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Neue jüdische Presse · 1917-11-16 · Heft 43 (16.11.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 43 (16.11.1917)
Date
1917-11-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ans London verbreitet die Reuter-Agentur eine sehr wichtige und erfreuliche Nachricht: Der englische Minister des Aeußern Balfour hat einen offiziellen Brief an Lord Rothschild gerichtet (der bekanntlich sich seit einiger Zeit der zionistischen Organisation angeschlossenchat), indem sx erklärt, „daß öie englische Regierung die Notwendigkeit der Errichtung einer nationalen Wohnstätte in Palästina für das jüdische Volk anerkennt "und alles unternehmen werde, um die Verwirklichung dieses Gedankens durchzusetzen. Es gilt hierbei als selbstverständlich, daß den bürgerlichen- und religiösen Rechten der in Palästina existieren- , den nichtjüdischen'Gemeinschaften kein Abbruch getan wird, und daß ebenso die bürgerlichen ' und religiösen Rechte der Juden in allen Ländern gewahrt werden." Diese Mitteilung bittet Balfour der zionistischen Organisation zur Kenntnis bringen zu wollen. ' Dieser Brief bedeutet die offizielle Anerkennung der zionistischen Forderungen seitens der englischen Regierung. Man durfte seit einiger Zeit bereits erwarten, daß ein solcher Schritt bevorsteht. Immer größere Kreise der öffentlichen Meinung in England und vor allem der maßgebenden politischen Presse sind in letzter Zeit eifrig ' für. den Zionismus eingetreten und. Balfour selbst hat bei ferner Reise nach Amerika vor einigen Monaten in einer Besprechung mit dem Führer ' des amerikanischen! Zionismus Brandeis und einer anderen Unterredung mit dem Vorsitzenden der kanadischen zionistischen Organisation Herrn Clarence de Sola! seiner Sympathie für die zionistischen Forderungen offen Ausdruck gegeben. Hingegen lag eine offizielle Erklärung der «Regierung bisher nicht vor.' In den letzten Wochen wurde von verschiedenen Seiten inimer energischer auf die Regierung eingewirkt, eine solche Erklärung abzugehen. So hatteu 250 jüdische Organisationen in England vor einigen Wochen eine dementsprechende Petition am die Regierung gesandt, und bei einer Besprechung dieser Petition hat die „Times" jüngst die Regierung energisch ausgesordert, eine solche Erklärung abzugeben. Dies ist nunmehr geschehen. Denn der Brief Balsours, - der durchaus'amtlich istbedeutet eine durchaus' offizielle Anerkennung der zionistischen Forderungen durch -die Regierung und die, Verpflichtung Englands, diese Forderungen bei der. Neuregelung der politischen Verhältnisse . der Welt bei den kommenden Friedensverhandlungen zu unterstützen und ,zu verwirklichen. Diese Tatsache gewinnt noch sehr erheblich dadurch an Bedeutung, daß, wie man > ohne weiteres 'heute annehmen,darf, diese Erklärung der englischen Regierung de facto eine solche der gesamten Entente darstellt. Es ist feit langem bereits bekannr, daß hie amerikanische Regierung durchaus mit dem Zionismus sympathisiert, wovon die vor einiger Zeit erfolgte Ernennung einer aus drei Zionisten bestehenden Palästina-Kommission seitens 'Wilsons einen unzweideutigen Beweis erbrachte. Was Frankreich und Italien betrifft, so ist gleichfalls bekannt, daß in den letzten Monaten von zionistischer Seite Verhandlungen mit diesen Regierungen gepflogenwurden. Der bekannte zionistische Führer Sokolow war. in Paris und.in Rom getvesen und scheint, von beiden Regierungen, die. Zusage erlangt zu ,haben, daß. sie nichts., gegen, die' -BerwirUchüng der .zionistischon Wünsche einwenden würden. Auch der Papst hat bei dieser Gelegenheit in einer bedeutsamen Unter; redung mit Sokolow seine Sympathien für den Zivnisn'.us zum Ausdruck gebracht. ■ - Was Rußland anlangt, so weiß' man auch hier, daß die bisherige Regierung Kerenskis durchaus für den Zionismus war und man darf annehmen, wie auch immer die Verhältnisse in Rustland sich entwickeln weiden, daß "jede liberale und revolutionäre Regierung in Rußland, für den Zionismus einrreten wird. Es ist nun naturgemäß, daß die anderen Ententestäaten bis heute keine.