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Neue jüdische Presse · 1917-10-19 · Heft 39 (19.10.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 39 (19.10.1917)
Date
1917-10-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■ - -y*. Erscheint wöcheullich am FreitaK AerugSpreis pro, Vierteljahr: Ist Frankfurt ä. M. M. ifefrei iiiS Haus. Bet der Post abonniert 90 Pfg., frei ins ^.HapZ 4 Pfg. pro Monat mehr: — Bei Zusendung durch -LStreifband für Deutschland und Oesterreich-Ui^arn Mk. 1.50, -Mür Rußland 1 Rubel, für alle übrigst, Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. - KedaKtimr und (SSaqw&itumi v Frankfurts*. m rr Langestr. 7, Fernsprecher Amt Hansa 29st3. Salg Geis. Jufrrtionsprris für die fünfgefhaltene Petitzeile 30 Pfg., füE dieReklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechend erst Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 20 Pfg..die sechsgespaltene Petntzelle ohne jeden Rabatt. Platzuhb Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahmebei der Exped.unüina.Annoncen-BureauL Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864: 15. Jahrga«g. Freitag, de« 4. Otiesoliivrui 5678 (IS. Oktober 1917) Rr. 39. Ei« Borbote des Zionismus. Einige Betrachtungen znm 50. Todestage des bedeutendsten neuhebräischen Klassikers Abraham Mapu.*) Nur Wenige vermögen '-es, aus düsteren Lebensumsränden sich zu hohen Idealen zu erheben, nur wenige gottbegnadete Dichter, die Vergangenheit in ihrem ganzen Sinn und vollen Lebetr zu veranschaulichen. Und Abraham Mapu >var ein solch ungewöhnlicher Geist. Eine dunkle, vielleicht die ouiikelste Zeit des russischen Judenrums warf ihre Schatten auf die ganze Entwicklung des Dichters,' eine Zeit äußerer und innerer Bedrückung. Einem kleinen Dorf entstammend, ist Mapu auch in, Großstädte jüdischen Lebens gekommen: er lernte so — wenn . auch unvollkommen — seine Brüder kennen, ihre Lage mrd ihr Leiden. Außen herrschte hoffnungslose Verfolgung, im Innern aber war der Druck der fanatischen und teils gewissenlosen Männer des „Kahäl" auf die Masse unerträglich geworden. Auch der Kampf zwischen der Orthodoxie und der eben begonnenen „Früh-Haskälah" spielte mit in diese Zustände herein. Das Alte, oft Erstarrte ward von der „Haskalah'" bestürmt, bekänrpft; diesem Konflikt logeil aber falsche Begriffe, Halbbildung und Unwissenheit häufig inne. Und so müßte die iveltfremde östliche Orthodoxie mit ihren Gebrechen und anerlvorbenen Fehlern dem „Maskil" Mapu fremd und verhaßt sein.. Doch nur der Fanatismus, das Versteinerte lind Entstellte in dieser Orthodoxie war ihm zuwider, lvie ihm denn überhaupt alles Unnatürliche streng zuwiderlief. Das echte, ursprüngliche Judentum aber löste bei ihm Bewunderung und Liebe aus. Er griff die Orthodoxie im großen und ganzen an, nicht aber die Tradition als solche, das reine, unverfälschte Judentum. So stellt er uns selbst in seinem spateren Werke Agit Zowna, eineni Tartüff-Romnn, der voll Galle und Bitterkeit gegen die frömmelnden Fanatiker überquillt, einen musterhaften Frommen, ein Vorbild für jene Orthodoxie, vor; ein solches Vorbild sah der Dichter in seinem Vater, einem strengen, traditionstreuen Juden. Der Boden, in dem die Orthodoxie wurzeln mußte, war aber das einstige, ursprüngliche Judentum, und Mapu wurde im Verfolg seines Strebend nach einem Ideal auf. die Vergangenheit hingelenkt. Die Erlernung der lateinischen Sprache gab ihm die Möglichkeit, sich in die Bibel zu versenken. Hier fand er, was er suchte: das ideelle Leben seines Volkes. Die glückliche Zeit der Juden, da die Intensität ihrer Kultur einen hohen Punkt erreicht hatte, machte tiefen Eindruck auf das sinnende, empfängliche Gemüt