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Neue jüdische Presse · 1917-12-07 · Heft 46 (7.12.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 46 (7.12.1917)
Date
1917-12-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Vezügsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk.1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei ms ' Haus 4 .Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich - UngarnMk. 1.50, ' für Rußland 1 Dhtbel, snp alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. RedaKtisn und Expedition: ^rankfurt a-IO. « Cangcltr. 7 1 Fernsprecher Amt. Hansa.2903. c HMMsgsW: Kaks Heis. r . - ■ Infertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für : ' die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender > Rabatt. Platz- und'Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. - Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-BurecmS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884.!. ' : -11'* " 15. Jahrgang. * Freitag, de» 22. Xislew 5678 (7. Dezember,1S17» Nr. 46. Unsere Zeitung beendete am 31. Oktober .das fünfzehnte Jahr ihres Bestehens, — und in diesen fünfzehn Jahren hat sie ihren mäßigen Abonnementspreis, der sie zu dem billigsten jüdischen Blatte machte, nie geändert. Die. fortgesetzte Steigerung der Herstellungskosten hat aber wie bei allen Zeitungen besonders in den letzten Monaten ruckweise ein^e solche Höhe erreicht, daß wir bei dem bisherigen Preise nicht länger verharren können. Nom 1. Januar 1918 ab beträgt der Abonnementspreis 45 Pfennig monatlich 135 „ vierteljährlich. Wir verbinden damit zum ersten^ Mal? die Bitte an diejenigen unserer Leser, die die höheren Ziele unserer Zeitung würdigenihre Verlvandten und Bekannten, die noch nicht.zu unseren Leserkreise gehören, zum Abonnement zu veranlassen. Sie bewirken damit .ein zweifaches: sie verbreiten die ideale jüdische Wirkung unserer Zeitung, und. sie geben uns die Möglichkeit den redaktionellen. Teil noch weiter auszubauen. Die Redaliio« und Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Zettgematze Betrachtungen über die jüdische Schule. Daß der gegenwärtige Krieg verheerend aus sittlichem, religiösem Gebiet gewirkt hat, braucht nicht erst gesagt zu werden; ist doch nunmchr allgemein bekannt —; auch den Kleinen, den Schulkindern blieb es nicht verborgen^-, daß dieser lange, Völker abschlachtende Krieg aus imperalistischen Motiven, aus Länder- und Machtgier, veranlaßt wurde und mithin rein materialistischer Natur ist! Fürwahr, es ist ein gewisser Unterschied zwischen den Völkern des Bierverbandes, die einen Verteidigungskrieg führen, und denen der , anderen Kriegführenden, allein die langen Entbehrungen und all .die häßlichen Erscheinungen bei dem Nahrungswucher und all den Unzuträglichkeiten dieses entsetzlichen Krieges haben auch ihrerseits zum Schwinden der Moral beigetragen. Der Publizist steht vor der' ernsten Frage: Wie soll der gänzliche Zusammenbruch der Moral vLrtzület und diese neu wieder aufgerichtet werden? Die Schule war es, die im Westen die Männer oes Chauvinismus und Imperialismus hervorgebracht Hat, und die Schule muß es sein — wenn die Völker anders orientiert und auf eine gesunde Basis gestellt werden sollen —, die ein besseres Geschlecht der Welt bringen kann! Auf die ethische Basis der Barm Herzigkeit wurde die Schule im modernen Europa gestellt, das Mitleid mit dem Mitmenschen, die Nächstenliebe ward das Hauptprinzip des ethischen Unterrichts, und von der allgemeinen, christlichen Schule wurde es in die jüdische übernommen. Allein Barmherzigkeit setzt litt* g le i ch h e i t voraus, man hat Mitleid mit