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Neue jüdische Presse · 1917-11-02 · Heft 41 (2.11.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 41 (2.11.1917)
Date
1917-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IH1HBB BFHJlHa»1 Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Werteijahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. Pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.5V, . für. Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk7 2.— . Einzel - Nummern kosten 1v Pfg. Redaktion und GXpHiitron: Franbfurf s. lll.v:: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Inserlionspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 3V Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 2V Pfg. die sechsgefpcütme Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit, Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureau3. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 15. Jahrgang. Freitag, den 17. Chescliwan 5678 (2. November 1917) Nr. 41. Antisemitismus?) Von Prof. Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. ' Ms in den Augusttagen 1914 jene unvergeßliche Welle das deutsche Gemeinempfinden hob, eine elementare Naturerscheinung, schrecklich, erhaben und schön,- wie der Ausbruch eines Vulkans, da ging durch die Herzen der deutschen Juden das starke Wollen: „Jetzt fechten wir uns heraus aus dem Viertelbürgertum, dem verhaßten Metökentum, in die Vollbürgerschaft. Jetzt können und wollen wir zeigen, daß wir unser Vaterland nicht minder heiß lieben als alle anderen, jetzt wollen und werden wir beweisen, daß in uns nicht weniger Kraft und Mut und Opferfreudigkeit lebendig ist." Wie viele habe ich Abschied .nehmen sehen, in denen dieser Toppelwunsch alle Kräfte fast. zum Zerreißen spannte, der lieben deutschen Heimat zu leben und im Notfälle zu sterben, aber gleichzeitig dem Namen der Väter, dem viel verlästerten, neue Ehre zu gewinnen. Es war wenig oon der leichtherzigen Freude in den jungxn Gesichtern titeinev Schüler zu sehen, von der Lust mit Abenteuer, an der Bewährung jugendlicher- Kraft, die so viele andere Züge prägte: es war eher zäher Trotz, der mit zusammengebissenen Zähnen murrte.: «Jetzt zeigen wir's ihnen, denen drüben — und denen hüben." Sie haben gehalten, was sie sich und uns gelobten. Tie Statistik der jüdischen Kriegsteilnehmer wird einmal beweisen, daß-sie gerade so brav und zäh zu kämpfen und zu sterben wußten, wie die christlichen Kameraden. Trotzdem sie fast überall, ungerecht gehandikapt, mit schwerem Gewicht zu laufen hatten, trotzdem sie gewiß bei gleicher Leistung nirgends die Ersten waren, die an die Reche kamen, haben sie die beiden Ehrenkreuze und wahrscheinlich sogar den Pour le Merite ungefäbr im Verhältnis zu ihrer. Anzahl in den gleichen Chargen und Jahrgängen erstritten. Jede andere Statistik wäre irreführend: da nahezu jeder höhere Offizier vom Major aufwärts das E. K. I. besitzt, während ‘ der Jude es höchstens bis zum Leutnant bringen konnte> darf man auch nur die dekorierten nichtjüdischen Kämpfer der gleichen Jahrgänge und des gleichen militärischen Ranges zum Vergleich heranziehen. Selbst diese 'Statistik wird gegen alle Hasser und Verleumder zeugen. . Und noch - mehr die Statistik des Todes! Ter Schlachtentod macht keinen Unterschied zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen. - Und er hat genommen, was ihm nach der Verhältuiszahl zukam, und wahrscheinlich mehr. Denn unsere Jungen haben sich, mußten sich mehr aussetzen Äs die anderen. Sie täten es schon im Frieden. Es war nicht ihre Schuld, sondern die ihrer Umgebung, wenn ihr Ehrgeiz immer etwas überheiztes an sich hatte; sie hätten es. so viel schwerer, sich durchzüsetzen. Darum arbeiteten sie als Gelehrte und Künstler mit