Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 40 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4- . — . " ■■ -:■ 11 1 " 1 Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Niertrtzutzr: In Frankfurt a. M. Mk. I.i— frei inS HauS. Bei der Post abonniert SO Pfg-7 frei ins Haus 4 Psg. pro. Monat mehr. — Bei Zusendung durch. Streifband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk.' 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Psg. Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7.? Femsprecher Amt Hansa 2903. . Hsvan-gch-r: Galg Hets. Jusertiousprris für die fünfgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Der Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen» Angebote und »Gesuche. Wohnungsinserate> Heirats - Annoncen 20 Pfg. die sechsgefpaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datmn-Borschrist ohne Verbindlichkeit. -; Annoncen-Annahmebei der Exped. und in a.Annoncen-BureauL : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4864. > — -- -l 15. Jahrgang. Freitag, de« 11. Chescliwan 5678 (26. Ottober 1917) Rr. 40. _.____ _ _ _____ — * " . ■ ' _ , ---• - - Israels Zukunft. „Ein jeder hilft seinem Nächsten, — und doch sagt man zum Bruder: „Sei selbst stark!" Es stärkt der Schmied den Schmelzer, der den Hämmer glättet, den, der den Amboß schlägt. Man sagt von der Verbindung, daß sie gut sei und befestigt sie dennoch mit Nägeln, damjt sie nicht wanke. " Du aber Israel fühlst Dich als mein .Diener, bist das Haus Jakob, das ich erwählt habe, bist Nachkomme Abrahams, der mich liebte." lHaftoroh zuin Wochenabschnitt „Lech lecho".) * Zweieinhalb Jahrtausende sind dahin, seitdem der Prophet Jesaja diese Worte sprach. Und doch klingen sic so in unser Ohr, als seien sie erst heute gesprochen. Noch immer sind die Handlungen der menschlischen Gesellschaft von materiellen Beweggründen geleitet. Selbst das in seiner sozialen Gesetzgebung am meisten fortgeschrittene Land, unser Deutschlaich, ist noch nichl zu dem Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Gottesgeschöps gewertet werden muß. Gott, der Schöpfer des Weltalls urrd in jedem Menschen ein Hauch von Gott — würde dieser Gedanke in der Völker Dasein Stätte gewinnen, die Menschheit hätte das Glück, hätte den ewigen Frieden. Solange aber noch Jnteressenpolitik herrscht, solange der Schmied nur deshalb den Schmelzer stärkt, weil er ihn benötigt, — solange bedarf's nur der geringsten Ursacbe, <im den Unfrieden, um Hader und Streit' hervorzurufen. Solange herrscht auch die größte Ungleichheit unter den Menschen, denn jeder wsll nur für sich' sorgen und achtet nicht ini Mitmenschen seinen gleichberechtigten Bruder. Nicht der Gott des Weltalls, das eigene Ich ist vielmehr in den entscheidenden Augenblicken stets das Bestimmende. Ein Volk gibt's freilich, dem seit seiner Wiege Zeiten ein anderes Ideal voranleuchtet. Es ist das Volk Israel, das sich als Wiener Gottes fühlt, dem nicht niaterielle Macht, sondern Das Wort Gottes zum Daseinszweck ward. Schon sein erster Stammvater, Abraham, liebte Gott und . liebte deshalb die Menschen. In Israel. zählte man nie die Menschen; wenn eine Feststellung der Anzahl nötig war, dann gab -ein jeder, arm wie reich, einen halben Schekel als Zeichen der Gleicht berechtigung jedes Bruders, als Zeichen aber auch, * daß bei chm nicht die Zahl, das Symbol der Macht, sondern Gottes Wort herrschend ist. In Israel galt es stets als eines der Grundprinzipien seiner Religion, daß die Liebe, die man gegen die Menschen ausübt, die Liebe Gott gegenüber bedeutet. Des Volkes Israels Entstehen war gegen den natürlichen Gang der Tinge, Israels Bestehen ist von jeher ein Wunder gewesen. Auch dieses