Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 45 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ I ♦ Nedlürtion und Erpeditrsn: Frankfurt s. M. :: Langestr. 7. Fernsprecher AM Hansa 2903. die Reklamezelle ML I.—. Bei Mederholunge» entsprechend« Rabatt. Platz- «nd Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Anmmce»-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. Pt. unter Nr. 4864. Freitag, den 15. MÄvv 5678 (30. November 1017» Erscheint wöchentlich am Frettag. Aerugsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fter inS Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch ^Streifband Mr Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, - für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— ' Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. Die Ergebnisse des Kriege» sür uuS Jude«. Von Ergebnissen des Krieges sür uns' Juden soll hier die Rede sein, wie sonderbar! Noch tobt um uns herum der grauenhafte Krieg, noch ist nicht abznsehen, wann der Tag der Verständigung der kämpfenden Nationen heranbrichtnoch sind die Schäden auch nicht annähernd zu ermessen, und wie kann da die Rede von Ergebnissen des Krieges sein?! Allein nicht die materiellen. Ergebnisse, die Verluste an Gut und Blut, sollen hier festgestellt werden, sondern die geistigen, sittlichen. Gewiß hat der langjährige, verheerende Krieg auch in der jüdischen Nation, auf sittlichen, religiösen: Gebiet Verwüstungen angerichtet, Verwüstungen, deren Folgert nicht so leicht zu verwischen-sein werden, doch eins ist schon jetzt mit Sicherheit zu sagen, daß dieser entsetzliche Krieg, auch Gutes bewirkt hat und zwar: nach der nationalen Seite hin, indem ec die Solidarität unter uns Juden hergestellt hat und den Gemeinschaftssinn in sehr hohem Grad wachgerusen Hai. Die alten Gegensätze wurden gemildert, und alle Parteien — mit. wenigen Ausnahmen habe» sich einander stark genähert. Das jüdische Volk hat sich wiedergefunden und seine Blicke nach der alten Heimat gerichtet! Doch die Völker, die Wirtsvölker, in deren Mitte Israel lebt, wie verhalten sie sich zu dieser Tatsache.? Daß die Entente mit den zionistischen Bestrebungen bezüglich Palästina sich einverstanden erklärt, ist in diesen Blättern bereits ausgeführt worden. Aber auch die neutralen Völker verhalten sich wohlwollend gegenüber der zionistischen Sache. Es ftagt sich noch, wie sich die Zentral Mächte als Verbündeten der Türkei zu der Palästinaftage stellen? Soweit die öffentliche Meinung, die sich in der Landespresse kundiut, als Gradmesser der Anschauungen der Regierungen zu betrachten ist, ist anzunehmen, daß auch die Zentralmächte mit dieser Bestrebung einverstanden sind. So haben in den letzten Wochen führende -Organewie die „Bossische Zeitung", „Preußische Jahrbücher", „Münchener Neuste Nachrichten" und noch viele andere ihre Sympathie für den Zionismus bekundet. Auch die österreichische Presse bekundetihre Sympathie mit der - zionistischen Sache. Für die wohlwollende Haltung der Regierungen der verbündeten Zentralmächte dem Zionismus gegenüber sind gleichfalls Anhaltspunkte genug vorhanden. So teilen z. B. die österreichischen "Tageszeitungen vom. 19. November mit, daß der Minister des Aeußern, Graf Czernin, Cam 'Samstag das Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, Dr. Hantke zur längeren Besprechung empfangen. In der Unterredung zeigte sich der Minister sehr beftiedigt von den politischen Aufklärungen Dr., Hantkes und sagte ihm die Unterstützung der österreichisch-ungarischen Regierung für die zionistischen Bestrebungen bei der Türkei zu. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, daß auch die deutsche Regierung den Standpunkt Graf . Czernins einnimmt. Und die Türkei? Wie wir in der vorigen Nummer ausgeführt haben, hat die türkische Regierung in der letzten Zeit zu den zionistischen Wünschen eine etwas ablehnende Haltung eingenommen, öder genauer gesagt, warm die Meinungen in der 'Regierung geteilt. Dj emal Pascha und sein Anhang waren gegen die zionistische Bestrebung. Nun. ist aber inzwischen durch . das Betreten einer englischen Armee auf den palästinensischen Boden eine neue Situation eingetreten, und angesichts dieser neuen Tatsache ist.es zu hoffen, daß . selbst die Richtung um Djemal Pascha eine Revision ' ihr^ Standpunktes in der zionistischen Frage vornehmen wird. Insbesondere dürfte der Türkei oie Anerkennung der zionistischen Idee nicht schwer fallen, da von einer Loslösung Palästinas vom türkischst! Staatswesen gar keine Rede ist. Der Zionismus erstrebt lediglich die Schaffung einer nationalen Heimstätte mit derMöglichkeit freier nationalkultureller Entwicklung, aber nichts mehr, und auf die Einsicht, auf die Treue und Loyalität des jüdischen Volkes zur Türkei können wirklich die Staatsmänner bauen! Die Verwirklichung der nationalen jüdischen Hoffnung ist im Anzuge, und so hoffen wir, daß mit G. Hilfe als Ergebnis dieses fürchterlichen Krieges die Realisierung der „Schibat Zion"-Bestrebung der Ahnen, wenn auch nach und nach, noch konr-men wird! Die Eröffnungsrede der 3. Zionisten» kovferenz in Polen gehalten am 28. Oktober von dem Mitglied des Zentralkomitees Dr. G o t t l i e b. Ausführlicher Bericht.) Es ist zum ersten Mal im Kriege, .daß die Zionisten Polens zu einer Konferenz zusammentrcten, um die Interessen und Wünsche der polnischen Judenheit offen tind frei, die doch zugleich Wünsche der Gesamtjudentzeit sind, zu verkünden. Züm ersten Mal als Bürger des befreiten Polens versammelt, senden tvir dem Lande unseren aufrichtigen Gruß zu seiner Befreiung. Noch herrscht zu unserem Bedauern eine Trübung in den Beziehungen zwischen Polen und Juden. Das Land ist vom schweren Joch befteit, das' Verhältnis der Polen zu den Juden aber noch nicht geändert. Noch immer ist das polnische Volk von jener instinktiven Abneigung gegenüber den jüdischen Mitbürgern geleitet, die ein Rest der schweren Unterdrückungszeit ist. Mcht einmal haben wir den Polen die Hand zur Verständigung gereicht; doch sie griff ins Leeres Wir erfüllen unsere Bürgerpflichten voll und ganz, wir müssen aber deshalb auf unseren von Recht und Freiheit diktierten Forderungen bestehen.' Wir verlangen außer der gebührlichen Beachtung der religiösen jüdischen Gefühle das Selbstbestimmungsrecht über unsere Schulen im Einklang mit den Staatsinteressen. Wir werden unaufhörlich für diese unsere Ziele kämpfen bis das polnische Volk erkennen wird, baß der Wohlstand und dus Aufblühen des Landes nur auf Grund der gegenseitigen Verständigung der. Bürger möglich ist. Wir können nicht umhin, auf die Einsicht und den Gerechtigkeitssinn des politischen Volkes zu bauen, daß es nicht den Juden ihr nationales Recht vorenthalten und dem Friedenskongreß, der die Beziehungen von Volk zu Volk festzulegen hat» Grund zum Einschreiten geben wird. Große Aenderungen sind während des letzten Jahres im jüdischen Volke vor sich gegangen. In Rußland sind unsere Brüder aus schwerer Knechtschaft befteit worden und genießen volle Gleichberechtigung. Fluders in Rumänien. . . - Tag für Tag erhalten wir von diesem finsteren Lande, das die Gleichberechtigung der Juden vielfach versprochen hat, haarsträubende Nachrichten, die die verbrecherische Judenpolitik der rumänischen Regierung in ein grelles Licht drücken. Des Zusammenwirkens der Judenheiten verschiedener Länder bedarf es hier, um diesen dunklen Fleck tvegxnwischen. - , In einer schweren Zeit ist die Konferenz einberufen worden. Gerade die polnische Judenheit ist von den Kriegsschlägen am meisten und tiefsten heimgesücht worden. Die Juden der gesamten Welt haben in anerkennenswerter Weise für die Hebung' des beispiellosen Elends gewirkt.' Und nicht geringen Antell hat. die zionistische Weltorganisation an dieser Hllfsarbeit genommen. Vermöge ihrer im . Kriege aufrechterhaltenen Beziehungen mit der ganzen Welt, hat die Organisation der übrigen Bevölkerung Polens vielen Nutzen gebracht. Wir in Polen haben eine große Hilfstätigkeit entfaltet, namentlich in der Schulftage, und die Leistungen, die die Zionisten der einzelnen Länder aufzuweisen haben, strafen die Behauptung, das palästinensische Ziel hindere den Zionismus an einer Arbeit im Galus, an einer Gegenwartsarbell. Wir erstreben nichts als ein Misches Zentrum in Palästimr. Das aber macht uns nicht, wie die Gegner behaupten, für die Bedürfnisse der Gegenwart blind. Ebenso ist der Vorwurf, der Zionismus bringe die jüdischen Bürger in Widerspruch mit den