Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1917-11-23 · Heft 44 (23.11.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 44 (23.11.1917)
Date
1917-11-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2693025-2693069--10115-2705408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erscheint wöchentlich am Freitag. Aemsspreis pro Niertrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— : frei inS Haus. - Bei der Post abonniert 9V Pfg., frei ins ' Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch 1 Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. —■■■ -z=4 Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :r Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. chteeansgever: Kalg Geis. /> — — — Jnsertionsprris für die sünfgefpallene Petitzeile 3V Pfg-, für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnnngsinserate, Heirats-Annoncen 20 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahmebeider Exped. und incuAnnoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. — ’ 1 - ■ - 15 Jahrgang. Freitag, den 8. Ll8lvv 5678 (23. November 1917) Nr. 44. Bedenkliche Erscheinungen. Die Zeit ist zu ernst, als daß man schweigen dürste, wenn das Gewissen sagt: Du mußt sprechen! Und man darf auch erwarten,' daß die Worte bei denen, an die sie gerichtet sind, unter der Wirkung des gehobenen Berantwortlichkeitsgesühls unserer Zeit nicht wie sonst entrüstetes, prüfungsloses Abwehren, sondern vielmehr Nachdenken Hervorrufen. . Es gilt diesmal den Zuständen in der Berliner Judenheit. Jeder vierte Jude Deutschlands wohnt in Berlin: Eine gewaltige Zahl—. jedoch nur Zahl, nur seelenlose Zahl! Die. Bedeutung dieser Masse für das jüdische Leben der Gegenwart und für die Zukunft des Judentums ist nichtig, denn rechnet man die Zähl der Traditionellen und der Zionisten ab, dann bleibt eine Menge zurück, die keine jüdischen Interessen mehr hat. Die Gewöhnungen einer jüdischen Vergangenheit wirken als Erbschaft von Eltern und Großeltern. je nach Veranlagung und Erziehung der einzelnen stärker oder schwächer noch nach, — doch die Hoffnungen und Ideale sim> nicht mehr mit dem Judentum verbunden. So ist Berlin nicht eine Hochburg^ des Judentums, sondern eine Hochburg für Mischehe und Taufe geworden, und nur den zahlreichen gesellschaftlichen Widerständen seitens her Nichtjuden ist es znzuschreiben, daß die Summe her Mischehen und Taufen nicht eine noch! viel höhere ist. Wie das Volk, so die Regierung. Die leitenden Körperschaften der großen Berliner jüdischen Gemeinschaft setzxn sich aus tüchtigen Geschäftsleuten und klugen Akademikern zusammen, deren gesellschaftliche Stellung ihnen die Verpflichtung aufzuerlegen scheint, öffentlich! zu wirken. Ob ihnen aber ihre jüdische. Lebensbetätigung NUd ihr Wissen vom Judentum ein Recht gibt, die Geschicke der Berliner Judenheit zu beeinflussen, diese Frage hat sich wohl viellncht kaum eine dieser sonst gewissenhaften, höchst achtbaren Persönlichkeiten vorgelegt. ■ Es führt da eine gesellschaftliche Oberschicht das Szepter, die ängstlicher als die mecklenburgische Ständekammerbesorgt ist, jeden nicht standes- und anschauungsgemäßen Zuzug von sich fernzuhalten und im übrigen ihre Aufgabe darin erblickt, die Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu halten und rein Humanitär durch Errichtung, Ausbau Und Obhut von Wohlfahrtseinrichtungen zu wirken. Doch in puncto judaicis, dem eigentlichen Aufgabenbereiche, sieht es schlimm aus. Manch einer sitzt da, der mehr