des Dichters. Mapu begann nun jene Zeit zu schildern und stellte sie dank seiner mächtigen Phantasie voll greifbaren Lebens und Wirklichkeit hin. .Wie er in jener Zeit förmlich lebte, übertrug, er von feinem Geiste seinen - Werken überzeugende Realität, wirkliches Geschehen. Er zeigte hier der Orthodoxie, welche große Erbschaft sie mit sich führte und wie sie sein sollte. Und die Wirkung war epochal, machtvoller noch, als Mapu es geahnt hatte. Das Ge- *) Abraham Mapu, der Begründer des neuhebräischen Romans würde 1808 in <31 ab o d k a bei Kowno (Litauen) geboren und starb 1867. Seine Werke sind: A h>awat Zion (Die Liebe zu Zion), das in deutscher Uebersetzung von Dr. Mandelkern unter dem Titel „Tamar" erschienen ist, Aschmat Schomron (Schuld Samarias), Agit Zvwna und Fragmente des großangelegten,-aus Betreiben der Chassidim verbrannten Werkes „C h o s e C h es - jono t". : - .. >. utüt des Volkes, vom Leiden und Dulden niedergedrückt, hob sich. Das Volk sah lebendig die Vergangenheit und schöpfte daraus Mut und Vertrauen zu sich selbst, eine solche Kultur besitzen zu können. Es begann sich nach dem früheren Zustande zu sehnen. Damit war das nationale Empfinden erwacht. Die junge Generation, unter der eben erteilten Emanzipation ausgewachsen, nahm Mapus Werke begeistert auf. In den jüdischen Familien wurden die beiden Romane, „Ahawat Zion" und „Aschmat SchoMron", von den Jünglingen und Mädchen förmlich verschlungen, die. sich nach den Hauptgestalten des ersten Buches „Anmon" and „Tamar" nannten. Und diese Generation tat einen Schritt ans dem Wege weiter. Die Maskilim, die rücksichtslos das Alte und Rückständige in ihrenr Volke bekämpften und mit der oft falsch verstandenen Bildung allmählich den Rückhalt an ihrem Volk verloren, lernten großenteils es lieben, schätzen und an seine innere Kraft glauben. Es erstanden Mapu heiße Anhänger und Jünger, die ihrem Meister bewundernd folgten und die nationalen Ideen, die seinen Werken unbewußt, innewohnen, weiter bildeten, verbreiteten und ausb'auten, wie Smolens'ki und Brande. Was ist das Werk Mapus? Mapu hat, wenn auch unbewußt, dem nationalen Gedanken, dem Zionismus, den Weg geb a h n t. Er hat dem russischen Judentum Mut zur Sanrmlung und zur Tat, Selbstvertrauen und das Ideal Palästina gegeben. Und wenn dieses Ideal verwirklicht sein wird, dann wird ihm das Volk ein Denkmal errichten, wie es dem .großen Vorboten des Zionismus gebührt. Ben Jephune. Zur Stellung des Judentums im gegeuwärtigeu Wettkampf. Von Professor Dr. Rudolf Encken, Jena. Wenn die jüdische Welt ihr Verhältnis zu den kämpfenden Völkergruppen abmessen will, so dürste sie sich dabei nicht , an mehr oder weniger zufällige Strömungen der Oberfläche und am wenigsten an. schöne Worte hatten, sondern hie sollte vor allem erwäge»,. in rvelchem Verhältnis die Tiefe ihres eigene,: Geistes zun, Geiste anderer Völker steht. Hier aber läßt sich behaupten, daß nirgends ein 'Volk mit solcher Liebe und zu solcher Tiefe in das Schaffen des jüdischen Geistes eingedrungen ist, wie es das deutsche Volk getan hat. Mit dem alten Testamente Haben sich als einen, Stück der christlichen Gedankenwelt ja alle christlichen Völker befaßt, aber schwerlich sind die Helden wie die Probleme des alten Bundes einem anderen Volke so vertraut, ja ein Stück seines eigenen Lebens geworden, wie dem deutschen.. Es hat dazu wohl ganz besonders Luthers Biüel- Uebersetzung gewirkt, welche den alten Gedankengang der deutschen Volksseele so innig verband, aber wie hat Luther' auch selbst in seinen ergreifendsten Liedern, vor allem in dem „Ein feste Burg ist unser Gott" engsten Anschluß an ims alte Testament gefunden. Solche Wirkung aber reicht