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Neue jüdische Presse · 1917-09-21 · Heft 36 (21.9.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 36 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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September 1917 £ Nr. 3«. Das Jahr 5677. i. Der j>ibische Chionist, der daran geht, die Chronik des vergangenen Jahres zu schreibeli, befindet sich diesmal in einer ungewöhnlichen Lage. Vom natürlichen Vergleich der jüdischen Lage um diese Jahreswende mit derjenigen in der vorigen ausgehend, muß ec konstatieren, daß seiten vielleicht der Unterschied zwischen der Situation des jüdischen Volles im Laufe eines Jahres .sich so radikal gewandelt hat wie in dem vergangenen Jahresabschnilt. Was er vor einem Jahre in seiner Chronik berichten konnte, war im Grunde nur das Gleiche, was er seit Beginn des Krieges zu berichten hatte: von den furchtbaren Wirkungen des Krieges, von den unerhörten Wunden, die er uns. geschlagen hat, von all dem vielen Unersetzlichen, was er vernichtet und zerstört hat. Wie ganz anders diesmal. Zwar kann der Chronist noch immer von den Schlagen irnd Wunden des Krieges erzählen, aber nicht nur, das; diese kleiner mtb geringfügiger geworden sind, sie verschwinden vor allem in ihrer Bedeutung gegenüber all dem Positiven, Erfreulichen, was er zu berichten hat. Es hat sich, um alles.von vornherein in einem zu sagen, im Laufe des vergangenen Jahres eine radikale Aenderung in der jüdischen Lage vollzogen. All die unerhörten Leiden, die das jüdiche Volk in den ersten zwei Jahren des Krieges Hai erdulden müssen, haben die Ereignisse des vergangenen Jahres beinahe wieder gut gemacht und haben es bewirkt, daß schon jetzt eine Bilanzziehung über die Bedeutung des Krieges für die jüdische Geschichte mit einem positiven Ergebnis abschließt. Ein Rückblick auf die wichtigsten Ereignisse des jüdischen Lebens in den verschiedenen Ländern im vergangenen Jahre tvird diese, mitten im Toben des Weltkrieges etivas kühn und unglaubhaft erscheinende Behauptung in ihrer Richtigkeit erweisen. * Wie in den beiden ersten Kriegsjahren muß auch diesmal die Chronik des jüdischen Lebens mit Nord-Amerika, beginnen; denn darüber i kann heute kein Zweifel bestehen, daß im inneren Leben des jüdischen Volkes die a m e r i k a n i s ch e In den heit während des Krieges die führende Polle übernommen hat. Die Ursachen sind von ganz selbstverständlicher Art. Während die Inden aller anderen Länder durch den Krieg auf das furchtbarste mitgenommen wurden, unter seinen Lasten und Leiden so sehr schwer zu tragen hatten, daß ihnen nur wenige Energien für ihre eigenen inneren Angelegenheiten übrigblieben, ist die amerikanische Judenheit bis vor ganz kurzer Zeit vom Kriege verschollt geblieben, hat vielmehr an der allgemeinen ungeheuren Erstarkung, die die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas in.wirtschaftlicher und politischer Hinsicht in diesem Kriege erfahren haben, ihren Anteil genommen und wurde damit in ganz natürlicher Weise zu dem fichrenden Teil des jüdischen Volkes im Kriege. Daß die amerikanische Judenheit den Sinn - dieser Aufgabe, die ihr die jüdische Geschichte in diesem Kriege zugewiesen hat, sofort erfaßte, bleibt ihr dauerndes Verdienst. Und in der Tat bildet die Haltung der amerikanischen Juden in diesen! Kriege ein ruhmvolles Kapitel. Vor allein ist da der großartigen Wohltätigkeitsaktion zu gedenken, die die Juden Amerikas im Interesse der notteibenben Juden der kriegführenden Staaten einleiteten, und durch die sie Tanseute und Abertausende von Juden vor . teilt völligen Untergang retteten. Aber darüber hinaus — und das macht die eigentliche Bedeutung und das bleibende Verdienst ihrer Haltung ini Weltkriege aus — haben sie begriffen, daß mit Wohltätigkeit und Philanthropie allein die Aufgabe, die ihnen das jüdische Leben gestellt hat, nicht erfüllt werden kann, sondern daß sie darüber hinaus zu politischen Handlungen schreiten müssen, und aus dieser Erkenntnis 'ist der große Gedanke des amerikanisch-jüdischen Kongresses geboren, der in diesem Jahre seinen endgültigen Triumph gefeiert hat. Es ist bekannt, daß es lange gedauert hat, bis die Realisierung dieses Gedankens gesichert war, daß zahlreiche innere Kämpfe zu bestehen, - viele innere «Schwierigkeiten zu beseitigen waren. Dieses Jahr hat den definitiven Sieg des Kongreßgedankens gebracht, und zum ersten Male in der modernen jüdischen Geschichte tritt ein großer Teil des jüdischen Volkes absolut geschlossen und vereinigt an eine politische Aktion größten Stiles heran. Noch ist der Kongreß nicht zusammengetreten. Der Eintritt Amerikas in den Weltkrieg hat seine zeitweilige Verschiebung notwendig gemacht, aber cs ist nicht daran zu zweifeln, daß er in nicht zu ferner Zeit zusammentreten wird. Welche Bedeutung der Kongreß haben wird, läßt sich heute noch gar nicht absehen; alle Anzeichen sprechen dafür, daß er zu einer machtvollen Kundgebung nicht nur der amerikanischen, sondern der gesamten Judenheit werden wird, deren Wirkung in allen Ländern und in allen Kreisen von außerordentlicher Stärke sein ivird. Aber ganz abgesehen von diesen