Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 40 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 40 _ ~ '_ .sine Ester und Mendele stoßen ein Triumphgeschrei. „K. . Sic verlassen den Vater und vereinigen sich mit er Schar der kleinen Kinder. Aber all' diese kleinen Nachbaren sind älter wie if, haben längere Füße und können auch, weitere Schritte liachcn. - Dabei sind sie sehr lustig, weil sie so schön Mnsgeputzt sind; btc- Mädchen besonders strahlen in >m frisch gewaschenen Cretonkleidchen und den. roten fiichlein, die ihre Köpfe bedecken. — Sie laufen lärr.cub und lachend und' denkengar nicht daran, aus' >ic zwei kleinen Wesen zu achten, die hinter ihnen her nit glühenden Gesichtern jagen. Sie sehen und bemerken' ]« nicht, daß die blauen Schuhe von Ester im Schnee ictfett bleiben, und zwar so, daß man sie gar nicht icrauäl) -len kann, und daß das Käppchen von Mendele ntwährend. vom Kopfe hcrunterfällt. Wegen dieser rchuhe und jenes Käppchen müssen sie immerfort stehen icioen, und oh, diese Bänder! sie sind wieder hervor- ^rrutscht aus der kleinen Jacke und beschweren noch >ic ohnehin schon wankenden Schritte. Schon hat die lustige kleine Gesellschaft das Ende -es Gäßchens erreicht und entfernt sich immer weiter >md weiter; denn sie-eilt rasch durch die mit Schnee bedeckten Boulevards. Die kleine Ester und Mendele strengen ihre ganzen Kräfte an, endlich gelangen sic euch an das Ende des Gäßchens. Aber wo find die, welche sic führen sollten? Sie sind auf dem Boulevard uicht mehr zu sehen, wahrscheinlich sind sie durch eine Zeitenstraße gegangen und irgendwo verschwunden! Was nun? Sollen sie beide allein weiter gehen, es wäre schon gut, aber — vor dew Augen dieses kleinen Paareswelches sich wieder an den Händen hielt und am Einzang in das Gäßcheu stehen blieb, weiten sich unermeßliche, unendlich große Räume aus. Was für eine ungeheure Größe und lvelch' unbekannte Welt! Ihr Alter ist schuld daran, daß sie hier noch nicht gewesen sind. Wie können sie jetzt in die unbekannte Welt hinausgehen? Wenn sie auch über die weite Fläche hinauskonunen, wie sollen , sie dann, weiter gehen? Bon allen Zeiten der Ebene öffnen sich lange steile Schluchten, und in diesen ertönt ein schrecklicher Lärm und ein civiges Gerassel! Welche.Schlucht eigentlich führt zu vem ersehnten Ziel ihrer Reise? Sic haben keinen Begriff davon. Was tun? Ganz einfach, nach langem Zaudern und Gucken ballt Ester ihre beiden Fäustchen und legt sie an die Augen, aus denen ein Strom von Tränen hervorbricht. Mendele folgt schleunigst ihrem Beispiel, nur mit dem Unterschied, daß er wehmütig imd herzzerreißend schreit: „Tatele!" Esterchen ist älter und weiß, daß der Vater sie nicht hören kann, weil er schon sehr weit weg ist; aber die Mutter ist näher, korrigiert den Bruder und schreit: „Mamcle". — Mit diesen Rufen und unter Tränen kehren sie um und gehen durch die Gassen nach Hause. Zu derselben Zeit tritt Zchimele, der von der Sorge seiner beiden; Kinder nichts ahnt, Tn die Theatergarderobe ein. Hier ist es voll, geräuschvoll und rot, — sehr rat. Die Röte strahlt besonders zurück von Maische, den: Schildermaler, der in der Garderobe in vollem Kostüm, das er schon seit Mittag trägt, herumspazicrt. Breitschultrig, kräftig, mit abgehärteten Nerven und durch die schwere physische Arbeit entwickelten Muskeln, ist Maische viel weniger empfindlich und gewissenszart lote Schimele. Dabei fühlt er auch nicht als Philistecfürst eine so große Verantwortlichkeit der Aufgabe, um beim Volke hohe Achtung und Sympathie zu erwecken. Er ist sehr lustig und voll guter Gedanken. Man sieht es ihm gleich an, daß er die Seele des ganzen Unternehmens ist. — Er sieht auch wirklich.sehr stattlich aus, wie es sich für einen