Ueberdruck. Darum ist ihr Prozentsatz unter den verwegensten Alpengängern immer erstaunlich hoch, und die. Zahl der 'Opfer außer allem Verhältnis gewesen. So auch jetzt. Schir oft ist mir-von Vorgesetzten gesagt worden, daß ihre Juden immer die ersten bei jeder Meldung zu gefährlichen Aufträgen waren, ja, daß man sie um ihrer Waghalsigkeit willen tadeln mußte. Der österreichische Minister v on Sturz kl) *) Aus dem Heft 1 des 2. Jahrganges der „Neuen Jüdischen Monatshefte" (Halbmonatsschrift) erscheint unter Mitwirkim^von Geh. ReglernngÄcat. Prof. Dr. H. Cohen, Mex^Eli'asberg, Dr. A. Friedemann, Geh. Justizrat Tr. E.7-Fuchs und: Prof. Dr. F. Oppenheimer. Preis vierteljährlich 2.90 Mk., Einzelheft. öO Pf. - : v sagte mir wörtlich : „Unsere Juden haben sich in der Front und hinter der Front so trefflich gehalten, daß der österreichische Staat entschlossen ist, ihren Wünschen so weit wie möglich entgegenzukommeu." Und ein Generalstabsoffizier: „Zwei Vorurteile haben wir abgelegt: von der Minderwertigkeit der Reserveoffiziere und der militärischen Unbrauchbar-, keit der Juden." Es wurde dafür gesorgt, von Anfang an., daß das Feuer. unter dem Kessel ihres Ehrgeizes nicht geringer wurde. Man hat sie schwer gehandikapt, vom ersten Tage des Krieges an, und troZ, vielleicht wegenihrer Leistungen, von Tag zu Tag mehr. Wir sprechen es in tiefer Scham aus, nicht in Scham für unser Judentum, sondern für unser Deutschtum, daß undeutsches Wesen unsere Jungen — nicht überall, aber furchtbar häufig — krankte und beleidigte, in ihren heiligsten Empfindungen erkältete und zum Uebermaß stachelte. Ich sage mit vollem Bedacht: u n d e u t s ch e s Wesen! Denn dem Deutschen galt immer für einen Neidiug, wer den Waffenbruder schmähte, dessen Blut mit dem eigenen in eins zusammengeflossen war. Als das schöne Kaiserwort gesprochen wurde, daß es fortan nur noch Deutsche gebe, blieb ein Teil des deutschen Volkes kalt und' ungerührt, der herrschende Stand Preußens. Daß er stand und focht, brav wie je, der alte tapfere Kriegetadel, verstand sich von selbst, und es soll wahrlich nicht verkleinert werden, was er geleistet hat. 'Auch uns ist der Name Hindenburg ein Palladium. Aber von dem „neuen Geist" im Reich wollte er nichts hören. Seine herrschende Stellung war gefährdet, war verloren, wenn im neuen Deutschland das ganze Bürgertum, auch die Juden, wenn gar - die Arbeiterschaft zu voller Gleichberechtigung vollwertigen Bürgertums aufstieg. Und so bremste er von Anfang an und goß sein Wasser in den Wein der nationalen Begeisterung. Als Soziologe hatte ich. es nicht anders erwartet: jede Gruppe wehrt sich bis zum - äußersten um - ihre Stellung und hat dabei — das ist das sozialpsychologische Grundgesetz!.— das beste'Gewissen von der Welt. Sie ist schlechterdings nicht imstande, andere verstaitdesmäßige Vorstellungen und sittliche Wertungen aufzunehmen oder auch nur bei anderen zu verstehen, als die, die das Gruppeninteresse verteidigen. Das wußte der Soziologe, und dennoch. litt der Mensch in mir, als nach einem Vyrtrage, in dem ich Ludwig Franks gedacht hatte, eines der edelsten Opfer dieses Krieges, auch eines, der mit vollem Bewußtsein für sein. Deutschtum und sein Judentum gleichmäßig in den Tod gegangen war, des ersten Reichstagsmitglieds, das geblieben war, — als damals die antisemitische Presse hohnvoll über mich herfiel: „Macht euch keine Hoffnung ihr seid und bleibt die Parias Deutsch- l'ands." Das war noch. in den ersten Kriegswochen. Schon dantals stand unser alter Todfeind auf der Wacht, und seitdem, trotz allem Blut, was floß, trotz aller gemeinsamen Trauer und Not, ist er nicht müde geworden, sein Gift in., alle Ohren zu träufeln, und hat leider auch dort Erfolge gehabt, wo ' staatsmännische Weisheit und Gerechtigkeit hätten gegen eingewurzelte Vorurteile die Oberhand behalten müssen. Wrr. haben die Statistik über die Juden in der Etappe und den Kricgsämtern nicht vergessen, der der Reichstag zustimmen zu müssen .glaubte, um einer bösen Legende ein Ende'.