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Neue jüdische Presse · 1917-11-09 · Heft 42 (9.11.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 42 (9.11.1917)
Date
1917-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das Interesse, das man seit einiger Zeit von Seiten der Entente der Judenfrage und besonders Lern Zionismus zuwendet, wachst von Tag zu Tag. Die Meinungsäußerungen großer Zeitungen und bekannter Politiker zu dieser Frage in den Ententeländern mehren sich und fast einmütig ist. die Stellungnahme eine sympathische. .Besonders in England ist die Sympathie für die zionistischen Wünsche, sehr stark und und . tritt besonders laut und deutlich in die Erscheinung. Neben dem„Man- ^tster Guardian", der schon seit langer Zeit prozionistisch ist,. haben in jüngster Zeit auch die „Times", „Daily.News" und andere führende Aätter des englischen öffentlichen Lebens Aufätze gebracht, in denen die Berechtigung der zionistischen Forderungen und die Notwendigkeit ihrer Unterstützung und Realisierung durchdie Entente m gelegt wurde. Mandurste von vornherein annehmen, daß uese mit überrascheirder Schnelligkeit um sich greicnde Sympathie für die jüdischen Wünsche in en Enjenteländery, besonders in England, in rster Reihe realpolitischen Erwägungen entspringt. 8or allem was England betrifft, das ja immer mt großer Kunst es verstanden hat, seine >eale Mercssenpolitik mit dem Mantel idealer und hu-., naner Prinzipien zu umkleiden,.'mußte man danit rechnen, daß der Unterstützung der zionistischen Aspirationen sehr nüchterne machtpolitische Gedanmgänge zu Grunde liegen müssen. Bis zur jüngsten Seit hat allerdings die englische Presse mit der hr eigenen Geschicklichkeit diese realpolitischen Monente durchaus in den Hintergrund^ gestellt, ja zrößtenteils überhaupt verschwiegen und .ihre Sy in-, vthie für den Zionismus fast ausschließlich aus umaneu Gefühlen zu erklären gesucht. In letzter seit ^jedoch beginnt man dort offener die Karten luszuspielen und zu zeigen, welcher Art diewirkich entscheidenden. - Gesichtspunkte der englischen Politik in dieser ganzen Angelegenheit 'sind. Der ^Manchester Guardian", der in -dieser ganzen proionisiischen Strömung in - England von Anbeginn rc das. führende Organ gewesen ist, steht auch ier an-, der Spitze und hat als erstes großes 'latt. in einem Leitartikel, der vor kurzer Zeit schienen ist,, sehr nüchtern.und offen den"enteidenden. englischen Gesichtspunkt bei der Betciluug der zionistischen Frage ausgesprochen, schreibt nämlich : .„Die Argumente für die Ausdehnung der ritischen Kontrolle über Palästina in irgend einer orm beruhen auf unserer Lage-in Aegypten. Es! offenbar, daß,, wenn bei., dem Eintritt des o) Wiedens die türkische Herrschaft in Palästina und yrien fortdauern würde, unsere militärischen Proente in Aegypten sehr ernster Natur sein würn. Unsere ganze Orientpolitik war auf dem Gemken aufgebaut, daß die Türkei ein freundlich sinnter Pufferstaat sei, und dieser Gedanke ist nt zusammengebrochen. Wir haben neue Gründen zu. schaffen, undder erste. naheliegende danke wäre die Teilung in der Souveränität er die asiatische Türkei südlich des. Taurus mit Ereich in 'der Weise, daß Syrien an Frankch gegeben' und Palästina zu -einem jüdischen aat gemacht würde, der von unserem Lande abugt." ' - Damit ist in Laren Worten ausgesprochen, swegem die englische Politik solch eifriges Jnesse am Zionismus nimmt und ihn zu untcr-- gewillt .ist. Äm Schluß des Aufsatzes wieder- % hclt ies die Zeitung noch, einmal, indem sie disfeniacn Juden in. England, die aus innerjüdischen Motiven antizionistisch sind, dazu anffordert, ihre Gegnerschaft zum Zionismus fallen zu lassen mit dem Motiv, daß sie als . englische Patrioten für den Zionismus sein müßten, so schließ der Artikel: „Was auch immer gegen die, Errichtung eines jüdischen Staates als materielles jüdisches Interesse gesagt werden muß, es handelt sich zweifellos um ein Interesse Großbritanniens und der Alliierten, und das soll von den Juden erkannt werden, die das Wohlergehen ihrer Adoptivländer .wünschen." “■ Es ist von erheblicher Bedeutung, daß man in jüdischen und zionistischen Kreisen diese währe Gesinnung der Entente und vor allem Englands in ihrer Stellungnahme zur zionistischen Frage kennt und richtig einschätzt. Damit soll nicht gesagt sein, als ob eine Unterstützung des Zionismus durch die Entente von diesem abzulehnen wäre, weil die Entente dabei eigene Jnteressenpolitik treibt. Die heutige Politik ist ja nun einmal aus dem Grundsatz des „Do ut des" - ausgebaut und das jüdische Volk muß bei dem Streben nach der Realisierung seiner wichtigsten Forderungen jeden, der ihm dabei zn Hilfe kommt, begrüßen, auch wenn dieser es lediglich » aus wohlerwogener Intet esscnpolitik tut. -Wohl aber ist es notwendig, daß man auf Grund dieser-Kenntnis ,der englischen Motive bei der Unterstützung der zionistischen Forderungen die richtige Stellungnahme gegenüber England und dery anderen Ententeländern findet, und diese Stellungnahme kann nur die der unbedingten.Neutralität sein. Gerade, wenn man weiß, daß es nicht in erster Reihe rein hunräne und idealistische Gesinnungen sind, die die Sympathie Englands für den Zionismus erklären, sondern daß die englische Politik dabei den Zweck verfolgt, den Zionismus in den Dienstihrer Interessen, und Ziele zu stellen, wird es doppelt selbstverstäMich, daß der Zionismus diesen Versuchen Lcgenüber absolut neutral sich verhält. Mit dem Momente, wo der- Zionismus in den Dienst irgend einer Macht und irgendwelcher Aspirationen sich stellen würde, wäre es nicht nur mit der Organisation der zionistischen Bewegung zu Ende, sondern auch das eigentliche politische. Ideal würde damit auf dasunheilvollste.