weit über die Religion hinaus auch in das geistige Schassen. Ein Lessing verkörperte sein Menschheitsideal in der Gestalt eines „Nathan": Herder.schrieb sein Hauptwerk über den „Geist der., hchräifchen Poesie",. und Goethe wurde in seinem Schaffen fortwährend von .Gestalten des alten Bundes begleitet. Denken wir nur an den Beginn des Faust mit seiner Parallele zu Hiob? Auch sonst aber verstand er es wunderbar, jene Gestalten ins Reinmenschliche und Allgemeingültige zu wenden; daß z. B. in Aegypten ein König aufkam, der nichts mehr von Joseph wußte, das wird ihm ein Zeichen der Vergänglichkeit alles menschlichen Ruhmes; wenn ferner Saul, „der Sohn Kis", auszog, um seines Vaters Eselinnen zu suchen und ein Königreich fand, „so sieht er darin ein Beispiel dessen, daß der Mensch oft nicht findet, was er erstrebt, daß er aber im Mißlingen weit mehr findet, als er zu Anfang erstrebte". Dieses Vermögen, an dem Gehalt des altjüdischen Lebens tiefe eigene Gedanken, und Gefühle zu entwickeln, zeigt besonders auch die Musik, dieser tiefste 'Ausdruck des deutschen Wesens. Denken wir nur an Händel mit seinen gewaltigen drainatischen Wecken! Das ließe sich noch nach verschiedenen Richtungen weiter aussühren, doch sei hier nur noch das erwähnt, daß in der geschichtlischeu Erforschung des altjüdischen Lebens, in der 'Aufhellung der Geschichte des Volkes Israel die deutsche Forschung einen hervorragenden Platz einnimmr; wie sie sich dabei ins Einzelne versenkt, dafür möge die rege Arbeit angeführt sein, weiche der hebräischen Metrik neuerdings zugewandt wird. Je, daß die alten Heldengestalten bis in den jetzigen Krieg hinein eine unmittelbare Wirkung auf die deutsche Seele zu üben vermögen, das zeigt eine sveben erschienene Schrift des Tübinger Prof. . Hans Schmidt. Derselbe hat in Hochschulkursen, welche au der Westfront im Spätherbst 7916 gehalten wurden, eine Reihe von Vorlesungen über ‘ den Propheten Amos gehalten (Tübingen, Mohr), und diese Vorlesungen sprechen so ergreifend zur deutschen Seele, daß sich daraus eine unmittelbarL Stärkung für die Aufgaben der Gegenwart ergeben kann. Kurz zusammengefaßt ist es die tiefe seelische Innerlichkeit und der starke ethische Ernst, welcher die jüdische und die deutsche Gedankenwelt einander nahe rücken und ein volles gegenseitiges Verständnis nwglich machen. Wieviel mehr bedeutet ein solcher innerer Zusammenhang als alle Stimmungen oder auch Verstimmungen des Augenblicks. Von solcher tleberzeugung aus wird sich leicht auch eine Beantwortung der Fragen ergeben, welche der Artikel von Prof. Strack behandelt. Man wird 1. für die Juden rat Osten unbedingt die volle Rechtsgleichheit fordern müssen, man wird freilich dabei nicht vergessen dürfen, daß die bloße Form der Gleichstellung keinesfalls genügt, sondern daß mit tijr eine kräftige wirtschaftliche Hebung Hand in Hand gehen muß. Zu Punkt 2 möchte ich Sen allgeiueinen Gedanken vertreten, oen ich sonst schon ausgesprochen habe, daß eine Milderung des strengnationalen Charakters des Staates überall da not-, wendig ist, wo eine größere Minderheit einer anderen Nation diesem Staate angehört. Ich finde es sowohl aus moralischen als aus politischen Gründen notwendig, daß auch dieser Minderheit innerhalb eines solchen Staates die Mögtichteis einer eigentümlichen Entwicklung und selbständigen Mitwirkung wird. Was aber den anderen Nationen recht ist, das müßte auch für die Juden recht sein, sofern der heute die ganze Welt durchdringende nationale Gedanke auch sie exgriffen hat. Was 3. die zionistische Bewegung betrifft, so scheint sie mir wohl' berechtigt und. in mancher Hinsicht eine glück-

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