Monarchen eines so großen Landes ziemt. Sein Kostüm bilden rote Beinkleider und eine ebensolche Bluse mit einer goldenen Tresse als Gürtel? Sein Kopf ist von einer goldenen Krone mit roten Punkten gekrönt, und am Gürtel trägt er einen vcritabeln Säbel, den er von einem Soldaten entliehen hat. Moische ist so rot, daß jemand, der seine Rolle nicht kennt, denken könnte, er habe die Rolle eines mittelalterlichen Scharfrichters zu spielen. Im Grunde genommen aber ist das Kostüm ein getreues, der Würde entsprechendes, und das Gesicht mit einer majestätischen Pappnase mit einem durch Kohle gefärbten schwarzen Schnurrbart und spitzem Bart a la Napoleon sieht königlich aus. — Er geht schon seit ein paar Stunden so durch die Garderobe, klirrt mit dem Säbel, singt leise und ruft laut und energisch die . nötigen Kommandoworte für seine Soldaten. Es ist gewiß eine kleine Armee, die aus vier gemeinen Soldaten und einem Führer besteht. Der Führer oder General ist , zugleich der erste Vertraute und Minister des Herrschers. Isaak, der Klempner, strahlt förmlich in seinem gelben, mit kleinen Frankfurter Israelitisches FamAienblatt. silbernen Blechen besäten Anzuge. Von Natur. brünett, aber da Simson und der Philisterherrscher ebenfalls brünett sind, so hat er sich der Abwechslung halber eine feuerrote Perrücke gewählt, die er noch mit einem kleinen Strauß von grünem Gras geschmückt hat. Die gemeinen Soldaten, haben einfachere Kostüme,. aber doch schön genug, um ihrem Herrscher Ehre zu machen. All diese Ritter sind, wie sich das auch wohl für Ritter ziemt, sehr zeitigzur Stelle, um das Kriegsfeld zu betreten. NurEDelM als-Dame ist noch Mcht fertigt, Dort in einem Winkel der Garderobe, wo'sich die meisten' Leute angesammelt haben und ein toller Lärm herrscht, sitzt Meier, der Sohn Josels, des Kürschners; cr - fällt fast in -Ohnmacht vor Scham und heimlicher Freude, als man ihm auf die Riesenkrinolinc ein blaues Kleid anzieht und in die Perücke, die ihm in wollenen Locken auf die Schulter fällt, zwei große rote Rosen einsteckt. Das Gesicht Meiers ist rund, fast kindlich, noch dazu so rot wie jene' zwei Rosen. Mit stiller Verwunderung zieht er auf seine großen Hände, die seit langer Zeit schon dem Vater Bei seiner Arbeit behilflich.sind, die hellgelben Handschuhe, und mit noch größerer Verwunderung faßt er den ihm gereichten Fächer aus rosa Seide an. In den gelben Handschuhen und den Fächer in der Hand steht er mit dem Rücken an die Wand gelehnt gemde und steif da; die Personen, die ihm! beim Ankleiden behilflich gewesen, natürlich waren alle Männer, entfernten sich mit dem Philisterfürsten Moische auf ein paar Schritte, mustern ihn aus der Entfernung vom -Fuß bis zum Kopf, und einstimmig drücken sie mit großer Zufriedenheit ihren Beifall in den Worten aus: „Eine schöne Dame." In diesem Augenblick tritt Schimele herein. In der Garderobe wird es still, ein Beweis der Achtung, die sie ihm zollen. Schimele bricht dieses Schiveigen durch kein Wort. Er nähert sich dem Tische, wo sein Theatcrkostüm liegt, und fängt an, cs anzuziehen mit einem so feierlichen Gesichtsansdruck und einer solchen geistigen Anspannung, tote er gewöhnlich den T-allis und die Tefillin anlegt. Es ist aber auch die höchste Zeit, daß die Künstler ihre Toilette beendigen. — In dem Theatersaal fangen die Gäste schon an, ungeduldig zu werden! Was ist das aber für ein Theater-Saal? Wo befindet er sich, und in welcher Weise hat chn die Kompagnie der Tilettanlcn für den heutigen Abend bekommen'? Es wäre davon viel zu erzählen! Denn es waren nicht wenige Schwierigkeiten, Sorgen und Quälereien damit verknüpft. Endlich hat man aber den Saal doch erhalten. Es führte zu demselben von der Straße aus eine lange .Höhle, alias