dem Schwachen, mit dem Entrechteten, nicht aber mir dem Starken, der im Bollbes i tz s e i.n e r,R e ch t e i st. Wohl erweist, man Ge» .fälligkeiten auch dem Starken« allein jene beruhen aus,Gegenseitigkeit und keineswegs auf Barmherzigkeit! x Und wie war es mit der Barmherzigkeit bestellt? Nur bei Verträglichkeit in Zeiten des Friedens und der Eintracht wurde sie geübt, sobald aber eine Fehde entstanden war, da verschwand sie alsbald spurlos; wurde doch im Krieg der Gegner zum Barbaren, zum Unmensch e n 'gestempelt, dem gegenüber alle erdenklichen Grausamkeiten nicht nur .zulässig,- sondern im Stillen sogar als heilige Pflicht betrachtet wurden. Anders aber das gleiche Recht, die a b s o - lute Gerechtigkeit, die jedem. Mitmenschen gleiche Rechte gewährt und selbst dem konkurrierenden Gegn.er Existenzberechtigung zuerkennt. Diese läßt keine- Grausamkeiten, keine barbarischen Handlungen, keine Entmenschlichung, auch nicht dem Feinde gegenüber, zu. Soll eine bessere Menschheit entstehen, will man, daß die Völker sich neu orientieren sollen, so muß die Gerechtigkeit in den Schulen ein ziehen und an Stelle der Barmherzigkeit treten! Ein gar kleines, aber in Wahrheit großes, den Folgen nach sehr großes Programm! Und doch kann es uns Juden, angesichts unserer Thora, deren Hauptpostulat die Gerechtigkeit ist, nach der die Barmherzigkeit aber nur als Ausfluß, als Folge der Gerechtigkeit zu verstehen ist, nicht schwer fallen, sie in unseren Schulen einzuführen und in die Herzen unserer Kinder einzupflan'zen. Wir brauchen nur zum wahren Geist derThora zurückkehren, und das große Ziel ist, wenn auch nur teilweise, erreicht! ' ■ „ - Doch noch eins: unsere Schule leidet an zu wenig Nationalismus. Die jüd. Schule im Westen — sowohl die der Orthodoxie wie auch die der Liberalen — ist nur nach der religiösen Seite orientiert. Schon von . Anfang ihrer Entstehung an wurde sie aus rein konfessionelle Basis gestellt. Die Liberalen' merzten die jüdische Hoffnung aus den jüdischen Gebetbüchern als konsequente Folge ihres Standpunktes aus, die Konservativen nahmen das Land der Väter bloß als Weihestätte und . Symbol in - ihr Programm auf, verlegten aber die wirkliche Geulah (Erlösung) bis: auf eine Zeit von „kulo sackei" (Alles gerecht). Als logische Folge ihres Standpunktes wurde die hebräische Sprache nurals Notbehelf, zum Verständnis der punktierten Gebete und der Bibel angewandt, und danach auch die Methode' zugeschnitten. Die Sprache als solche, als lebende, wurde nicht gelehrt; dies fand man als überflüssig, ja bisweilen sogar — als Sünde. . . Das dieses Verfahren zum Schaden einer Vertiefung in das jüdische Schrifttum, zllm Schaden der Solidarität mit der jüdischen Gesamtheit: und selbst zum Schaden der Religiosität ausschlug, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Diese einseitige Konfessionalisierung entsprach keineswegs dem Geiste des Judentums. Es gibt nichts Falsch-res und Absurderes als die Behauptung, daß das Judentum nur Konfessionalismus sei. Gewiß ist die sinaitische Ethik der Hauptkern des Judentums; ebenso ist es gewiß, . daß die „Enmnah" für den gesetzestreuen Juden Voraussetzung ist; — allein auch ein oberflächlicher Blick in unser Schrifttum und in unser? Geschichte genügt, um zu beweisen, daß auch Juda auf eine eigene Scholle angewiesen ist. (Schon im Bündnis mit Abraham wurde ihm ein L a n d und nichts anderes von Gott versprochen. Die Diaspora gilt als Fluch, ja* als der größte Fluch, als das größte Unglück,- als eine Anomalie. Endlich wird selbst zur Beob-* achtung der Gebote und zur Führung eines Daseins im wirllichen Sinne der Thora im Mischen Schrifttum