von der Lehre des Buddha als der unseres Lehrers Moses weiß. Und gar im Gebetbuch einige Zeilen leichtes Hebräisch zu verstehen, wer das kann, zählt schon zu den Gelehrten.' Deshalb mangelt es auch an Verständnis' für das im jüdischen Geschichts- und Religionsunterricht trotz der bestehenden ungünstigen Verhältnisse Erreichbare und an dem Mllen, die Erziehung der anvertrauten Fugend jüdischer zu gestalten. Wem das Judentum nichts als ein recht oberflächlich hingenommener Monotheismus bedeutet, .und wer sonst sein jüdisches Interesse — abgesehen vom humanitären Wirken — auf den Antisemitismus' konzentriert, der kann mit seinem passiven Judentum inchts aktiv Jüdisches leisten. Solche Voraussetzungen müssen eine Verdeutschung der hebräischen Sprache und eine Verallgemeinerung und Verflachung rein jüdischer Gedanken im Gotteshause zur notwendigen Folge haben und so eine Erweiterung und Vertiefung des jüdischen Unterrichts überflüssig machen.. Da ist es auch kein Wunder, wenn der jüngst verstorbene Justizrät Breslauer, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Vorsitzender der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, stellvertretender Vorsitzender des -Verbandes der deutschen Juden usw., jede traditionelle jüdische Betätigung als hassenswerte Rückständigkeit an- - sah und daher in seinem letzten Auflatz unrituell geführt« . Wohlsahrtseinrichtungen von. der jüdischen Gemeirwe verlangte, damit Leute seiner Gesinnung sich bei der Benutzung dieser Wohlfahrtseinrichtungen nicht bedrückt fühlen. Da braucht es auch nicht zu verwundern, daß der gegenwärtige -Vorsitzende der Repräsentanten, Dr. Minden, zugleich Vorsitzender der jüdischen, Resormgemeinde ist, die bereits mit dem Sabbat aufgeräumt-und den-Sonntag an seine -Stelle gesetzt hat. Auch haß der radikalreformerische Dr. Keller mann ein Rabbiner nach dem Herzen dieser Leute ist und sie selbst den Bruch mit den sonst so geduldigen konservativen Kollegen nicht scheuten, um sich des Dr. Kellermanns zu versichern, erscheint ganz natürlich. . Unverständlich ist aber ein anderes. Die Herren wundern-sich' über den Rücktritt ihrer Kollegen und behaupten, die, Forderungen der die Tradition des Judentums, noch berücksichtigenden Mitglieder stets wohlwollend behandelt zn haben. Als wenn nicht Anschauungen von Männern: wie^Breslauer und Minden, gleich Keulenschlägen auf alle die wirken müssen, die noch Sinn für Denkweise und Sitte der Väter ihr Ggen nennen. Ms wenn nicht, wo diese klaffende Gegensätzlichkeit herrscht, selbst hei dem Willen, Gerechtigkeit walten zn lassen, eine Katastrophe kommen mußte. Daß sie nicht längst eintrat, verrät leider ein starkes Manko an bewußtem Judentum unter den sich konservattv Nennenden in den führenden indischen Kreisen Berlins. Ms Mene-Tekel muß der Rücktritt ausgenommen wer-' den! Die Herren sollten stutzig darob werden, daß so gemäßigte Elemente sich endlich aufbäumten. Die deutsche Judenheit schaut nach Berlin, und Berlin ist schuld, daß die deutsche Judenheit, die jahrzehntelang führend in der Gesamtjudenheit war, immer mehr die Führung verliert. Mit Verneinung der Tradition, Unwissenheit auf den Gebieten des Judentums und bewußtem Assimilations-, streben kann man wahrlich nicht ansbauen. An den Früchten erkennt man den Baum, — und jüdische Unkenntnis und Gleichgültigkeit und nachher Mischiehe und Taufe sind die Früchte aus der Verneinung der Tradition und dem bewußten Assimilationsstreben. Die Sitzungen des Parlaments der großen