-Offiziellen Erklärungen in dieser Hinsicht abgegeben haben, sondern England den Vortritt darin'lassen wollten. Ist doch England' in der ganzen Angelegenheit der wichtigste Interessent. Nachdem die englische Regierung nunmehr diese Erklärung abgegeben hat, ist zu erwarten, daß vielleicht die anderen Enteuteregierungen in nächster Zeit mit ähnlichen Erklärungen folgen werden. Aber wenn dies auch nicht geschehen sollte, so darf man, wie gesagt, die Erklärung Balsours als im Sinne der ganzen Entente abgegeben, betrachten, womit in unzweideutiger und durchaus offizieller Weise die Uuterstützling der zionistischen Forderungen seitens der Ententestaoten gewährleistet erscheint. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie überaus bedeutsam diese Tatsache ist.. Ganz unabhängig von der Stellungnahme der einzelnen Juden in diesem Weltkriege und ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen kriegsü^enden Staaten bedeutet die offizielle Anerkennung und Unterstützung des Zionismus durch die Entente einen Akt von geschichtlicher Bedeutung für das jüdische Volk. Es braucht nicht erst wieder betont zu werden, daß die Genugtuung über den Schritt der englischen Regierung nichts zu tun hat mit der neutralen Stellungnahme sowohl der einzelnen Juden wie auch des grsaunen jüdischen Volkes im Weltkriege. Wir haben gerade in der vorigen Woche an dieser Stelle aus-? geführt, daß die Sympathien Englands für den Zionismus in erster Reihe nicht auf humanitären Gefühlen beruhen, sondern aus sehr nüchternen weltpolitischen Interessen, und wir haben dabei ausgeführt. Laß gerade diese Tatsache die bisherige neutrale Stellungnahme des jüd. Volkes im Weltkriege nur verstärken muß. Daran kann auch die offizielle Parteien-Anerkennung des Zionismus durch die englische Regierung nichts ändern. Die Neutralität des jüdischen Volkes im Kriege entspringt mit Notwendigkeit seiner gesamten historischen Vergangenheit, seiner internationalen Lage 'und dem innersten Charakter seiner bisherigen Geschichtsentwicklung. Diese Neutralität kann also durch keinen Akt und keine Handlung irgend " einer der kriegführenden Mächte erschüttert werden, denn sie ist im innersten Wesen nicht politisch, sondern moralisch .bedingt Angesichts der bisherigen klugen und aufrechten Haltung, die das jüdische Volk im Weltkriege eingeltommen hat, angesichts auch vor allem der klugen und mannhaften Politik, die die zionistische Organisation bisher befolgt hat, darf man ohne weiteres behaupten, daß "die Wahrung der jüdischen Neutralität durch diese Erklärung der englischen Regierung nicht im geringsten gefährdet erscheint. Die Erklärung Balfors verdient näher betracht tet zu werden. In ihr ist; die Rede von. einer jüdischen nationalen Wohnstätte in Palästina, nicht, wie es verschiedene englische Zeitungen gefordert haden, von einem jüdischen Staate. Wir glauben, daß diese Formulierung der zionistischen Wünsche nicht nur den politischen Erwägungen Englands entsprungenist, sondern auch den Wünschen der '1 Majorität der englischen Zionisten und der gesamten zionistischen Organisation überhaupt entspricht. Im Baseler Programm, das allein maW» gebend ist