lehrt, nicht auf die Politik des kleinen Menschen sein Augenmerk zu richten, denn geschieht dies, so geht's stets um das Abwägen der Macht. . Zählt man in Israel, ’ dann bricht eine- Seuche aus, lehrt das Gotteswort. Da man dem Götzen, der' Macht sich dienstbar macht, und nach irdischen Maßstäben mißt, muß bei einem Volke, dessen ganzes Dasein ein Wunder ist, Verheerung eintreten. ' ' . Scharf umrissen steht hier eine herrliche . Lebensaufgabe vor uns Söhnen Israels. Unser jüdisches Volk lebt heute in einer seiner kritischsten' Zeiten und nur in dem Ruf nach Palästina scheiyt ''ihm Rettung ^zu winken. Wohl dürfen/ ja sollen 'wir nach dem Lande der Vergangenheit unseres Volkes zurückstreben. Ein heiliger Dienst ist solches Streben. Aber nicht dürfen wir da außer Acht lassen, daß nur dann unserem Hoffen Verwirklichung wird, wenn es sich innig -verbindet mit jenen 'Höhenzielen, die unseren Stammvätern Leitstern waren und sie würdig machten, daß ihnen das Land Kanaan verheißen wurde. Gottes Anerkenntnis, betätigt im Leben jedes einzelnen durch i rvahre Menschenliebe und Menschenachtung und im Leben der Gesamtheit durch wahre soziale und rechtliche Gerechtigkeit, das ist das Höhenziel, mit dem Israel sich siegend seine Zukunft' erobert. (Siitt Wendttttg itt Ser polttischeu Judeusrage*) In der Entwicklung der polnischen Judenfrage ist ein Ereignis von außerordentlich großer und folgenschwerer Bedeutung eingetreten: Nachdem vor einiger Zeit bereits das Gerichtswesen von den deutschen Gerichten an polnische übergeben wurde, .ist zum 1. Oktober auch das gesamte Schulwesen der polnischen Verwaltung übertragen worden.' Damit ist nicht nur ein entscheidender Schritt in der Verwirklichung der polnischen Selbstständigkeit getan, der inzwischen durch die Er-, nennung des Regentjchaftsrates noch beträchtlich erweitert wurde, und der als solcher schon für die polnische Judenfrage von weitgehendster Bedeutung ist, sondern das entscheidende Spezialproblem der polnischen Judenfrage, soweit die deutsche Regierung daran beteiligt war, eigentlich in der Hauptsache „gelöst" worden, \ Diese Lösung nun besteht in einem völligen Verzicht der deutschen Verwaltung aus irgendwelche positive Regelung d er Judenfrage ihrerseits und in der völligen Ueberlassung dieser Regelung an die Polen. Die Verordnung nämlich, die das Schulwesen den Polen übergibt, sieht keinerlei Schutz der jüdischen Schulen vor. Wohl ist von .den Juden die Rede als einer konfessionellen Minderheit, aber was ihnen > zugestanden wird, ist lediglich der Anspruch auf Sabbathruhe und das Recht zur ''Aufrechterhaltung der Ehedarim, solange nicht genügend allgemeine polnische Elementarschulen sür sie bestehen, unter der Bedingung jedoch, daß sämtliche profanen Fächer inden Chedarim in polnischer Sprache.unterrichtet werden. Von einer Anerkennung und Sicherstellung der jüdischen Schulen als solchen ist keine Rede. Zwar ist in dem Gesetz, auch der Begriff der nationalen Minoritäten vorhanden; allein er bezieht sich lediglich auf die Deutschen in Polen. Die Bestimmung jedoch, welche, ändere Bevölkerungsteile noch ip die Kategorie der nationalen Milwritätcii fallen, wird den Polen, überlassen. Die Polen haben also mit dieser Verordnung ihre Wünsche auf der ganzen Linie durchgesetzt, und eie Frage, ob die deutsche Verwaltung die jüdische Minorität schützen und sicherstellen werde, ist nach dieser Verordnung ein für allemal in negativem. Sinne beantwortet. Denn die jüdische Schulsrage ist, wie immer betont werden muß, der entscheidende Kern der gesamten polnisch-jüdischen Frage, „ und die Nichtanerkennung der selbständigen jüdischen Schule bedeutet auch faktisch die Nichtanerkennung der jüdischen