jüdischen Gemeinschaft Berlins sind öffentlich, und doch verirrt sich nur selten «in Zuhörer in dieses Parlament, dessen reiche Intelligenz an jüdischen Problemen nie die Klingen wetzt. Ob die Mitglieder dieses Parlaments nie das Unrichtige und Unhaltbare ihrer Stellung.geahnt haben und ihnen nie, wenn sie den Abfall vom Judentum bellagten, der Gedanke aufstieg, ob sie auf ihrem wichttgen Posten auch alles taten, um den Abfall zu verhüten? Das Judentum dieser Herren hat keine Lebenskraft, denn es wurzelt nicht in der jüdischen Vergangenheit und strebt nicht nach einer bewrißten jüdischen Zukunft. Ein solches Judentum kann nicht an sch fesseln — und die Herren wollen doch auch die Erhaltung des Judentums um» seine bessere Zukunft. Ans einer hohen Warte stehen sie, — mögen sie daher bedenken, daß sie einst vor dem Richtstuhle der jüdischen Geschichte Rechenschaft abzulegen haben! Aus aller Wett. Oesterreich-Ungar». Wie«. Eine Rede Dr. Strauchers. Dr. Straucher, der unerschrockene Vertreter der jüdischen Interessen im österreichischen Abgeordnetenhause, hat wieder einmal eine seiner bedeutenden Reden gehalten. Er verlangte darin, daß die Inden als' gleichberechtigte Nation im Verbände des Königreiches Polen anerkannt werden, wie'dies auch das eigene Interesse des'polnischen Volles diktierte. Ans den okkupieren Gebieten wie aus Galizien kämen Klagen über Verfolgungen,! Unterdrückungen und ökonomisches Elend d^ Juden, und er wolle daher der polnischen. Natton in diesem feierlichen Momente, da ihm staatliche Selbständigkeit anerkannt und der polnische Staat errichtet werden soll, dringend nahelegen, die Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Rechtsgleichheit, von der Abg. Stapinski soeben gesprochen habe, auch der jüdischen Bevölkerung im vollsten Maße angedeihen . zu lassen. Großbritannien. Zur Paläftiuapolittr der Regierung. „Jewish Chrouicle" schreibt: „Der Entschluß der britischen Regierung ist zweifellos das' Ergebnis, polittscher Umstände, die sich durch den Krieg herausgebildet haben. Eine der Hanpterwägungen ist wahrscheinlich die Notwendigkeit, aus Palästina ein blühendes, unabhängiges und starkes Land zu machen wegen der Verpflichtungen Großbritanniens gegenüber Aegypten und seiner Verantwortung hinsichtlich, des Suez-Kanals. Aber der Gedanke stammt keineswegs von heute. Der Gedanke eines nationalen jüdischen Heims in Palästina wurde schon von dem großen ägypttschen Dizekönig Lord Crom er sowie von dem weitblickenden Imperialisten Chamberlain begrüßt. Auch ist die Regierung nicht plötzlich zn dem Entschluß gebimmen, die Juden in Palästina den besonderen Interessen Englands dienlich zn machen. Die jetzt abgegebene Erllärung kann auf die Tage zurückgeführt werden, da der große Gründer der modernen zionistischen Bewegung Dr. Herzl mit der britischen Regierung wegen Niederlassungen erst in El Arisch und dann in Ostaftika verhandelte. Die englischen Zionisten machen bereits für die neue zionistische Politik der britischjen Regierung im neutralen <... Ausland Propaganda." : Lttanen. Eine wichtige Maßnahme in Lber-Lft. Der Oberbefehlshaber Ost hat eine für di« Bevölkerung des besetzten GÄietes Lttanens und Kurlands außerordentlich wichtige Anordnung getroffen. Briese und Eingaben der Landesbevölkerung an die Zentralverwaltung Ober-Ost unterlagen bisher wie alle Briefe der Briefzensur der Nachgeordneten Kreis- und Lokalbehörden. Die Folge war, daß häufig Eingaben, Gesuche, Beschwerden nicht an die Verwaltung