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Neue jüdische Presse · 1917-11-02 · Heft 41 (2.11.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 41 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr 41? interessant und -malerisch dar? Sie fand sogar anch den Beifall der vornehmen Gesellschaft. Sie konnte in der Tat .die-'Wünsche einer noch vornehmeren befriedigen. Äm.Fuße der Palmen, im Innern der Oase, sitzen nebeneinander drei, jüdische Greise. Sie klagen über das. Unglück, welches ihrem Väterlande die Rache der Philister' für die Vernichtung ihrer Felder durch die den Brand stiftenden Füchse Simsons gebracht hat. Ihre Kleidung ist lang, würdig; ihre weißen Haare fallen hinter den Pelzmützen auf die Schultern herab. — Man sicht.nur die von den Mützen Zur Hälfte bedeckten' Stirnen, die die Jahre und das Leid durchfurcht haben. Weiße Bärte bedeckten ihre Brust, und in den zitternden Händen halten sie große Stöcke, auf welchen sie die vom Alter wankenden Schritte stützen. Ihre Stimmen zittern und drücken vortrefflich die patriotische Furcht und den tiefen Schmerz aus, der ihre Herzen durchdringt. Die Worte ihres - Gesanges erzählen uns, daß der König der Philister als eine notwendige Bedingung des Friedens die Auslieferung und Gefangenschaft, „des starken Simson" gestellt habe. Die judäischen Greise beschließen Nun, von Sinrson zu verlangen, daß' er selbst sich als ein freiwilliges Opfer für sein unglückliches und sehr gequältes Vaterland in. die Hände des Feindes übergebe. Sie wollen zu ihm gehen und ihn darum anflehen, aber bekommt er selbst heran. Die Bühne stellt. nun ein wirklich dramatisches Element dar. , .. Sich in die Hände des Feindes zu übergeben!... O entsetzlicher Hohn, schreckliche Sklaverei, furchtbarer Tod! , ' Schmiele, der, seit er Simson geworden ist, den Genuß.des Ruhmes und Sieges erkannt hat, fühlt sich jetzt. schwer betrübt und cs schaudert ihn. Bon der andern Seite wieder berühren Pflichtgefühl und die Liebe zu seinem Vaterlande tief sein Herz. Seht nur, wie sich seine Gesichtsfarbe ändert! Wie todblaß seine Wangen und seine Stirn werden, was für eine Leidenschaft und Verzweiflung aus seinen Augen lodert, die dann wieder feucht mit dem Ausdruck grenzenlosen Mitleids glänzen! : Bravo! Bravo! Wir sehen hier keinen Schauspieler, sondern einen wahren Künstler vor uns, der sich bis in die kleinste Fiber 'seines Wesens in diesem Augenblicke als Mann von Gewalt und.vulkanischer Seele fühlt... Er kämpft lange — dann streckt er plötzlich den judäischen Greisen seine beiden Hände hin und ruft aus voller Brust ihnen zu: „Bindet mich!" > Der Ausdruck durchtönt den ganzen Saal und erregt den Eindruck ungeheuren. Schmerzes und großen Heldentums. Die judäischen Greise binden Simson die Hände und Füße. Die vornehme Gesellschaft hat Tränen in den schönen Augen, und aus den Winkeln des Saales hört man schluchzen und stöhnen. Josel, der Regisseur, hört schon gar nichts mehr, sondern er drückt das rote Taschentuch an seine Augen und weint. Darauf entsteht auf der Bühne ein Lärm und Waffengeklir. Der Herrscher der Philister betritt den Schauplatz mit seinem ganzen Gefolge. Er nimmt einestolze undhochmütige Miene an, da er den gebundenen Simson sieht, den die jüdischen Greise klagend und weinend vor ihn führen. . Der Gefangene steht unbewegt und würdevoll da und schaut mit einem ruhigen Blick, auf den Feind. Aber dieses Gesicht mit der großen roten Nase und dem Bart :» In Napoleon ist ironisch und verächtlich. Kein ritter- ' licher Zug von Großmütigkeit ist an dem stolzen Herrscher zu bemerken.. Seine Begleiter erlauben sich sogar, den machtlosen Heloen mit Vorwürfen und schlechten Scherzen zu überhäufen. Simson leidet einen Augenblick schweigend: dann aber fängt er an zu zittern; man sieht auf seinem Gesicht etwas wie 'den Sturm der Gefühle, die sich in Resignation vorher besänftigen, jetzt aber wieder aufschnellen, und man sieht auch, wie die Muskeln des Helden sich dehnen unter den fesseliüen ^Schnürern, Plötzlich durchläuft ihn ein Schauer vom Kopf bis zur Zeh', und die Fesseln fallen herunter wie ein zerrisses Spinngewebe; bevor noch die Philister zu sich kommen können, bückt er sich und ergreift einen Eselskinnbacken. Eine Armbewegung, einen.Augenblick — und die ganze Philister-Armee stürzt zu Boden, der Herrscher aber