Flur, in dessen dunklen und nebelhaften Tiefen man sogar ein Buffet errichtet hatte, das überhäuft war mit einer Fülle süßer und sehr -verlockender Dinge, mit schwarzen Mohnkuchen, Hamantaschen, Aepfeln, Nüssen usw. Durch diese Höhle zogen nun Schwärme von Menschen in einen sehr engen und ungewöhnlich langen ' Saal, wo der Fußboden zur Bequemlichkeit der Zuschauer mit abschüssig' hingelegten Holzklötzen belegt war. Die Oberfläche dieser Holzklötze war halbrund, und man kann nicht sagen, daß sie irgend einen Komfort geboten hätten. Wenn man einen etwas schlechten Willen mitgebracht hätte, so könnte man auch der Beleuchtung manches vorwerfen, weil sie so eingerichtet war, daß nur die Bühne und die ersten paar Bänke, wo die höhere Sphäre der Gesellschaft saß, beleuchtet waren, während der- Rest des Saales finster wie die Verzweiflung blieb. Von einem Orchester war natürlich nicht die Rede, obwohl das auszuführende Stück eigentlich eine Oper war. 'Auf dem Platz aber, wo sich gewöhnlich das Orchester befindet, stana ein Stuhl, und auf diesem saß Josel der Kürschner, und zwar mit dem Gesicht nicht etwa zur Bühne, sondenr zum Publikunr gewendet; er hatte nicht die Künstler zu dirigieren, sondern das Publikum. Die Künstler hatten ihre Rollen ausgezeichnet inne, und mit Hilfe und unter Aufsicht Moisches, der sehr energisch und geistesgegenwärtig ist, werden, sie sich sehr gut aus der Affäre ziehen. Aber das Publikum ist ein stürmisches und zuchtloses Element. (Fortsetzung folgt.) Aus der Wett der ThMdim.' Bon Chaim Bloch. Delathn. 1. daalschem's Later. In einem kleinen Orte in der damals noch türkischen Moldau wohnte ein Mann mit Namen Rabbi Mieser. Einmal überfielen tartarische Räuber den Ort und nahmen unter anderen Legten auch Rabbi Elieser gefangen. Sie brachten ihn in ein fernes Land, wo keine Juden wohnten. Hüte 5 die ihn ausgelöst hätten, und verkauften ihn an einen Fürsten. Da der Rabbi seinem Herrn treu und redlich diente, machte ihn dieser zu seinem Bermögensverwalter und gestattete ihm auch, am Sabbat zn ruhen. Doch Rabbt Elieser hatte Sehnsucht nach Hause, und er plante zu flüchten. Da hörte er im Traume eine Stimme, die ihm befahl, sein Borhaben vorerst noch nicht anszuführen. Kurze Zeit darauf wollte der Fürst dem Bizekönig ein Geschenk machen und er fand kein wertvolleres als seinen treuen Sklaven Rabbi Elieser. Der Rabbi gefiel auch seinem!; neuen Herrn, der ihm ein Zimmer übürgab, damit er darin ferne. fromme Andocht verrichte- und ktilte ihm keine Arbeit K zu. Seine einzige Dienstleistung bestand darin, jedesmal bei tder Rückkunft den Bizekönig vom König nach morgenkändiscter Sitte mit einem Becken Wasser zu erwarten und 'ihm die Füße zu waschen. Sonst widmete sich der Rabbkder göttlichen Andacht, und da er keine jüdische Bücher hatte, sang er täglich die Lvbeshymnen, die er auswendig kannte. Einmal geriet der König in einen Krieg mit einem mächtigen Nachbarstaat. Der Bizekönig sollte in der Bedrängnis weisen Rat geben, aber er wußte keinen. Er fiel, daher bei! - seinem königlichen Herrn in Ungnade. Mißgestimmt kam er nach Hause, und als Rabbi Elieser wie gewöhnlich die Fußwaschung vornehmen wolltelehnte er ab. Ter Rabbi fragte ihn um die Ursache der Niedergeschtzrgenheit, und der Bizekönig, überzeugt von der Treue seines Dieners und voll Vertrauen auf seine Frömmigkeiterzählte alles. Rabbi Elieser antwortete: „Seid ruhig, ich werde zu Gott beten, bannt mir vom Himmel ein rühtiger Rat gegeben werde." Am nächsten Morgen erzählte er dem Bizekönig von einem Traume, den er des Nachts gehabt hatte. Der Bizekönig begab sich gleich zum König und übergab ihm! den Rat, der an einen Sieg nicht zweifeln ließ. Der König sagte: „Der Rat ist übernatürlich; es ist