für die Formulierung der zionistischen/ Z s Forderungen, ist auch keine Rede von einem Ml-;f | scheu Staate, und der weitaus überwiegende Teilins der /zionistischen Organisation wünscht auch nichtS- ./js 1 weiter als die Schaffung, einer nationalen Heim- 'A\J stätte, die dem Judentum die Möglichkeit national-kultureller ^.Entwicklung gibt,, ohne es von 8 vornherein mit den politischen Schwierigkeiten unhs/JS Bürden eines selbständigen Staatswesens zu be- Vi lasten. Des weiteren ist in dem Briese die Rede Äs-, von der selbstverständlichen Wahrung der „bür^W.! gerlichen, religiösen Rechte der in Palästina existie^.-W renden uichtjüdischen Gesellschaften". Durch diesen -H Passus soll die oft erörterte Frage der' Regelung || des arabischen und christlichen Problems in Prlästina gelöst werden, und man muß auch IjiettvJä anerkennen, daß diese Lösung durchaus den iübW [|| scheu und zionistischen Wünschen konform ist. - Nie«, M mals ist von zionistischer Seite daran gedacht worf.<-I ‘ den, die religiösen und/bürgerlichen Rechte dev 'M arabischen Bevölkerung Palästinas zu beschränken.- ss/ und das .Prinzip freiester Toleranz und kürzer- * licher Gleichberechtigung für sämtliche Bewohner eines Landes, für das wir Juden seit Jahrhunder-- ten kämpfen und leiden, wird und muß selbstverständlich in einem jüdischen Palästina der leitende Grunvsatz der Verfassung sein. Auch die Frag» nach den Rechten der chrisflichen .Bewohner Palästinas ist damit geregelt, wobei im Falle einer Verwirklichung der zionistischen" Wünsche noch das Problem der heiligen christlichen- Stätten besonders. h, P wird gelöst werben müssen. Es ist bekannt) welche Art von Regelung Theodor Herzl seinerzeit vocgeschlagcn hat, und nachdem der. Papst sich im offizieller Weise für den Zionismus ausgesprochen hat, ist anzunehmen, daß auch diese Frage kein« weitere Schwierigkeit bereiten kann. v Bon besonderer. Bedeutung erscheint uns dir Erklärung Balsours für das Verhältnis der Türkei zum Zionismus werden zu müssen. Bekanntlich hatfij in letzter Zeit die türkische Regierung den zionisti-» Irschen Wünschen gegenüber eine etwas ablehnende :L Stellung eingenommen, die besonders in den' 'D Maßnahmen Djemal Paschas in Palästina wie auch- -.F' in einem Interview, das er vor einiger Zeit.'4/ einem Mitarbeiter der „Deutschen Politik" erteilt' jjj' hat, offenkundig zum Ausdruck gekommen ist. Diese/ M Stellungnahme der türkischen Regierung) die mft\". ihrer gesamten Politik in der Nationalitätenfrage zusammenhängt-. und mit der gesamten pantür-- keistischen Bewegung, die gegenwärtig die offizielle Türkei beherrscht, hat den Zionismus bis heute - nicht im geringsten dazu veranlassen können, seine unbedingt loyale Haltung der Türkei gegenüber. auch nur im geringsten zu ändern. Der Zionismus geht dabei von der Ueberz^igung aus, daß diese. Stellungnahme der türkischen Regierung nur eitle vorübergehende sein kann, daß eine Ilenderung der türkischen Nationalitätenpolitik im Sinne der Gewährung -national-kultureller. Autonomie an die 'verschiedenen Nationalitäten des türkischen Staatswesens ftüher.oder später eintreten muß und dastdann auch die türkis che ' Regierung, deren Sympa^ thien für die jüdische Bevölkerung seit vielernJahrhunderteiGbis zum heutigen-Tage dieselben geolie- / ben sind, dem Zionismus gegenüber eine andere Stellung einnehmen wird. Von diesem Standpunkt / wird der Zionismus auch in Zukunft nicht .«fr*'-"/ weichen und "sein Vertrauen zu der politischem? . .Einsicht der türkischen Staatsmünner und.zu. dyn^. § i. I Bf th U :3t I jt -- r f Hl.- m

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