Ober-Ost' weitergegeben wurden, weil die Lokalbehörden die Weitergabe für nicht zweckmäßig erachteten. Es ist jetzt, um der Bevölkerung dis Möglichkeit zn geben, mü allen ihren Wünschen an div Zentralinjtauz Ober-Ost zn gelangen, ungeordnet worden, daß alle für Ober-Ost bestimmten Schreiben in geschloffenen Briefumschlägen gesandt werden können und Einer Briefzensnr unterliegen. Es ist dringend zu wünschen, daß die Bevölkerung von dieser Anottnrung, die eine« höchst erfteulichen Fortschritt bedeutet, möglichst ausgedehnten Gebrauch in allen geeigneten Fällen macht. Der Krieg nnd die Jude». Aachen. PaulWertheim wurde zum Leutnant befördert. — Oberarzt Dr. Richard Schuster erhieft das Eiserne Kreuz 1. Kl. Frankfurt a. M. Frau Dr. Freimann', geborene Horovitz, stellt». Vorsitzende der Weibl. Fürsorge, wurde mit dem Derdienstkrenz für'Kriegshrlfe nnd Henry Kaiser, Sohn von M. Kaiser/Ostendstr. 51, mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichnet. Stuttgart. Leutnant Erwin Freudenthal, Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. n. 2. Kl., des Friedrichsordens m. Schw. und der württ. Verdienstmedaille, fiel, im 34. Lebensjahre. . Worms. Gefreiter Robert Reinhardt würbe zum Unteroffizier ernannt. Zempelburg. Fabrikbesitzer Max Berger-Chemnitz spendete seiner Vaterstadt 50000 Mark zu SiedlungKzwecken für Krieger. Die Stadt hat der Annahme zngeflimmt und B. zum Ehrenbürger ernannt. Wie». „Blochs Wochenschrift" meldet in Nr. 44 folgende Auszeichnungen an Inden: 7 Militärverdienstkrenze 3. Kl., 27 silb., 33 bronz. Signum laudis, 26 gold., 20 silb., 76 eis. Verdienstkreuze m. Kröne, 12 gold., 2 silb., 80 .eis. Berdienstkreuze, 5 silb. Tapferftitsmedaillen 1., 32 2.. Kl., 120 bronz. Tapferkeitsmedaillen. — Oberleutnant Josef Fodor, gebürtig ans Csucsc» (Ungarn), Beamter der' Kolozsvarer Kommerzialbank, erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. — ' Sekttonschef Sam. Straffer, der frühere Präsident der israeltt. Kultusgemeinde in S i s a k, erhielt das Ritterkreuz mit der Kriegsdekoration. Personalien tu kleine Mitteilungen. Berlin. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums berief Dr. Jülins Gnttmann, Sohn des Breslauer Rabbiners, zum Dozenten für Religionsphilosophie. Fulda. Unser vereh.rer Rabbiner Dr. Cahn blickte jüngst auf eine vierzigjährige Amtstätigkeit zurück. BreSlau. Assistenzarzt Dr. Frieür. Nothmanu, der in Rußland fiel, schrieb vor seinem Tode folgende letztwillig« Verfügung: „Ich vermache hiermit der Genossewschaft „Erez Israel" 3000 Mark. Das ist das einzige, was ich noch für die Sache tun kann, div meine Lebensaufgabe werden sollte." Pr.-Ztargard. Frau Kommerzienrat Goldsand, hoch geachtet als PWanthropin, wurde das Opfer eines Wagen-Unfalls. Zürich. Maurice Goetschel, Advokat in DeE» berg, wurde in den Rationalrat gewählt. Damit hat der erste Jude die höchste parlamentarische Würde, die das Schweizävolk zn vergeben hat, erlangt. Krakau. Dieser Tage ist bier der berühmte Rabbi Abraham Markus Klingberg, genannt der Zaleschitzer Rabbi, im hohen Meisenalter gestorben. D« Heimgegangene hat wett und brett eine hohe Verehrung genossen. Bon den fernsten Gegenden kamen seine Anhänger und Verehrer, bei ihm sich Rat zu holen. E« war ein Mann des Friedens und großer Klughett, des viel Wohltätigkeft geübt hat. Bor vielen Jahren wirft» er in Zaleschitz in Polen, von wo aus er nach seiner Ausweisung nach Krakau, seiner Geburtsstadt, übersiedelte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.