Minorität in Polen mit ihremRechr auf eigene national-kulturelle Selbständigkeit. Es wäre müßig, sich jetzt auf Grund dieser ' Tatsachen in heftigen Angriffen gegen die deutsche *) Wir erhalten den Aufsatz aus Warschau' von gutinsormierter Seite. D. Red. Verwaltung zu ergehen. Mit Vorwürfen, Angriffen und Klagen wird faktisch nichts geändert. Wir wissen, daß die deutsche Verwaltung sich bemüht hat, der jüdischen Schule eine gewisse Selbständigkeit zu verleihen, daß dies aber an der unerbfttlichen und einmütigen Ablehnung sämtlicher polnischer Parteien gescheitert ist. Die deutsche Verwaltung sah sich also dem Dilemma gegenüber, entweder von dev Uebergabe der Schulen an die Polen Abstand zu nehmen und dadurch gewifseruraßen die gesamte bisherige deutsche Polenpolitik, die.auf die Verwirklichung der polnischen Selbständigkeit hinauslief, .einzustellen oder die Juden yreiszngxbcik. Und man wird - es vielleicht verstehen können, daß sie unter diesen Umständen ihre Wsicht, die füdi scheu Schulen zu schützen, fallen ließ. Wie gesagt, können wir das höchstens verstehen, aber keinesfalls billigen. Denn zunächst stehen wir auf dem Standpunkt, daß eine energischere Haltung der - deutschen Verwaltung doch die Polen zu einer -gewissen Nachgiebigkeit hätte bewegen können, wie dies ja auch in Hinsicht der deutschen Schulen her Fall. war. Im übrigen aber glauben wir, daß Forderungen von so selbstverständlicher moralischer Bedeutung, wie es das Recht der Juden auf ihre eigene Schule und damit ihre' eigene kulturelle Entwicklung ist, nicht auf Grund irgendwelcher politischer Rücksichten verletzt, geschweige denn überhaupt nicht beachtet werden dürfen. wcy wie dem auch sei, größere Schuld an' der gegenwärtigen Sachlage tragen jedenfalls »och die Polen selbst,.deren unversöhnliche Haltunz die völlige Nichtberücksichtigung der jüdischen Minorität erzwungen hat. Sie I haben damit ihren Standpunkt, daß, die polnische Judenftage eine reininnerpolnische Angelegenheit sei. und deswegen nicht, durch irgendwelche außenstehenden Faktoren, wie es die deutsche Verwaltung sei, geregelt werden darf, zunächst jedenfalls durchgesetzt. Damit .ist das erste Stadium der polnischen Judenfrage im Krieg in' der Hauptsache beendet, und ein «neues Stadium beginnt. Denn daß die polnische Judenftage, vor allem auch die jüdische Schulftage in Polen mit der Schaffung der gegenwärtigen Sachlage nicht gelöst ist, ist selbstverständlich und ^wissen auch die Polen sehr wohl. Vielmehr beginnt sie nunmehr, wo die Polen recht eigentlich Herren der Situation sind, erst voll und ganF akut zu werden. .7 Wir chosfen, daß die Polen in diesem neuen Stadium die- Haltung, die sie bisher eingenommen haben, nicht sortsetzen werden. Vielfach haben polnische Polittker erklärt, so lange es sich darum handle, die Rechte der polnischen Juden durch die' deutsche Verwaltung sicherstellen zu lassen, muß-' ten sie aus nationalen Ehrengründen sich allen jüdischen Forderungen widersetzen; doch würden sie diese Haltung in dem Augenblick ändern, da die Judenftage ihnen zur Regelung überlassen würde. Dieser Augenblick ist nunmehr eingetreten. Die Gestaltung des Schicksals der polnischen Juden hängt jetzt tatsächlich 'allein von dem guten Willen der. Polen ab, und trotzder bisherigen Haltung -er Polen in der jüdischen Frage, die bekanntlich antisemitisch in der schlimmsten Weise war, wollen wir die Hoffnung, doch nicht aufgeben, daß Jie sich den berechtigten uüd elementaren Ansprüc^u der Juden auf das Recht zur Wahrung und Pflege ihrer Eigenarr und Kultur nicht verschließen werden, sie vielmehr bei der Gestaltung der inneren Verhältnisse' ihres neuen Staatswesens berücksichtigen: werden. ' . '