verschwindet, - sich schmachvoll durch die Flucht rettend. . r In diesem - Moment, int Rausche des Triumphs, k in dem freudigen. Gefühl, daß^cr.sich.und sein Bater- Fraukfurter Israelitisches KamLienAE land gerettet hat, wird Schimele so schön, wie ihn selbst die ihn immer bewundernde Zipa noch nie gesehen hat. Mit einer merkwürdigen Waffe in der Hand, mit einem zuckenden Lächeln auf. den Lippen, welche beim Oeffnen eine Reihe schneeweißer Zähne zeigen, in dem weißen Mantel, der ihm von der Schulter herabwallt, mit dem goldenen Helm, dem Federbüsch' mit Diamanten, die regenbogenförmige Strahlen auf seine Stirn werfen, singt er mit voller, überströmender Seligkeit eine Hymne des Ruhmes und der Freude. Er dankt seinem Gott, daß er. ihm geholfen hat, die „mächtigen Tausende" zu besiegen. Ob zu den Füßen Simson's'wirklich „Tausende" besiegt lagen? Ob die Waffe, mit der er sie bekämpft hat, wirklich ein Eselskinnbacken, oder vielmehr der.. eines Ochsens war? Das ist das Geringste. Genug, daß Simson in diesem Augenblicke schön, mächtig, berauscht, glücklich war, und daß, da der Vorhang herunterfiel, Josel, der Regisseur, anfing zu rufen: „Still, scht", und da er sah. daß er mit dem Rufen nichts inehr durchsetzen konnte, aufstand und in den finstern Teil des Saales.hineinging. Dort blieb er einen Augenblick und kam alsbald mit einem kleinen Jungen zurück, welchen er an der: Hand zur Tür der Höhle führte, in der der kleine Junge auch verschwand. Das arme Kind hatte noch nie auf einmal so viele Leichen gesehen. Die toten Philister erschreckten ihn sehr, und als einer von ihnen, ich glaube der Minister des Königs, sich während der langen Arie Simsons zu bewegen anfing, wahrscheinlich um sich eine bequemere Lag: für die ewige Ruhe auszusuchen, da schrie der Junge iius Leibeskräften auf. Seine Gefährten folgten seinem Beispiel, und es entstand ein Chor, der in dem ursprünglichen Szenarium der Oper nicht vorgesehen war. Josel beruhigte jedoch die Bewegung, indem er den Führer.derselben einem absoluten Ostrazismus aussetzte. Kaunk war Josel wieder aus seinem Platz, so ging der Vorhang zum dritten Mal auf. In der Mitte der Bühnesteht etwas, glaubt aber nicht, es sei ein Zelt, wo man Sodawasser verkauft, oder ein Zeitungskiosk! Nein! Es ist der Palast, in welchem die schöne, verlockende Philisterjungfrau Delila wohnt. Die Pforten des Palastes sind offen und verziert durch Portieren von Kattunvorhängen, welche am Rande gezackt sind, ganz wie in den Zelten für Sodawasser. Von der einen Seite des Palastes ist die Wand blind, auf der anderen hat sie ein Fenster. Hinter deni Vorhang auf einem Rohrstuhl sitzt Delila, herrlich geschmückt. Sie blickt mit ihren großen, kindlichen Augen, die wie Vergißmeinnicht in einem Bukett von Pfingstrosen aussehen, auf das Publikum. Dann steht sie auf, kommt hinter dem Vorhang vor und fängt zu singen an. Ein ganz schön sich entwickelnder Baß! Sie singt, daß sie durch ihre Reize den Simson verführen müsse, um ihm dann das Geheimnis seiner merkwürdigen Kraft zu entlocken. Delila bewegt sich ein wenig ungeschickt in dem langen Kleide, die großen Reifen der Krinoline genieren . sie .sichtlich, aber am meisten ist ihr der Rosa-Fächer, den sie in der Harro hält, unbequem; sie weiß nicht, was sie damit anfangen soll. Die wollenen Locken, die auf ihre Stirn und Schulter fallen, vermehren noch^ die Hitze, die sie schon fühlt, ob der tausend Augen, die auf ihr ruhen. Deshalb zittert auch ihre Baßstimme und fängt an, so niedrig zu sinken, daß sie schon nicht mehr aus einer zarten Frauenbrust kommen kann, und in den blauen Augen schimmern Tränen unaussprechlicher Qual. Aber dies alles bedeutet nichts! Schimele hat in seinem Leben noch keine so schöne Frau gesehen wie diese Delila! Ob er beim Eintritt auf die Szene wirklich die Delila, die dort stand, 'erblickt hat? Ich weiß es nicht. Doch habe ich später gehört, daß Schimele auf der' Bühne anstatt des roten Gesichts Meiers und statt seiner blauen Augen ein schwanenweißes Antlitz mit schwarzen Haaren und mit zwei flammenden Augen wie zwei Sterne gesehen haben soll, die auf ihn blickten. Er sah in diesen flammenden Augen die Tränen des Träumers schimmern und die Glut der Leidenschaft; die Gestalt, die vor ihm stand, war schlank und geschmeidig) ein Gebild wie aus Himmelshöhen! Was Schimele