-diskreditiert und in unausdenkbarer Weise geschädigt. Der Zionismus steht-' bekanntlich, auf dem Stand-. Punkt, daß dia Verwirklichung seiner Forderungen nicht nur der oder jener Macht, dieser oder jener MächtekvaUtion. nützen würde; sondern für die ge-' samte Menschheit von Nutzen wäre, weil damit ein neues Land für die Kultur '.zurückgewonnen und zugleich rem jüdischen Volke freie Möglichkeit zur Entsaltung all . seiner Kräfte gegeben würde. Einen anderen Nutzen.als. diesen will und kann der Zionismus den anderen Völkern nicht bringen. Vor allem kann er nicht durch seine . Ziele und Aspirationen irgendwelche imperialistischen und weltpolitischen Tendenzen. einer der Großmächte fördern und unterstützen wollen. Aus diesem Gedankengang heraus hat auch der Zionismus immer, und gerade während des'Krieges, es abKlehnt, - zu der rein politischen' Frage der Souveränität über Palästina irgendwelche Stellung zu nehmen. Bor allem hat er es abgelehnt, irgend wie sich den Bestrebungen derjenigen Staaten anzuschließen, die. eine Aenderung d«: gegenwärtigen : Besitzverhältnisse in Palästina ' anstreven. Bor dem Kriege -und während des Krieges war die ziömflische Politik 'aufgebaut auf den Grundsätze^ der unbedingten Loyalität der Türkei gegenüber und wird es immerzu bleiben müssen MäK? England» auch glauben^ daß die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina seinen Interessennützet» konnte, vorausgesetzt, daß dieser Staat von der Türket losgelöst würde, der Zionismus muß solche Gedanken weit von sich weisen und verlangt nichts weiter als die Möglichkeitfteier Entwicklung der jüdischen 'Kolonisation in Palästina mit nationalkulturellen Rechten, ohne eine Aenderung der gegenwärtigen politischen Situation in PÄästina anzustreben. Es ist sehr erfreulich, daß diese Erkenntnis in allen zionistischen' Kreisen nach wie vor vor- - herrschend. ist. Erst die letzten Tage habcn einen Beweis hierfür erbracht in den sehr Lugen Worten, die bei der letzten Konferenz dsr pdlnischen'. Zionisten, die vom 28. Oktober bis 1. November in Warschau tagte, Dr. Gottiieb im Namen der Leiter der polnischen Zionisten über diese Frage geäußert hat, In seiner Eröffnungsrede der Konferenz erllärie er nämlich: „Die ztoüistische Arbsit und zionistische Organisation haben stets eine strenge Neutralität bewahrt. Unsere kolonisatorische Arbeit ist stets beherrscht worden von einer absoluten Loyalität gegetrüber dem ottomanischen Reiche, und wir haben nie' daran gedacht, unsere Hoffnungen mit irgend- , welchen politischen Plänen zn verknüpfen und auch nur iM geringsten die Integrität und Souveränität des türkischen Reiches anzntasten. Das jüdische Volk wird nie vergessen, welche gastfreundliche Austtahme beim türkischen Volk unsere Brüder fanden, die aus Spanien und Portugal vertrieben wurden. Unsere Forderungen in Bezug aus Palästina stehen nicht im Gegensatz zn den Interessen des türktschen Reiches. Wir fordern freie Entwicklung für die jüdische Kolonisation in Palästina unter geordneten und gesicherten rechtlichen Verhältnissen unter dertürkischen Oberherrschaft. Wir wollen dem türkischen Reiche einen neuen Zustrom menschlicher und finanzieller Kräfte zufiihren, wollen das halbvexödete Land in einen fruchtbaren, industriereichen Boden verwandeln. Wir wollen nichts.von der Türkei loslösen, sondern nur den Wohlstand des türkischen Reiches vergrößern undvermehren. Wir protestieren energisch, gegen jeden Versuch, unsere zurnistischen Forderungen, mit den unaufrichtigen imperialistischen Plänen irgendwelcher fretnfcert Staaten zu verknüpfen. Unsere Hoffnungen stützen sich nicht auf. irgendtueiche bewaffnete Macht, sondern auf die friedliche Arbeit und basierefn auf den Prinzipien der Gerechtigkeit .undder politischem. Klugheit des türkischen Volkes." f' Diese Worte zeigen, daß auch die polnischen Zionisten durchaus von dem Grundsatz' der Neutralität und der türkenfrenndlichen Loyalität der zionistischen Politik durchdrungen sind- Es - ist notwendig, daß gerade gegenüber solchen Aeußerungen, wie wir sie vom „Manchester Guardian" zitiert haben, dieser absolut neutrale Standpunkt des. Zionismus immer wieder betont und hervorgehoben wird. Es darf in dieser Beziehung "auch nicht der Schinuner einer 'UnLarheit aufkommen, sondern England und die Ententestaaten müssen wissen, daß,, so sehr das jüdische Volk ihre Synipathien für den Zionismus und für die Verwirklichung des palästinensischen Ideals begrüßt^ es doch nicht gewillt ist, deswegen sich irgendwie in den Dienst der - englischen Politik stellen zu

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