nichts anders, als daß du ein Zauberer bist." Der Bizekönig mußte nun die Wahrheit beichten, und die Folge war, daß Rabbi Elieser auch beim König zn großem Ansehen gelangte, so daß er zum Ratgeber ernannt wurde und den König in das' Kriegsquartier begleitete. Alle Vorschläge Rabbi.ElieserS bewährten sich und er stieg von Tag zu Tag in der Gunst des Königs. Jwpoischen jstarb der Bizekönig, und da fand der König unter allen seinen Ratgebern Rabbi Elieser als den geeignetsten Nachfolger. Er gab ihm anch die Tochter des Bizekönigs zur Gattin. Rabbi Elüser, der in seiner Heimat ein Weib zurückgelassen hatte, berührte die Bizekönigtachiter nicht. Einmal, als er mit seiner Gattin bei Tisch saß, ftagte sie ihn: ,Mas . bedeutet es, daß du mich nie anrührst?" Der Rabbi er- , widerte: „Schwör mir, daß du mich nicht verraten wirst, und ich werde dir alles erzählen." Sie schwor, und er erzählte seine Abstammung und-alle seine Erlebnisse. Tie Bizekönigtochter gab ihm eine große Summe Geldes und schlickte ihn im Geheimen weg. Unterwegs aber überfielen ihn Räuber und nahmen ihm alles. Es tat dem Rabbi leid, mtt leeren Händen zn seiner Gattin heimkonrmen zn müssen. Da offenbarte sich ihm der Prophet Elias, tröstete ihn und gab ihm die Zusicherung, er werde einen Sohn bekommen, der die ganze jüdisch^ Welt erleuchten werde. Des Rabbis Weib war zur Zeit des Ueberfalles von der Moldau in ihr Elternhaus nach Oküp, einem Dorfe an der galizisch-russischen Grenze, geflüchtet: es währte daher lange, bis er ihren Aufenthalt erforschte. Rach Verlauf von neun Monaten, da er zuhause war, gebar sein Weib einen Sohn, und sie nannten ihn Israel. Die Mutter starb jedoch einige Tage nach dem Beschneidnngsfeste. 2. Baalschem'S Jugeudjahre. Als Israel fünf Jahre alt war, erkrankte Rabbi Elieser, und da er fein Ende heraimahen sah, nahm er die Hand seines Sohnes und verabschiedete sich von ihm mit folgenden Worten: .Zch bin nicht wert, dich großzuziehen-, wisse jedoch, daß ich eine Zusage habe, daß Gott mit dir sein wird; gehe daher unerschrocken deinen Weg im Lehen, wie'du ihn für richttg finden wirst." Nack dem Tode Rabbi Eliesers nahm sich die Gemeinde des kleinen Israel an. Er wurde zunächst in die Kinderschule gegeben. Doch er lief oft aus der Schule fort und verbrachte ganze Tage in Wall» und Flur, bis sein Lehrer seiner überdrüssig wurde und ihn vom Cheder entfernte. Nun komtte er nach Herzenslust in Gottes Natur hermnlaüfen. Zehn Jahre alt, kam er zn einem Kinderlehrer in Horadenka als Behelfer. Seine Aufgabe als solcher war, die kleinen Kinder vom Elternhause indas Cheder zn bringen und zurückzuholen. Er fühlte sich als Führer der kleinen Inden besonders wohl; aber auch^ die Kinder liebten ihn sehr. Er pflegte sie auch in die -Synagoge zn führen undmit ihnen nach einer von ihm erfun- _ denen Weise den Hymnus: ,,Ame>i, es sei sein großer Name gepriesen für alle Ewigkeit" (in der Eulogie „Jisgadel") zn singen. Die Gesänge gingen bis in den Himmel, und der Schöpser hatte daran Freude, als wäre es der Gesang der Leviten im Tempel Jerusalems. Es war im Himmel eine Stimmung der Gnade und der Barmherzigkeit — und, nichts von Strenge. Das verdroß den Satan, und er bestellte einen Geist der Israel hindern sollte. Der Geist schreckte die Kinder, wenn sie in die Synagoge geführt wurden; doch der unerschrockene Israel erschlug den Störenfried. Israel wurde bald seiner Behelferstelle überdrüssig, kehrte nach-Oküp zurück und nahm die Stelle eines Lehrhauswächters; an. Wenn die Leute lernten und beteten, dann schlief er; wenn aber das Lehrhaus menschenleer war, dann lernte und betete er ntit starker Innigkeit. Er heiratete halb die Tochter eines Pächters; aber sein Weib starb schon nach einigen Monaten. i -