in diesem Augenblick fühlte, hatte er nie zuvor gefühlt und könnte er auch nicht beschreiben. Wenn er sich der reizenden Gestalt näherte, welche seine ~ Augen sahen, so sang er so warm und weich, so stürmisch und flehend, daß Delila ihre Augen weit vor Verwunderung öffnete und sich fast fürchtete, wenn sie ihm die Seite* Hand reichen sollte. Schimele ergriff mit einer gewaltigen Bewegung der Freude die Hand, welche den Fächer, hielt, und drückte Delila an seine Brust, so innig und küßte sie so herzlich, daß sie ganz erschrocken sich auS seinen Armen losriß und sich auf einen von den Stühlen setzte, die vor der Galerie ihres Palastes standen. Schimele kam ein wenig zu sich, setzte sich auf den andern Stuhl, und das Duett begann. (Fortsetzung folgt.) Und Gott erschien dem Ahraham. Eine relig. Phil. Skizze von Dr. May. „Wer von uns kann wecken bei dem verehrenden Feuer? Wer von uns kann wecken bei den beständigen Gluten? Wer in Rechtschaffenheit wandelt und die Wahrheck redei, wer Erpressungsgewinn verschmäht usw., der wird auf den Höhen wihne.n, den König in seiner Schönheü erblicken." Diese Jesajastelle (K. 33) haben die Midraschgelehcten zur Erklärung der Stelle: „Und Gott erschien dem Abraham" .herangezogen. Sie wollen hiermck offenbar jenem andern aus arabischen, also aus fremden Quellen stammenden Miorasch entgegentreten, der uns berichtet, wie Abrabam von der Naturbetrachtung ausgehend zur Gotterkenntnis gelangte. Wieso aber kommt es, fragen nämlich still diese Weisen, daß dann bloß Abraham zu dieser erhabenen Gotterkenntnis gekommen ist? War nicht gerade Urkasoim, das Ur der Chaldäer mit seinen endlos sich dehnenden Ebenen, über die sich der Himmrl so majestätisch prachtvoll wölbte, dazu angetan, mehr denn einen liefern Denker hervorzubringen, und hat es sie nicht in Wirklichkeit hervorgebracht? Warum hat das damals allmächtige Chaldäerreich nicht der Welt einen Gott gegeben? Und weiter! Nirgends wohl, so darf man behaupten, ist über die Natur und ihre wechselnden Formen so viel philosophiert worden, wie bei den Griechen; nirgends ist die geistige Einheit, die alle-Erscheinungen durchdringt, so klar gelehrt worden wie von den griechischen Philosophen Auaxagoras; nirgends ist wunderbarer und klarer der Gedanke ausgesprochen worden, daß es eine Urheimat, eine jenseits alles Menschlichen liegende Geburtsstätte unserer Jdqen von Wahrheit und Schönheit geben muß, wie bei Plato Warum hat das Griechentum der Welt keinen Gott gegeben? Warum sehnte.sich die Menschheit, die sich selbst überlassene, in sich selbst irre .gewordene, nach jenem Lichtscheine, der ihr von der Sonne Israels aufgehen sollte, warum suchte sie Schutz und Sicherheit hinter dem Schckd Abrahams? Weck der Gott, der Abraham „erschien", nicht durch eine Betrachtung der Außenwelt, der Natur, oder auf Grund philosophischer Spekulation sich ihm offenbarte, sein „eigen" ward, sondern als ein „fcktlichcr Zwang" mit unwiderstehlicher Gewalt ihn erfaßte und je mehr. er ihm folgte — unter Schmerzen folgte — weg vom Heimatland, vom Geburtsort, vom Vaterhaus, je mehr „das Feuer ihn verzehrte", um so herrlicher ihn „den König in seiner Schönheit" schauen ließ. Philosophische Spekulation hat nie das „Ich" bezwungen, es höchstens negiert. Wie aber schreit der Prophet: „Dachte ich, ich. wül seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen reden, da war es in meinem Innern wie loderndes Feuer, eingeschloffen in meinen Gebeinen; ich mühte mich ab, es auszuhalten, aber ich vermochte es nicht!" So offenbart sich Gott einem Abraham, so seinen Jüngern, den Propheten. „Wohin ich dich sende, dahin sollst du gehen," dieser Ruf zwingt einen Abraham, wie einen Jeremia. Und weil er weiß, daß nicht aus seinem Innern, daß von Gott dieser Ruf ausgeht, darum folgte er ihm bedingungslos, denn er will diesen Gott in sich selbst erleben. Und siehe da, mit jeder neuen Tat der Menschenliebe — nicht nur mit jedem neuen Grübeln —; mit jeder neuen Tat der Nächstenliebe erlebt er ihn mehr. Er freute sich seines Gottes, als er sprechen könnte zu Lot: „Ich gebe nach"; er fühlte den befteienden.Hauch d:s ewigen Gottes, als er vckr ihm zum König von Sodom Unser Büro ist vorläufig «ur vormittags von S1/*—l%xk Uhr geöffuet. Frankfurter Israel. FaruMeublatt.

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