien ihrer Zeit verfallen waren, ansstünden und schauten, wie sich ihre Wett der Finsternis in eine Welt von-Entzücken. Licht und Anschauung nmge« . formt und das Lügenbnch S o h a r in ein Buch des Glano-r zes, in ein Meer voll tiefer Weisheit umgewandett hat, sie würden vielleicht treu dem Nfttzfchewort:-,/Die großen Epochen unseres Lebens liegen dort, wo wir den Mut. gewinnen, unser Böses als unser Bestes nmznhanfen", selbst eine neue Chassidimgemeinde bilden. (Fortsetzung folgt.) . Datz Judentum auf seiner Laufbahn. vS Eine Betrachtung zum Channkah 5678. Im Leben der Völker folgt fast jeder hohen Kultur-- epoche ein geistiger Rückgang, Jeder Höhepnntt in der Kultur ist zugleich der Beginn eines Sttllpandes, wo die Energien sich sammeln, znsammenfasftn, einander durchdringen, um einen neuen Aufstieg einznleiten. Mit der höheren Knltnrstttfe eines Volks steigt die Intensität und Fruchtbarkeit dieses erneuernden Borganges. Das jüdische Volk bietet eine Ausnahme. Seine Ge-, schichte weist in ihrem größten Teile eine nahezu ununterbrochene Vertiefung des Judentums und Erweiterung des jüdischen Schrifttums ans. Bon Samuel, dem ersten Propheten, bis zum Mittelalter, den Zeiten der Bedrängnis und Unterdrückung, bewegen sich die geistigen Schätze des» Judentums in steigender Tendenz, dringen mehr und mehr in das Volk und erheben es auf eine höhere Stuft. Dft - Erweiterung der Geistesschätze im Judentum ist anhaltend, wenn auch von kurzen - Zeiten des Stillstandes durchbrochen. Groß,nnd fruchtbar bis in die spätesten Jahrhunderte hin-' ein war die Glanzzeit in Babylon. Eine kurze Reaktion, «in Gegendruck, der auch über den Wiederaufbau des Tempels, hinaus wirkt, macht sich geltend. Eine neue Hemmung im jüdischen Geistesleben tritt 'während der Syrerherrschast ein. Doch sind es nur kurze Störungen, die als Episoden zu bewachten sind, sie werden überwunden, und das gestärkte Judentum schreitet auf dem Wege der Ber- .tiefung wefter. Was befähigte das au Zahl schwache jüdische Volk zu neuen Kulturepochen auch in der Diaspora? Es war eine einende, intensive Kraft, die erst ein Volk aus eine geistig hohe Stuft führen kann: die nationale Idee. Aus ihr entsprang dft produktive Kraft der geistigen Führer des jüdischen Volkes. Harmonisch mit der Religion ver-. guickt, ist das nationale Moment im jüdischen Schafftn- ' stets ein h ervorspringerder Zug. Der Galus war ein Provi- 18