-zu machen) und von-der es dann so still wurde, weil offenbar das erwartete Ergebnis nicht herauskam — oder weil man sich doch vor dem Auslande schämte? Wir haben nicht vergessen und werden nicht vergessen, daß das Preußische Ministerium des Innern seine hergebrachte Judenpoiitik nicht um ein Haar änderte; es hat nach wie vor auch denjenigen ausländischen Juden die Naturalisation verweigert, deren Söhne im Heeresdienste stehen, und wir kennen wenigstens einen Fall, wo der Vater, ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Mann vom besten Rufe, noch immer nicht das deutsche . Bürgerrecht erhalten konnte, obgleich sein Sohn, mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückt, vor dem Feinde geblieben ist. Und wir haben nicht vergessen und werden nicht, vergessen, daß von gewissen hohen militärischen Stellen der ausdrückliche Befehl ergangen ist, nicht etwa dis sämtlichen in Etappen und Garnisonen befindlichen Mannschaften, sondern nur die I n den aufs schärfste nachzumustern, und so' der ganzen Gemeinschaft das Stigma des Drückebergertums aufzuprägen versuchte. Gewiß gibt es auch jüdische Drückeberger: gibt es keine uich'tjüdischen? Gewiß gibt es auch jüdische Kriegsspekulanten und Schieber: gibt es nur jüdische?. Es sollte uns nicht einmal wundern, wenn es so viele, ja, wenn es ein paar mehr gäbe, als der Beteiligung der Juden am kaufmännischen Stande entspricht. Wer hat sie in den Handel hineiugepreßt, weil ihnen kaum ein anderer Weg zum Ausstieg ftei blieb? Wer hat im Anfang des Krieges zum Schaden des Reiches den legitimen, alteingesessenen soliden Handel mit einem Schlage fast ausgeschÄter, brotlos gemacht und dadurch viele gezwungen, auf krummen Wegen zu gehen? Wer hat sie zu Parias herabgedrückt und hat jetzt die Kühnheit, von ihnen, von allen, die Handlungsweise des stolzen fteien Vollbürgers zu .fordern? Nicht jedem steift, leider, die Ungerechtigkeit düs Rückgrat, manchem bricht sie esi; nicht jeden stachelt sie zum edlen Ehrgeiz der. sittlichen und beruflichen Höchstleistung, manchen macht sie auch zum Halunken. Wir sind ja doch nur Menschen! Wie dem Baume Sonne und Winds ist dem Menschen seine Ehre! Ihr habt sie uns geweigert, und jetzt scheltet ihr, daß einige von uns krüppeln? . Was oben gesündigt und zugelafsen wurde, hat sich nach unten tausendfach durchgesetzt. Auch das ist ein sozialpsychologisches Hüuptgesetz, daß ein Volk in seiner ganzen Masse, trotz gller Gegensätze der Klassen, die äußere Lebenshaltung der Oberklasse in Meldung, Benehmen und Ausdruck nachahmt. 'Natürlich plumber und gröber! Der Reserveoffizier, ror allem der junge, der von der Schulbank weg zum Heere eilte, doch noch keine Erfahrungen aus dem bürgerlichen Leben mitbrachte, der oft schon als Knabe der gleichen allmächtigen Suggestion der Oberllasse verfallen war, ahmk in allem sein Vorbild, den aktiven Offizier, nach (hat auch' gar kein anderes Modell und Muster) und daher auch in der Weise, vom und zum Juden zu sprechen. Und von da geht es zum Unteroffizier und zum Mann, im immer gröberen Milieu immer mehr vergröbert und verplumpt. Sind es beinr wohlerzogenen aktiven Offizier kaum mehr als Abschattungen des Tones und der Behandlung,' die freilich gerade die besterzogenen unserer Jungen besonders hart und schmerzlich verwunden, so hält der junge Reserveoffizier Miene und Zunge weniger sorgfältig im Zaume, und beiden Unteroffizieren ist oft genug von Zaum und Zügel kaum noch die Rede. So langer Mfegmacht ä;ü -

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