stets aus die eigene Scholle verwiesen. _ Es folgt nun daraus, daß die jüdische Schule, wenn sie im wirllichen Geist des Judentums geleitet werden soll, aus beiden Faktoren des Judentums, auf dem Religiösen sowie aus dem N a t i o n a t e n, ausgebaut werden und danach ihren ’» Geist und ihre Methoden einrichten muß; _ üie> jüdische Schule muß die Gerechtigkeit auf ihr Schild heben; ebenso muß sie Hebräisch als eine lebende Sprache, .was sie auch äs facto ist; betreiben. Dem jüdischen Volke schimmert die Verwirklichung seiner tausendsährigen Hoffnun'g, undso ist es doppelt sie Pflicht der leitenden Männer oer Judenheit im Westen, eine Korrektur.ihres Standpunktes.vorzunehmen, und es ist an der Zeit, mrt der Revision ihrer Unterrichtsmethoden im Hebräischen zu begipnen! Schuldebatte im Lob;er Stadtrat. In den letzten Sitzungen des Stadtrates in Lodz waren bei der Behandlung des Schulbudgets heftige Debatten um die jüdische Schulfrage entbrannt. D« alten Beschuldigungen, die wir Gelegenheit hatten im Warschauer Stadtrat zu hören, sind gegen die Juden in scharfer Weise erhoben worden. Darauf nahm Dr. Rofenblatt zur Verteidigung der . jüdischen Ehre das Wort: Er wendet sich zuerst gegen die Beschuldigung, daß' die zionistischen Aktionen von Berlin aus, d. h. von den deutschen Zionisten inspiriert werden. In Polen haben in den letzten Jahren verschiedene politische Orientierungen geherrscht und bei jeder Orientierung hat man den Juden ähnliche Beschuldigungen gemacht. ‘ Im Anfang des Krieges hat in Polen die russische Orientierung geherrscht. Da kam es zu Pogromen, ju* Mord und Totschlag gegen die Juden, weil man von d?r anderen Seite den Russen zugetragen hat, daß die Juden deutsch« Spione seien. Man hat sogar behauptet, daß die Juden in ihren Bärten und Peies Telephone verstecken, durch die sie sich mit den Deutschen verständigem Als der Redner damals die Stadt Grodzisk besuchte und die . schrecklichen Zerstörungen, die bei den Juden angerichtet worden waren, gesehen»hat, fragte er einen Bauern: .Mer ist Schuld daran?" Der Bauer antwortete: „Auch bet uns gibt es wilde Tiere, wie bei allen anderen Völkern. j ." Nur die polnische Geistlichkeit hat sich der Juden angenommen. Später hat sich die Situation geändert und mit, ihr auch die Orientierung, und wieder werden die Juden beschuldigt, daß sie ans der Fremde inspiriert werden. Der Zionismus; welcher die breitesten Schichten des jüdischen Volkes in allen Ländern der Welt in sich schließt, kann nicht beeinflußt werden durch einzelne Länder, weil der Zionismus abhängig ist von der internationalen Oeffentlichkit. . Darum befindet sich die Leitung der Organisation in einem neutralen Lande.! Der Redner wendet sich dann gegen die Politik der Assimilanten, die Leide Seiten geschädigt hat. Wenn die Polen sich mit den Juden nicht verständigen können, so sind die Assimilanten schrld daran, die den Polen den Weg zu den Juden versperrt haben und ihnen die Möglichkeit genommen haben, die wirklich jüdischen Forderungen kennen zu lernen. Auch einen demokratischen Antisemitismus gibt es. Zur fortschrittlichen Demokratie in Polen gehörten nur- Inden. Das hat die Polen so erschreckt, daß ein fortschrittlicher Antisemitismus entstanden ist! Aber die ganze Partei ist bald von der Bild fläche verschwunden. Bor den Lvdzer Stadtwahlen ist jedoch plötzlich «ine neue radikal-demokratische Partei entstanden, und ihr Vertreter ist Herr Fatersohn» der hier gegen die Juden auf- . getreten ist. Diese verkehrte Politik bringt es dazu, daß ein so intelligenter und unterrichteter Mann,, wie der erwähnte '

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