außenpolitischen Wirkungen, die der Kongreßgedanke noch ausüben wird, har er schon jetzt, voni innerjüdischen Standpunkt gesehen, in der fruchtbarsten Weise gewirkt; er .hat die Nationalisierung der amerikanischen Judenheit durchgeführt. Während noch vor einem Jahre sich die Kreise der assimilatorisch gesinnten jüdischen Hochfinanz und die breiten demokratischen und nationalen jüdischen Massen in Amerika feindlich gegenüberstanden, ist dieser Konflikt heute überwunden und die führenden Männer der amerikanischen Assimilation haben sich zum nationalen Gedanken bekannt, sodaß heute in der Tat alle Inden Amerikas, von unwichtigen Ausnahmen abgesehen, auf nationalem Boden stehen. Hand in Hand mit dieser inneren Erstarkung des jüdischen Bewußtseins ist dann auch eine außerordentliche Kräftigung des äußeren Einflusses der amerikanischen Judenheit vor sich gegangen. Heute stellt diese. int amerikanischen Leben einen der wichtigsten politischen Faktoren dar, ans den die Regierung weitgehende Rücksicht nehmen muß. Me Wirkung dieser politischen Bedeutung zeigt sich an der Haltung der amerikanischen Regierung zu den national-jüdischen Forderungen, die sie seit einiger Zeit bereits anerkannt und auf den Friedensverhandlungen zu unterstützen feierlich .versprochen hat. So hat der Krieg für die amerikanische Judenheit eine Wirkung.gehabt, deren Herbeiführung ohne ihn gewiß noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte beansprucht hätte. Er hat sie nationalisiert, innerlich geeinigt, zu einer fichrenden Rolle im politischen jüdischen Leben berufen und ihre Bedeutung innerhalb der Gesamtjudenheit in außerordentlicher Weise gesteigert. Eine ähnliche Bedeutung beginnt der Krieg auch für die Judenheit Englands-zu gewinnen, und auch hier ist cs gerade das letzte Jahr, in dem sich diese heilsame Wirrung des Krieges zu öffenbaren beginnt. Ter mächtige Iinpuls, der von ver amerikanischen Judenheit, vor allem vom amerikanisch-jüdischen Kongreßgedanken ausgegangen ist, hat — wie es aus Grund der engen kulturellen Verbindung zwischen England und.Nord- Amerika nur natürlich ist — vor allein die englische Judenheit ersaßt und sie in eine gleiche Bahn geführt. Auch da geht es natürlich nicht ohne innere Kämpfe ab. auch oa regen sich Widerstände von Seiten der assimilatorischen Kräfte, aber auch hier werden diese Widerstände überwunden und verlieren immer mehr an Bedeutung. Dies hat sich am deutlichsten gezeigt an den Vorgängen, die sich im Anschluß an die antizionistische Erklärung einiger führender Männer der englischen Judenheit in der „Times" abgespielt haben, und die zu einer vollkommenen Richlnngsünderung in der Haltung des „Board of Deputies", der angesehensten Körperschaft des englischen Judentums, geführt haben. Diese Institution, bis vor kurzem noch eine Hochburg der assimilatorischen Prinzipien, ist heute zionistisch. Andere parallele Ereignisse weisen in dieselbe Richtung und lassen .schon heute als sicher erscheinen, daß in nicht zu ferner Zeit auch die überwiegende Majorität der englischen Judenheit nationalisiert sein wird. Konstatieren wir nur ganz im kurzen, daß ganz die gleiche Entwicklung auch innerhalb der italienischen und französischen Judenheit sich zu vollziehen beginnt, und gehen wir nunmehr zu der Judenheit des letzten Ententelandes über: zu derjenigen Rußlands. Die Judenheit Rußlands hat im vergangenen Jahre von allen Teilen des jüdischen Volkes das größte und gewaltigste erlebt: sie hat ihre Emanzipation erfahren. Noch fehlt uns heute der notwendige geschichtliche Abstand zu diesem Ereignis, um ganz verstehen zu können, was es. fiir das gesamte jüdische Volk bedeutet: nicht mehr und nicht weniger als das größte Ereignis in der gesamten jüdischen Diasporageschichte, lind was beinahe ebenso wichtig ist wie diese äußere Tatsache der Emanzipation, ist das andere, das sich im Anschluß daran gezeigt hat: die bewundernswerte innere Haltung der russischen Judenheit. Kaum waren die äußeren Fesseln, die sie bisher in ihrem Leben bedrückt und gebunden hatten, gefallen, als sie sofort die ungeheuren inneren Energien, die in ihr liegen, in ihrer ganzen Stärke zu entfalten begann. Mit einmütiger Geschlossenheit stellte sie sich auf den nationalen Standpunkt und begann sofort ihre innere Organisation in die Wege zu leiten, die es ihr ermöglichen wird, von allen Rechten und Freiheiten, die ihr die Enranzipation gebracht hat, den fruchtbarsten Gebrauch zu machen. All die vielen Konferenzen und Kongresse, die in den wenigen Monaten seit der Emanzipation bereits stattgesunden haben — .all die verschiedenen Neuorganisationen und Institutionen, die begründet wurden, sie alle zeugen von einem unerhört intensiven und machtvollen inneren jüdischen Leben und zeigen auch, daß die Wunden, die der Krieg in seinen ersten zwei Jahren gerade den Juden Rußlands in jo furchtbarer Weise geschlagen hat, im wesentlichen bereits überwunden sind. Leider ist die allgemeine innere Lage Rußlands gegenwärtig noch dunkel und verworren. Aber ausgehend von der Hoffnung, daß es dem russischen Volke gelingen wird, die innere Anarchie

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