Staatsinteressen, haltlos. Die materielle LaM der polnischen Inden ist trübe und äußerst schwierig, die Not wächst. Ich schlage eine - durchgreifende Selbsthllfe der polnischen Juden vor. Die zionistische Organisation möge in Verbindung mit anderen jüdischen Organisationen eine Hllssaktion in großem Maßstabe eröffnen. Andere Aufgaben sind in der Organisiernnig der Schulen, der Demokratisierung der Gemein d e und ihre Umformung im nationalen Sinne. Mr müssen Vertreter in der Gemeinde haben, dqmit unsere Stimme und unsere Ansichten gehört werden. Auch auf die staatliche Entwicklung müssen wir einen gebührenden Einfluß erlangen und die Demokratisierung Polens, da nur dies eine richtig Verständnis unserer nationalen Forderungen gewährleistet, anstreben. Schwer und langwierig ist unser nationaler Kampf in Polen. Umsomehr, als wir nicht eine, sondern zw er Sprachen besitzmr. Nicht willens, die Rechte der hebräischen Sprache beeinträchtigen zu lassen und bestrebt, diese unsere jahrtauscnde alte Nationalsprache zu verbrellen, erkennen wir die Bedeutung des M»ischen vls Umgangssprache der Massen, der ansehnlicher sozialer und knlreller Wert innewohnt, als einen politischen Faktor ersten Ranges an. ' Eine andere Aufgabe der zionistischen Organisation ist die Verbreitung der zionistischen Ideen, die Gewinnung der Massen. Das Zusammengehen mit den anderen nationalen Parteien istjetzt an der Tagesordnung. Wir müssen angesichts des schweren Kampfes um unsere nationalen Rechte eine Verständigung mit den anderen Nationaljuden anstreben; unsere Grundprinzipien aber auf keinen Fall hintanstellen. Diese Verständigung ist ein Schritt auf dem Wege zum Allgemeinjüdischen Kongreß in Polen. Dieser Kongreß muß auf itatio* naler Grundlage statt finden. Uebergehend zur Haltung der zionistischen Organisatiorr gegenüber der Türkei, hebt Redner die unwandelbare Treue und Loyalität des Zionismus zur türkischen Macht hervor. (Die näheren Ausführungen über diesen Punkt sind unseren Lesern bereits mitgeteilt. (Bergl. Nr. 44. D. Red.) Zum Schluß legt Redner unsere den Völkern gegenüber bewiesene Loyalität dar, die uns erlaubt, hoch und stolz unser Haupt zu 'tragen; ftchten doch 700,000 Juden auf den europäischen Schlachtfeldern und sind doch die Juden an dem Kampfe ihres Wirllonües mit Aufopferung beteiligt. So können wft unsere nationalen Forderungen dem Tribunal der Völker mit gutem Gewissen und Mrtrauen dorlegen. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Die 3. Konferenz der polnischen Zionisten. (Von unserem Berichterstatter.) Der dritte Tag. Die Vvrmittagssitznng des 30. November, die Vorsitzender 81. L. Schalkowitsch leitete, war der Palästina-Frage gewidmet. Man sah dieser Sitzung mit besonderem Interesse entgegen; nimmt dock gegenwärtig das Palästina-Problem eine wichtige Stelle im Fühlen und Denken des polnischen Judentums ein. I. Nissenb an m (Warschau) referiert über Die Lage in Palästina und die palästinensische Arbeit in Polen. Redner teilt die Entwicklung der Lage in Palästina während des Krieges in zwei Perioden, die von der Evaknation schroff voneinander getrennt sind. Schon vor der Evaknation.war die Lage unserer Brüder in Palästina nichts weniger als befriedigend. Im Lause der ersten Kriegsjahre wuchsen SchwierigLiten und Entbehrungen, mit denen die Juden Palästinas zu kämpfen hatten, an. Die Unterstützung sellens der amerikanischen Juden war nicht ausreichend für die steigenden materiellen und geistigen Bedürfnisse der palästinensischen Judenheit. Doch schließlich war man imstande, das Unabänderliche zu ertragen; „man schlug sich durch!" Ja, mehr noch, irnsere Kolonisten leisteten größere Arbeiten, bauten Chausseen, legten Snmpfgelände trocken, errichteten! an manchen Stellen neue Häuser. Die Bebauung des 'Landes wurde mit fleißigen Händen betrüben, um den Ertrag möglichst zu steigern. So waren die Ernteausitchten im ersten Monat dieses Jahres ziemlich günstig. Auch in geistiger Hinsicht herrschte reges Leben: Nicht nur, daß der Schlulbetrieb mit wenigen Ausnahmen weiter geführt wurde, die Lehrer und Schriftsteller arbeiteten, jeder ans seinem Gebiete, an neuen Werken. Auf diese Weise gewannen ihre Verfasser die zu diesem Zwecke angelangten amerikanischen